Der Mann, der Mr(s). Clump voraussah

Henry Louis Mencken

Henry Louis Mencken

Die Zivilisation wird mit der Zeit tatsächlich immer sentimentaler und hysterischer; besonders unter einer Demokratie tendiert sie, zu einem reinen Kampf der Verrücktheiten zu degenerieren. Der ganze Sinn von praktischer Politik ist es, die Bevölkerung alarmiert zu halten (und folglich nach Rettung schreiend), in denen man ihnen eine endlose Reihe an Schreckgespenstern androht, die meisten davon erfunden.

Dieses Zitat stammt von Henry Louis Mencken, einem herausragenden Autor und Journalisten aus den USA. Er beschreibt darin den derzeitigen Zustand der westlichen Demokratien. Linke, Rechte und die Mitte tragen immer sinnlosere Kulturkämpfe aus. Es geht um Chlorhühnchen und Unisex-Toiletten, ob man „Flüchtling“ oder „Geflüchteter“ sagen soll oder ob es in Ordnung ist, bei der Nationalhymne nicht aufzustehen. Hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe, so dass man gar nicht wer weiß, welche man ernst nehmen soll: Die Klimakatastrophe, die Schere zwischen Arm und Reich oder den Untergang des Abendlands. So oder so geht die Welt unter: Für Clinton-Anhänger geht die Welt unter, wenn Trump gewinnt, für Trump-Anhänger geht die Welt unter, wenn Clinton gewinnt.

Das stimmt nicht ganz. Mencken ist zwar immer noch ein herausragender Autor und Journalist, aber er ist seit 1956 nicht mehr unter uns, und das obere Zitat stammt von 1918. Wenn es Mencken zu dieser Zeit – wohl gemerkt einem Weltkriegsjahr – schaffte, zu erkennen, dass die amerikanische Demokratie zu einem Großteil aus dem Schüren von unberechtigten Ängsten bestand, kann man sich vorstellen, welche Meinung er heute zu Clinton und Trump hätte, deren ganzer Wahlkampf daraus besteht, den Wählern zu sagen: Wählt mich, oder es ist vorbei. Die Tatsache, dass sie damit Erfolg haben, hätte Mencken wohl mit einer grundsätzlichen Kritik an der Demokratie beantwortet, in etwa so wie in diesem Zitat von 1920:

Wenn ein Kandidat für ein öffentliches Amt den Wählern gegenübersteht, steht er nicht Menschen mit Verstand gegenüber. Er steht Menschen gegenüber, deren Hauptmerkmal die Tatsache ist, dass sie völlig unfähig sind, Ideen abzuwägen, oder auch nur ein paar zu verstehen, außer den elementarsten. Menschen, deren ganzes Denken auf Emotionen ausgerichtet ist, und dessen dominante Emotion die Furcht vor dem ist, was sie nicht verstehen können. Auf diese Weise konfrontiert, muss der Kandidat entweder mit dem Rudel bellen oder verloren sein …

Die größten Chancen hat der, der von seinem Wesen her der hinterhältigste und unfähigste von allen ist – der, der am geschicktesten die Auffassung zerstreuen kann, dass sein Verstand eigentlich ein Vakuum ist. Die Präsidentschaft tendiert dazu, jedes Jahr an so einen Menschen zu gehen. Da die Demokratie vervollkommnet wird, repräsentiert das Amt immer genauer und genauer die innere Seele des Volkes. Wir nähern uns einem vornehmen Ideal an. Letztlich werden an einem großen, ehrenvollen Tag die einfachen Leute des Landes ihren Herzenswunsch erfüllt sehen, und das Weiße Haus wird von einem kompletten Vollidioten geschmückt werden.

Amen. Vielleicht hätte er aber gar nicht so viel Mühe verschwendet, sondern es kurz und knapp zusammengefasst, wie mit diesem Schmankerl von 1915:

Demokratie ist die Theorie, dass das gemeine Volk weiß, was es möchte, und verdient es zu bekommen, und zwar von vorne und hinten.

