Gute Gründe gegen Martin Schulz

Der nächste gescheiterte Kanzlerkandidat (Bild: Mettmann)

Der nächste gescheiterte Kanzlerkandidat (Bild: Mettmann)

Martin Schulz wird SPD-Kanzlerkandidat. Völlig zurecht wird diese Entscheidung von vielen Seiten als hilflose Taktiererei gewertet. Denn auch wenn Sigmar Gabriel chancenlos gewesen wäre, ist ein Martin Schulz ebenso ein farbloser Apparatschik, dessen größte Leistung wohl nur die sein könnte, die Große Koalition fortzusetzen. Allerdings wird neben dieser polit-taktischen Kritik an der Entscheidung auch ein anderer Aspekt kritisiert: Die persönliche Vergangenheit von Martin Schulz. Diese Kritik an der Person statt an den politischen Inhalten dominierte bereits den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf letztes Jahr. Bei Schulz sind es folgende Gründe, die gegen ihn angeführt werden:

– Schulz war Alkoholiker.
– Schulz hat die Schule in der 10. Klasse geschmissen.
– Schulz arbeitete als Buchhändler.

Vor allem der letzte Punkt erscheint mir total albern. Was ist so schlimm daran, dass jemand als Buchhändler gearbeitet hat? Er hat während dieser Zeit zumindest etwas Produktives gemacht, im Gegensatz zum durchschnittlichen Beamten oder Abgeordneten, und es ist ein normaler Beruf, für den man sich nicht schämen sollte. Sollten etwa nur Menschen Politiker werden, die aus der hohen Oberschicht kommen oder die von Anfang an von Staatsgeldern gelebt haben (oder, wie manchmal der Fall, beides gleichzeitig)? Die ersten beiden Punkte wiederum wären nur ein Grund, wenn er noch heute Alkoholprobleme hätte oder es ihm an Allgemeinbildung mangeln würde. Das ist beides nicht der Fall: Schulz ist kein Jelzin und beherrscht 6 Sprachen – mehr als die meisten Schulabgänger.

Ich würde es sogar so sehen, dass Schulz‘ Vergangenheit ihn zwar nicht „besser“ macht, aber wenn überhaupt, ist es etwas Positives, Alkoholismus und Schulversagen überwunden zu haben. Ich würde damit keine Werbung machen, aber es ist auch kein Grund, ihn nicht zu wählen. Dafür gibt es freilich andere Gründe. Schulz ist, wie man es eben für einen Sozialdemokraten erwarten würde, ein schlechter Kandidat. Er hat für den Wahlkampf bis jetzt nur wenige politische Inhalte durchblicken lassen (es sei denn, man hält das ganze Gerede von „Mehr Europa“ und „Soziale Gerechtigkeit“ für Inhalte), aber was er in seiner Zeit beim Europa-Parlament gemacht hat, sollte als Warnung reichen.

Er hat jede einzelne Maßnahme mitgetragen, die dem deutschen Steuerzahler in der Eurokrise Milliarden gekostet hat oder kosten wird. Dazu hat er es gemeinsam mit Juncker nicht im Ansatz geschafft, die immer größer werdende Krise der EU in den letzten zwei Jahren zu verhindern. Seine Rückkehr nach Deutschland hat wohl auch mit seinem Versagen in Brüssel zu tun. Er hat also über die Enteignung von Millionen Deutschen entschieden, die dadurch zu „rettende“ Organisation in eine existenzielle Krise mitgeführt und wechselt als Belohnung dafür zurück in die bundesdeutsche Politik. All das ist einmalig in der deutschen Geschichte.

Nun werden sich einige fragen: Wer ist besser als Schulz? Diese Frage wäre aber ein Missverständnis, denn ich habe nicht gesagt, dass Merkel so viel besser wäre als Schulz, sondern dass Schulz praktisch keine Chance hat, Kanzler zu werden. Nicht, weil Merkel gute Ergebnisse haben wird, sondern weil es mit der AfD im Bundestag so gut wie keine Chance für eine Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt. Die Wahlen 2017 sind also mit großer Wahrscheinlichkeit schon gelaufen: Es wird irgendeine Koalition mit Merkel und ohne die AfD geben. Eigentlich könnten wir das Ganze schon jetzt beschließen, aber in Demokratien ist das Einhalten der formalen Prozeduren sehr wichtig.

4 Antworten to “Gute Gründe gegen Martin Schulz”

  1. Dr. Caligari Says:

    – Schulz war Alkoholiker.
    – Schulz hat die Schule in der 10. Klasse geschmissen.
    – Schulz arbeitete als Buchhändler.

    Das sind alles Dinge, für die ich ein gewisses Verständnis habe, ja die ich sogar bewundern würde.
    Buchhändler ist ein ehrbarer Beruf, besser als Politiker. Die Akademiker haben als Politiker versagt wie jede andere Gruppe, die sich daran versucht hat.

    Sollten etwa nur Menschen Politiker werden, die aus der hohen Oberschicht kommen oder die von Anfang an von Staatsgeldern gelebt haben (oder, wie manchmal der Fall, beides gleichzeitig)?

    Das ist es, auf das manche Leute hinauswollen, ja.

