Ihr Geschwätz von gestern und heute

Vor drei Monaten berichtete ich darüber, wie in deutschsprachigen Zeitungsredaktionen niemand in der Lage ist, das wirtschaftliche Desaster in Venezuela mit dem Sozialismus in Verbindung zu bringen. Die wahren Anhänger von Chavez im Westen findet man jedoch in der Politik. Sehr viele bekannte linke Politiker haben sich in den letzten Jahren positiv über den Chavismus in Venezuela geäußert, darunter Mitglieder der Linkspartei, der spanischen Podemos oder der britischen Labour-Partei. Jeremy Corbyn sah wie so viele Linke in Chavez eine Hoffnung für die ganze Welt:

Was denken diese Leute heute über Venezuela? Tatsächlich haben sich seit meinem letzten Artikel einige Chavez-Fans über die Lage in Venezuela geäußert. Sie sind nun weniger euphorisch, aber von einem Wandel ihrer Ansichten kann man nicht sprechen. Stattdessen wendet jeder seine eigene Taktik an, um gleichzeitig Sozialist zu bleiben und Venezuelas Desaster in Kenntnis zu nehmen.

Sahra Wagenknecht

Die libertären „Sons of Libertas“ veröffentlichten am 9. Mai ein Video, in der sie Sahra Wagenknecht über verschiedene Themen ausfragten. An einer Stelle kam das Thema Venezuela auf:

Sons of Libertas: „Sie und ihre Partei haben sich vor einigen Jahren positiv zum Sozialismus des 21. Jahrhunderts in Venezuela geäußert. Momentan ist es darum ein wenig ruhig geworden. Wie ist ihre Meinung dazu?“
Wagenknecht: „Naja, es sieht ja jetzt danach aus, dass dort doch vieles auch wieder nach hinten geht. Die Armut wächst, die Krise ist stark, natürlich leidet Venezuela auch unter dem niedrigen Ölpreis, aber es ist eben leider nicht so nachhaltig mit den Reformen wie wir uns das mal erhofft hatten.“ (Lächeln)

Wagenknechts Taktik: Dem Ölpreis die Schuld geben.

Bernie Sanders

Eins muss man Sanders lassen: Er hat sich nie positiv über Chavez geäußert. Er bezeichnet sich nur selbst als Sozialisten, hat während seiner politischen Karriere Fidel Castros Kuba und die Sandinisten in Nicaragua gelobt, eine Flagge der Sowjetunion in seinem Büro gehabt, die Verstaatlichung aller Banken und Ölkonzerne gefordert und sich positiv über Warteschlangen für Nahrungsmittel geäußert (kein Witz: „You know, it’s funny. Sometimes American journalists talk about how bad a country is when people are lining up for food. That’s a good thing. In other countries, people don’t line up for food. The rich get the food and the poor starve to death“). So gesehen, gibt es in Venezuela viele soziale Wohltaten, die er gerne in den USA umsetzen würde.

Hat Sanders aber auch eine Meinung zu dem, was diese sozialen Wohltaten in Venezuela angerichtet haben? In einem Interview mit der „Univision“ am 23. Mai versuchte ein Reporter, ihn dazu zu befragen:

Univision: „I am sure that you know about this topic: various leftist governments, especially the populists, are in serious trouble in Latin America. The socialist model in Venezuela has the country near collapse. Argentina, also Brazil, how do you explain that failure?“
Sanders: „You are asking me questions …“
Univision: „I am sure you’re interested in that.“
Sanders: „I am very interested, but right now I’m running for President of the United States.“
Univision: „So you don’t have an opinion about the crisis in Venezuela?“
Sanders: „Of course I have an opinion, but as I said, I’m focused on my campaign.“

Sanders‘ Taktik: Kein Kommentar abgeben.

Juan Carlos Monedero (Podemos)

Die spanische Partei Podemos hat oft Venezuela als Vorbild für Spanien bezeichnet. Am 29. Juni gab der Podemos-Mitgründer Juan Carlos Monedero der „Zeit“ ein Interview, indem auch die Frage nach der Entwicklung in Venezuela aufkam. Monederos Antwort zum Hunger in Venezuela:

(…) ich will nicht sagen, dass die Chavisten alles richtig machen. Aber nicht alles ist die Schuld der venezolanischen Regierung (…) Der Preis für Öl, die Haupteinnahmequelle des Landes, ist um 80 Prozent gesunken, durch äußere Einflüsse. Stellen Sie sich mal vor, die deutsche Wirtschaft würde 80 Prozent ihres Werts verlieren. Warum übrigens sprechen wir immer über Venezuela, aber nicht über Saudi-Arabien, Israel, Kolumbien oder Mexiko? Dort haben sie letzte Woche auf Lehrer geschossen, die protestierten. Keiner regt sich darüber auf. Stellen Sie sich mal vor, das wäre in Venezuela passiert, was dann los wäre. Menschenrechtsverletzungen müssen überall verfolgt werden.

