Knockin‘ on heavens door

Gibt es noch genug Platz im Himmel?

Abdul und Mahmud sind zwei junge Märtyrer, die am 13. November 2015 in Paris zusammen mit sechs Freunden ihr Leben für das Paradies hergaben. Sie befinden sich nun in einem Ort, wo sie von vielen Wolken umgeben sind, sie schweben selbst unter einer kleinen Wolke. Abdul ist sich sicher: Es muss der Eingang in den Himmel sein! Ihre sechs Freunde sind nirgendwo zu sehen, aber sie rücken bestimmt nach, immerhin haben sie in Paris etwas länger durchgehalten. Tatsächlich hat Abdul Recht, sie sind vor dem Eingang in den Himmel. Doch was sie dort erleben sollen, hätten sich die beiden vorher nicht im Traum ausmalen können.

Mahmud: „Was passiert jetzt?“
Abdul: „Das habe ich dir doch schon gesagt. Wir werden von Engel abgeholt, die uns ins Paradies bringen.“

Beide schweben weiter, Mahmud ist etwas ängstlich und nicht sicher, ob sie wirklich vor dem Himmel sind. Aber dann erscheint ein Engel und schwebt auf sie zu.

Engel: „Hallo, liebe Brüder!“
Abdul und Mahmud antworten gleichzeitig: „Salam aleikum!“
Engel: „Schön, euch zu sehen! Ihr müsst bestimmt ganz aufgeregt sein. Es wird Zeit, mit den Besprechungen zu beginnen.“
Abdul: „Welche Besprechungen?“
Engel: „Ach, nichts Besonderes. Es ist nur so, dass wir uns derzeit in einer unerwarteten Situation befinden. In den letzten Monaten kamen immer mehr junge Märtyrer zu uns, alle mit dem Wunsch, ihre 72 Jungfrauen und ihren Palast zu bekommen. Das hat zu kurzfristigen Engpässen geführt. Aber wie Allah schon sagt: Wir schaffen das. Doch dazu braucht es bestimmte Maßnahmen. Deswegen haben wir uns entschlossen, alle Einreisenden mit einem Test genauer zu überprüfen, bevor wir sie reinlassen. Keine Sorge, es sind nur drei Fragen, und wenn ihr sie richtig beantwortet, kommt ihr in den Himmel rein. Aber beachtet: Ihr seid im Himmel, hier könnt ihr nicht lügen, ihr müsst also die Wahrheit sagen.“

Abdul lächelt, Mahmud schluckt etwas nervös.

Engel: „Können wir anfangen?“
Abdul: „Okay.“
Mahmud: „Bist du dir sicher, dass wir sie bestehen?“
Abdul: „Tsch!! Halt die Klappe!“
Engel: „Hier die erste Frage: Warum habt ihr euch entschlossen, gerade jetzt ins Paradies zu kommen?“
Abdul: „Ich war schon immer fasziniert von den Erzählungen vom Paradies und als frommer Muslim sah ich keinen Grund, länger zu warten, um hierherzukommen, und wenn ich dazu noch was Gutes für die Umma tun kann, umso besser.“
Mahmud: „Ich konnte mein irdisches Dasein nicht mehr ertragen. Meine Familie hat mich verstoßen, ich hatte fast keine Freunde, meine versprochene Ehefrau hat mich verlassen, und was am schlimmsten war, ich musste in einem Kuffar-Betrieb arbeiten, um überhaupt Geld zum Leben zu haben. Bei einer Philip Morris-Fabrik, die nur Haram-Produkte wie Marlboro herstellen. Ich hasse den Zigarettengestank. Das Dasein im Paradies erschien mir als weit bessere Alternative.“

Der Engel notiert sich kurz etwas, dann wendet er sich wieder den beiden Märtyrern zu.

Engel: „Habt ihr je an der Existenz Allahs gezweifelt?“
Abdul: „Nein, niemals!“
Mahmud: „Ich habe früher ein gottloses Leben geführt. In den Banlieus habe ich Laden überfallen, um an irdischem Reichtum zu kommen, verfeindete Gangs bekriegt, Alkohol getrunken und mit unverschleierten Frauen verkehrt. Nur Zigaretten habe ich schon damals nicht geraucht, denn ich hasse einfach den Gestank. Später hat mich dann ein Sozialarbeiter, den ich beim Jugendrichter kennengelernt habe, aus den Banlieus rausgeholt und mich in ein Feriencamp geschickt, wo ich vielfältigen Freizeitbeschäftigungen nachgehen konnte, damit ich kein Opfer von radikalen Hetzern werden. Es hat funktioniert, denn im Camp traf ich meinen Mentor, einen salafistischen Prediger, der mich zu Allah geführt hat. Seitdem zweifelte ich nicht mehr an Allahs Existenz. Ich muss aber zugeben, dass ich manchmal Zweifel hatte, ob der Weg des Dschihad der Richtige ist. Noch gestern hatte ich im Kopf, ob das Ganze nicht doch eine große Scheiße war. Aber jetzt bin ich hier, und bin bereit für mein neues Dasein.“

Der Engel notiert sich wieder etwas. Dann lächelt er die beiden Märtyrer an und setzt die Fragerunde fort.

