Tod durch Statistik

Die Zukunft der Dritten Welt? (Bild: Base64)

Wie tödlich ist die Globalisierung? (Bild: Base64)

Nach dem Wahlsieg Donald Trumps fehlt es nicht an Erklärungsversuchen, wie es zu diesem Weltenbrand kommen konnte. Neben den Fake-News steht ganz oben auf der Liste: Der Neoliberalismus. Bis jetzt sind die Linken noch nie darauf gekommen, dass der für irgendeine negative Entwicklung verantwortlich ist. Im Spiegel wurde jetzt aber eine Studie als Beweis zitiert: Demnach hat die Selbstmordrate seit 2000 besonders dort zugenommen, wo die Globalisierung am stärksten war. Angeblich haben Handelserleichterungen zu Arbeitslosigkeit geführt, diese zu Drogen, Depressionen und Selbstmord, und dann zum schlimmsten von allem: Trump. Die Schlussfolgerung: „Globalisierung kann tödlich sein.“ Deshalb muss die Globalisierung ab jetzt „kontrolliert werden“, um neue Trumps zu verhindern.

Leider ist vieles an der Theorie faul. Das erste Problem ist, dass Trump auch in Bundesstaaten gewonnen hat, die nicht zum Industrieraum des Rust Belt gehören, die angeblich durch die Globalisierung zerstört wurden, wie z.B. Florida. Inwiefern chinesische Billigwaren den Sun State zerstört und dann zu Selbstmorden und Trump getrieben haben sollen, bleibt ein Rätsel. Das zweite Problem ist, dass es trotz der Handelsliberalisierungen mit China noch immer überhaupt keinen freien Handel mit China gibt – und schon gar nicht mit Industriegütern wie Eisen und Stahl. Tatsächlich betreffen die Hälfte aller Zölle und andere Handelsbeschränkungen diese beiden Güter! Die Stahlarbeiter sind die am meisten vor Freihandel geschützte Gruppe der USA (okay, vielleicht zusammen mit den Bauern).

Wenn es aber so viel Protektionismus für die Stahlarbeiter gibt, warum ist die Zahl der Stahlarbeiter in den USA seit 1970 trotzdem um 80% zurückgegangen? Es ist die erhöhte Produktivität infolge der Automatisierung. Die Stahlproduktion im selben Zeitpunkt ist nur um 20% gesunken, man kann heute also mit weniger Arbeitern mehr Stahl produzieren. Dieselbe Entwicklung machen unbemerkt von der Welt auch die drei chinesischen Nordost-Provinzen Heilongjiang, Jilin und Liaoning durch: Hier verlieren immer mehr Stahlarbeiter ihre Arbeitsplätze und viele verlassen die Provinz, weil durch die Automatisierung immer weniger Arbeiter gebraucht werden. Kurz gesagt: Selbst wenn China nicht existieren würde, hätte die amerikanische Stahlindustrie massiv Arbeitsplätze abgebaut. Aber ein Wahlkampf gegen Roboter zu führen ist weniger erfolgsversprechend als gegen Globalisierung.

Sind aber nun Roboter der „eigentliche“ Grund für den Aufstieg Trumps? Nein. Genauso wie internationaler Handel bringt die Automatisierung in erster Linie massiver Wohlstandsgewinn für die große Mehrheit: Wenn Produkte billiger hergestellt werden können, sinken auch die Preise dafür, die Menschen können mehr von ihrem Geld behalten und so mehr in neue Bereiche investieren, wo dann neue Arbeitsplätze entstehen. Am Ende ist für alle mehr da. Wer das anders sieht, müsste der Meinung sein, dass es der amerikanischen Wirtschaft ohne jedes Produkt aus dem Ausland und ohne jede technische Neuerung seit 1800 besser ginge. Sich nur auf kurzfristige Schäden für einzelne Gruppen zu konzentrieren und den kurz- und langfristigen Gewinn für die überwältigende Mehrheit zu ignorieren, ist die Definition von Klientelpolitik. In der Tat: Kaum eine andere Gruppe betreibt so erfolgreich Klientelpolitik wie Stahlarbeiter (und Bauern).

