Terror als Blowback?

Osamas Erbe in New York

Ist Terror nur Blowback?

Die letzten zwei Jahre des Terrors in Europa haben eine Reihe an Erklärungen für die Ursachen des Terrors hervorgerufen. Einer dieser Erklärungen ist die These, dass die Terroranschläge im Westen eine Folge der westlichen Interventionen im Nahen Osten sind. Man sieht also den Terror, kurz gesagt, als „Rache für Irak“ oder „Rache für Afghanistan“. Diese These ist vor allem bei linken Antiimperialisten verbreitet, die für jedes Übel der Welt „den Westen“ verantwortlich machen, aber auch bei libertären Nicht-Interventionisten, die die Außenpolitik der westlichen Staaten sehr kritisch sehen. Oskar Lafontaine und Jeremy Corbyn stimmen hier seltenerweise mit Ron Paul und Bryan Caplan überein. Auch mein Lieblingskommentator „Salamshalom“ hält Terroranschläge im Westen für Blowback, obwohl er gleichzeitig 9/11 für einen Inside Job hält (so ist er zweifach abgesichert: Entweder der Westen ist Schuld, oder der Westen ist Schuld).

Ich halte die Blowback-These jedoch für vollkommen falsch. Wenn man die Fakten genauer betrachtet, ist sie so spektakulär falsch, dass es absurd erscheint, dass irgendjemand sie ernsthaft vertritt. Es gibt viel dazu zu sagen, ich habe hier mal sechs Punkte gesammelt.

1.) Es gab kein Blowback von Vietnamesen, Salvadorianer oder Serben.

Der Westen hat nicht nur islamische Länder bombardiert. Die USA haben jahrelang in Vietnam in viel größerem Umfang interveniert, mit mehr Soldaten, mehr Waffen und mehr zivilen Opfern. Auch in anderen Ländern wie El Salvador oder in den Jugoslawienkriegen haben die USA und andere westliche Länder massiv interveniert. Die Zahl der Menschen, die aus diesen Ländern kommen und im Westen leben, ist groß genug für terroristische Zellen: Es gibt 2 Millionen Vietnamesen und 2,1 Millionen Salvadorianer in den USA und über 200.000 Serben in Deutschland. Wo blieb die „Rache für My Lai“ in den USA? Wo blieb die „Rache für Kosovo“ in Deutschland? Und kommt mir nicht mit „Die westlichen Interventionen dort dauerten nur kurz, die Muslime werden seit Jahrzehnten unterdrückt.“ Die amerikanischen Interventionen in Südostasien erstreckten sich über rund drei Jahrzehnte, und Deutschland hat den Serben 1914-18, 1941-45 und in den 1990ern, also fast ein ganzes Jahrhundert lang, übel mitgespielt. Trotzdem ist nie ein Serbe in Berlin oder München detoniert. Das sollte den den Blowback-Theoretikern zu denken geben. Es kommt aber noch mehr.

2.) Die Täter kommen meistens nicht aus den Ländern, in denen es Interventionen gab.

In welchen islamischen Ländern hat der Westen interveniert? Die erste Intervention war 1991 im Irak, es folgten Somalia, Jugoslawien (bzw. die muslimischen Gebiete, Bosnien und Kosovo, aber zählen wir es als ein Land), Afghanistan, wieder der Irak, die Drohnenkriege in Pakistan und Jemen, Libyen, Mali und schließlich Syrien. Insgesamt sind das neun Länder. Aber nur wenige der islamistischen Terroristen im Westen stammten aus diesen Ländern. Die Terroristen von 9/11 stammten aus Saudi-Arabien, Ägypten und Libanon, die Terroristen in Frankreich und Belgien stammen überwiegend aus Marokko, Tunesien und Algerien, die Boston-Bomber kamen aus Tschetschenien, Anis Amri war Tunesier, der Stockholm-Fahrer Rakhmat Akilov ist Usbeke. Sicher gab es auch mal Terroristen aus Ländern wie Afghanistan oder Libyen (z.B. in Orlando 2016 oder jüngst in Manchester), aber die Mehrheit der Terroristen stammt nicht aus Ländern, in denen der Westen interveniert hat, sondern am häufigsten aus Marokko und Tunesien. Jetzt kommt wohl das Argument „Die Muslime aus aller Welt halten zusammen, die Marokkaner und Tunesier nehmen Rache für die Iraker und Afghanen!“ Aber auch das ist nicht schlüssig.

3.) Es gibt keine weltweite islamische Solidarität.