Aus diesen Sätzen sollte man nicht schließen, dass Mencken ein Reaktionär war und sich die Herrschaft eines Königs oder eine Diktatur wünschte. Er war ein radikaler Befürworter von Freiheit. Als solcher kritisierte er jede Form von Unterdrückung, und dazu zählte für ihn auch die Unterdrückung innerhalb von Demokratien, zumal er selbst in einer lebte und sie mit ansah. Wenn wir uns heute den Zustand der amerikanischen Demokratie ansehen, gibt es kaum weniger Gründe, sich mit Kritik an der Demokratie zurückzuhalten. Tragischerweise kann man teilweise dieselben Worte benutzen wie Mencken. Es hat sich also viel verändert, aber vieles ist gleich geblieben – oder klingen folgende Warnungen nicht erstaunlich aktuell:

Der Amerikaner von heute genießt heute tatsächlich weniger persönliche Freiheit als jeder andere Mensch in der Christenheit, und sogar seine politische Freiheit unterliegt immer mehr dem neuen Dogma, dass einige politische Systeme tugendhaft und rechtmäßig sind und andere abscheulich und verbrecherisch. Gesetze, die seinen Spielraum für freie Handlungen einschränken, werden jedes Jahr zahlreicher: Es ist heute praktisch unmöglich für ihn, etwas auszustellen, was man als genuine Individualität beschreiben kann, weder als Tat noch als Gedanke, ohne Gefahr zu laufen, mit irgendeiner harschen und unverständlichen Strafe konfrontiert zu werden. Es würde keinen unparteiischen Beobachter überraschen, wenn das Motto „In God we trust“ eines Tages von den Junkern in Washington aus den Münzen der Republik getilgt und durch das viel passendere Wort „verboten“ ersetzt wird. Noch würde es irgendjemanden, außer vielleicht den ganz romantischen, verblüffen, wenn zur selben Zeit die Göttin der Freiheit aus den Silberdollars entfernt wird, um Platz für ein Basrelief eines Polizisten in Pickelhaube zu machen. Zudem geht dieser schrittweise (und, in letzter Zeit, schnell voranschreitende) Zerfall der Freiheit fast ohne Widerstand vor; der Amerikaner hat sich so sehr an das Verweigern seiner verfassungsmäßigen Rechte und der minutiösen Regulierung seines Verhaltens durch Spione, Brieföffner, Spitzel und Agent provocateurs gewöhnt, dass er nicht mehr länger ernsthaft protestiert.

Der deutschstämmige Mencken benutzte in der englischen Originalversion dieses Zitats aus dem Jahr 1920 das deutsche Wort „verboten“. Offenbar war er mit der deutschen Mentalität vertraut. Umso trauriger, wie er mit ansehen musste, wie es mit Amerika bergab ging. Am Ende wurde es in Amerika zwar nicht so schlimm wie in Deutschland, aber die USA erlebten eine freiheitsfeindliche Phase: Durch die „Red Scare“ setzte eine Verfolgung von echten oder vermeintlichen Kommunisten ein, ihre verfassungsmäßigen Rechte wurden mit Füßen getreten, es begann die Zeit der Prohibition. Parallelen zu heute gibt es durchaus (Folter, illegale Überwachung, Drogenkrieg), auch wenn sich die Geschichte, um Mark Twain zu zitieren, nicht wiederholt, sondern reimt. Für ihn waren diese Maßnahmen nicht nur unmoralisch, sondern oft auch wirkungslos. So meinte er 1924:

Die merkwürdige amerikanische Inbrunst, Gesetze zu erlassen, das verrückte Vertrauen in Regulierung und Bestrafung … erreichen selten ihr Ziel … Der Harrison Act hat, trotz seiner grausamen Bestimmungen, die Drogensucht nicht im Geringsten verringert. Die Mormonen sind nach Jahren von Verfolgung noch immer Mormonen, und einer hat nun Macht im Senat. Der Sozialismus in den Vereinigten Staaten ist nicht durch den Espionage Act verschwunden; er verschwand durch die Tatsache, dass die Sozialisten während des Kriegs ihren fairen Anteil an der Beute bekamen. Noch wurde der stete Aufstieg von Osteopathie und Chiropraxis durch die Versuche verhindert, sie niederzuschlagen. Unterdrückerische Gesetze zerstören keine Minderheiten; sie schaffen nur einen Schwarzmarkt.