Es ist interessant zu sehen, wie die Linken, die lange Zeit das Motto verfolgten „Alles, was Trump sagt, ist falsch“, ihm ausgerechnet bei seinem zweitwichtigsten Punkt (nach Einwanderung) eindeutig zustimmen. Was werden sie sagen, wenn Trump sich aus den TTP-Verhandlungen zurückzieht? Und dann aus TTIP? Und dann zum „Schutz“ der einheimischen Arbeiter Zölle gegen Billigwaren aus der Dritten Welt einführt, sowie es die Linken seit Jahren fordern? Sie müssten Trump loben – endlich einer, der die Globalisierung bekämpft! Werden sie es schaffen, Trump zu loben? Es wäre auf jeden Fall schwer, Ausreden zu erfinden, warum Protektionismus auf einmal falsch ist, wenn er von Trump kommt statt von den linken Parteien.

Während der Spiegel also behauptet, dass Trump nur aufgrund von postfaktischen Fake-News zum Präsidenten wurde, stimmen sie ihm zu, wenn es um einen seiner wichtigsten Punkte geht – obwohl dieser Punkt total falsch ist. Dabei besteht die Gefahr, dass Trump einen Handelskrieg gegen China startet, der nicht nur die amerikanische, sondern die weltweite Wirtschaft belasten würde. Denn auch wenn die Globalisierung Amerika nicht geschadet hat, sind viele vom Gegenteil überzeugt. Die postfaktischen Fake-News haben gesiegt. Und wer ist ganz vorne mit dabei? Der Spiegel, der nichts Besseres weiß, als Studien zu zitieren, die der Globalisierung die Schuld an Selbstmorden geben und deshalb im Trump-Stil fordert, „die Globalisierung zu kontrollieren.“

11 Antworten to “Tod durch Statistik”

  1. Dr. caligari Says:

    Inwiefern chinesische Billigwaren den Sun State zerstört und dann zu Selbstmorden und Trump getrieben haben sollen, bleibt ein Rätsel.

    Florida, da klingt was bei mir. NASA?

    In der Tat: Kaum eine andere Gruppe betreibt so erfolgreich Klientelpolitik wie Stahlarbeiter (und Bauern).

    Ähhm, unnötig zu erwähnen, dass sowohl Stahl als auch Nahrung zu den Gütern gehören, die man zur Autonomie braucht.

    • arprin Says:

      Florida, da klingt was bei mir. NASA?

      Was ist mit der NASA und dem Handel mit China? Ich sehe da kein Zusmamenhang.

      Ähhm, unnötig zu erwähnen, dass sowohl Stahl als auch Nahrung zu den Gütern gehören, die man zur Autonomie braucht.

      Das dürfte nicht der Grund sein, warum sie Protektionismus fordern. Es geht ihnen um ihre ökonomischen Interessen.

  2. qwerty248 Says:

    Weil es sich um kriegswichtige Güter handelt

  3. bevanite Says:

    Du bist nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand. Kritik am Neoliberalismus (oder neudeutsch: „Globalismus“) kommt schon seit geraumer Zeit verstärkt von den Nationalisten rechter Couleur, egal ob die sich nun auf Amerikanisch „alt-right“, auf Französisch „generation identitaire“ oder auf Deutsch „Neue Rechte“ nennen. Und in deren Weltbild bilden Liberale und Linke einen gemeinsamen Block namens „Globalisten“. Die nicht völlig verblendeten Teile der Liberalen und Linken (also jene, die nicht mit „Identitären“ abendländischer oder islamischer Provinienz gemeinsame Sache machen wollen) müssten sich langsam mal eingestehen, dass sie vom Ansatz her auf der gleichen Seite stehen.

    • arprin Says:

      Liberale und Linke stehen nicht auf derselben Seite. Das zeigt doch schon das Beispiel Freihandel, und das ist nur eines von sehr vielen. Eigentlich so gut wie allen. Ich denke nicht, dass Liberale mit Linken mehr gemein haben als mit Rechten. Mit beiden gibt es wenig bis gar nichts Gemeinsames.

      • bevanite Says:

        Liberale und Linke gehen prinzipiell davon aus, dass Menschen mit den gleichen „Startbedingungen“ geboren werden. Zu dem, was danach passiert, haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen (etwa, ob der Einzelne oder dessen Umwelt an seinem Schicksal schuldig sind). Aber dennoch ist das ist ein ganz fundamentaler Gegensatz zu Konservativen (ob die nun islamisch oder abendländlerisch unterwegs sind, spielt hierbei keine Rolle), die von „natürlichen“ oder „gottgegebenen“ und damit unveränderbaren Unterschieden ausgehen. Und es sieht momentan ganz danach aus, dass dies – und nicht etwa die Positionen zur Wirtschaftspolitik – die entscheidende Konfliktlinie wird.

