Gary Johnson oder Enthaltung

Die dritte Alternative

Die dritte Alternative

Nun ist es doch passiert: Donald Trump ist der Sieger bei den Vorwahlen der Republikaner. Dieser Vorgang ist der Beweis, dass auch in unserer Zeit völlig unerwartete Dinge geschehen können. Da denkt man, es gibt keine Überraschungen mehr, alles ist vorgegeben, und dann gewinnt auf einmal Leicester City die englische Meisterschaft und ein Tag darauf wird Donald Trump de facto zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gekürt. Das zeigt eindeutig: Es gibt sie noch, die großen Überraschungen. Leider ist nicht jede Überraschung auch eine schöne. Wenn man sich die ersten Reaktionen ansieht, macht es den Eindruck, als könnte Trump es schaffen, die Republikanische Partei so zu spalten wie nie zuvor.

Das Gute an der Sache ist: Da sowohl Trump als auch Hillary Clinton bei der Mehrheit der Amerikaner höchst unbeliebt sind, denken viele darüber nach, eine dritte Alternative zu wählen. In den großen Medienhäusern taucht neben Clinton und Trump auch Gary Johnson auf, der Favorit der Libertarian Party (LP). Zum ersten Mal wurde eine Fernsehdebatte mit den drei Bewerbern der LP abgehalten. Sie fand bei Fox News statt und wurde vom libertären Moderator John Stossel geleitet. Neben Johnson traten mit dem millionenschweren IT-Unternehmer und ehemals wegen Mordes gesuchten John McAfee und dem 35-jährigen Blogger Austin Petersen zwei Kandidaten mit Kultcharakter auf. Alle drei räumten ein, schonmal Cannabis genommen zu haben.

Realistischerweise hat nur Gary Johnson eine Chance, gegen Trump und Clinton ein paar Stimmen zu holen. Und es sieht gar nicht so schlecht aus: In einer Umfrage der Monmouth University lag er bei 11% (Trump holte 34%, Clinton 42%). Fast 20% der Amerikaner können sich vorstellen, den Kandidaten einer dritten Partei zu wählen, und die Google-Suchanfragen für Gary Johnson und die Libertarian Party explodierten nach Ted Cruz‘ Rückzug bei den Republikanern. Damit hätte sich Johnsons Prophezeiung erfüllt, wonach Trump und Clinton zwar schlecht für Amerika, aber gut für seine Prozentpunkte sind. Schade ist, dass das eine das andere bedingen musste.

Ich bin ein Gegner der Politik des kleineren Übels. Man sollte immer eine dritte Alternative wählen, wenn die Chance dazu da ist. In dem aktuellen Fall wäre meine Wahlempfehlung daher klar: Gary Johnson. Er steht für niedrige Steuern, Deregulierung, eine liberale Drogen- und Waffenpolitik, ist für die Homo-Ehe und Abtreibung, gegen Überwachung und gegen eine interventionistische Außenpolitik. Wer trotzdem nicht Johnson wählen will (aber er sollte es tun!), sollte seine Stimme enthalten, denn weder Trump noch Clinton sind auch nur im Ansatz wählbar. Leider wird trotzdem einer der beiden der nächste Präsident. Ohne einen von beiden unterstützen zu wollen, muss man diesen Sachverhalt akzeptieren. Und wenn man ihn kommentieren will, führt dies zu der Frage: Wer wäre das kleinere Übel? Trump oder Clinton?

Einige sehen in Trump das kleinere Übel, weil er im Gegensatz zur Establishment-Kandidatin Clinton unberechenbar ist und er gegen Kriegseinsätze im Ausland ist. Aber ich sehe es anders. Das Argument der Unberechenbarkeit spricht gegen Trump. Wenn man nicht weiß, was jemand tun wird, könnte er theoretisch auch jede denkbare Katastrophe anrichten. In der Politik ist der Status Quo, so schlimm er ist, ist besser als eine völlig unbekannte Alternative, für die es keine Testphase gibt. Außerdem hat er eine Art „Programm“, und das spricht für sich: Er will Millionen Menschen deportieren, selbst wenn sie Jahrzehnte in den USA leben und arbeiten, die Große Trumpsche Mauer errichten, einen Handelskrieg mit China starten und Unternehmen Strafsteuern aufbürden, falls sie ins Ausland gehen.

Auch das Thema Außenpolitik ist kein Grund, ihn zu bevorzugen. Die gescheiterte Intervention im Irak und der Schuldenstand der USA sprechen eindeutig gegen ein großes Engagement im Nahen Osten – auch wenn es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass ein Rückzug Amerikas den Nahen Osten sicherer machen wird (und als amerikanischer Wähler würde ich es auch unverständlich finden, warum die USA für die Verteidigung Europas zuständig sein sollten, wenn es im eigenen Land genug Probleme gibt). Aber Trump hat gar keine Intervention abgelehnt, sondern sie, genauso wie Clinton, nach ihrem Scheitern als falsch bezeichnet, und heute verspricht er, den IS auszulöschen, „die Familien der Terroristen zu töten“ und die Folter zurückzubringen.

Es ist zwar bitter, aber Clinton wäre wohl die weniger schlimme Alternative. Das heißt nicht, dass man Clinton nicht kritisieren oder nicht versuchen sollte, für eine dritte Alternative zu stimmen. Wie gesagt: Meine Empfehlung ist Gary Johnson oder Enthaltung. Doch Trump wäre eine größere Katastrophe als Clinton. Er könnte Dinge möglich machen, die wir uns kaum vorstellen können. Eine von „YouGov“ durchgeführte Umfrage vom September 2015 ergab, dass sich 29% der Amerikaner einen Militärputsch gegen die eigene Regierung vorstellen können. Das erscheint uns aberwitzig. Aber vor einigen Monaten erschien uns auch ein Präsident Trump aberwitzig.

4 Antworten to “Gary Johnson oder Enthaltung”

  1. bevanite Says:

    Gary Johnson? Seine Bilanz als Gouverneur war ja durchaus umstritten und es ist auch fraglich, ob er außerhalb von New Mexico viele Wähler locken würde. Ein Problem ist auch, dass der Libertarian Party ein unattraktiver Stallgeruch anhängt: abseits des Internets haben die in den USA den Ruf, (meist männliche) schrullige Computer-Nerds, exzentrische Millionäre und Waffenfanatiker zu sein. Damit gewinnt man keinen Staat.

    Ausschließen kann man einen erfolgreichen Dritt-Kandidaten aber nicht, aber das müsste jemand sein, der im ganzen Land Leute anspricht. David Petraeus, Michael Bloomberg oder John Huntsman hätten als „centrists“ bestimmt bessere Karten als Johnson.

  2. Am_Rande Says:

    Vielen Dank für den Hinweis auf die Fernsehdebatte mit den drei Bewerbern der LP und John Stossel.
    Hab sie gleich bei YT gegoogelt und gefunden😉

    Keep up the good work!

    • arprin Says:

      Danke für das Lob.

      Die Fernsehdebatte fand ich auch sehr interessant, hoffentlich gibt es so eine Debatte auch bei der nächsten Wahl.

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