Engel: „Okay, fast geschafft. Noch eine letzte Frage: Seid ihr gute Architekten?“

Abdul und Mahmud schauen sich verwundert an.

Abdul: „Tut mir leid, aber was hat das mit dem Paradies zu tun?“
Engel: „Nun, irgendjemand muss ja die Paläste bauen, auf die wir die Märtyrer schicken, oder?“
Abdul: „Ich dachte, wir sind im Paradies, hier baut sich doch alles von selbst!“
Engel: „Ja, das ist eines der Mythen über das Paradies. Alles baut sich von selbst, alles ist besser als in der Erde, niemand muss arbeiten. Aber wenn es so wäre, hätte Allah euch doch alle von Geburt an im Paradies leben lassen. Nein, auch hier muss gearbeitet werden.“

Abduls Blick drückt zum ersten Mal etwas Enttäuschung aus.

Abdul: „Ich habe keine Ahnung von Architektur.“
Mahmud: „Ich habe eine Ausbildung zum Ingenieur angefangen, weil ich wissen wollte, wie man am besten das Empire State Building in die Luft jagt, aber es war mir zu schwierig und sie haben wohl Verdacht geschöpft, weil ich immer fragte, wie viel Sprengstoff die Stahlträger aushalten.“

Zum letzten Mal notiert sich der Engel etwas. Dann packt er seinen Zettel ein und lächelt die beiden Märtyrer an.

Engel: „Wir sind fertig! Es wurde über eure Anträge entschieden. Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist: Ihr beide könnt hier bleiben. Die schlechte ist: Es gibt noch keinen Palast mit 72 Jungfrauen, dafür reichen unsere Kapazitäten derzeit nicht aus. Aber wir haben einen anderen guten Platz für euch. Wollt ihr es sehen?“

Abdul und Mahmud sind verdutzt. Kein Palast mit 72 Jungfrauen? Sie sind beide enttäuscht, aber auch gespannt, was sie nun erwartet.

Abdul: „Wo können wir unterkommen?“

Der Engel schwebt etwas nach oben, öffnet eine Wolke und man kann plötzlich eine Gegend erkennen, die wie eine gewöhnliche Wohnsiedlung aussieht.

Engel: „Das ist die Stufe für Hip-Hopper. Hier gibt es genug Platz für eine Unterkunft mit 3 Kollegen, mit denen ihr euch 6 Jungfrauen teilen könnt.“
Abdul: „What the fuck?!! Ich bin doch nicht in den Himmel eingereist, um mich mit Rappern ein Ghetto mit 6 Jungfrauen zu teilen! Gibt es keinen anderen Platz?“
Engel: „Momentan nicht. Wie gesagt, es gibt zurzeit Engpässe, denn seit jemand die Märtyrerroute aufgemacht hat, strömen die Leute hier rein wie nie zuvor.“
Abdul: „Das kann doch nicht euer Ernst sein! Ich dachte, das Leben im Paradies sei wie das Paradies. Und jetzt soll ich mit diesem Angebot abfinden? Was denkt ihr euch eigentlich?“

Zum ersten Mal guckt auch der Engel jetzt nicht mehr freundlich.

Engel: „Nun, habt ihr schon mal überlegt, ob ihr nicht selbst zu dieser Lage beiträgt? Mit euren ständigen Märtyrertaten und euren Erzählungen vom Paradies schafft ihr immer mehr neue Märtyrer. Desto mehr einreisen, desto mehr kommen nach, mit denselben hohen Ansprüchen wie ihr. Das ist auch für uns nicht leicht zu stemmen. Bei den Oberen gibt es schon Leute, die fordern, den Himmel zu einer Festung auszubauen und die Märtyrerregelung zu verschärfen. Ich meine, wenn jetzt noch ihre Familien nachkommen, bricht doch hier alles zusammen. Allah sagt immer noch: Wir schaffen das, aber die kritischen Stimmen mehren sich. Unsere Willkommenskultur wird schon von vielen Himmelsbewohnern angezweifelt.“
Abdul: „Aber wisst ihr nicht, welche großen Mühen auch wir auf uns nehmen, um hierherzukommen? Alles, was wir durchgemacht haben? Denkt ihr, es ist einfach, das ganze Märtyrertum monatelang zu planen und durchzuführen, über all die Kuffar hinweg?“
Engel: „Also, jetzt mal ernsthaft, Abdul. Ich habe aus den drei Fragen heraus nicht den Eindruck, dein irdisches Leben sei besonders traumatisch gewesen. Du bist nur wegen den Palästen und der Jungfrauen hier. Besondere Qualifikationen habt ihr beide nicht, also kann ich euch nichts Besseres anbieten.“