      • arprin Says:

        Liberale und Linke gehen prinzipiell davon aus, dass Menschen mit den gleichen „Startbedingungen“ geboren werden. Zu dem, was danach passiert, haben sie sehr unterschiedliche Vorstellungen (etwa, ob der Einzelne oder dessen Umwelt an seinem Schicksal schuldig sind). Aber dennoch ist das ist ein ganz fundamentaler Gegensatz zu Konservativen (ob die nun islamisch oder abendländlerisch unterwegs sind, spielt hierbei keine Rolle), die von „natürlichen“ oder „gottgegebenen“ und damit unveränderbaren Unterschieden ausgehen.

        Ich sehe das überhaupt nicht als gemeinsamen Nenner. Die Programmpunkte der Linken sind nicht ähnlich mit denen der Liberalen. Den Linken geht es darum, dass der Staat, und nur der Staat, das Leben der Menschen lenkt, die Liberalen wollen jedem Individuum selbst die Wahl überlassen. Nun kann man sagen, dass die Rechten auch den Staat als Lenker wollen, aber dann spricht das in dem Fall für Gemeinsamkeiten zwischen Linken und Rechten. Aber auch das wäre zu kurz, denn Linke und Rechte wollen aus verschiedenen Gründen den Staat als Lenker haben.

        Und warum du immer wieder Islamisten und Abendländer gleichsetzt, verstehe ich nicht. Es gibt nun wirklich extreme Unterschiede zwischen beiden. Denkst du, die AfD ist auf einer Stufe mit den Muslimbrüdern oder gar den IS?

      • Dr. Caligari Says:

        @bevanite:
        Es mag sein, dass viele Liberale das so sehen, aber eben nicht alle.

    • Carl Eugen Says:

      Das setzt ein Schema voraus, nach dem es nur zwei Seiten gibt: wer nicht links ist, ist rwechts, wer nicht rechts ist, ist links. Tertium non datur. Dieses Schema ist aber grundfalsch. Unabhängig davon, daß gerade bei dieser Frage des Freihandels Rechte und Linke auf der gleichen Seite stehen, meine ich, daß man gut daran tut, sich die Politischen Orientierungen nicht anhand eine Linie (von links nach rechts) zu versinnbildlichen, sondern mithilfe eines Dreiecks. Das stammt nicht von mir, sondern hat F.A. von Hayek im Vor-(oder Nach-?)wort von „Die Verfassung der Freiheit“ vorgeschlagen. Demnach bilden Links und Rechts zwar wie auf einer Linie Eckpunkte, die einander gegenüberliegen; die liberale Position liegt aber gar nicht auf dieser Strecke, sondern ihr im dritten Eckpunkt des Dreiecks gegenüber. Liberal ist weder links noch rechts und auch nicht irgendwo dazwischen, sondern liberal heißt: weniger Politik: weniger linke Politik UND weniger rechte Politik.

  4. Yadgar Says:

    @arprin:
    „Denkst du, die AfD ist auf einer Stufe mit den Muslimbrüdern oder gar den IS?“

    Na ja, die AfD köpft zwar keine Dissidenten, rast nicht mit LKWs in Weihnachtsmärkte oder feuert mit Kalaschnikows in Rockkonzerte – aber solche Underdog-Methoden hat sie auch gar nicht nötig, sollte sie demnächst Regierungspartei sein, stünde ihr schließlich der gesamte Repressionsapparat des Staates zu Gebote, um mit Andersdenkenden und sonstigen Minderheiten kurzen Prozess zu machen.

    Hinsichtlich ihrer Moralvorstellungen insbesondere zu Homosexualität und Frauenemanzipation, aber auch was ihr allgemein konformistisch-autoritäres Gesellschafts- und Menschenbild angeht, kann man hingegen nicht behaupten, dass Welten zwischen Islamisten und AfD-Fanboys lägen… Nachrichten wie diese hier: http://www.tagesspiegel.de/berlin/rechtspopulisten-brandenburger-afd-politiker-konvertiert-zum-islam/20877200.html
    liest man wohl vor allem deswegen nicht öfter, weil islamisierte AfDler in einem zukünftigen eurabischen Kalifat als Konvertiten politisch wohl eher nicht die erste Geige spielen würden – und das geht ja nun gar nicht!

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