Niemand spricht über Thinshaming

Falls es kein Problem gibt, muss eins erfunden werden

Es gibt derzeit wichtige Themen, die Deutschland beschäftigen. Man könnte meinen, die politischen Parteien würden sich darauf beschränken, diese anzugehen. Aber der SPD-Parteitag zeigt, dass dem nicht so ist, denn es war Zeit genug, um sich mit einem Thema zu beschäftigen, dass nicht gerade von äußerster Dringlichkeit zeugt: Fatshaming, also die Beleidigung und Diskriminierung von Dicken. Der dazugehörige Beschluss Nr. 25, „Keine Chance für Fat Shaming – Es den Dicken leichter machen“, geht aber kaum auf das Thema ein, sondern ist eher umgekehrte Diskriminierung (Thinshaming) und enthält eine Verharmlosung der gesundheitlichen Folgen von Übergewicht. Der Beschluss beklagt das „unrealistische“ Frauenbild bei Werbungen und deren negative Folgen für das Selbstwertgefühl von jungen Frauen und fordert in den eigenen Veröffentlichungen „Platz für verschiedene Körperbilder“.

Man stelle sich vor, jemand würde behaupten, die Musikindustrie würde ein „unrealistisches Bild über die menschliche Stimme“ oder Sportler ein „unrealistisches Bild über den menschlichen Körper“ verbreiten und damit das Selbstwertgefühl von jungen Menschen zerstören, deshalb sollten sie Menschen mit schlechten Stimmen und unsportlichen Körpern unter Vertrag nehmen. Jeder würde dem entgegnen, dass Musiker und Sportler eben dadurch, dass sie außergewöhnlich gut sind in dem, was sie tun, soviel Bekanntheit erlangen. Wenn es um die Darstellung von Frauen in Werbung geht, heißt es aber plötzlich: Nein, das ist unrealistisch! Das ist unfair! Aus Fatshaming wird Thinshaming: Es soll etwas Furchtbares sein, dünne (oder normalgewichtige) Menschen zu zeigen.

Das Schlimmste ist jedoch die Behauptung, man solle sich „von der Vorstellung verabschieden, es gäbe nur eine bestimmte Art von Körpern, die schön und gesund“ sein können. Denn in dem Kontext bedeutet das: Übergewicht ist gar nicht so gesundheitsschädlich und schadet nicht bei der Partnersuche. Die erste Behauptung ist verantwortungslos, denn die negativen gesundheitlichen Folgen von Übergewicht sind genau bekannt, ebenso wie die von Nikotin oder Alkohol. Man kann sich gegen die Beleidigung von Dicken aussprechen, ohne die Folgen von Übergewicht zu verharmlosen (was nicht zuletzt den Dicken schaden kann). Die zweite Behauptung ist einfach nur falsch und schafft falsche Vorstellungen, denn selbstverständlich gibt es in allen Gesellschaften Schönheitsideale, die zwar viele Facetten haben können, aber Übergewicht gehört praktisch nie dazu, egal in welchem Kulturkreis.

Nun können die SPD-Mitglieder jede Meinung haben, die sie wollen, und es geht nur sie etwas an, welches Körperbild sie in ihren Veröffentlichungen pflegen. Aber die SPD wäre nicht die SPD, wenn sie ihre Vorstellungen nicht mit Verboten auf alle ausweiten wollte.

– Wir fordern daher die Verabschiedung eines “Photoshop-Gesetzes” nach dem Vorbild Israels, dass die Darstellung untergewichtiger Modells verbietet und eine Kennzeichnung stark bearbeiteter Fotos vorschreibt.
– Dass die willkürlichen BMI-Grenzen, die u.a. Lehrer_innen oder Polizist_innen erfüllen müssen um verbeamtet zu werden, abgeschafft werden.
– Dass die Einteilung der WHO (Weltgesundheitsorganisation), welcher BMI-Bereich über- und untergewichtig ist, revidiert und realen Gegebenheiten angepasst wird.

Wenn man das liest, könnte man meinen, es gäbe in Deutschland eine Epidemie von Untergewicht, als würden immer mehr Menschen dünner werden, mit schlechten Folgen für ihre Gesundheit („Schlankheitswahn“). Das Gegenteil ist der Fall, die Deutschen werden immer dicker, und das ist es, was schlechte Folgen für ihre Gesundheit hat, auch wenn es viele noch immer leugnen. Ich lehne jedes Gesetz zur Regulierung des Essverhaltens ab, aber noch absurder ist ein „Photoshop-Gesetz“, denn es soll ein Problem angehen, dass gar nicht existiert. Dass solche Gesetze diskutiert werden, zeigt, dass der Einfluss der „Anti-Fatshaming-Fraktion“ viel größer ist als der der „Fatshaming“. Es gab wohl noch nie soviel Akzeptanz für Übergewicht und soviel Kritik an Normalgewicht. Wir leben in einer Zeit von Thinshaming, nicht Fatshaming.

Das sieht man dann auch an der Forderung, die BMI-Angaben für Polizisten zu „revidieren“. Die BMI-Angaben sind in der Tat oft fragwürdig, aber eher, weil sie, wie Untersuchungen gezeigt haben, oft trotz Übergewicht Normalgewicht angeben. In diese Richtung wird man die Angaben aber wohl nicht revidieren. Die Forderung ist klar: Mehr dicke Polizisten, alles andere ist Diskriminierung. Ob sich das positiv auf die Polizeiarbeit auswirken wird, wage ich zu bezweifeln. Eines kann ich dem SPD-Beschluss aber trotzdem positiv anrechnen: Obwohl ihr Text vor „_innen“ strotzt, benutzen sie das Wort „Dicke“. Vielleicht heißt es in Zukunft „Menschen mit fülligem Körpergewicht“.

