Bitte kein Völkermord mehr

Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Immer, wenn sich ein bestimmte Person oder eine Regierung entschließt, die Massaker an den Armeniern als Völkermord zu bezeichnen, lautet die Reaktion der türkischen Regierung: Darüber sollen die Historiker urteilen. Eine Floskel, die wie eine Verbeugung vor der Meinungsfreiheit klingt, aber in Wahrheit alles andere als das ist. In der Türkei dürfen die Historiker nicht über die Massaker an den Armeniern urteilen, sondern werden, wenn sie das Wort „Völkermord“ benutzen, wegen „Beleidigung des Türkentums“ verfolgt. Außerdem ist die Anerkennung eines Völkermords, auch wenn sie von einer Regierung kommt, keine Einschränkung der Meinungsfreiheit (sofern keine Gesetze erlassen werden, die die Leugnung des Völkermords verbieten, wie das in Frankreich 2011 geschah). Auch Nicht-Historiker dürfen eine Meinung zu historischen Themen äußern.

Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, kann man eine Sache feststellen: Die Standpunkte der Türken und der Armenier liegen, auch wenn es anders erschienen mag, nicht so weit auseinander. Die Türken leugnen nicht, dass es Massaker an den Armeniern gab, sie streiten sich aber um die genauen Zahlen und sagen, dass die Massaker kein Völkermord waren. Das Wort „Völkermord“ ist das große Reizthema. Bei der Armenierfrage geht es letztlich um ein Wort. Ist das wirklich sinnvoll? Den Begriff „Völkermord“ gibt es seit 1948. Die Definition ist klar – die Absicht, eine ethnische, nationale oder religiöse Gruppe komplett zu vernichten. In unseren Zeiten ist der Vorwurf des Völkermords zum ultimativen Vorwurf geworden. Nichts ist schlimmer als Völkermord. Aber das stimmt nicht.

Massenmorde und Kriegsverbrechen sind oft genauso schlimm oder noch schlimmer, ohne den Tatbestand des Völkermords zu erfüllen. Die Verbrechen Stalins, Maos waren meist Massenmorde, keine Völkermorde. Die Bürgerkriege in Vietnam, Angola und Algerien erlebten viele Kriegsverbrechen, aber keine Völkermorde. Waren diese Massenmorde und Kriegsverbrechen weniger schlimm als Völkermorde? Für viele scheint das der Fall zu sein, deswegen gibt es heute eine Inflationierung des Gebrauchs dieses Wortes. Ironischerweise sind die, die bei den Armeniern die strengsten Maßstäbe anlegen, gerade die, die überall Völkermorde sehen.

Die amerikanischen Interventionen in Afghanistan, Irak und Libyen und Israels Kriege in Gaza und Libanon werden nicht gerade selten als Völkermorde bezeichnet. Es braucht nicht viel Ahnung über die Materie, um zu wissen, dass diese Vorwürfe abwegig sind. Der Begriff „Völkermord“ dient nur dazu, ihre Empörung über die realen oder fabrizierten Verbrechen in diesen Kriegen zu verdeutlichen. Sie wollen sagen „Ich finde diese Verbrechen wirklich schlimm!“, und finden keinen besseren Weg als den des ultimativen Vorwurfs, Völkermord. Die Amerika- und Israelkritiker (und -hasser) sind nicht die einzigen, die sich nicht anders zu helfen wissen als „Völkermord“ zu sagen.

Als Chiles Ex-Diktator Pinochet 1998 in Spanien verhaftet wurde, warf man ihm Völkermord vor – an „den Linken“ (sic!). Ihm Massenmorde an Tausenden Oppositionellen vorzuwerfen, reichte nicht aus, es musste Völkermord sein. Auch Boliviens Präsident Evo Morales kennt sich mit Völkermord aus: 2003 zeigte er als Oppositionsführer den Ex-Präsidenten Sanchez de Lozada, der Dutzende Demonstranten hatte töten lassen, wegen Völkermord an, als Präsident bezeichnete er Israels Kriege in Gaza ständig als Völkermord, und 2011 wurde er dann, den Kreislauf vervollständigend, selbst wegen Völkermord angezeigt – nachdem er eine Demonstration gewaltsam aufgelöst hatte. Wenn das so weitergeht, könnte es passieren, dass Erdogan auf einer Kundgebung geschubst wird und es dann heißt „Völkermord an Erdogan“.

Der inflationäre Gebrauch des Wortes „Völkermord“ ist nicht nur falsch, sondern unnötig. Streng betrachtet gab es drei Völkermorde, die man eindeutig so bezeichnen kann: Der Völkermord der Nazis, der Völkermord in Ruanda und der Völkermord an den Armeniern. Die ganze Reihe an anderen grausamen Verbrechen in der Weltgeschichte erfüllen nicht die volle Definition. Omar al-Bashir, Saddam, Milosevic, Idi Amin, Pol Pot, Suharto, General Tojo – sie alle haben Massenmorde und Kriegsverbrechen begangen, aber es waren juristisch betrachtet keine Völkermorde. Genau das ist der Punkt: Diese Verbrechen werden nicht besser, nur weil sie keine Völkermorde waren (und gemessen an den Opferzahlen waren sie manchmal schlimmer, z.B. bei Stalin und Mao). Ist Bashir ein besserer Mensch, weil er in Darfur keinen Völkermord begangen, sondern nur 200.000 Menschen getötet hat?

Der Versuch, den Vorwurf des Völkermords zu rechtfertigen, indem man die Definition ausweitet, ist ebenso unnötig. Wenn man z.B. sagt, Völkermord könne auch der Versuch sein, jede sich durch ein Merkmal definierende Gruppe zu vernichten (z.B. die Linken in Chile) oder auch „nur teilweise“ zu vernichten (das kann dann für jedes Kriegsverbrechen an jede Gruppe gelten), hat man die beiden Definitionsmerkmale des Wortes Völkermord (1. eine Ethnie, 2. komplett zu vernichten) aufgelöst. Wozu braucht es den Begriff dann noch, zumal es schon andere Begriffe für diese anderen Verbrechen gibt? Deswegen meine Bitte: Hört auf, das Wort Völkermord zu benutzen, wenn es juristisch nicht zutrifft und es schon andere Begriffe dafür gibt.

Eine Antwort to “Bitte kein Völkermord mehr”

  1. Yadgar Says:

    „Streng betrachtet gab es drei Völkermorde, die man eindeutig so bezeichnen kann:“

    Da müsste man aber noch die praktisch vollständige Ausrottung der Tasmanier durch die britischen Siedler in den „Black Wars“ Mitte des 19. Jahrhunderts erwähnen…

    Ansonsten hast du Recht; allerdings umfasst die gegenwärtige juristische Definition des Völkermordes auch die systematische Zerstörung der Kultur einer ethnischen Gruppe (Ethnozid) durch massenhaften Kindesentzug (korrigiere mich, sollte es sich dabei um eine Außenseitermeinung handeln – ich habe es so in der deutschsprachigen Wikipedia gelesen) – so geschehen bis Mitte der 1970er Jahre (!) in der Schweiz (!!!) an den Jenischen im Rahmen der „Aktion Kinder der Landstraße“ durch die Stiftung Pro Juventute!

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