Auch heute reagieren amerikanische Politiker auf Bundes- und Provinzebene, angefeuert von der Öffentlichkeit, auf jedes echte oder vermeintliche Problem mit einem Verbotsvorschlag, der meistens das Problem nicht löst. Die Waffengesetze sollen verschärft werden, um Amokläufe zu verhindern, Softdrinks sollen verboten werden, um Übergewicht zu bekämpfen, Niedriglohnjobs sollen verboten werden, um Armut zu bekämpfen, und am Ende gibt es trotzdem genauso viele Amokläufe, Übergewichtige und Lohn-Aufstocker wie vorher. Ob Clinton oder Trump etwas daraus lernen werden? Man darf es bezweifeln.

Eine andere Parallele ist die ständige Beschwerde der Menschen über Denk- und Sprechtabus. Auch zu Menckens Zeiten gab es Tabus. Niemand konnte die vorherrschende Ansicht, dass Schwarze Menschen zweiter Klasse waren, in Frage stellen, ohne Ausgrenzung und im schlimmsten Fall Gewalt zu erleben. Die moderne „Politische Korrektheit“, die Trump verspricht, auszurotten, und die ganze Pose um Hate Speech und Mikroaggressionen erscheinen im Vergleich zu diesem Meinungsklima moderat. Aber eines haben beide Zeitalter gemeinsam: Menschen, die eine Meinung haben, die nicht dem „Konsens“ der Mehrheit entspricht, werden nicht einfach in Ruhe gelassen, sondern ausgegrenzt, und zwar oft mit Hilfe des Staates. Das beschrieb Mencken, für 1922 und für heute, ganz gut:

Eine der primären Funktionen (eines Staates) ist es, Menschen mit Gewalt zu reglementieren, sie so gleich und so voneinander abhängig zu machen wie möglich, Eigenwilligkeit unter ihnen zu finden und zu bekämpfen. Alles was es in einer neuen Idee sehen kann ist potenzieller Wandel, und daher einen Eingriff in seine Vorrechte. Der gefährlichste Mensch für jeden Staat ist der Mensch, der in der Lage ist, sich Dinge auszudenken, ohne die bestehenden Aberglauben und Tabus zu beachten. Fast unausweichlich kommt er zu dem Schluss, dass der Staat, in dem er lebt, unehrlich, verrückt und unerträglich ist, so dass er, wenn er ein Romantiker ist, versucht, ihn zu ändern. Und selbst wenn er persönlich kein Romantiker ist, hat er großes Talent, um Unzufriedenheit unter denen zu verbreiten, die es sind.

An anderer Stelle wurde er noch deutlicher:

Freiheit und Demokratie sind ewige Feinde, und jeder, der diesem Thema eine nüchterne Betrachtung geschenkt hat, weiß das. Ein demokratischer Staat mag behaupten, die Freiheit zu bewundern, und es kann sogar Gesetze erlassen, die sie offiziell für heilig erklärt, aber es kann einfach nicht die Sache tolerieren. Um jede kohärente Staatlichkeit zu erhalten, um die wildeste Anarchie in Denken und Handeln zu verhindern, muss der Staat Grenzen im freien Spiel der Meinungen setzen. … Einer der hauptsächlichen Zwecke von Gesetzen in einer demokratischen Gesellschaft ist es, Intelligenz zu einer Bürde zu machen und sie zur Ohnmacht zu reduzieren. Ihr Ziel ist es angeblich, gesellschaftsschädliche Handlungen zu bestrafen; aber eigentlich geht es darum, häretische Ansichten zu bestrafen. Mindestens 95 von 100 Amerikanern glauben, dass dieser Vorgang ehrlich und sogar löblich ist; es ist praktisch unmöglich sie zu überzeugen, dass es in ihm irgendetwas Bösartiges gibt. Mit anderen Worten, sie können das Konzept von Freiheit nicht begreifen. … Immer wenn es Anzeichen gibt, dass eine Ansicht „gefährlich“ wird, d.h., gehört und beachtet, benutzt der Staat dieses Vorrecht. Und die überwältigende Mehrheit der Bürger unterstützt diesen Frevel.

