Zitate machen Weltbilder

Eine Warnung

Während des Aufstiegs der AfD wurde die Partei durch die Verbreitung von Zitaten, die angeblich von Mitgliedern der Partei stammten, von ihren Gegnern als hetzerisch und rassistisch gebrandmarkt. Es gab den vermeintlichen Schießbefehl von Petry oder den noch schlimmeren Schießbefehl (weil „auf Frauen und Kinder“) von Storch. Dann gab es auch Zitate, die zwar richtig wiedergegeben wurden, aber deren Bedeutung teilweise missverstanden wurde, so z.B. bei Gaulands Aussage über Boateng oder auch bei Höckes Rede zum Holocaust-Mahnmal. Auch bei Nicht-AfD-Mitgliedern, die in die „AfD-Ecke“ gerückt wurden, wurden Zitate verfälscht wiedergegeben, das beste Beispiel dafür dürfte Pirinccis „KZ-Rede“ gewesen sein.

Jeder, der sich die genauen Textstellen durchlas, konnte erkennen, dass hier Dinge grob oder zumindest leicht verfälscht wiedergegeben wurden. Man muss, das, was sie sagten, überhaupt nicht gut finden (ich fand Gaulands Aussage dumm und Höckes total widerlich), aber richtig wiedergeben sollte man sie schon. Petry sagte z.B. nie das Wort „Schießbefehl“, also die Praxis des Schießens auf Menschen, die sich der Grenze annähern, wie es in der DDR üblich war, sondern dass die Grenzbeamten „notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen“ müssten, was in Ultima Ratio auf jedes Gesetz der Welt zutrifft. Pirincci wiederum sagte, seine Gegner würden sie am liebsten in neue KZ stecken und wurde dann so zitiert, als würde er selbst neue KZ für seine Gegner fordern.

Nun könnte man meinen, diese Erfahrung hätte die AfD-Mitglieder sensibel dafür gemacht, falsche oder aus dem Kontext gerissene Zitate zu verbreiten. Aber weit gefehlt. Stattdessen zahlt man es jetzt, wie es im politischen Geschäft leider üblich ist, mit gleicher Münze heim. Seit Tagen behaupten AfD-Mitglieder, Margot Käßmann hätte beim jüngsten Kirchentag gesagt, wer zwei deutsche Eltern und vier deutsche Großeltern hat, sei ein Nazi. Auch Henryk M. Broder behauptet das und spricht von der „Fortsetzung der Nürnberger Gesetze.“ Tatsächlich kann man bei einem kurzen Blick in die Rede erkennen, dass Käßmann das nicht gesagt hat. Es war eine Sinnentstellung im Stile der AfD-Gegner.

Was Käßmann sagte war nicht „Alle Nicht-Migranten sind Nazis“, sondern „Wer sich wünscht, dass nur einheimische Frauen Kinder bekommen sollen, ist ein Nazi.“ Ich halte diese Aussage für falsch, und es ist auch nicht die genaue Position der AfD (Förderung für einheimische Familien – was ich übrigens ebenso ablehne wie jede andere staatliche Subvention – bedeutet nicht Fortpflanzungsverbot für ausländische Familien) und somit selbst etwas verfälschend, doch eines sagt Käßmanns Zitat nicht: Dass alle Nicht-Migranten Nazis sind. Das scheint die, die das Zitat ohne Kontext verbreiten, nicht zu interessieren. Angeblich will Käßmann nun gerichtlich dagegen vorgehen, die Sache könnte also in die nächste Runde gehen.

Warum aber passiert es überhaupt, dass Zitate von Menschen allen politischen Couleurs so falsch wiedergegeben werden? Diese Masche ist ja nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt, sondern gehört von ganz links bis ganz rechts zum Standard. Offenbar dienen gefälschte Zitate, die man dem Gegner unterstellt, der Schärfung des eigenen politischen Bewusstseins. Schon Marie-Antoinette wurde das Zitat „Dann sollen sie doch Kuchen essen“ unterstellt (sie hat diesen Satz nie gesagt). Chruschtschows berühmte Aussage „We will bury you“ war zwar real, aber nicht als atomare Drohung gemeint. Solche Beispiele für falsche Zitate finden sich über die ganze Geschichte verteilt, und leider siegt in den Geschichtsbüchern oft die erfundene oder sinnentstellte Version.

Wahrscheinlich werden auch in zukünftigen Geschichtsbüchern Petrys und Käßmanns Aussagen in der Version, die von ihren Gegnern verbreitet wurde, verewigt werden. Die AfD-Gegner könnten sich mit dem AfD-Programm beschäftigen, und die Gegner des linksgrünen Spektrums mit den wahren Ansichten dieses Spektrums. Aber es ist viel einfacher zu sagen „Die AfD fordert ein Schießbefehl gegen Frauen und Kinder!“ oder „Käßmann hält alle Nicht-Migranten für Nazis!“ Damit kann man sich Auseinandersetzungen mit den realen Positionen des Gegners (also z.B. Petrys Meinung zur Flüchtlingspolitik oder Käßmanns Meinung zur Familienpolitik) ersparen und sich stattdessen dafür loben, dass man nicht so krank ist wie der „Nazi“ oder „Gutmensch“, den man verabscheut.

10 Antworten to “Zitate machen Weltbilder”

  1. Dr. Caligari Says:

    Ich bin mittlerweile zum Urteil gelangt, dass ein intelligenter Mensch bestimmte Worte nicht wählen sollte und bestimmte Vergleiche nicht zieht.

    Man verrät eben doch gewisse Hintergedanken oder will assoziationen wecken. Zumindest muss man bei „Medien-Profis“ davon ausgehen.

    Man kann seine Sätze auch so wählen, dass sie SCHWER zu entfremden sind.

    • arprin Says:

      Was meinst du jetzt konkret?

      Und ich denke, egal welche Assoziationen etwas wecken kann, man sollte nie den Kontext entfremden oder ganze Aussagen erfinden (z.B. „Schießbefehl“).

      • Caligari Says:

        Jemanden Wörter in den Mund zu legen ist natürlich unterste Schublade, das stimmt.

        Aber man sollte auch ein bisschen aufpassen, um nicht missvertanden zu werden.

      • Gutartiges Geschwulst Says:

        @Caligari: „Aber man sollte auch ein bisschen aufpassen, um nicht missverstanden zu werden.“

        Man kann nicht aufpassen. Das absichtliche Missverständnis gehört zu den wichtigsten Waffen unserer polit-medialen Zuhälter.
        Wer nicht missverstanden werden will, hat nur die Möglichkeit zu schweigen

      • Olaf Says:

        Das ist der Lügenpresse-Hexenhammer. Entweder sie sagen es, oder wir schreiben es, die Hexe wird brennen, so oder so.

  2. Olaf Says:

    Die selektive Skandalisierung ist doch das Problem. AfD – Skandal, Blockparteien – kein Skandal, das ist das Prinzip der Lügenmedien.

    Malu Dreyer hat am Abend ihrer Wahl gesagt: „Leider gab es diesmal kein Fukushima, deshalb haben die lieben Grünen so schlecht abgeschnitten.“ Kein Aufschrei, kein Skandal, weil Blockpolitiker.

  3. Timo Ollech Says:

    „dass hier Dinge grob oder zumindest leicht wiedergegeben wurden“ – da fehlt wohl ein entscheidendes Wort. 😉

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