6 Antworten to “Niemand spricht über Thinshaming”

  1. Egoteaist Says:

    Oh ja. Das ist so heuchlerisch. Bevor ich recht intensiv mit Krafttraining angefangen habe, musste ich mir regelmäßig anhören, wie dünn ich doch wäre und wie schlimm das sei.

  2. ArmerIrrer Says:

    Ein dicker Mensch hat tatsächlich mit anderen Problemen zu kämpfen als nur z. B. der Raucher oder der Extremsportler.
    Der Raucher muss zwar zum Rauchen (ungesund, klar) regelmäßig raus, aber er bekommt nicht ständig zu hören, dass der Raucher sei. Der Dicke dagegen kann damit rechnen, dass fast jeder Gesprächspartner irgendwann auf das Thema Körpergewicht zu sprechen kommen wird, egal ob „solange du dich wohlfühlst“ oder „du musst was tun“ usw.
    Desweiteren werden dicken pauschal gewisse Charaktereigenschaften zugesprochen: Freundliche Menschen seien sie, extrovertiert, faul, disziplinlos und behebig.
    Mag sein, dass das oder einiges davon wirklich stimmt, aber es ist natürlich sehr unangenehm, immer wieder auf seine äußeren Merkmale reduziert zu werden.
    Es galt früher einmal als Zeichen des Rassismus, jemanden aufgrund körperlicher Merkmale Charaktereigenschaften zuzusprechen…

    Was kann der Staat ändern? Absolut nix. Deshalb ist die Debatte so absurd.

    @junge Mädchen: Richtig ist, dass es bei jungen Mädchen (Jungs sind meines Wissens so gut wie nie betroffen), das Problem der Magersucht gibt. Wenn ein eigenlich junges, schlankes Mädel sich zu dick fühlt, weil es keine Modelmaße hat und deshalb hungert, dann darf man das schon als relevantes Problem sehen.

    • arprin Says:

      Ja, Vorurteile gibt es wohl zu alles, negative wie positive. Negative Vorurteile tun weh, und ich bin gegen reales Fatshaming, niemand verdient es, beleidigt zu werden. Aber heute geht vieles als Fatshaming durch, was eigentlich nichts damit zu tun hat, z.B. wenn schlanke Models gezeigt werden.

      Was kann der Staat ändern? Absolut nix. Deshalb ist die Debatte so absurd.

      Die SPD will ja jetzt ein Photoshop-Gesetz …

      Wenn ein eigenlich junges, schlankes Mädel sich zu dick fühlt, weil es keine Modelmaße hat und deshalb hungert, dann darf man das schon als relevantes Problem sehen.

      Natürlich, aber diesem Problem wird übermäßig viel Beachtung geschenkt. Es gibt derzeit so viel Übergewicht wie nie, das ist auch sehr gesundheitsgefährdend, aber es wird viel häufiger vom „Schlankheitswahn“ gesprochen.

      • ArmerIrrer Says:

        Aber heute geht vieles als Fatshaming durch, was eigentlich nichts damit zu tun hat, z.B. wenn schlanke Models gezeigt werden.

        1. Nur beleidigt zu werden wäre ja das eine, aber es wird wahrscheinlich messbare Nachteile z. B. bei Jobs, die eigl. nix mit den Gewicht zu tun haben sollten, geben.
        2. Ja, das ist so ein Problem. Das hat man leider immer, wenn aus solchen Dingen eine „Bewegung“ wird.

        Die SPD will ja jetzt ein Photoshop-Gesetz …

        Wenn das wirklich durchkommt, dann werde ich wohl von diesem Land abschied nehmen, schnellstmöglich. Das wäre dann der Tropfen, der dem Fass die Krone ins Gesicht schlägt.

        Natürlich, aber diesem Problem wird übermäßig viel Beachtung geschenkt.

        1. Das sehe ich anders. Es sind individuelle Probleme und sollten auch so behandelt werden. Individuell, nicht durch ein Kollektiv.
        2. Ein moderates Übergewicht über den BMI ist sogar korrelant mit einer höheren Lebenserwartung.
        Man kann schon darüber diskutieren, ob wir die Schlankheit nicht etwas übertreiben. Besonders was die Schönheitsideale von Models angeht usw.
        Eine weitere Diskussion ist, ob und wie man Gewicht und Gesundheit zusammenbringt. Hier wurde der Verdacht in den Raum gestellt, dass ästhetische Überlegungen (schlanke Menschen werden als attraktiver wahrgenommen), rein medizinische Überdeckt haben. Moderates Übergewicht mithin nicht so schädlich ist.

        Wie dem auch sei: Das Thema Übergewicht ist, wenn man ernsthaft mit dem Thema beschäftigen will, durchaus komplex und lässt sich nicht einfach auf „die fressen halt zuviel“ (+ „und sind zu faul sich zu bewegen“) reduzieren.
        Dass das leider häufig als Ausrede bentuzt wurde, macht es nicht plötzlich falsch.
        Man muss man wohl einen Übergewichtigen, der abgenommen hat, gewissermaßen wie einen trockenen Alkoholiker betrachten, nur dass er seinem Suchtstoff täglich ausgesetzt ist.

  3. Neoliberaler Ellenbogenkrieger Says:

    Was hilft gegen die Fett-Epidemie? Ganz einfach: alle Sozialleistungen ersatzlos runter auf Null! Und am besten noch einen zünftigen Weltkrieg mit anschließender jahrelanger Hungersnot! Was meint ihr, was bei ganzen 1000 kcal/Tag von den Hartz-IV-Prollmöpsen übrig bleibt? Ich freue mich schon auf die Leichenberge!!!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: