Meine Meinung zu Lars Koch und Renegade

Na, da hat es der öffentlich-rechtliche Rundfunk mal geschafft, einen unterhaltsamen Film auszustrahlen.

Im Fernsehfilm „Terror – Ihr Urteil“ geht es um den Fall eines entführten Flugzeugs, der von Terroristen entführt wird und dann auf ein Stadion mit 70.000 Zuschauern rast (diesen Fall nennt man in der Fachsprache „Renegade“). Der Kampfpilot Lars Koch schießt das Flugzeug ab – 164 Menschen sterben, und er wird angeklagt. Was ist die richtige Entscheidung? Zunächst einmal müssen die Bedingungen klar sein:

– Alle anderen Möglichkeiten sind ausgeschöpft. Es ist nicht mehr möglich, das Flugzeug abzuhalten, indem man Warnschüsse abgibt, es versucht, wegzudrängen und die Passagiere sind nicht mehr in der Lage, die Terroristen zu überwinden. Das Flugzeug rast direkt auf die Allianz Arena zu, in der gerade Deutschland gegen England vor 70.000 Zuschauern mit 3:0 führt. Ob dieser Fall so eintritt, ist nicht immer leicht festzustellen. Aber nehmen wir für den Fall an, das er zweifellos feststeht: Entweder werden alle 164 Menschen sterben, oder alle 164 Menschen und zusätzlich noch die möglichen Opfer, die der Angriff auf die Allianz Arena fordert. Lars Koch entschließt sich in dieser Situation, alle 164 Passagiere zu töten.

Ist das die richtige Entscheidung? Meine Meinung ist: Ja. Die Gegenargumente, die gebracht werden, lauten in etwa so:

– Man kann kein Leben gegen ein anderes ausspielen.
– Man würde auch nicht einen Menschen töten, um mit seinen Organen schwer kranke Menschen zu retten.
– Man würde sicher nicht seine eigene Frau und Kinder töten, wenn sie im Flugzeug gesessen hätten.

Keines davon überzeugt mich.

Erstens gilt das „Jedes Leben ist wertvoll“-Argument nur für unschuldige Menschen (nur als Klarstellung, die 164 Passagiere waren unschuldig). Zweitens wird nicht ein Leben gegen ein anderes ausgespielt, sondern der sichere Tod von 164 gegen den sicheren Tod von 164+. Nochmals: Im besagten Fall gab es keine anderen Alternativen. Wäre es anders, kann man Lars Koch sicher moralisch und gerade auch rechtlich verurteilen. Auf die Frage, ob, ich, wenn ich in Lars Kochs Haut gesteckt hätte, auch meine Frau und Kinder getötet hätte, sage ich: Erstens Ja, und zweitens spielt diese Frage keine Rolle. Denn man sollte eben nicht das Leben von Menschen gegen das von anderen ausspielen – die 70.000 Menschen im Stadion sind nicht weniger wert als meine hypothetische Familie.

Etwas schwerer zu widerlegen ist das Argument mit der Ermordung von gesunden Menschen, um mit ihren Organen andere Menschen zu retten. Aber es gibt hier doch erhebliche Unterschiede: Ein gesunder Mensch steht nicht kurz vor dem Sterben, sowie die 164 Passagiere. Jetzt könnte man einwenden: Jeder Mensch stirbt irgendwann, so dass es dann bei allen theoretisch egal wäre, und selbst wenn die verbleibende Lebenszeit eine Rolle spielt, muss man sie nicht auf eigene Faust verkürzen. Beides stimmt, aber im Fall von Lars Koch ist es so, dass ein Terrorist das Leben der Menschen, die getötet werden, leider unwiederbringlich als Geisel genommen hat. Das bedeutet:

Es geht nicht darum, Massenmord zu begehen, um das Glück einer größeren Zahl von Menschen zu mehren. Es geht darum, einen sonst nicht anders zu stoppenden Massenmord zu verhindern.