Aber was macht man gegen diesen Zustand? Die meisten finden sich damit ab, oder glauben an einen Wandel, wenn sie einen anderen Herrscher an die Macht wählen. Mencken lachte darüber. Er glaubte nicht an Veränderungen durch den politischen Prozess. Für ihn war „ein guter Politiker in einer Demokratie so undenkbar wie ein ehrlicher Dieb.“ Neun von zehn Wahlversprechen sind nichts wert, und das zehnte Mal funktioniert es nur, wenn Person A Person B ausplündert, der Staat fungiere als „Mittelsmann bei Plünderung.“ Wahlen bezeichnete er deshalb als „Vorab-Auktion für gestohlene Güter.“ Wenn man sich die Rentenversprechen ansieht, die vor jeder Wahl gemacht werden, muss man ihm bedingungslos zustimmen.

Ob Obama oder Romney, ob Clinton oder Trump, für Mencken hätte es sicher keinen Unterschied gemacht. Die ständig wechselnden Regierungen hätte er, wie in „Game of Thrones“, als das Rad angesehen, das sich weiterdreht und dabei immer gleich bleibt. Auch auf die Frage, ob es gute Bürokraten gäbe, gab er eine pessimistische Antwort: „Der einzig gute Bürokrat ist einer mit einer Pistole an seinem Kopf. Gib‘ ihm eine Pistole in die Hand und es heißt Gute Nacht für die Bill of Rights.“ Ganz deutlich beschrieb er seine Hoffnungslosigkeit über die Möglichkeit eines Wandels durch den politischen Prozess in diesem Zitat von 1920, den man auf die unbefriedigenden Alternativen übertragen kann, die uns die modernen Demokratien bieten:

Ab ist der Kopf des Königs, und die Tyrannei macht Platz für die Freiheit. Der Wandel erscheint grenzenlos. Dann, Stück für Stück, schwindet das Angesicht der Freiheit, und irgendwann ist es das alte Gesicht der Tyrannei. Dann ein anderer Zyklus, und ein anderer. Aber während all diese Gegenüber ihr Spiel abhalten, bleibt etwas fundamentales immer gleich – der grundsätzliche Wahn, dass Menschen regiert und trotzdem frei sein können.

All diese Worte klingen wie die eines Menschen, der die Demokratie abschaffen will. Aber letztlich vertrat Mencken die Ansicht: Die Demokratie mag zwar für Freiheitsfreunde wie ihn furchtbar sein, aber es kommt immer auf die Frage an „Im Vergleich zu was?“ Er verschonte die Demokratie nicht von rabiater Kritik, aber er ergab sich dem Chuchill’schen Postulat, dass es kein besseres System gibt. Für ihn war das aber, im Gegensatz zu denen, die Demokratie als eine perfekte Sache ansahen, etwas Trauriges. Er hasste die Demokratie unerbittlich. Vor allem aber hasste er die Demokraten.

