Die Aufmerksamkeitsökonomie

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Nach den Terroranschlägen in Paris setzte eine gigantische Welle der Empathie ein. Menschen überall auf der Welt taten das, was man in unseren Zeiten tut, wenn man seine Betroffenheit ausdrücken will: Sie änderten ihr Facebook-Profilbild. Sofort witterten andere Facebook-Nutzer und mediale Persönlichkeiten Heuchelei: War nicht vor wenigen Tagen eine etwa gleich große Zahl an Menschen bei einem Terroranschlag der gleichen Organisation in Beirut gestorben? Warum hat Facebook da nicht angeboten, Profilbilder mit libanesischer Flagge zu verzieren? Sind Libanesen weniger wert als Franzosen? Ist die libanesische Flagge nicht schön genug?

Ähnliche Reaktionen gab es nach der weltweiten Anteilnahme nach dem Tod von Michael Jackson und gibt es ständig bei der medialen Aufmerksamkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ist Michael Jackson mehr wert als die Kinder in Afrika? Ist Gaza mehr wert als Südsudan? Es ist leicht, den betroffenen Menschen bösartige Motive zu unterstellen und sich für moralisch besser zu halten, wenn man diese Diskrepanz bei der Anteilnahme bemerkt. Doch diese Unterstellung kommt, wie so oft, wenn man anderen Bösartigkeit unterstellt und sich für besser hält, nur zustande, weil man wenig Ahnung von Ökonomie hat. In diesem Fall von der Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Die Aufmerksamkeitsökonomie besagt, kurz gesagt, dass die Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, sowie alle anderen Dinge, die es auf dem Universum gibt. Es ist nicht möglich, allen Tragödien dieselbe Aufmerksamkeit zu bieten, wir können nicht gleichzeitig Trauer für die Opfer von Terror, Hunger, Autounfällen und Krebskrankheiten empfinden und nebenbei noch essen, arbeiten und ins Kino gehen. Unsere Aufmerksamkeit konkurriert sekündlich mit Ereignissen in unserer Umgebung und der ganzen Welt. Wohin unsere Aufmerksamkeit geht, bestimmen wir nicht immer aus rationalen Gründen, doch die Gründe sind in der Regel nicht Bösartigkeit.

Der erste Grund für erhöhte Aufmerksamkeit für einen Todesfall ist, wenn es einen Menschen trifft, den wir persönlich kennen und mögen. Wenn Freunde oder Familienangehörige sterben, nimmt uns das weit stärker mit als wenn ein uns völlig Fremder stirbt. Das dürfte selbstverständlich sein. Aber was ist mit einem Prominenten, dessen Tod von Millionen Menschen betrauert wird, die ihn nichtmal kannten? So mysteriös ist das nicht: Die trauernden Menschen mögen die Prominenten nicht gekannt haben, aber sie spielten in ihrer Freizeit eine wichtige Rolle – indem sie Filme, Musik, Sport usw. produzierten, die uns unterhielten. Michael Jacksons Musik wurde von Millionen Menschen gehört, klar, dass sein Tod für seine Fans keine normale Todesnachricht war.

Bei größeren Tragödien, denen Dutzende, Hunderte oder Tausende Menschen zum Opfer fallen, geht die Aufmerksamkeit meist mit geographischer Nähe einher. Für Europäer ist Terror in Paris weit schlimmer als Terror in Nigeria. Umgekehrt sind die Leute in Nigeria durch den heimischen Terror viel traumatisierter als durch eine Nachricht über Paris. Eine Rolle spielt auch die „Normalität“ einer Tragödie. In den USA erregen Opfer von Bandenkriegen in Philadelphia weniger Aufmerksamkeit als Amokläufe in Schulen, obwohl sich beides im selben Land abspielt, doch Ghettos sind bekannt für Gewalt, Bildungseinrichtungen dagegen sind gewöhnlich friedliche Orte. Damit eine Ghetto-Tragödie es in die Nachrichten schafft, braucht es deshalb weit größere Ausmaße.

Die Aufmerksamkeit kann gezielt manipuliert werden, wenn der Zugang zu Informationen beschränkt wird. In einem Land, wo die Presse weitgehend frei ist, haben es Tragödien leichter, Aufmerksamkeit zu erregen als in Ländern, wo strikt zensiert wird. Wenn es um China und Nordkorea geht, weiß nicht nur das Ausland, sondern oft nichtmal die eigenen Bürger von den Schandtaten ihrer Regierung, im Westen kann man mehr über das Massaker von Peking 1989 erfahren als in Peking. Das führt dazu, dass diktatorische Staaten proportional gesehen weit weniger Kritik wegen Menschenrechtsverletzungen einstecken müssen als Demokratien, die eine freie Presse haben.

Der proportional gesehen am meisten beachteste Konflikt der Welt ist der israelisch-palästinensische Konflikt, obwohl es eigentlich nur ein regionaler Konflikt ist. Viele Israelfreunde vermuten, Antisemitismus stecke dahinter, aber das kann nicht der alleinige Grund sein, denn das würde nicht erklären, warum es neben den ganzen Palästina-Fans auch so viele Israel-Unterstützer gibt, denen die Lage der Saharauis und Rohingya egal ist. Antisemitismus spielt eine große Rolle (gerade bei Palästina-Fans wie Chamenei oder Erdogan), aber es hat auch was mit dem besseren Zugang zu Informationen und der historisch-kulturellen Verbundenheit Europas und des Nahen Ostens mit der Region zu tun.

Bösartige Motive für selektive Aufmerksamkeit gibt es. Nazis kümmern sich nur um Ausländerkriminalität, Antifa nur um rechtsextreme Gewalt. Ein Assad-Anhänger interessiert sich nur für Verbrechen der Rebellen, ein Anhänger der Rebellen nur für Verbrechen von Assad. Allerdings ist Bösartigkeit eben nicht immer der Grund. Man sollte sich deshalb hüten, mit dem Vorwurf der Heuchelei zu kommen. Wer eine zu hohe oder zu geringe Aufmerksamkeit für eine Sache beklagt, muss sich nicht damit abfinden, er kann eine auf mehr Aufklärung zielende Kampagne starten, denn die Aufmerksamkeit der Menschen kann sich jederzeit wandeln.

Bei der Beerdigung von Prinzessin Diana sollen 2 Milliarden Menschen eingeschaltet haben. Am selben Tag starben viele Kinder in Afrika. Heute werden wieder viele Kinder in Afrika sterben, alle 30 Sekunden eines (immerhin ein Fortschritt: Früher waren es alle 5 Sekunden, wir haben 25 Sekunden dazugewonnen), und ich werde nicht betroffen sein, stattdessen schreibe ich diesen Artikel. Aber ich bin deshalb kein schlechter Mensch. Es ist nur so, dass Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, das auch ich ökonomisch einteilen muss. Und wer Kinder in Afrika ernähren will, kann ja sofort damit anfangen, sich für freie Marktwirtschaft und Gentechnik einzusetzen.

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