Einen Massenmord zu stoppen ist was anderes als einen unschuldigen Menschen zu töten, um seine Organe an 10 Menschen zu verteilen. Deshalb lautet mein Urteil: Lars Koch ist unschuldig. Ich muss aber zugeben, dass es Fälle gibt, indem keine rationale Entscheidung möglich ist. Das ist z.B. der Fall, wenn man entscheiden muss, wen man rettet, wenn sich zwei Menschen in Lebensgefahr befinden und man nur einen retten kann. Letztlich hängt das richtige Verhalten immer von der Situation ab, und in einigen Extremsituationen versagt jede Moral (glücklicherweise müssen wir uns auch dank unseres größeren Wohlstands nicht so oft solche Fragen stellen – in der Steinzeit war das anders). Zuletzt noch: Ein unterhaltsamer Film rechtfertigt noch immer keine Zwangsgebühr.

5 Antworten to “Meine Meinung zu Lars Koch und Renegade”

  1. Martin Perz Says:

    Hier ist übrigens eine sehr aufschlussreiche Kritik an diesem TV-Experiment von einem Juristen: https://mosereien.wordpress.com/2016/10/19/terror-ihr-urteil/

    • arprin Says:

      Seine juristischen Argumente stimmen, aber ich berufe mich auf das, was er am Ende schreibt: Es war ein Film. Und es war unterhaltsamer als das, was normalerweise im ÖR läuft. Was unterhält, darf alles.

  2. Dr. Caligari Says:

    Mal ein paar „Thesen“ oder Punkte dazu:
    1. Es handelt sich um eine moralische Grenzsituation. Etwas, bei dem die alltägliche Moral versagt. Das ist nicht weiter überraschend, diese Moral wurde entworfen, um das „normale“, tägliche Leben von Menschen zu koordinieren, nicht um zuverlässige Handlungsanweisungen in jeder Extremform zu geben.
    2. Es muss folgendes differenziert wärden. Erstens, wäre es ethisch und rechtlich im Rahmen des Grundgesetzes vertretbar, dem Soldat den Befehl zu geben, die Maschine abzuschießen? Zweitens, ist der Pilot vor einem iridischen Gericht rechtlich für die Tat zu belangen?
    Ich meine, dass Recht und Moral nicht zu 100% deckungsgleich sind (Tatsachenfeststellung, keine theoretische Aussage, sie könnten übereinstimmen), aber dass es nicht zwangsläufig sinnvoll ist, alles haarklein rechtlich regeln zu wollen.
    3. Meines Erachtens würde der Befehl die Menschen abzuschießen oder ein Gesatz, das genau dies vorsieht, ganz klar dem ethnischen und rechtlichen Gegebenheiten widersprechen. Der Staat darf nicht zwischen Menschenleben abwägen, das ist der Hintergrund der Enscheidung des Verfassungsrichts. Kants „Mensch-Zweck-Formel“. Ich kann damit leben und schließe mich der Meinung an, auch wenn ich selbst nicht so argumentieren würde.
    4. Jetzt kommt der wesentliche Teil: Der Pilot ist nicht schuldig zu sprechen. Er mag schwere Schuld auf sein Gewissen geladen haben und ich würde an der Stelle vielleicht nicht mehr absolut ruhig schlafen können (das ist aber streng genommen nur eine psychologische Selbsteinschätzung und ethisch nicht relevant), aber rechtlich sollte man ihn nicht belangen.
    Der sog. „außergesetzliche Notstand“ greift hier. Es ist für den Rechtsstaat auch weder sinnvoll, noch notwendig, hier eine allgemeine Regelung zu treffen. Es handelt sich ja um eine absolute Ausnahmesituation, die den Alltag kaum berührt.
    Hier hatte der Pilot eine Gewissensentscheidung zu treffen und muss sich nur vor sich selbst und ggf. Gott rechtfertigen.
    5. Das Problem ist, dass hier eigentlich auch keine Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden… Der Pilot hat folgende Wahl:
    Entweder er schießt das Flugzeug ab (a) oder nicht (b). Folgende Szenarien: (b) Im Flugzeug sitzen vielleicht XY Leute, wenn das Flugzeug jetzt kollidiert mit dem Stadion, dann sterben XY+Z Leute. (a) Das Flugzeug wird abgeschoßen, daher sterben XY Leute, aber Z Leute überleben.
    Ich möchte feststellen, in keiner dieser beiden Szenarien hatte der Pilot die Möglichkeit behabt, die XY Leute aktiv (das aktiv wird gleich noch wichtig) zu retten. Die einzige Sache, die er aktiv beeinflussen konnte, war, ob die Z Leute auch noch sterben müssen.
    Jetzt wird es pikant: Im Film wird noch berichtet, dass die Passagiere kurz vor dem Abschuss geschafft haben, wieder die Kontrolle über das Flugzeug zu übernehmen. Hätte der Pilot also nichts gemacht (b), dann wären durch YX+Z Leute gerettet worden, sein Eingreifen dagegen verdammte XY Leute zu tode.
    Die Frage ist, hätte der Pilot es vorhersehen können, müssen, dürfen, dass das Flugzeug nicht mehr in der Hand der Terroristen ist? Schließlich handelt es sich hier um Aktionen, die er gar nicht beeinflussen konnte, selbst wenn er wollte.
    Wäre es so einfach wie am Anfang, dann könnten wir uns die Diskussion sparen.