Manchmal machte er sich über Demokraten lustig, die nur dann für Demokratie waren, wenn sich ihre Ansichten durchsetzten. Es sei für Demokraten typisch, so Mencken, bei jeder kleinsten Krise alle ihre Prinzipien aufzugeben. Sowas ähnliches erlebten wir auch jüngst als Reaktion auf die „falschen“ Ergebnisse des Brexit-Referendums und der Landtagswahlen, in der die AfD Erfolge feierte. Die Demokratie war für Mencken deshalb selbstzerstörerisch, und er fragte ironisch: „Wie kann jemand ein Demokrat sein, wenn er ein aufrichtiger Demokrat ist?“ In einem Zitat von 1925 fasste er seine Hassliebe zur Demokratie in folgender zynischer Erkenntnis zusammen, die man leider wieder nahtlos auf unsere Zeit übertragen kann:

Ich habe viele theoretische Einwände zur Demokratie gehört, und manchmal mahne ich sie mit einer so großen Inbrunst an, dass es vermutlich die Grenze des guten Geschmacks überschreitet, aber ich bin dennoch völlig davon überzeugt, dass demokratische Nationen glücklicher sind als alle anderen. Die Vereinigten Staaten sind heute gewiss die glücklichste Nation, die die Welt je gesehen hat. Die Steuern sind hoch, aber sie sind immer noch durchaus innerhalb der Möglichkeiten der Steuerzahler: Er könnte doppelt so viel zahlen und weiter überleben. Die Gesetze sind unzählbar und idiotisch, aber nur Häftlinge in Strafanstalten und Personen unter religiösen Schwüren befolgen sie immer. Das Land wird von Schurken regiert, aber es gibt keine generelle Abneigung gegen Schurken: Im Gegenteil, sie werden geschätzt und beneidet. Das Beste ist, die Menschen haben das wohltuende Gefühl, dass sie jederzeit Fortschritte machen können – … mit anderen Worten, sie sind glücklich. Demokraten sind immer glücklich. Demokratie ist eine Art von Lachgas. Es wird vielleicht nichts heilen, aber es stoppt zweifellos den Schmerz.

So sehr er also die Demokratie hasste, so sehr war ihm klar, dass es noch nichts Besseres gibt. Die Betonung liegt hierbei auf das „noch“, denn Mencken schien die Hoffnung zu haben, dass sich das irgendwann ändern würde, auch wenn er es nicht mehr erlebt, so sagte er: „Die grundlegendsten Wahrheiten des Mittelalters werden heute von Schuljungen ausgelacht. Die grundlegendsten Wahrheiten der Demokratie werden daher in einigen Jahrhunderten sogar von den Lehrern ausgelacht werden.“ Was die nahe Zukunft angeht – oder, wenn wir die Zeit vorspulen, unser Zeitalter – war Mencken aber gnadenlos pessimistisch, denn er fand einfach keine Anzeichen, dass seine Mitmenschen die Freiheit schätzten. So meinte er 1923 – und natürlich gilt es für unsere Zeit:

Die Wahrheit ist, dass die Liebe zur Freiheit beim Durchschnittsmenschen zu 90% eingebildet ist, genauso wie sein Sinn für Verstand, Gerechtigkeit und Wahrheit. Er ist nicht wirklich glücklich, wenn er frei ist; er fühlt sich unbehaglich, ein bisschen verängstigt, und unerträglich einsam. Freiheit ist keine Sache für die Massen. Es ist das exklusive Gut einer kleinen und verruchten Minderheit, sowie Wissen, Mut und Ehre. Es braucht eine besondere Sorte von Mensch, um Freiheit zu verstehen und zu genießen – und in demokratischen Gesellschaften ist so eine Person für gewöhnlich ein Geächteter.

Mencken war nicht nur ein großartiger Freiheitsdenker. Er war auch in anderer Hinsicht genial, so z.B. bezüglich seiner Ansichten zum Thema Religion und Wissenschaft. Er wurde bekannt durch seine Kommentare zum „Affenprozess“ von 1925, als es darum ging, ob in öffentlichen Schulen die Evolutionstheorie gelehrt werden darf (wieder ein Thema, das leider wieder aktuell wird). Er machte sich schon davor und danach in urkomischer Art über Religion lustig, Gott war für ihn ebenso kein Tabu wie Demokratie. Er schrieb aber auch über andere Themen, wie z.B. über die Beziehung von Mann und Frau, auch hier in urkomischer Art, und manchmal verband er beides, so z.B. als er sagte, dass man die religiösen Ansichten eines Menschen respektieren muss, aber nur in dem Grad, wie man seine Ansicht respektieren muss, dass seine Frau hübsch ist.

