Das Geschäft mit dem Reinwaschen

Betreibt Israel Pinkwashing?

Letzten Monat veranstaltete eine israelische Lesben- und Schwulenorganisation eine Konferenz im Hilton-Hotel in Chicago. Die Konferenz wurde massiv gestört und musste abgebrochen werden. Etwas überraschend könnte kommen, wer für die Störungen verantwortlich war: Es waren keine Islamisten oder amerikanische Rechtsextreme, sondern andere LGBT-Aktivisten. Was steckt dahinter? Ein „Bruderkrieg“ zwischen der LGBT-Community war es nicht, es hatte etwas mit der Nationalität der Veranstalter zu tun. Israel ist, so lautete der Vorwurf der Randalierer, ein Apartheidstaat, der Zionismus eine rassistische Ideologie und – jetzt kommt’s – Israel betreibe „Pinkwashing“.

Pinkwashing heißt der Vorwurf, Israel würde versuchen, seine Verbrechen „reinzuwaschen“, indem es auf die gute Behandlung der Lesben und Schwulen in Israel hinweist. Um nicht für das „Reinwaschen“ von Israels Schuld benutzt zu werden, stören einige LGBT-Aktivisten regelmäßig israelische Veranstaltungen und tragen manchmal bei Gay-Pride-Paraden Palästina-Flaggen, was, wenn man sich die Lage der Lesben und Schwulen in Palästina vergegenwärtigt, nur geringfügig absurder ist, als wenn ein Jude eine Nazi-Flagge tragen würde. Natürlich ist der Pinkwashing-Vorwurf Unsinn. Allerdings nicht, weil die gute Behandlungen der Lesben und Schwule in Israel ein Selbstzweck ist und nicht der „Reinwaschung“ dient, sondern weil es nichts reinzuwaschen gibt.

Der Pinkwashing-Vorwurf wäre legitim, *wenn* die anderen Vorwürfe gegen Israel wahr wären. Wenn Israel ein Apartheid-Staat wäre, Gaza ein Hunger-KZ und die Westbank kolonisiert würde, wäre der Verweis auf die gute Behandlung der Lesben und Schwulen wirklich Relativierung, denn eine vermeintliche Wohltat macht anderweitig begangene Verbrechen keinen Deut besser. Aber die Vorwürfe gegen Israel sind nicht wahr, sondern totaler Unfug, also ist der Pinkwashing-Vorwurf auch Unsinn. Die Taktik des Reinwaschens ist aber durchaus real, sie ist bei vielen modernen und historischen Regimes weitverbreitet. Der Klassiker ist noch immer die Anmerkung, das Nazi-Regime hätte zwar viele üble Taten vollbracht, aber auch für eine signifikante Verbesserung der Transportmöglichkeiten im Reich gesorgt.

Schauen wir uns einige der bekanntesten Reinwaschungsversuche an:

– Autobahnwashing bei Hitler: Der Verweis auf die Infrastrukturprojekte in der Nazi-Zeit wird gebraucht, um zu sagen, dass nicht alles unter Hitler schlecht war und es verständliche Gründe gab, warum einige Leute Hitler gut fanden.
– Sozialstaatwashing bei Fidel Castro: Der Verweis auf die Einführung von „kostenloser“ Krankenversicherung und Schulbildung für alle wird gebraucht, um die Diktatur von Fidel Castro reinzuwaschen.
– Christwashing bei Assad: Der Verweis auf die Toleranz für Christen in Syrien unter Assad wird gebraucht, um Assads Diktatur und die im Bürgerkrieg begangenen Massaker an seiner Bevölkerung reinzuwaschen.
– Frauen-in-Universitäten-Washing im Iran: Der Verweis darauf, dass im Iran 60% der Universitätsabsolventen Frauen sind, wird gebraucht, um die theokratische Mullah-Diktatur im Iran reinzuwaschen.