    Deshalb das Loblied der Berufspolitiker, die niemals richtig gearbeitet haben.

    Ich glaube nicht, dass die Wahl im Wesentlichen schon gelaufen ist. Es gibt drei spannende Szenarien:
    1. Schwarzgrün.
    Merkel hat sich im Laufe ihrer Kanzlerschaft immer mehr auf grüne Positionen zubewegt, Energiewende, Flüchtlingspolitik und Öko-Maßnahmen.
    Umgekehrt sind die Grünen inzwischen zu einer Ideologie der gehobenen Gesellschaftsklassen geworden. Das ist demoskopischer Fakt. Vieles bei den Grünen lässt sich nur vor den Hintergrund verstehen, dass es von Wohlstandskindern, die nie etwas anderes kennengelernt haben, kommt.
    Ich sehe da gewisses Potential.
    Und für die Gegner der Politik dieser Parteien gibts endlich ein klares Feindbild…
    2. Rot-Rot-Grün.
    Ich würde die Möglichkeit einer „SED-Koalition“ nicht vorschnell aufgeben.
    Wirtschaftlich und Außenpolitisch wäre es vielleicht zunächst eine Katastrophe: Nato-Austritt als Möglichkeit, EU-Sozialismus, Reichensteuer, Enteignung und Umverteilungspolitik, die nicht funktionieren KANN.
    Allerdings wäre es vielleicht ein lehrreiches Beispiel…
    Abgesehen davon traue ich es der Mehrheit der Bundesbürger, die es „denen da oben mal zeigen wollen“ durchaus zu, dass sie Leute wählt, die dann ganz massiv „die da oben“ spielen werden!
    3. FDP-Faktor. Wieviel Prozent bekommen die Liberalen?

    • arprin Says:

      Punkt 1 würde ja zu meiner Schätzung passen: Eine Koalition mit Merkel ohne die AfD.

      Punkt 2 wird wohl nicht kommen, Rot-Rot-Grün bekommt keine Mehrheit.

      Punkt 3 spielt keine große Rolle.

  2. Martin Says:

    Ich sehe das genauso. Von den angeführten Punkten in Schulz Vita sehe ich alle positiv. Selbstverständlich ist Buchhändler ein ehrbarer Beruf, jeder Beruf, für dessen Ausübung Menschen freiwillig bezahlen und der nicht darauf basiert, anderen Schaden zuzufügen, ist ehrbar Und ein Politiker, der zumindest mal irgendwas gearbeitet hat, ist in meinen Augen jeder der üblichen Funktionärsknallchargen vorzuziehen.
    Das er trockener Alkoholiker ist, ist ebenfalls positiv. Meines Erachtens ein Zeichen für Charakterstärke, den Entzug und den dann auch durchzuhalten, das schaffen viele andere nicht.
    Und das er sich mit miserablem Schulabschluß „hochgearbeitet“ und gebildet hat, sehe ich, auch aus eigener Erfahrung, sogar sehr positiv, mein Lebenslauf ist ähnlich. Abgang nach der 10ten Klasse Gymnasium mit miserabler mittlerer Reife, nach x-fachem Fehlen und zweimaligen Sitzenbleiben, ziemlich viel Alkohol und rumhängen in der Punk-Szene. Selbst (in den 80ern) IT-Kenntnisse erarbeitet, lange als selbstständiger Hardware – und Softwareentwickler tätig gewesen und seit 98 bei einer IT-Beratung als Senior Consultant im Banken- und Luftfahrtbereich tätig. Spreche und verstehe zwar keine 6 Sprachen, dafür aber zumindest englisch auf „nearly native speaker“ Niveau.
    Kann die Art fragmentierten Lebenslauf also durchaus nachvollziehen und sehe darin nichts Negatives.

    Wirklich negativ sehe ich aber, das Schulz m.E. ausschließlich Schulz Interesse und Karriere im Auge hat. Seine ganze Energie ist wird aus meiner Sicht *nicht* nutzbringend für die Leute, die ihn bezahlen, eingesetzt, sondern ausschließlich für ihn selbst.
    Seine sichtbaren beruflichen Leistungen gehen aus meiner Sicht gegen Null, bzw. sind sogar schädlich für seine „Arbeitgeber“.
    Und darum würde ich mir, nicht aus privaten, sondern rein aus pragmatischen Gründen, eher die Hand abhacken lassen, als ihn zu wählen.
    Merkel allerdings auch nicht. Die Frage, wer denn für mich überhaupt wählbar ist, ist für mich immer noch völlig ungeklärt. Verbleibt Abschaum wie Höcke in der Partei, dann ist diese definitiv nicht mal mit viel Überwindung wählbar. Der FDP traue ich keinen Funken Selbstbehauptung und Durchsetzung ihrer Ankündigungen zu, und sonst bleibt da eigentlich nix.

    • arprin Says:

      Aufregender Lebenslauf von dir. Mein Respekt. 🙂 Ich halte eine schlechte Vergangenheit, wie gesagt, auch für kein Problem, solange man sie überwunden hat.

      Schulz ist auch für mich unwählbar. Eine andere Partei erscheint mir aber auch nicht wählbar. 2017 wird ein düsteres Wahljahr, die deutsche Parteienlandschaft ist echt kaputt …

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