Es mag Menschen geben, die für mich auf einer Stufe stehen, aber keinen verehre ich mehr als Mencken. Er ist ein großes Vorbild: Ein liberaler Atheist mit einer exzessiven zynischen Ader, der keine Rücksicht auf politische und religiöse Gefühle nahm. Es ist leider schade, dass seine grundsätzlichen Analysen zur Demokratie gerade in unserem Jahr noch immer so aktuell sind. Er hätte es sich wohl nicht gewünscht, aber vorausgesehen. Ich befürchte, es wird sich in der Politik auch in den kommenden Jahrzehnten nichts ändern, trotz meiner natürlich gegenteiligen Hoffnungen. Bis dahin kann ich mich damit trösten, dass es Menschen gibt, die ähnliche Ansichten haben wie ich, auch wenn sie in einer ganz anderen Zeit lebten (was Mencken wohl zum Islam und zur EU gesagt hätte?). Seine Lebenseinstellung fasste er 1930 in „What I Believe“ so zusammen:

Ich glaube, dass Religion grundsätzlich ein Fluch für die Menschheit gewesen ist – ihre bescheidenen und vielfach übertriebenen Leistungen in ethischen Fragen wurden weit mehr durch den Schaden überdeckt, den sie dem klaren und offenen Denken gebracht haben.

Ich glaube, dass keine Entdeckung einer Wahrheit, egal wie belanglos, völlig nutzlos für den Menschen sein kann, und dass kein Ausrufen einer Lüge, egal wie tugendhaft in der Absicht, etwas anderes sein kann als bösartig.

Ich glaube, dass jeder Staat ein Übel ist, dass jeder Staat der Freiheit notwendigerweise den Krieg erklären muss und die Demokratie genauso schlecht ist wie jede andere Variante.

Ich glaube, dass die Beweise für Unsterblichkeit nicht besser sind als die Beweise für Hexen, und dass sie keinen Respekt verdienen.

Ich glaube an die völlige Gedanken- und Redefreiheit – für den Geringsten gleichermaßen wie für den Mächtigsten, und an die Freiheit, sie auf die äußerste Weise auszuleben, die mit dem Leben in einer organisierten Gesellschaft vereinbar ist.

Ich glaube an die Fähigkeit des Menschen, seine Welt zu erobern, und herauszufinden, woraus sie besteht und wie sie funktioniert.

Ich glaube an die Realität des Fortschritts.

Ich – Die ganze Sache kann am Ende sehr simpel zusammengefasst werden. Ich glaube, dass es besser ist, die Wahrheit zu erzählen statt zu lügen. Ich glaube, dass es besser ist, frei zu sein statt ein Sklave. Und ich glaube, dass es besser ist, zu wissen statt ignorant zu sein.

Um es zu wiederholen: Amen.

7 Antworten to “Der Mann, der Mr(s). Clump voraussah”

  1. Thomas Holm Says:

    Der Knackpunkt ist das „Behagen“, das berüchtigte. Kant dazu:

    „Es scheint aber der Natur darum … zu thun gewesen zu sein … daß er sich so weit hervorarbeite, um sich durch sein Verhalten des Lebens und des Wohlbefindens würdig zu machen.“

    http://gutenberg.spiegel.de/buch/idee-zu-einer-allgemeinen-geschichte-in-weltb-3506/1

    Freiheit ist staunendes Selbstempfinden eines Talentes bei seiner (nicht ganz selbstverständlichen) Entfaltung. Also etwas für Talentierte mit Lizenz zum tüchtig-sein (richtiger Ort, richtige Zeit).

    Stichwort Bürgertum. Der Rest will nur nicht gestört werden.

