Die Phrasen des Terrors

Osamas Erbe in New York

Nach dem Terror kommen die Phrasen

In Zeiten des Terrors kommen immer wieder dieselben Sätze hoch. Die meisten davon sind bei genauerem Hinsehen ziemlich dumm und zeugen von dem Versuch einer Verharmlosung und einer damit einhergehenden politischen Einstellung. Im Folgenden vier prägnante Beispiele:

1. „Es sterben mehr Menschen durch Autounfälle oder Herzinfarkte als durch Terrorismus, also wozu die Angst?“

In den letzten 25 Jahren sind zwischen 100 und 150 Menschen in Deutschland durch rechtsextreme Gewalt getötet worden. Im selben Zeitraum war es für Ausländer, Linke und Homosexuelle viel wahrscheinlicher, durch Autounfälle oder Herzinfarkte zu sterben als durch Neonazis (und für Ausländer war es wohl wahrscheinlicher, von Ausländern getötet zu werden). Würde deshalb jemand auf die Idee kommen, diesen Sachverhalt zum Thema zu machen und zu sagen: „Was soll die Angst vor Neonazis? Haben Ausländer etwa Angst davor, Auto zu fahren?“. Natürlich nicht, denn solche Vergleiche sind albern. Es gibt große Unterschiede zwischen Mord, Unfall und Krankheit.

Todesfälle durch Unfälle oder Krankheiten werden nicht durch bewusste Entscheidungen von Menschen herbeigeführt. Zwar können sie durch menschliches Verhalten verursacht werden (z.B. durch unvorsichtiges Verhalten oder einem ungesunden Lebensstil), aber eben nicht gezielt. Trotzdem kann man natürlich auch vor Unfällen oder Krankheiten Angst haben – deswegen werden immer mehr Sicherheitsmaßnahmen entwickelt (die Toten durch Autounfälle in Deutschland sind seit 1970 von 20.000 auf heute 3.000 pro Jahr gesunken, der medizinische Fortschritt verlängert unsere Lebensspanne immer weiter) – aber sie sind Risiken, die sich durch die bloße Existenz im Universum ergeben, nicht wie Morde, die bewusste Taten von anderen Menschen sind. Kurz gesagt: Morde sind nicht gefährlicher als Unfälle oder Krankheiten, aber unvorhersehbarer und tragischer.

2. „Es gibt keine absolute Sicherheit.“

Ja, ich weiß. Im Leben gibt es vor nichts absolute Sicherheit. Das ist so banal, dass ich mich frage, warum das gesagt wird. Ehrlich gesagt: Ein bisschen klingt es wie eine Vorab-Entschuldigung für kommende Terror-Tote. Vor allem Manuel Valls‘ Satz „Wir müssen lernen, mit dem Terror zu leben“ klingt so (und für mich ist es verständlich, dass er deshalb ausgebuht wurde). Was würde man von einem AfD-Politiker halten, der Gewalt gegen Flüchtlinge mit dem Satz kommentiert: „Es gibt keine absolute Sicherheit vor Neonazis, die Flüchtlingsheime anzünden“? Hat irgendein Linkspolitiker nach den Enthüllungen der Panama-Papers gesagt: „Es gibt keine absolute Sicherheit vor Steuerhinterziehung“?

Warum reagiert man nicht stattdessen mit „Wir werden alles Mögliche tun, um zu verhindern, dass sich sowas nicht wiederholt“? In dem Satz ist auch inbegriffen, dass es keine absolute Sicherheit gibt. Aber die wichtige Botschaft ist: Es wird alles getan, um für mehr Sicherheit zu sorgen! Sicher gibt es viele falsche Maßnahmen dafür, aber dass Maßnahmen getroffen werden müssen, kann niemand bezweifeln. Wie das Beispiel Israel zeigt, kann man mit den richtigen Maßnahmen auch mit einer sehr großen Terrorgefahr eine vergleichsweise hohe Sicherheit garantieren. Auch in Europa kann man mehr Sicherheit haben. Die Pannen der europäischen Geheimdienste könnte sich kein Mossad-Chef leisten. Aber man muss gar nicht erst eine Bedrohungslage wie Israel zulassen, wenn man die bekannten „Gefährder“ mit richterlicher Anordnung in Haft nimmt anstatt sie täglich mit 30 Personen oder mit Fußfesseln zu überwachen.