Die Stimmung ist am Tiefpunkt. Niemand scheint mehr was sagen zu wollen. Nach Sekunden meldet sich Mahmud zu Wort.

Mahmud: „Also, kann ich hier bleiben?“
Abdul: „Mahmud?!“

Der Engel wird wieder freundlich.

Engel: „Ja, es gibt Platz für sie, wenn sie hier bleiben wollen.“
Mahmud: „Okay, ich bleibe, egal wo.“

Abdul guckt entsetzt.

Engel: „Was ist mit ihnen, Abdul? Wollen sie bleiben?“
Abdul: „Gibt es eine Alternative?“
Engel: „Ja, wir können sie in ihren sicheren Herkunftsort zurückschicken, dort können sie wieder ein neues Leben anfangen.“
Abdul: „Gut, immer noch besser als das hier.“

Plötzlich öffnet sich eine Wolke und Abdul wird sofort weggezogen. Der Engel gibt Mahmud einen Wink und will ihn in seine neue Wohnung führen. Plötzlich stoppt er. Sein Blick verfinstert sich.

Engel: „Tut mir leid, durch neue Engpässe können sie leider doch nicht in die Stufe für Hip-Hopper. Wir können sie aber in eine kleine Unterkunft schicken, wo sie einen Kollegen haben, aber keine Jungfrau.“

Mahmud ist tief enttäuscht. Er hatte sich alles ganz anders vorgestellt. Wozu eigentlich Märtyrer werden, wenn alles so endet? Aber eine kurze Erinnerung an sein irdisches Leben lässt ihn dennoch einlenken.

Mahmud: „Meinetwegen.“
Engel: „Alles klar.“

Wieder öffnet sich eine Wolke und zieht Mahmud zusammen mit dem Engel in eine neue Stufe. Sie sind da. Die neue Unterkunft sieht sehr schäbig aus.

Engel: „Ihr Kollege ist gerade eingezogen. Hier müssen sie dann die nächsten 200 Jahre warten, bis über ihren Antrag über Verlegung ihrer Residenz entschieden wird. Die Himmelsbürokratie ist leider sehr starr.“
Mahmud: „Egal, alles besser als mein Leben in der Erde, und zumindest kein Zigarettengestank mehr.“

Mahmud öffnet die Tür seiner neuen Unterkunft und betritt den Raum. Er sieht seinen neuen Kollegen.

Es ist Helmut Schmidt.

3 Antworten to “Knockin‘ on heavens door”

  1. Yadgar Says:

    *brüll*

  2. Thomas Holm Says:

    Flat-rate Sphaere muss wegen Ueberfuellung unangenehm dicht zusammenruecken. Super Mainstream-slam/Abwatsch-Idee.

    Eigentlich interessant mal zu durchdenken, warum sowas in keinem juste-Milieu des hipp-Kulturbetriebes eine Chance haette. Nur selbstgerechtes Randgruppen-Geflenne, postmoder gewuerzt mit sexistischen Bedrohungen (als Rapp, etc.) haben eine multi-faire Chance.

    Unglaublich, was fuer ein saudaemliches und aufgeblasen beknacktes Pack wirklich meint, die Welt verrueckt machen zu koennen.Dabei machen sie nur die Welt etwas putinistischer und assadistischer. Das ist er also, der Rise of the Rest after the West.

    Kaum Ayurveda/Tantra/Trallala, dafuer Karl May auf Anarcho-Crack und die Sopranos (Oligarchen mit Renaissance-Kompetenz) gegen die Mad Maexxe aus der Wueste. Was fuer eine beknackte Epoche !

    Dagegen waren Durrutti und Mussolini direkt Lichtgestalten.

    Aber schon Mao, Carlos und Che haben nur noch kulturelle Abstiege angekuedigt. Im Nachhinein kann man womoeglich sogar noch leicht zum Deterministen darueber werden. Sollte man sich aber vor hueten.

  3. DerArmeIrre Says:

    Was mir als alter Feminist noch fehlte, ist die Frage, was die Jungfrauen wohl davon halten mögen… Sonst ist die Story ganz Lustig.

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