    Zur Finanzierung seiner Reflexionen musste Mencken von Kompromissen Gebrauch machen …

    https://en.wikipedia.org/wiki/Black_Mask_(magazine)

    … was er aber wohl besser verkraftete, als mancher Edel-Intellektuelle, der wegen seiner Hollywood-Honorare die USA noch mal extra verfluchte.

    • Dr. Caligari Says:

      Freiheit ist staunendes Selbstempfinden eines Talentes bei seiner (nicht ganz selbstverständlichen) Entfaltung. Also etwas für Talentierte mit Lizenz zum tüchtig-sein (richtiger Ort, richtige Zeit).

      Ne, das ist Blödsinn.
      Zweifellos ist auch jemand frei, der sich gegen sein Talent entscheidet. Davon gibt es auch genug Leute!

      • Thomas Holm Says:

        Deswegen meine ich ja auch geht es nicht um Freiheit, sondern um Behagen im politschen Rechthaberei/Gebalge.

        Und weil das Peter/Prinzip die Regel ist, hat Freiheit auch noch einen ausgesprochen unvorteilhaften Ruf weg.

        Bis sie futsch ist. Dann wird es noch unbehaglicher.

  2. Dr. Caligari Says:

    Ich habe an der Stelle abgebrochen, wo die demokratischen Kandidatn keinen vernünftigen menschen mehr gegenüberstehen.
    Sorry, ich hab sowas früher auch mal geglaubt (wie jung und dumm war ich), sehe es aber heute extrem andersrum:
    Die Expertokratie, das Berufspolitikertum und Entkopplung von Wähler und Gewählten sind die viel größeren Übel unserer Zeit.

    Das Loblied von Individualität und Freiheit singt sich leicht, wenn amn jung und stark und frei von Abhängigkeiten ist. Doch was ist das für eine Freiheit? Wo ist die Freiheit des Fabrikarbeiters, der 12 Stunden seines Tages arbeitet, um dann Nachts von der Sorge wachgehalten zu werden, durch einen Fabrikunfall vielleicht eine Hand zu verlieren, was für seine Familie den Ruin bedeutet? Wo ist die Individualität des „Individualisten“ in einer Gesellschaft, in der jeder individuell sein will?
    Was ist diese Posse von „ich selbst wähle ja richtig, aber auf die anderen kann ich nicht vertrauen“ wert, wenn alle anderen auch so denken? Haben nicht solche gedanken auch Könige auf ihren Thron und Diktatoren an der macht gehalten?

    Ich möchte angesichts des denkwürdigen Tages abschließen mit: Es lebe die Demokratie! Und die zwar die Massendemokratie, in der Frauen und Besitzlose mitwählen dürfen!

    • arprin Says:

      Die Expertokratie, das Berufspolitikertum und Entkopplung von Wähler und Gewählten sind die viel größeren Übel unserer Zeit.

      Sowohl echte Volksdemokratie als auch Expertokratie gehören zur Demokratie, und beides kann schlecht sein. Was sie es auch meistens sind.

      Wo ist die Freiheit des Fabrikarbeiters, der 12 Stunden seines Tages arbeitet, um dann Nachts von der Sorge wachgehalten zu werden, durch einen Fabrikunfall vielleicht eine Hand zu verlieren, was für seine Familie den Ruin bedeutet?

      Dann setzen wir uns dafür ein, dass die SPD Fabrikunfälle verbietet.

  3. shaze86 Says:

    Mir hat der Artikrl gefallen. Trump ist für mich auch ein würdiger demokratischer Sieger. Immerhin konnte er selbst Linke wie Augstein solche Angst machen, so dass sie ihn gewählt hätten. Immerhin hätte uns doch ein atomarer Konflikt mit Clinton gedroht, oder etw nicht?😉

  4. shaze86 Says:

    Allerdings halte ich Trump nicht für blöd. Ich denke eher, dass er sich schlauer als clinton angestellt haben muss. Das ist doch auch der Grund warum die Demokratie funktioniert. Einfache Selektion.

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