3. „Terror kennt keine Religion.“

„Allahu akbar!“ Muss ich mehr sagen? Okay, vielleicht werden jetzt einige einwenden, das sei ungerecht gegenüber dem Islam, weil auch im Namen von anderen Religionen Verbrechen begangen wurden (und werden): Der Terror von Katholiken und Protestanten in Nordirland, der Terror von radikalen Hindus in Indien, ja, sogar buddhistischer Terror in Burma. Aber das ist doch ein absurdes Argument: Nur weil einige Anhänger einer Religion Terror machen können, heißt das noch lange nicht, dass andere Anhänger einer anderen Religion nicht auch Terror machen können. (Und nur als Hinweis: Es gibt durchaus friedliche Religionen, nämlich die Amische und die Zeugen Jehovas.)

4. „Wenn wir (–>panische Überreaktion einfügen<–), haben die Terroristen gewonnen.“

Was eine panische Überreaktion ist, wird je nach politischem Standpunkt anders gesehen. In der Regel dominieren die Linken den Diskurs, weshalb schärfere Überwachungsgesetze und die „Pauschalisierung aller Muslime“ als Überreaktion gelten, während schärfere Waffenverbote und die Pauschalisierung aller Islamkritiker (paradoxerweise sowohl nach einem Anschlag von Rechtsextremen als auch bei Islamisten, denn an Islamisten ist ja die „rechte Hetze“ Schuld) als notwendige Reaktion durchgehen. Es ist dann völlig normal, nach einem Anschlag im Erdogan-Style mit allen abzurechnen, die irgendwie nicht-links sind, weil jeder von ihnen „mitgeschossen“ hat.

Es gibt viele gute Gründe, warum man schlechte Dinge nicht machen sollte. Aber das Argument „Dann haben die Terroristen gewonnen“ zählt nicht dazu. Der Grund, warum viele das Argument benutzen ist wohl, dass sie auf das Eigeninteresse des Gegenübers appellieren wollen: „Ihr wollt die Terroristen stoppen? Mit Vorratsdatenspeicherung und Islam-Hass macht ihr die Terroristen stärker! Um den Terror zu bekämpfen, müssen wir jetzt unsere Freiheiten behalten und den Muslimen mit Liebe begegnen!“ Auf das Eigeninteresse zu appellieren mag eine gute Taktik sein, richtig müssen die Argumente deshalb noch lange nicht sein. In diesem Fall sind sie schlicht unsinnig.

Ich lehne stärkere Überwachung und Waffenverbote ebenso ab wie die Pauschalisierung aller Muslime und aller Islamkritiker. Durch solche Maßnahmen werden aber nicht „die Terroristen gestärkt“ (außer vielleicht bei Waffenverboten). Meistens dürften sie den Terroristen egal sein, da sie nicht auf offene Internet-Kommunikation oder legale Waffen angewiesen sind oder sich um die öffentliche Meinung kümmern. Kein Terrorist denkt sich: „Jetzt, da die Vorratsdatenspeicherung eingeführt wurde, haben wir gewonnen!“ Es geht ihnen darum, das Kalifat einzuführen, nicht um Überwachungsgesetze. Und auch wenn ein Staat im Roosevelt-Style durchdrehen sollte und alle Muslime interniert, wäre das furchtbar, aber es würden nicht „die Terroristen gewinnen“, denn sie wären dann (mit-)interniert. Der Grund, warum so eine Maßnahme falsch wäre ist, weil es falsch ist, das Leben von Millionen Menschen zu zerstören.

Besonders absurd ist die Behauptung, der Krieg gegen den IS würde „den IS stärken“. Zugegeben, der IS kann von „Regime Changes“ profitieren, wenn dadurch Chaos entsteht, indem sie sich leichter ausbreiten können. Aber wenn sie ein Gebiet erobert haben, „stärkt“ man sie nicht, indem man militärisch gegen sie vorgeht. Der IS wurde durch den Verlust von Sindschar, Ramadi, Palmyra und Falludscha nicht gestärkt, und er wird durch den kommenden Verlust von Raqqa und Sirte auch nicht gestärkt werden. Es ist in Ordnung, schlecht durchdachte Interventionen zu kritisieren, die später, neben vielen anderen Gründen, Terrormilizen zum Aufstieg verhalfen. Aber jetzt ist der IS da und muss militärisch bekämpft werden.

7 Antworten to “Die Phrasen des Terrors”

  1. bevanite Says:

    Das Argument „Israel kriegt das auch hin“ finde ich immer ein wenig naiv. Erstens gibt es diese Sicherheit in Israel auch nicht, allein in diesem Jahr gab es mehrere Anschläge sowie „alltägliche“ Messerattacken. Und zweitens bekommt man das dort möglicherweise besser in den Griff, weil man längere Erfahrung mit Terrorismus hat (die ersten Selbstmordanschläge gab es Anfang der Achtziger!) und wir hier von einem relativ kleinen Land (sowohl von der Größe als auch von der Einwohnerzahl) reden. Das stellt sich in Frankreich, Großbritannien oder Deutschland, geschweige denn in der EU als Ganzem anders dar.