Die Ansicht, Muslime in aller Welt würden zusammenhalten, wenn irgendwo Muslime unterdrückt werden, ist absurd. Dann würden sie als erstes gegen die Unterdrückung in den eigenen Reihen vorgehen, was sie nicht tun (man denke nur an die 200.000 toten Muslime in Darfur, die kaum einen Muslim außerhalb Sudans interessiert haben). Aber sie interessieren sich auch kaum dafür, wenn Muslime von Nicht-Muslimen unterdrückt werden. Die Massaker an den muslimischen Rohingya durch Buddhisten in Burma haben im Nahen Osten kaum ein Echo ausgelöst, ebensowenig gewalttätige Übergriffe auf Muslime durch Hindus in Indien oder durch Christen in der Zentralafrikanischen Republik. Das ist nicht mal als Vorwurf gemeint, denn warum muss es eine „islamische Solidarität“ geben? Es gab z.B. auch keine „katholische Solidarität“ während des Nordirlandkonflikts (d.h., katholische Bayern haben nicht aus Rache protestantischen Bayern getötet). Mit „Solidarität“ kommt die Umma eigentlich nur, wenn es um Israel geht, und diese Doppelmoral kann man dann auch einfach erklären: Es geht nicht um islamische Solidarität, sondern um Antisemitismus. Außerdem gibt es Anschläge, die man beim besten Willen nicht mit irgendeiner Solidarität erklären kann.

4.) Die Anschläge finden oft in den Ländern statt, die nicht für die Interventionen verantwortlich waren.

Einen Anschlag in den USA kann man immer als Rache für irgendeine Intervention interpretieren. Ebenso kann man die Anschläge in Madrid 2004 und London 2005 als „Rache für den Irakkrieg“ interpretieren, immerhin waren diese Länder am Krieg beteiligt und die Anschläge fanden in dieser Zeit statt. Aber: Welches islamische Land hatte Schweden zuvor bombardiert, als es den Anschlag in Stockholm gab? Ein Racheakt als mögliches Motiv fällt völlig weg, Schweden hat kein islamisches Land bombardiert und war auch den Muslimen im Land gegenüber sehr gastfreundlich. Deutschland und Belgien waren am Afghanistan-Einsatz beteiligt, aber das waren nach 2001 die einzigen Einsätze beider Länder in der islamischen Welt, und beide Länder waren scharfe Gegner des Irakkriegs. Deutschland ist kein imperialistisches Land, dass überall auf der Welt Muslime unterdrückt (und schon vergessen, was im Herbst 2015 passiert ist?). Frankreich war zwar ein scharfer Gegner des Irakkriegs, intervenierte jedoch später in Libyen, Mali und Syrien. Aber diese Einsätze können kaum eine Erklärung für einen Racheakt sein, wie der nächste Punkt zeigt.

5.) Der Blowback als Motiv macht politisch kaum einen Sinn.

Islamistische Terroristen haben eine politische Ideologie, und zwar den Islamismus natürlich. Als der Westen 2001 in Afghanistan Islamisten stürzte, konnte das für islamistische Terroristen ein Motiv für Rache gewesen sein, ebenso die Einsätze gegen al-Qaida und den IS. Aber die meisten größeren Interventionen des Westens richteten sich nicht gegen Islamisten, sondern gegen nationalistische Diktatoren. Saddam, Milosevic, Gaddafi und Assad waren (bzw. sind) keine Islamisten. Klar, beim Irakkrieg 2003 kann man argumentieren, dass die Islamisten zwar Saddam hassten, aber die westliche Intervention noch mehr, und dass sie sie als brutale Ungerechtigkeit empfanden, die gerächt werden muss. Aber was war aus islamistischer Sicht falsch an der westlichen Intervention im Kosovo (also der Unterstützung der muslimischen Albaner gegen die Serben)? Oder am Sturz Gaddafis, oder an der westlichen Hilfe für die syrischen Rebellen? Rache macht hier keinen Sinn. Wenn man der westlichen Außenpolitik eine Schuld am Terror geben will, dann höchstens deshalb, weil man die politische Stärke und die radikale Undankbarkeit der Islamisten unterschätzte, als man gegen die Diktatoren der islamischen Länder vorging. Doch auch das ist falsch.

6.) Terroristen sind selbst für ihre Taten verantwortlich.

Ich stimme der Kritik an westlichen Interventionen oft zu, auch wenn ich denke, dass einige Interventionen richtig waren. Bushs Irakkrieg war eine große Dummheit, aber der Sturz der Taliban in Afghanistan nach 9/11 oder der derzeitige Krieg gegen den IS waren bzw. sind richtig. Doch selbst wenn man ein Zusammenhang zwischen westlichen Interventionen und Terroranschlägen zieht – was, wie in den obigen Punkten erklärt, meistens unsinnig ist – gilt: Terroristen sind Menschen, die zu eigenem Handeln fähig sind. Egal, durch welche Umstände ihre Anschläge möglich wurden und welche Begründungen sie für ihre Taten nannten, sie sind ganz allein für sie verantwortlich. Das gilt für alle Terroristen, nicht nur Islamisten im Westen. Trotz der Unterdrückung der Kurden in der Türkei ist die PKK für den Terror der PKK verantwortlich, und trotz der Unterdrückung der Tamilen in Sri Lanka waren die Tamil Tigers für den Terror der Tamil Tigers verantwortlich. Jeder kann die westliche Außenpolitik kritisieren, aber westliche Außenpolitik und Terrorismus sind zwei verschiedene Dinge, die man auch verschieden betrachten muss (zur Klarstellung: Terrorismus ist eben nicht Selbstverteidigung, sondern das Töten von Unschuldigen).

