Wie die Ukraine einfror

Der unangefochtene Herrscher im Kreml

Er schafft neue Zombie-Staaten

Die Nachrichtendichte aus der Ukraine hat seit Monaten merklich abgenommen. Dabei gab es eigentlich kein Ende des Konflikts. Das Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine gilt seit Beginn dieses Jahres, doch der Streit zwischen Russland und der EU um die Ausrichtung der Ukraine ist ungelöst. Die Krim ist russisch, der völkerrechtliche Status bleibt aber umstritten und die gegenseitigen Sanktionen gelten weiterhin. Donezk und Luhansk sind weiter von der Ukraine abgespalten, aber auch nicht unabhängig und nicht Teil Russlands. Wäre ein Filmregisseur am Werk gewesen, würde man sagen: Kein befriedigendes Ende. Keines der Plotpunkte wurde gelöst, die Geschichte ist in der Mitte stehen geblieben. Setzen, Sechs.

Wenn man sich jedoch die Vorgänge in Russland und seiner Nachbarschaft ansieht, hätte man es vorhersehen können. Hier brechen regelmäßig Kriege aus, die nach vergleichsweise kurzer Zeit „eingefroren“ sind, ohne ein echtes Ende gefunden zu haben. Die Liste bis jetzt: Transnistrien, Bergkarabach, Südossetien, Abchasien und nun die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk. Diese Staaten sind nicht unabhängig, aber auch nicht Teil eines anderen Staates, es sind im Grunde „Zombie-Staaten“. Überall herrscht derzeit Frieden, seit einem neuen Waffenstillstand im September letzten Jahres auch in Donezk und Luhansk. Aber es ist ein kalter Frieden. Nirgendwo wurde ein Friedensvertrag geschlossen, immer wieder brechen Scharmützel aus, die den kalten Frieden aber nicht gefährden.

Ein solches Szenario könnte auch die Zukunft in Donezk und Luhansk darstellen. Eine friedliche Einigung zwischen Russland und der Ukraine ist kaum denkbar, zu groß sind die nationalistischen Ideologien auf beiden Seiten, aber eine Wiederbelebung des Konflikts ist auch unwahrscheinlich. Putin ist derzeit mehr mit seinem Krieg in Syrien beschäftigt, die Wirtschaft befindet sich in einer tiefen Krise und könnte bei weiteren Sanktionen als Reaktion auf eine Annektion von Donezk und Luhansk weiter in den Keller rutschen, die Ukraine ist wirtschaftlich auch am Boden und nicht in der Lage, die Gebiete zurückzuerobern. Die Folge könnte sein, dass der Konflikt, sowie in den anderen pro-russischen Zombie-Staaten, „einfrieren“ wird.

Zugegeben: Es ist besser, einen kalten Frieden zu haben als einen heißen Krieg. Und die Gegenseite in all diesen Konflikten ist alles andere als frei von Mitschuld an der Gewalt. Doch die „russische“ Lösung hat sich für die Betroffenen als nicht gerade erfolgreich erwiesen. In Transnistrien herrscht noch immer die KGB, Südossetien und Abchasien hängen am russischen Tropf, ohne dass Russland eine Annektion anstrebt oder irgendein bedeutendes Land ihre Unabhängigkeit anerkennt, das von Armeniern bewohnte Bergkarabach wird nichtmal von Armenien anerkannt und der eigentliche Verbündete Russland liefert mittlerweile Waffen an den Feindstaat Aserbaidschan. Die Zukunft von Donezk und Luhansk dürfte nicht rosiger sein.

Da kann man nur hoffen, dass in der russischen Nachbarschaft kein neuer Konflikt mitsamt neuem Zombie-Staat entsteht. Die baltischen Staaten gelten aufgrund ihrer russischen Minderheit als „gefährdet“. Estland hat eine russische Minderheit, die 25% der Bevölkerung ausmacht. Viele davon beschweren sich über ihre Marginalisierung, 2007 gab es Unruhen. In der estnisch-russischen Grenzstadt Narva sind 95% der Einwohner Russen, kaum einer spricht Estnisch, mehr als die Hälfte hat kein Wahlrecht und 1993 gab es bereits ein gescheitertes Referendum. Ist die Stadt gefährdet? Nun, eines spricht dagegen: Es geht den Russen in Estland einfach zu gut. Dank strikter marktwirtschaftlicher Reformen nach 1991 ist Estland ein „Tigerstaat“ und außerdem politisch frei.

So denken die Russen in Narva:

Was wäre, wenn Narva ein Referendum abhalten würde? Wollen die Menschen in Estland oder Putins Russland leben? Jeder mit gesundem Menschenverstand – und glauben Sie mir, hier leben normale Menschen – will in Estland leben. Weil das Leben hier besser ist, stabiler, die Renten sind höher, es gibt Sozialhilfe. Leute in Narva wissen, was die Alternative wäre, weil viele oft nach Ivangorod fahren. … Ivangorod ist eine kleine Provinzstadt, die vom Geld aus Narva und vom Schmuggel lebt. Solange keine russischen Truppen auf unserem Territorium oder an der Grenze jenseits des Narva-Flusses stationiert sind, ist alles gut. Wenn die russischen Truppen sichtbar präsent sind, ändert sich auch die Stimmung der Leute, zumindest der älteren.

Hoffen wir, dass Narva das Donezker Schicksal erspart bleibt. Trotzdem ist man vorbereitet: Im Falle einer russischen Invasion will das sehr internet-affine Estland (man kann seine Steuern übers Internet zahlen) seine Regierung in die Cloud hochladen.

5 Antworten to “Wie die Ukraine einfror”

  1. Yadgar Says:

    Einfrierte? Einfror!

  2. Thomas Holm Says:

    Kleine Grüne Männlein sind „höfliche Menschen“, die sich ausschließlich auf Einladung – überhaupt nur bewegen:

    SAA soldier uploaded picture to facebook captioned ‚With a friend‘🙂

    Außerdem hat Putin die Russlanddeutschen nach der Kölner PR-Panne souverän auf seine Seite gebracht, wo man sonst gedacht hätte, dass die die geborene Ukraine-Lobby sind nach ihrem Russland-Horror.

    Ausgerechnet jetzt fällt den Engländern ein: Polonium haut Omi um …

    Es ist nicht zu fassen, dieser fanatische Wille zu halsbrecherischer Naivität auf westlicher Seite. Als gelernter Kalter Krieger muss ich das mal so auf den Punkt bringen.

  3. Thomas Holm Says:

    Jetzt auch noch Moskauer Dolchstoss gegen Unwort-Presse durch raffinierte Tataren-Meldung. So mobilisiert man entronnene Opfer als ethnopluralistische Tiefenreserve im Ruecken des Gegners.

    So langsam musste der Westen mal merken, was er angerichtet hat.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: