Das alte Deutschland wiederhaben

(Bild: Akif Pirincci bei Twitter)

(Bild: Akif Pirincci bei Twitter)

Markus steht fassungslos vor dem Fernsehen. Einen solchen Kanzlerwahlkampf hatte er nicht erwartet. Vielleicht war es falsch, dass Merkel ein viertes Mal antrat? Aber jetzt ist es zu spät, und die Realität ist da: Angela Merkel tritt im Kanzlerduell gegen Akif Pirincci an, den „deutschen Donald Trump“, wie die Medien ihn nennen. Und Pirinccis Chancen stehen gefährlich gut da: Die letzten Umfragen zeigten ihn bei 48%, während seine Partei, die AfD, bei 25% liegt und längst die SPD überholt hat. Draußen vor Markus‘ Haus schreien einige Pirincci-Fans seinen Wahlkampfslogan „Das alte Deutschland wiederhaben“ und dazu noch ein an Merkel gerichtetes „Sperrt Sie ein! Sperrt Sie ein!“ Bevor das Duell losgeht, erinnert sich Markus an einige Schlagzeilen aus den letzten Monaten.

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Der AfD-Kanzlerkandidat Akif Pirincci sorgte in einem Wahlkampfauftritt in Essen für einen Eklat. Er setzte in einer Rede Flüchtlinge mit Hunde gleich: „Sie kacken in der Öffentlichkeit, berappeln die Frauen ihrer Herrchen und lassen sich dann von ihnen für den Rest ihres Lebens versorgen, ohne dafür zu arbeiten.“ Führende Vertreter der SPD und Grünen forderten eine Anklage gegen Volksverhetzung. Auch AfD-Mitglieder forderten „Mäßigung“ von Pirincci, auch wenn man die Wut über Merkels Flüchtlingspolitik verstehen könne. Auf Facebook ruderte Pirincci bereits zurück und sagte: „Es war kein guter Vergleich, denn Wachhunde arbeiten ja.“

Bei seinem Auftritt in Essen bekräftigte Pirincci außerdem zum wiederholten Male seine Forderung, alle 500.000 abgelehnten Asylbewerber in einem Monat abzuschieben, den Islamischen Staat zum sicheren Herkunftsland zu erklären und den Familiennachzug komplett zu stoppen. Auf eine Publikumsfrage, ob das überhaupt möglich ist, antwortete er: „Gerade die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass es möglich ist, eine sehr große Zahl von Menschen ohne großen Widerstand aus dem Land zu schaffen.“ Und wenn man mit Erdogan einen Deal machen könne, könne man auch mit al-Baghdadi einen Deal machen, so Pirincci, „wer was anderes sagt, lügt.“

(Zeit, 17.02.2017)

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Auf die in einem offenen Brief geäußerte Ankündigung mehrerer Hundert Intellektueller, bei einem Wahlsieg Pirinccis das Land zu verlassen, reagierte Pirincci in einer Stellungnahme hocherfreut: Wenn das Arbeitsamt ihnen die Ausreise zahlt, würde der deutsche Staat am Ende dennoch Milliarden sparen. Außerdem bräuchte jedes Land irgendwann eine „Selbstbereinigung“, als Beispiel nannte Pirincci die Entnazifizierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. „Man sollte all die linksgrün versifften Genderprofessoren mit einer Sackkarre entsorgen“, so Pirincci weiter, und zwar so schnell wie möglich, „sonst müssen wir irgendwann Breivik holen, damit er den Job erledigt.“

(FAZ, 23.03.2017)