Geniale Analytiker wie „Salamshalom“ wird das natürlich nicht beeindrucken. Für sie, die den Westen für alles Übel der Welt verantwortlich machen, werden Terroranschläge im Westen immer die Reaktion auf westliche Unterdrückung sein (und gleichzeitig Inside-Jobs), völlig egal, welche Argumente man dagegen nennt. Vernünftige Menschen sollten dagegen zur Kenntnis nehmen, dass die Blowback-These keinen Sinn macht. Sonst hätten wir in den 1970ern und 1980ern Tausende tote Amerikaner durch vietnamesische Terrorzellen haben müssen, und die Schweden hätten wiederum niemals Ziel von LKW-Missbrauch werden können (meine Güte, es gibt sogar islamistische Terrorzellen in der Schweiz!). Anstatt immer nur über die Terroristen zu reden, sollte man ihnen vielleicht mal zuhören. Sie nennen ihre Motivation in ihren Magazinen, ihren Verlautbarungen, in ihren Prozessen: Es geht ihnen um die Errichtung des Kalifats, weil sie die westliche Kultur als sündhaft und unmoralisch empfinden. Deswegen töten sie Ungläubige, Homosexuelle, Blasphemisten, unterdrücken Frauen, Alkohol-Trinker und verteilen Korane. Ist das nicht eine viel schlüssigere Erklärung für den Terror als der Blowback-Unsinn?

2 Antworten to “Terror als Blowback?”

  1. Dr. Caligari Says:

    Zitat:
    „Es gab kein Blowback von Vietnamesen, Salvadorianer oder Serben.“

    Das hat den linken Anti-Imp niemals gekümmert, egal wie oft man mit diesem absolut logischen und vernichtenden Gegenargumentkommt.

    Zitat:
    „Jetzt kommt wohl das Argument ‚Die Muslime aus aller Welt halten zusammen, die Marokkaner und Tunesier nehmen Rache für die Iraker und Afghanen!‘ Aber auch das ist nicht schlüssig.“

    Ich möchte hier zwei Dinge anmerken:
    1.) Dieses „Argument“ – das du richtigerweise als unschlüsslig zurückweist, Schutzbehauptung trifft es wohl eher – geht absolut nicht auf. Demnach müsste andere unterdrückte Minderheiten im Westen seit Jahren durch extreme Gewalt und Terror auffallen.
    2.) Dieses Argument referiert auch auf ein religiöses Konzept: Der „Umma“. Wer so argumentiert, der sagt selbst, dass es etwas mit bewusster Religion zu tun hat.

    Zitat:
    „Aber: Welches islamische Land hatte Schweden zuvor bombardiert, als es den Anschlag in Stockholm gab? Ein Racheakt als mögliches Motiv fällt völlig weg, Schweden hat kein islamisches Land bombardiert und war auch den Muslimen im Land gegenüber sehr gastfreundlich.“

    Hier wird eine westliche „Kollektivschuld“ konstruiert, die dann aber einer anderen Gruppe unterstellt wird.
    Eine… „hilfebedürftige“ Argumentation. Sie riecht nach Verzweifelung.

    Hinter diesen ganzen Überlegungen verbirgt sich das „linke Menschenbild“, das den Menschen in erster Linie als unmündiges Opfer seiner Umstände sieht. Es ist natürlich korrekt, dass Umstände Menschen beeinflussen. Aber die vollkommene Hilflosigkeit stimmt nicht.
    Wenn man nach en Umständen als Ursache sucht, wird man viel eher in der Sozialisation in diesen Gemeinschaften fündig werden – das sind die psychologischen Hintergründe, in dessen Licht eine so völlig absurde Handlung wie ein Selbstmordanschlag überhaupt denkbar werden.

    Da die Voraussetzungen falsch sind, ist die Empfehlung der linken allenfalls zufällig richtig. Aber gehen wir mal davon aus, Trump beschließt morgen früh aus einer Laune heraus, dass binnen der nächsten zwei, 3 Monate alle westlichen Soldaten ohne UN-Mandat sich aus den Gebieten des Nahen Ostens zurückziehen. Wird der Terror deshalb enden?
    Oder wird man dort im Gegenteil „sichere Häfen“ bauen und von dort aus Europa unter Feuer nehmen?
    Ehrliche Antwort: Man weiß es ganz einfach nicht!

    Die Vorschläge der Linken laufen effektiv darauf hinaus, dass wir den Nahen Osten sich selsbt überlassen und dafür mit Frieden belohnt werden. Das nent man wohl „internationale Solidarität“.

  2. Rudi Says:

    Und noch schöner ist dies bei den Anschlägen auf Bali (Indonesien) und Djerba (Tunesien). Diese Länder gehören nicht mal zum „Westen“. Allerdings gibt es ja dann die Erklärung, daß z.B. der Anschlag auf Djerba aus Ärger über die Touristen am Ballermann ausgeführt wurde.

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