Was der Fall Yücel ans Tageslicht brachte

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan

Deutschland hat einen neuen Führer!

Seit Deniz Yücel unter fadenscheinigen Gründen in der Türkei verhaftet wurde, können wir unter gewissen Gruppen in Deutschland einige Reaktionen vernehmen, die viel über den derzeitigen Zustand Deutschlands aussagen.

1. Ein Haufen von Türken mit und ohne deutschen Pass feiert Yücels Festnahme. Für sie ist Yücel ein Landesverräter und Terroristenschreiber, die Justiz in Deutschland und der EU nicht besser als die in der Türkei, wegen dem NSU und weil sie türkische Putschisten nicht ausliefert, dazu könne man angesichts der Armenien-Resolution im Bundestag nicht mit „deutsch-türkischer Freundschaft“ rechnen, und außerdem gäbe es viel wichtigere Themen als Yücel, wie z.B. Rentnerarmut. Die deutsch-türkischen Politiker, die sich im krassen Gegensatz dazu für Yücel und gegen Erdogan aussprechen, gehen im Vergleich dazu unter. Die Mehrheit der Türken in Deutschland will Yücel im Gefängnis sehen.

Die Lektion: Die Türken in Deutschland haben weit mehr Sympathien für ihren Führer Erdogan als für unsere Köterrasse. Leider könnte das bedeuten, dass Erdogan seine Drohung, in Deutschland einen Aufstand anzuzetteln, wenn ihm ein Auftritt verboten wird, vielleicht wahrmachen könnte. Die AKP-Nazis, die immerhin genug Humor haben, um Deutsche als Nazis zu beschimpfen und dann Hitler für seine Judenpolitik zu loben (würde man jedes Mal, wenn ein Türke in den sozialen Medien Hitler lobt, einen Cent bekommen, könnte man damit die amerikanischen Staatsschulden dreimal abbezahlen), sollten auf jeden Fall besser von den Sicherheitsbehörden beobachtet werden, anstatt sich nur auf die Salafisten und Reichsbürger zu konzentrieren.

2. Ein Haufen von nationalistisch gesinnten Deutschen feiert Yücels Festnahme, weil er links ist und sich oft sarkastisch äußert, so z.B. über Sarrazins halbseitige Gesichtslähmung und das vermeintlich bald bevorstehende Aussterben der Deutschen. Kewil von PI News wünscht Yücel lebenslange Haft. Andere erkennen an, dass Yücels Festnahme falsch ist, können aber ihre Schadenfreunde nicht verbergen. So meint Tomas Spahn: „Was hat diesen Türken mit deutschem Reisedokument getrieben, sich in diese Gefahr zu begeben? Hat er darauf vertraut, dass die deutschen Diplomaten ihn schon raushauen werden, weil er doch so pfiffig war, sich neben seinem türkischen Pass auch noch den deutschen zu beschaffen?“

Die Lektion: Die Gegnerschaft zu Erdogan ist bei einigen Menschen in Deutschland nicht durch ihre Gegnerschaft zu autoritären Staatsformen begründet, sondern durch ihre Gegnerschaft zum islamischen bzw. türkisch-nationalistischem Autoritarismus. Sie selbst hätten wohl kein Problem damit, die „Beleidigung des Deutschtums“ unter Strafe zu stellen, so dass Yücel unter ihrer Herrschaft einfach aus anderen Gründen im Gefängnis landen würde. Zum Glück handelt es sich bei dieser Gruppe noch um eine kleine Minderheit, allerdings sollte die AfD darauf achten, nicht von diesen Leuten gekapert zu werden. Thilo Sarrazin, der erfolgreich gegen Yücel geklagt hatte, stellte sich nicht auf die Seite Leute, die Schadenfreude äußerten, und kritisierte Yücels Festnahme.

Im Übrigen finde ich die Bewertung der Person Yücel unter seinen Hassern auf beiden Seiten völlig falsch. Er ist weder ein PKK-Anhänger noch ein linksextremer Deutschenhasser. Seine Kolumne über den vermeintlichen deutschen Volkstod war klar erkennbar sarkastisch gemeint, und sein Kommentar über Sarrazin war geschmacklos, aber deshalb jemandem das Gefängnis wünschen? In den USA, wo es echte Meinungsfreiheit gibt, hätte es wahrscheinlich nicht mal für eine Anklage gereicht. Außerdem hat Yücel durchaus auch gute Sachen geschrieben: Er ist einer der wenigen Linken, der sich klar gegen das iranische Atomprogramm ausgesprochen und auf dessen Gefahr für Israel hingewiesen hat, und der sich über die Auswüchse der Politischen Korrektheit lustig machte.