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Pirincci hat kurzfristig einen Auftritt bei einer Universität in Stuttgart abgesagt, weil dort auch Mitglieder der Grünen eingeladen wurden. Er könne es nicht verantworten, Kinder in Gefahr zu bringen. Zu seinen Anhängern, die sich ersatzweise in einem Theatersaal versammelten, rief er: „Wenn es nach mir ginge, würden alle Pädo-Grünen im Gefängnis sitzen.“ In dem Auftritt sollte es u.a. um die Lehrpläne für Sexualkunde in Baden-Württemberg gehen, die Pirincci im Vorfeld mit Hitlers Nerobefehl verglichen hatte: Ein „Plan zum nationalen Selbstmord“. Ähnliche Parolen rief er auch bei der Ersatzveranstaltung in Stuttgart, so meinte er: „Wo Homosexualität zur Pflicht wird, wird Heterosexualität zum Widerstand!“

(Süddeutsche, 15.05.2017)

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Erneut steht der Felidae-Autor und AfD-Kanzlerkandidat Akif Pirincci in scharfer Kritik. In einem von 2 Millionen Nutzern „geliketen“ Facebook-Post hatte er dazu aufgerufen, linksradikale Auto-Anzünder präventiv mit dem Auto zu überfahren. Mittlerweile hat er den besagten Post wieder entfernt. Heiko Maas forderte Facebook dazu auf, Pirincci zu sperren, woraufhin seine Anhänger ankündigten, ihm notfalls einen Ersatzaccount zuzulegen. In einer Stellungnahme äußerte sich Pirincci nochmals zu seinem gelöschten Post. Er würde der Botschaft nicht mehr zustimmen, aber es müsse in der Gesellschaft eine offene Debatte geben, was wichtiger sei: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Autoindustrie oder die Versorgung von Linksradikalen?

(Welt, 08.07.2017)

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Nach einer Massenschlägerei von Pegida und Antifa in Dresden mit über 50 Verletzten warfen mehrere Mitglieder der etablierten Parteien Pirincci eine Mitschuld an der Gewalt vor. Zwei Tage vor der Gewalt in Dresden hatte Pirincci bei einem Auftritt in derselben Stadt gesagt: „Wir haben einen Moment erreicht, indem ich eine Stauffenberg-Lösung befürworten würde! Merkel darf sich nirgendwo mehr sicher fühlen!“ Der AfD-Kanzlerkandidat wies aber jede Schuld von sich. In einer Stellungnahme sagte er, er könne nichts dafür, wie andere ihn interpretieren. Außerdem hätte er vielleicht zu Gewalt aufgerufen, aber Merkel habe Gewalt verursacht. „An ihren Händen klebt mehr Blut als an allen Monatsbinden der Welt zusammengenommen“, sagte Pirincci. Unterstützung erhielt er dabei von Parteimitglied Björn Höcke. „Die Grenzöffnung im September 2015 war das Schlimmste, was Deutschland seit 1919 passiert ist“, so Höcke.

Kurz vor dem Kanzlerduell liegt Pirincci in Umfragen nur knapp hinter Merkel, bei etwa 45-48%. In der „Jungen Freiheit“ steht Pirincci mit 53% sogar deutlich vor Merkel. Als Grund für die Unterstützung Pirinccis nennen die meisten, dass er nicht zum Establishment gehört, nicht „politisch korrekt“ ist, sondern gerade aus sagt, was er denkt, sowie seine restriktive Flüchtlingspolitik. Entgegen früherer Aussagen kündigte Merkel an, zum Kanzlerduell anzutreten. Sie hatte es zuvor offen gelassen, da Pirincci ein „lupenreiner Rassist“ sei und ihr Anfang des Monats aufgrund ihrer Rechtsbrüche in der Euro- und Flüchtlingskrise mit Gefängnis gedroht hatte. Ihre Zukunft liege „in Argentinien oder der Justizvollzugsanstalt Tegel“, hatte Pirincci seinen Anhängern bei einem Auftritt in Düsseldorf versichert, die daraufhin begeistert skandierten „Sperrt Sie ein! Sperrt Sie ein!“

(Spiegel, 28.08.2017)