All diese Versuche des Reinwaschens sind nicht nur unmoralisch, weil grausame Verbrechen relativiert werden, sondern meistens auch falsch. Hitler hat nicht die Autobahn erfunden, das war Mussolini, das Gesundheits- und Bildungssystem in Kuba ist trotz der Märchen westlicher Linker mangelhaft, die Christen in Assads Syrien waren keineswegs gleichberechtige Bürger, nur weil sie nicht wie anderen islamischen Ländern gezielt umgebracht wurden, und Frauen im Iran werden auch in Universitäten massiv diskriminiert, so ist ihnen der Zugang zu vielen Studienfächern verwehrt. Trotzdem hört man diese Methoden des Reinwaschens immer, wenn über die Nazis, Fidel Castro, Assad oder den Mullahs diskutiert wird. Während Israel also gar nichts reinzuwaschen hat, haben viele Regimes und ihre Anhänger durchaus viele Gründe dazu und tun es ständig – um dann Israel Pinkwashing vorzuwerfen.

Was wir aus den Erfahrungen aus Chicago lernen können ist außerdem: Lesben und Schwule sind ganz normale Menschen. Sie sind nicht nur wenn es um Israel geht genauso eingestellt wie die Durchschnittsbevölkerung, sondern auch bei anderen Themen. In der Belgrader Gay-Pride-Parade von 2015 wurden Plakate mit der Aufschrift „Tod dem Kapitalismus“ hochgehalten. Antisemitismus und Antikapitalismus sind in der Gesellschaft totaler Mainstream, also sind sie auch bei LGBT-Aktivisten Mainstream. Genau deswegen sollte man ihre Gleichberechtigung unterstützen: Nicht, weil sie „bessere Menschen“ sind und sich deshalb ihre Gleichberechtigung verdient haben, sondern weil auch Antisemiten und Antikapitalisten, gleich welcher sexuellen Ausrichtung, heiraten und Kinder adoptieren dürfen sollten.

3 Antworten to “Das Geschäft mit dem Reinwaschen”

  1. ArmerIrrer Says:

    „Der Pinkwashing-Vorwurf wäre legitim, *wenn* die anderen Vorwürfe gegen Israel wahr wären.“

    Nö. Jemand kann selbstverständlich ein großartiger Sänger sein, auch wenn er mit Geld nicht umgehen kann und andere Leute dauernd anpumpt und dann nicht zurückzahlen kann.
    Ebenso kann ein Staat – aus einer bestimmten Perspektive – einerseits vorbildlich sein und andererseits verdammenswert. Hier ist abwägen gefragt.
    Relativierung wäre das Ganze nur, wenn der Verweis gezielt eingesetzt worden wäre, was aber bei einer Konferenz eben nicht der Fall ist.

    So wie ein guter Sänger auf seinen Konzert nicht sagen muss, dass er mit Geld nicht umgehen kann.

    • arprin Says:

      Relativierung wäre das Ganze nur, wenn der Verweis gezielt eingesetzt worden wäre, was aber bei einer Konferenz eben nicht der Fall ist.

      Das werfen die Pinkwashing-Leute Israel vor. Der Verweis soll angeblich immer gezielt zur Relativierung eingesetzt werden, was aber Unsinn ist.

  2. bevanite Says:

    „Frauen-in-Universitäten-Washing im Iran: Der Verweis darauf, dass im Iran 60% der Universitätsabsolventen Frauen sind, wird gebraucht, um die theokratische Mullah-Diktatur im Iran reinzuwaschen.“

    Fairerweise muss man hierzu anmerken, dass dies in der Regel nicht geschieht, um die Islamische Republik reinzuwaschen, sondern dass dies meistens eher anklagend an z.B. Deutschland vorgebracht wird – nach dem Motto: „Selbst im Iran gibt es mehr Professorinnen als hier!“. Ansonsten habe ich das noch in einem anderen Zusammenhang gehört, und zwar aus der Sicht von iranischen Exilanten, die diesen Aspekt in eher offensiv-kämpferischer Weise nannten, um zu zeigen, dass auch die Mullahs bestimmte Entwicklungen nicht aufhalten können und ihre Zeit damit bald abgelaufen ist.

    Bezüglich des Irans ist mir in letzter Zeit eher eine andere Art des Reinwaschens aufgefallen. Nennen wir sie „Daesh-Washing“: die fatale Vorstellung, dass die schiitischen Milizen derzeit die schlagkräftigste Truppe gegen ISIS sind und wir daher unbedingt stärker mit dem Iran kooperien müssten.

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