    • arprin Says:

      Erstens, wäre es ethisch und rechtlich im Rahmen des Grundgesetzes vertretbar, dem Soldat den Befehl zu geben, die Maschine abzuschießen? Zweitens, ist der Pilot vor einem iridischen Gericht rechtlich für die Tat zu belangen?

      Zu beidem sage ich: Nein. Zwingen sollte man einen Piloten nicht, aber wie ich schon sagte, anhand der Extremsituation ist eine Strafe auch unangebracht.

      Ich möchte feststellen, in keiner dieser beiden Szenarien hatte der Pilot die Möglichkeit behabt, die XY Leute aktiv (das aktiv wird gleich noch wichtig) zu retten. Die einzige Sache, die er aktiv beeinflussen konnte, war, ob die Z Leute auch noch sterben müssen.

      Das ist der wichtige Punkt.

      Jetzt wird es pikant: Im Film wird noch berichtet, dass die Passagiere kurz vor dem Abschuss geschafft haben, wieder die Kontrolle über das Flugzeug zu übernehmen. Hätte der Pilot also nichts gemacht (b), dann wären durch YX+Z Leute gerettet worden, sein Eingreifen dagegen verdammte XY Leute zu tode.
      Die Frage ist, hätte der Pilot es vorhersehen können, müssen, dürfen, dass das Flugzeug nicht mehr in der Hand der Terroristen ist?

      Es kommt darauf an, was er wusste, als er die Entscheidung traf. Und wenn das Flugzeug nun so nah am Stadion war, dass man zu 99,9% ausschließen kann, dass es noch wendet, ist die Situation dieselbe wie sie zuvor beschrieben wurde: Es gab nur die Wahl zwischen 164 Tote und 164+ Tote.

      • Dr. Caligari Says:

        Es kommt darauf an, was er wusste, als er die Entscheidung traf.

        Der Satz ist mir zu einfach!
        Worauf kommt es denn nun an?
        1. Die subjektive Überzeugung des Piloten zum Zeitpunkt des Abschusses?
        2. Die Schlussfolgerung, die er anhand der objektiv vorliegenden Daten (Flugverhalten, Funkverkehr, Whatever bin kein Pilot) ziehen hätte müssen?

        Zudem: Wann solle wir ansatzen, dass er die Entscheidung getroffen hat. Wenn der Pilot z. B. mal jahren mal einen Kollegen offenbart hat, er würde in so einer Situation die Maschine abschießen und es keinen „Change of Mind“ gab?
        Der „Point of no return“?

        Ich möchte nur eins einwerfen: Wenn wir (2) zugrunde legen, dann legen wir eine normative Messlatte noch, bei (1) dagegen haben wir es mit einer psychologischen Abwägung zu tun. Der Pilot wird als Schutzbehauptung nie zugeben, dass er im Zweifel war beim Abschießen.

        Und wenn das Flugzeug nun so nah am Stadion war, dass man zu 99,9% ausschließen kann, dass es noch wendet, ist die Situation dieselbe wie sie zuvor beschrieben wurde: Es gab nur die Wahl zwischen 164 Tote und 164+ Tote.

        Das kommt auf die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst an, denke ich. Für mich, für mein subjektives Erleben würde es einen Unterschied machen.

        P.S.: Für mich wäre es ein größeres Problem, das Flugzeug abzuschießen wenn ein Freund an Board wäre als nicht. Aber darüber könnte ich hier wahrscheinlich einen Gastbeitrag verfassen, wenn ich das ausführen würde.
        Wobei ich, wie gesagt, mit de Abschießen wahrscheinlich nicht unbedingt gut schlafen könnte und es ist schwer seine eigene Reaktion abzuschätzen.

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