Monederos Taktik: Whataboutismen.

Jeremy Corbyn

Schließlich kommen wir zurück zu Jeremy Corbyn. Hier gibt es leider nichts zu berichten, denn Corbyn hat sich seit Jahren nicht mehr zu Venezuela geäußert. Nicht nur das, er hat alle Artikel über Venezuela von seiner Website gelöscht. Das Vaporisieren ist eine altbekannte sowjetische Taktik, die von Corbyn auch bezüglich anderen Themen wie z.B. der EU oder Israel angewandt wurde.

Corbyns Taktik: Alle Venezuela-Artikel löschen.

Zusammenfassung

Wie erklären sich die Sozialisten also, dass Venezuela mit Ausnahme Syriens das einzige Land ist, indem die Menschen ihre Katzen essen? Mit viel Kreativität: Sahra Wagenknecht gibt dem Ölpreis die Schuld, Bernie Sanders weigert sich, einen Kommentar abzugeben, Juan Carlos Monedero von Podemos kommt mit Whataboutismen und Jeremy Corbyn löscht in Stalin-Manier alle seine Artikel über Venezuela von seiner Website. Eins ist aber auch wichtig zu erwähnen: Das, was gerade in Venezuela passiert, hat rein gar nichts mit dem Islam zu tun! Ääh … Nein, ich meinte: Der sogenannte Islamische Staat hat rein gar nichts mit Sozialismus zu tun! Oder so ähnlich.

16 Antworten to “Ihr Geschwätz von gestern und heute”

  1. Hans Jürgen Keßner Says:

    Sehr gut geschrieben und vor allem die Widersprüche aufgedeckt und mit sauberer Argumentation entlarvt.

    Ich bin sehr geneigt Ihnen zu folgen und mehr Ihrer Artikel zu konsumieren, zu Lesen !

    Viele Grüße aus Berlin
    Maxxoxx

  2. Eloman Says:

    Sehr interessant in diesem Zusammenhang auch die Kommentarsektionen zu Venezuela-Artikeln bei ZEIT-Online. Da bekommt man tiefen Einblick in Parallelgesellschaften.

  3. Gutartiges Geschwulst Says:

    Juan Carlos Monedero: „Aber nicht alles ist die Schuld der venezolanischen Regierung (…) Der Preis für Öl, die Haupteinnahmequelle des Landes, ist um 80 Prozent gesunken, durch äußere Einflüsse. (…) Warum übrigens sprechen wir immer über Venezuela, aber nicht über Saudi-Arabien, …“

    Richtig, aber warum spricht Señor Monedero nicht selbst über Saudi-Arabien, das doch offenbar seinen Wohlstand halten konnte, obwohl es ja ebenfalls von den Ölpreisen abhängig ist?

  4. Anonym Says:

    „Wagenknechts Taktik: Dem Ölpreis die Schuld geben.“

    Das ist keine Taktik. Solange Venezuela das Öl hatte – immer noch einer der wertvollsten Rohstoffe der Welt – , konnte es kontrolle Ausüben und dadurch den Sozialismus finanzieren, auch wenn sonst nichts ging. Sobald der Ölpreis sinkt, briht auch die Rentierwirtschaft wieder zusammen. Da die eigene Wirtschaft nicht zu Potte kommt… Wars das.

    In Übrigen: In Norwegen ist die Situation doch ähnlich.

    • arprin Says:

      Der Hauptgrund für den Zusammenbruch Venezuelas sind die von Chavez eingeführten Preiskontrollen. Sie führten dazu, dass im Rest der Wirtschaft nichts mehr ging. Fallende Ölpreise sind etwas Wunderbares, sie entlasten die Menschen in aller Welt auf massive Weise.

      • Anonym Says:

        [D]er Hauptgrund für den Zusammenbruch Venezuelas sind die von Chavez eingeführten Preiskontrollen.

        Das mag der Privatwirtschaft den Todesstoß gegeben haben, doch den aktuellen Zusammenbruch des Landes hat es nicht verursacht.
        Solange es genug Öl gab, konnte die Regierung ihre Wünsche mit Hilfe von Fremdfinanzierung bezahlen. Ein sog. „Rentierstaat“ (*.

        Fallende Ölpreise sind etwas Wunderbares, sie entlasten die Menschen in aller Welt auf massive Weise.