Überhaupt scheinen mir die rechts-konservativen Kreise in letzter Zeit sehr empfindlich zu sein, nicht nur was Yücels Sarkasmus angeht, sondern z.B. auch das Spiegel-Cover mit Trump und dem abgeschlagenen Kopf der Freiheitsstatue oder den politischen Botschaften im Kölner Karneval. Kleiner Tipp: Diese Empörung wäre glaubwürdiger, wenn man nicht gleichzeitig politische Gegner als „linksgrün versiffte“ „Kinderficker“ bezeichnen und einen Mann, der geschmacklose Kommentare über Mexikaner, Behinderte und Frauen machte (natürlich mit nachgereichter Entschuldigung und Erklärung, sowie es sich in der Skandalökonomie gehört) und bei öffentlichen Auftritten zu Gewalt aufrief nicht etwa im Gefängnis sehen will, sondern im Weißen Haus.

13 Antworten to “Was der Fall Yücel ans Tageslicht brachte”

  1. Jan Trammer Says:

    Fehlt da nicht die Beschreibung der 3. und größten Gruppe?

    Fragolien schrieb zu der von ihnen ausgeklammerten Grp das

    „Wo ist der große Mut der Demokratieverteidiger, der Freiheits- und Buntheitsdjihadisten, der Friedenskämpfer mit Herz und Baseballschläger, der Dauerempörten, wenn hier ein aufsteigender Diktator seine Legionen auf öffentlichen Plätzen mobilisiert und seinen Kampf, bei dem es um mehr als eine Wahl geht, nach Deutschland trägt? Was hält euch ab? Gegen einen Politiker mit zwei Bodyguards geht ihr im Dutzend los, aber wehe Achmed und Mustafa stehen mit der türkischen Flagge vor euch und brüllen „Allahu Akbar!“, dann ist jeder Kampf gegen Religionen und Ideologien und Faschismen vergessen und ihr kauert euch dümmlich grinsend in euch zusammen.

    Wo ist jetzt euer „Wehret den Anfängen!“ und euer ganzes großkotziges „Ich hätte damals (eh schon wissen wann) mein Leben gegeben um die Faschisten aufzuhalten!“ wenn jetzt hier türkische Faschisten aufmarschieren und turknationalistische radikalmuslimische Wesire Hetzreden auf deutschen Plätzen halten?“

    Ja wo seit ihr, die ihr letztes Jahr noch tausende zusammenbekommen habt, um euch gegen paar PEGIDA Rentner zu stemmen?

    • arprin Says:

      Es gibt schon Widerstand, viele fordern einen Auftrittsverbot für Erdogan und seine Bande. Aber es stimmt, dass gerade die, die sonst gar nicht oft genug gegen „die Rechten“ demonstrieren, bei Erdogan eher schweigen.

      • salamshalom Says:

        Ich verstehe nicht, warum nicht die Rechten selbst mal ihren Arsch auf die Strasse bewegen und demonstrieren. Oder können die nur zündeln?
        Lustig, wie die Linken für alles herhalten müssen. Fürs Demonstrieren, fürs Nichtdemonstrieren. Super Flow…

      • arprin Says:

        Lustig, wie die Linken für alles herhalten müssen. Fürs Demonstrieren, fürs Nichtdemonstrieren.

        Demonstrieren und nicht demonstrieren darf jeder. Man muss aber den Anlass für beides nicht gut finden.
        Bist du eigentlich links oder fühlst du eine andere politische Heimat?

      • salamshalom Says:

        „Aber es stimmt, dass gerade die, die sonst gar nicht oft genug gegen „die Rechten“ demonstrieren, bei Erdogan eher schweigen“
        Es geht mir nur darum, dass den „Linken“ ein Vorwurf fürs Nichtdemonstrieren gemacht wird, und diese Kritik sich ausgerechnet daraus speist, dass sie ja sonst doch immer demonstrieren. Warum fragt keiner nach den „Rechten“, in dieser Sache (Türke, Moslem, Nazi-Vergleiche) werden ihnen doch die reinrassigen Argumente quasi aufgezwungen (wenn ich mal diesen kleinen Wortwitz einbauen darf).