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All die Erinnerungen schwirren in Markus‘ Kopf. Er, ein überzeugtes Mitglied des grünen Flügels in der CDU, hätte vor einem Jahr nicht mal im Traum daran gedacht, in Deutschland einen Wahlkampf zu erleben wie in den USA. Und am meisten macht ihm Angst: Sowie beim Brexit, Trump, dem Italien-Referendum, Hofer, Wilders und Le Pen sagen die Umfragen einen Sieg für das sogenannte „Establishment“, also Merkel, voraus – ein schlimmes Zeichen für ihn, denn in allen anderen Wahlen lagen die Umfragen falsch. Wie sieht Deutschlands und Europas Zukunft aus? Eine erzwungene blau-schwarze Koalition, mit Pirincci als Kanzler? Ohne die EU? Stehen wir vor einem neuen 1933? Warum können die Menschen nicht einfach erkennen, dass Diversity, soziale Gerechtigkeit und grüne Energie das Richtige sind? Was ist so schief gelaufen, dass so viele Menschen das polit-mediale Establishment so sehr verachten?

Plötzlich ertönt ein lautes Geräusch, und Markus ist sofort erleichtert. Es ist sein Wecker. Er hatte nur geträumt. Es ist November 2016, und Pirincci ist weit davon entfernt, Kanzlerkandidat zu sein. Er kann sich wieder damit beschäftigen, wer im Merkel-Kabinett 2017 die Posten bekommt. Denn Deutschland ist nicht die USA. Oder Österreich. Oder die Niederlande. Oder Frankreich. Es droht kein Sieg der Populisten. Zum Glück! Aber leider muss er nach einer kurzen Prüfung feststellen, dass der Brexit und Trump kein Traum waren. Okay, aber solche Ereignisse können mal vorkommen, das muss nichts heißen. Deutschland ist sicher. Deutschland wird nicht fallen. Das postfaktische Zeitalter hat hier keine Chance!

10 Antworten to “Das alte Deutschland wiederhaben”

  1. venguhl Says:

    Wie kommen sie ausgerechnet auf Pirincci?
    Und was soll der Artikel aussagen? Das auch in Deutschland Populisten an die Macht kommen können oder das genau wie in den USA die Mainstream Medien gegen diesen Kandidaten wettern?
    Oder soll der Artikel die aufgeblasene Selbstsicherheit des Establishments bei gleichzeitiger Realitätsferne zeigen?

    • arprin Says:

      Wie kommen sie ausgerechnet auf Pirincci?

      Aufgrund seines losen Mundwerks, und seiner Aussagen über Politik.

      Und was soll der Artikel aussagen?

      Es ist eine Parodie auf aktuelle Entwicklungen, darunter auch „die aufgeblasene Selbstsicherheit des Establishments bei gleichzeitiger Realitätsferne“, und ganz neutral gemeint. Ich bin natürlich weder für Pirincci noch für das Establishment.

  2. Dr. Caligari Says:

    Kann die Sache wirklich so simpel sein?
    Früher war das Establishment eher rechts, also konservativ, religiös begründet und hatte seltsame Ideale wie Patriotismus, Ehre, Entsagung als Selbstzweck und so Kram.
    Da waren die Protestler links. sie liefen selbst der größten Dummheit hinterher, wie Mao, der Sowjetunion und irgendwelche nicht minder seltsamen Vorstellungen. Sie waren kämpferisch atheistisch, hedonistisch und wollten es denen da oben mal zeigen.

    Heute sind die Eliten eher links stehend. Entsprechend sind die Ideale gewandelt oder oft nur ihre Begründungen. Heute kämpfen sie gegen den „Konsumterror“ und predigen Enthaltsamkeit wegen dem Klima. Sie haben die Religion weitgehend aus ihrer persönlichen Lebenswelt verbannt und wenn Personen ernsthaft religiös sind, dann reduzieren sie diese bisweilen komplett auf diesen Aspekt.
    Deshalb rennen die Protestler sogar den größen Dummheiten hinterher, Verehren den „starken Mann“ Putin, sehen den Islam als den Untergang des Abendlandes und sehen Verhältnisse herbei, die zu ihren ungunsten waren, nämlich die unglobalisierte Welt, als man es sich im heimischen garten gemütlich machen durfte, ohne am Leid der Welt teilnehmen zu müssen.