        Das ist eine so pauschale Aussage, dass ich lächeln musste.
        Einigen Punkte:
        1. Ja, für die normal wirtschaftenden Länder, die von Steuereinnahmen leben, ist das Sinken des Ölpreises etwas wundervolles. Auch die meisten Bewohner dieser Länder können sich freuen.
        Kleines Beispiel: 2006 waren die Unternehmen mit den größten Gewinnen weltweit die Ölfirmen; Im Jahre 2016 sind es die „Computerfirmen“ wie Apple, Google und Co.
        2. Für Länder wie Saudi-Arabien, teils Iran, teilweise auch Norwegen und eben Venezuela ist das Fallen des Ölpreises was schlechtes, weil es ihre Wirtschaft selbst schädigt.
        Die EInnahmen aus der Auffuhr von Erdöl waren dort lange Zeit höher als die aus Produktion, Handel und Dienstleistung und für Länder, die nicht vorgesorgt haben oder sich zu sehr an diesen Zustand gewöhnt haben, bedeutet das eine Katastrophe.
        ——
        *: Der aufmerksame Leser wird jetzt fragen: Was zur Hölle ist ein Rentierstaat? In Venezuela leben doch gar keine Rentiere!
        Der Autor dieser Zeilen nimmt Bezug auf die theoretische Einordnung einer Volkswirtschaft als Rentierstaat. Hierzu Tantchen Wiki:
        https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Renten%C3%B6konomie&oldid=153026755#Rentierstaaten

        Kurz gesagt: Es gibt im Groben zwei Formen von Staaten. Einmal solche die ihre (Steuer-)Einnahmen vor allen Dingen aus der lokalen Wirtschaftsleistung beziehen. Also von Fabriken, die Gummischuhe oder Mikroprozessoren herstellen, Entwicklungsbüros, die neue Gummisolen entwickeln und die Technik vorantreiben, Modelagenturen und Modedesigner, die die neusten Trends in Sachen Gummischuh entwickeln („das einfache gelb ist ja sowas von out!“); Handelsunternehmen, die Gummischuhe sowohl im In- wie im Ausland vertreiben; Dienstleistungen rund um die Pflege und Auswahl der richtigen Gummischuhe usw.
        Diese Staaten leben letztlich von den Steuereinnahmen, sind also existenziell Abhängig von ihren Bürgern und gewähren ihnen deshalb Mitspracherechte.

        Als Gegensatz dazu gibt es die sog. „Rentierstaaten“. Dort sieht die Welt anders aus. diese Staaten leben nicht von den Einnahmen aus der Wirtschaftsleistung, sondern von externen (außerhalb des Staates gelegenen) Geldquellen. Also z. B. dem Verkauf von Kautschuk zur Gummiherstellung. Die Gebühren für die Benutzung des Landes als Transferland für den See- und Luftverkehr oder eben Spenden.
        In diesen Ländern sind die Bürger erst Mal egal, denn sie tragen nicht unmittelbar zu den Einnahmen des Staates bei. Deshalb kann sich ein solcher Rentierstaat theoretisch sehr wohl erlauben, die eigene Volkswirtschaft zu runieren, da er ja sowohl an einem anderen Geldtropf hängt.

        P.S.: Ich hoffe, meine Postings sind verständlich und tragen zumindest ein bisschen dazu bei, neue Sichtweisen zu öffnen.

      • arprin Says:

        Naja, ohne die Preiskontrollen wäre der Rest der Wirtschaft nicht so massiv zusammengebrochen. Andere Länder hatten auch Nachteile durch die fallenden Ölpreise, aber keines kam an Venezuela ran.

        Fallende Ölpreise können auch für Ölländer gut sein, da so Platz für andere Branchen frei wird. Die fallenden Priese für Autos und Computer in den letzten Jahrzehnten waren ja auch nicht schlecht. Probleme gibt es, wenn ein Großteil der Staatseinnahmen aus dem Öl kommt und der Staat einen Großteil des BIP ausmacht. Aber daran ist dann die falsche Wirtschaftspolitik Schuld und nicht der Ölpreis.

      • Anonym Says:

        „Fallende Ölpreise können auch für Ölländer gut sein, da so Platz für andere Branchen frei wird.“

        Dazu brauch ich mehr Erklärungen!

        Wenn ich mir die Staaten so ansehe, die vom Öl gut leben, so sehe ich darunter nicht einen einzigen, der eine Wirtschafts unabhängig davon nicht aufbauen konnte, weil das Öl so schrecklich billig war.

      • arprin Says:

        Wenn ich mir die Staaten so ansehe, die vom Öl gut leben, so sehe ich darunter nicht einen einzigen, der eine Wirtschafts unabhängig davon nicht aufbauen konnte, weil das Öl so schrecklich billig war.

        Das Problem ist dann die einseitige Fokussierung auf das Öl, die Folge staatlicher Regulierungen ist. In einer freien Marktwirtschaft kann man sich gut auf Strukturwandel anpassen. Es war auch kein Problem, dass die Pferdekutschen durch das Auto ersetzt wurden.

  5. qwerty248 Says:

    ich find Sanders viel mehr humorvoll ehrlich. Er konzentriert sich auf seine Kampagne.

    • arprin Says:

      Er hätte sicher trotzdem eine Antwort geben können, ohne dass seine Kampagne zusammengebrochen oder sich das Interview plötzlich nur noch über Venezuela gedreht hätte. Aber er hatte wahrscheinlich keine Relativierung bereit.

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