        Und bezüglich meiner politischen Heimat: Ich bin rechts der Linken und links der Rechten. Bin ein Fan von Fairness, Monostandards. Lehne politische oder religiöse Missionierungen ab. Und vertraue auf die Kraft des Volkes, eines jeden Volkes, und glaube an dessen Eigenverantwortung.

      • arprin Says:

        Es geht mir nur darum, dass den „Linken“ ein Vorwurf fürs Nichtdemonstrieren gemacht wird, und diese Kritik sich ausgerechnet daraus speist, dass sie ja sonst doch immer demonstrieren.

        Was ist daran nicht zu verstehen? Es geht um die Heuchelei, dass sie gegen die „Rechtspopulisten“ immer in Massen auf die Straße gehen und jetzt gegen Erdogan nicht. Nochmal: Was ist an diesem Vorwurf nicht zu verstehen?

        Warum fragt keiner nach den „Rechten“, in dieser Sache (Türke, Moslem, Nazi-Vergleiche) werden ihnen doch die reinrassigen Argumente quasi aufgezwungen (wenn ich mal diesen kleinen Wortwitz einbauen darf).

        Weil es um Linke ging.

        Ich bin rechts der Linken und links der Rechten. Bin ein Fan von Fairness, Monostandards. Lehne politische oder religiöse Missionierungen ab. Und vertraue auf die Kraft des Volkes, eines jeden Volkes, und glaube an dessen Eigenverantwortung.

        Also inhaltsloses Blabla. Hatte schon damit gerechnet. (Und dabei erwarte ich gar keine detaillierte Auslegung von Steuerpolitik, Handelspolitik, Einwanderung, Kriminalität usw., aber ein kleines bisschen mehr als „Fairness“, „Kraft des Volkes“ und „Eigenverantwortung“ wäre schon nett gewesen.)

    • bevanite Says:

      @ Jan Trammer:

      Ja wo seit ihr, die ihr letztes Jahr noch tausende zusammenbekommen habt, um euch gegen paar PEGIDA Rentner zu stemmen?

      Bei den jüngsten Besuchen hochrangiger türkischer Politiker gab es sehr wohl linken Protest dagegen. Allerdings bezweifle ich, dass dieser bei Couch-Liberalkonservativen gut gediehen ist, entsprang er doch der alten Solidarität radikaler Linker mit der kurdischen PKK. Parteipolitisch scheint die größte Kritik an Erdogan derzeit auch von kurdischstämmigen Politikern der Linkspartei zu kommen.

  2. Asdren Zhitia Says:

    Das was ich zum kotzen finde ist ja das die Türken die in Österreich Leben zu über 70% den Erdogan wählen. Die in der Türkei aber weit weniger. Das zeigt ja den unterschied wo die Türken eher liberaler sind.

    • arprin Says:

      Es hätte schon eine Tragik, wenn das Referendum am Ende von den Türken in Europa entschieden wird. Die europäischen Türken würden die asiatischen Türken zu einer totalitären Diktatur verdammen …

      • Asdren Zhitia Says:

        Das ist doch pervers, aber auch logisch ist nicht anders als in meiner heimat den Kosovo . Die Leute dort sind moderner weniger religiös und prowestlicher als die Albaner die hier leben.

        Man sollte erwähnen das die Türken und Albaner nicht respektiert werden in der eigenen Heimat.

        Ich wurde öfters Ausländer bezeichnet in meiner alten Heimat als in Österreich, bei den Türken ist es nicht anders das Wort Almane (türkisch: Deutscher) wird oft für diese Leute benützt.

  3. Olaf Says:

    Yücel ist kein Satiriker, er ist ein hasszerfressener, linker Antideutscher. Deshalb gehöre ich zu Gruppe 2, und kann die Sache entspannt und amüsiert beobachten, wenn sich Türken und Linke gegenseitig in den Kerker werfen. Es ist kein Deutscher betroffen, in diesem „War of Abschaum“.

    • arprin Says:

      Es ist kein Deutscher betroffen

      Yücel ist Deutscher. Dass er sich anti-deutsch geäußert hat ändert daran nichts, denn viele Deutsche hassen ihr eigenes Land, das ist also kein Ausschlusskriterium.

      • Olaf Says:

        Nein, Antideutsche sind keine Deutschen. Yücel wünscht den Deutschen den Tod, aber verlangt Solidarität von seinen Opfern!? Das geht nicht, deshalb ist er in Erdogans Kerker gut aufgehoben.

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