    Die Frage ist, was ist zu tun?
    Klar, wir alle werden sagen, wir haben doch gute Gründe für unsere Ansichten. Aber stimmt das auch oder folgen wir nicht wieder mal der Mode?
    Vielleicht ist da ein bissche konservativer Impetus nicht schlecht: Das Alte ist nicht vollständig zu verdammen. Stattdessen muss jede Veränderung sich erst Mal als Verbesserung rechtfertigen. Auf dem Weg kann man es den „linksgrün versifften“ nicht mal richtig zeigen, aber man läuft auch nicht aus irrationalen Proteststurm einer Dummheit hinterher.

    Nachtgedanken ohne besonderen Wert von,

    Caligari.

  3. Thomas Holm Says:

    Gefaellt mir.

    Anstatt die Dritte Welt fuer unbewohnbar zu erklaeren, erfordert es allein die Anwendbarkeit der Rechtslage, sich ein vollstreckungsgeneigtes Gegenueber anzulachen. Durch Abhaengigmachen von Dekontaminationsmitteln zum Beispiel.

  4. Thomas Holm Says:

    Die lupenreinen CLASS/NostalgikerInnen im identitaeren gender, class und race quagmire der Postmoderne haben ihren eigenen Peter Scholl Latour zum erzaelen, wie alles eigentlich sein muesste.

    Hier einige dialektisch brauchbare Hinweisen auf Elemente post/ moderner Multitude/Verwertung, die nicht zusammen wachsen wollen. Der orthodoxe Rest wuerde natuerlich auf Hungsnot fuer alle Nicht/AvantgardistInnen hinauslaufen.

  5. Thomas Holm Says:

    Die Alternativ/Satire wirkt dagegen erstaunlich ernst und verbissen

    “Trump im Faschismustest … jenseits dessen, was eine Demokratie verträgt …

    Wenn Donald Trump ein Faschist ist und sein Regime faschistisch sein würde, könnte das diese Folgen haben: Die wahren Demokraten in den USA würden früher oder später den Aufstand wagen, um ihre Freiheit zu verteidigen, und der Rest des Westens, der ja universell für die Freiheit, die Demokratie und die Menschenrechte eintritt, müsste die Aufständischen unterstützen, selbst in einem Bürgerkrieg …

    Viele demokratische Politiker haben sich von links als Faschisten beschimpfen lassen müssen, ohne dass es dafür die geringste Grundlage gab. Jetzt ist die Lage anders. “

    http://www.spiegel.de/spiegel/donald-trump-ist-das-schon-faschismus-a-1122277.html

  6. Yadgar Says:

    Nicht Deutschland, sondern Däutschland! Mit Rechtschreibung haben es die „besorgten Bürger“ nach dem, was ich so in den Meinungstoiletten… äh, Leserkommentarspalten der großen Online-Zeitungen mitbekommen haben, ja eher nicht so… andererseits will man natürlich mit den Old-School-Stiefelnazis der Doitschland-Fraktion auch nichts zu tun haben!

  7. bevanite Says:

    Und nun stelle man sich vor, Pirincci ernennt Jürgen Elsässer zum Berater und Götz Kubitschek zum Staatsminister im Verteidigungsministerium. Das ist das Szenario, über das wir hier sprechen.

    • arprin Says:

      Ich denke, die Deutschen würden Pirincci spätestens dann ablehnen, wenn sie wüssten, was er über Wirtschaft denkt. Also keine Sorge, er wird keine Chance haben.

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