    Nein, von Vorratsdatenspeicherung und schärferer Überwachung lassen sich Terroristen wohl nicht beeindrucken. Aber hinter dem Argument, man spiele den Terroristen in die Hände, steckt eigentlich eine andere Idee. Warum sollte man seinen eigenen Lebensstil und seine Freiheit irgendwelchen hirnamputierten Massenmördern anpassen? Darum geht es doch. Und das wollen die Attentäter, die sich den Ideen von Daesh verschreiben, tatsächlich erreichen: sie hassen die „westliche Dekadenz“ und alles, was sie damit verbinden: Konzerte, Fussballspiele, Schwulenclubs oder einfach nur Freizügigkeit. Und wer das einschränken will, erfüllt indirekt die Gedankengänge der Terroristen.

    „Die Pannen der europäischen Geheimdienste könnte sich kein Mossad-Chef leisten.“

    Ganz blöde scheinen diese aber auch nicht zu sein: Es gab in Deutschland schon Anschlagsversuche, die verhindert werden konnten, ebenso in Großbritannien (Heathrow-Airport 2007) oder Belgien.

  2. salamshalom Says:

    „Die Pannen der europäischen Geheimdienste könnte sich kein Mossad-Chef leisten“
    Ich glaube, diese Aufgaben obliegen innerhalb Israels dem Schin Bet.
    Und ausserdem hat der legändäre Mossad auch schon die eine andere Slapstick-Nummer geliefert: In Jordanien gehen Mossad-Agenten mit einer Giftspritze auf offener Strasse auf Mischal los. Er überlebt, sie werden festgesetzt und Israel muss im Austausch den Scheich Jasin und Dutzende andere Gefangene freilassen.
    Oder die Nummer mit dem versuchten Lauschangriff auf einen Hizbullah-Funktionär in Bern. Dabei veranstalten die Mossad-Jungs so viel Lärm, dass eine Nachbarin die Polizei ruft und die Agenten von der Kantonspolizei inflagranti erwischt werden.

    Aber, alles was recht ist: Die Truppe gehört definitiv zum Effizientesten , was der Erdball zu bieten hat.

    • arprin Says:

      Aber, alles was recht ist: Die Truppe gehört definitiv zum Effizientesten , was der Erdball zu bieten hat.

      Eben. Darauf wollte ich hinaus.

  3. Carl Eugen Says:

    „Der Terror von Katholiken und Protestanten in Nordirland“ ist kein Gegenargument gegen die Behauptung, daß Terror Eine Religion kennt: den Islam.
    Es gibt im Neuen Testament KEINEN Text, der Terror rechtfertigt. Wenn Katholiken und Protestanten einander terrorisieren, so können sie sich dazu NICHT auf ihre Religion berufen. Das ist nicht eine kleine Verschiedenheit, sondern ein Wesensunterschied.

    • arprin Says:

      Kann man so sehen, ich sehe es mit Einschränkungen* auch so, aber für viele spielt das bei ihrer Argumentation keine Rolle. Sie sagen einfach: „Wenn es islamischen Terror gibt, was ist mit dem Terror im Namen anderer Religionen? In Wahrheit hat keine Religion etwas mit Terror zu tun, alle Terroristen interpretieren ihre Religion falsch“. Das ist eine falsche Argumentation, denn nur weil es auch im Namen anderer Religionen Terror geben kann, heißt das nicht, dass es nicht auch Terror im Namen des Islam geben kann.

      *Es gibt in der Bibel durchaus viele Stellen, die zu Gewalt aufrufen (z.B. Tötungsbefehl gegen Homosexuelle) oder die man so interpretieren kann (z.B. die Vernichtung der Amalekiter) wenn auch nicht so häufig wie in den islamischen Schriften.

      • max Says:

        Trotzdem hat der Terror in Nordirland nie etwas mit Religionen zu tun gehabt. Er entsprang dem Konflikt zwischen Unionisten und Republikanern. Nun ist es so, dass die Unionisten im weitesten Sinn Protestanten sind, die Republikaner (Iren) sind halt Katholiken. Es gab und gibt aber keine einzige Verlautbarung der verschiedenen Gruppen, die sich auf Religion als Grundlage oder Anlass des Konflikts beruft.

      • arprin Says:

        Es war ein Konflikt, bei dem die Religion eine Rolle spielte. Es war schon wichtig, dass die Unionisten Protestanten waren und die Republikaner Katholiken. Was man sagen kann ist, dass es der letzte religiös aufgeladene Konflikt zwischen Christen war und das Ausmaß sehr gering im Vergleich zur islamischen Welt war.

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