Gegen den touristischen Chauvinismus

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Heute berichtete der Spiegel über den Tourismus-Boom in Sansibar. Die Insel war, nachdem der Oman sie an den Staat Tanganjika (aus dem danach Tansania wurde) verlor, jahrzehntelang sozialistischem Verfall preisgegeben wie Kuba. Jetzt gibt es, ähnlich wie in Kuba, einen kleinen Aufschwung. Letztes Jahr besuchten 300.000 Touristen die Insel. Nicht allen gefällt diese Entwicklung. Denn durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den Tourismus-Boom werde, so heißt es, der „marode Charme“ der Insel verschwinden, und sie wird voll von Touristen werden. Der erste Kommentator unter dem Spiegel-Artikel bringt diese Ansicht sehr gut auf den Punkt:

Schade. Der weltweite Pauschaltourismus zerstört alles. Ich war vor 12 Jahren auf Sansibar. Damals war die Altstadt von Stone Town ein Traum Denkmalgeschützte Gebäude, Geschichte an jeder Ecke und authentische Straßenmärkte, Restaurants etc. Die Nordküste um Nungwi war ein Paradies für Backpacker mit endlosen Sandstränden und immer noch afrikanischer Lebensfreude, nur mit dem Sammeltaxi in mehrstündiger Fahrt über Schotterpisten zu erreichen. Die Ostküste um Jambiani war sehr relaxt und touristisch bis auf wenige Mittelklassehotels kaum erschlossen. Jeder Urlauber konnte dort zur Ruhe kommen und dem bunten Treiben am Strand und in den Dörfern zusehen. Wenn ich lese, dass auf der Insel jetzt der Pauschaltourismus mit Chill-Lounges, Boutique-Hotels und 5-Sterne-Resorts Einzug gehalten hat und das internationale Eventpublikum dominiert, überkommt mich das kalte Grausen. Ich werde nicht wieder nach Sansibar reisen. Noch gibt es in Afrika viele touristisch weniger erschlossene Paradiese …

Nicht nur, wenn es um Kuba oder Sansibar geht, viele Menschen ärgern sich über den Massentourismus an berühmten Denkmälern oder auch über den zunehmenden Tourismus von Chinesen nach Europa. Die Kritik ist immer dieselbe: Die Touristen verändern den Ort, den sie besuchen. Kuba und Sansibar sind nicht mehr so marode, berühmte Denkmäler sind voll von Menschen, die Lärm machen (weil sie sprechen) und Müll verursachen, und in Europa sieht man in den Straßen immer mehr Menschen mit kleineren Augen als bei Kaukasiern üblich. Ich halte diese Sichtweise für extrem falsch und chauvinistisch, und es erinnert mich an die grünen Bessermenschen, die die Plebejer dafür verurteilen, weil sie keine Elektroautos fahren wollen.

Glücklicherweise hat sich Bryan Caplan schon eine Woche vor dem Erscheinen des Spiegel-Artikels dem Thema angenommen: „Stop Thinking Like a Tourist„. Er nahm dafür das Beispiel eines kleinen Dorfes in North Dakota mit 3.000 Einwohnern, der sich dank Fracking zu einer größeren Stadt voller neuer Wohn-, Einkaufs- und Industrieanlagen mit 100.000 Einwohnern verwandelt hat. Für die Touristen ist das schlecht: Die schöne Dorf-Idylle ist weg. Man kann dieses Beispiel für alle Formen des touristischen Chauvinismus nehmen, und dieselben Gegenargumente nennen. Denn für die Mehrheit der Menschen ist durch den neuen Aufschwung und den Massentourismus nichts schlechter geworden.

1. Es ist leicht, als Tourist nur die Nachteile zu sehen, die der Fracking-Boom für einen Touristen, der ein kleines Dorf liebt, bringt. Aber die Welt besteht nicht nur aus besagtem Touristen (oder denen, die denken wie er). Weder Dörfer noch Großstädte sind Museen, die sich chauvinistische Touristen alle Jahre mal ansehen. Die Menschen, die in den Touristenorten leben, haben auch Wünsche für ihr Leben. Dazu zählt wirtschaftlicher Wohlstand, also eine erhöhte Kaufkraft. Doch nicht nur die Menschen vor Ort profitieren z.B. bei einem Fracking-Boom von einem höheren Einkommen, auch alle Menschen, die nun billigere Energie haben (das kann auch der chauvinistische Tourist sein), zählen zu den Gewinnern. Falls es in einem Ort zu einem für den chauvinistischen Touristen ärgerlichen, massiven Anstieg der Touristenzahlen kommt, zählen auch die Mehrheit der Touristen zu den Gewinnern.

2. Ist es wirklich schlimm, wenn sich ein schönes Dorf in einen Großstadt mit Industrieanlagen verwandelt? Jeder hat sicher seine Präferenzen, was schön ist, doch eines ist auch klar: Je länger man in einem Ort lebt, desto mehr gewöhnt man sich an ihm. Es ist kein Geheimnis, dass nicht alle Menschen, die vor Traumstränden leben, auch jeden Tag oder jede Woche dahingehen, und nicht alle Bewohner von idyllischen Dörfern oder Städten mit prächtigen Skylines jeden Tag von ihrem Wohnort fasziniert sind. Bryan Caplan nennt für sich das Beispiel der deutschen Kleinstadt Sigmaringen, die er bei einem Besuch wie das Paradies fand, während die Bewohner nichts davon merkten. Wahrscheinlich gewöhnt man sich auch an unschöne Gegenden, wenn man lange dort lebt. Damit ein Ort wirklich dauerhaft und nicht nur für einmalige Touristenbesuche wunderschön oder hässlich ist, braucht es schon wirklich große Anstrengung.

Der Tourismus wächst immer weiter: Wurden 1950 noch weltweit 25 Millionen Ankünfte gezählt, waren es 2008 schon 928 Millionen und 2014 rund 1,2 Milliarden. Und es werden jährlich immer mehr. Etwa 10% des gesamten Bruttoinlandsprodukts wird durch den Tourismus erwirtschaftet. In Regionen wie Kroatien, Ägypten oder Florida macht Tourismus deutlich mehr als 10% der Wirtschaftskraft aus. Mit einigen Maßnahmen könnte es noch viel mehr Tourismus in der Welt geben. Die wichtigste wäre natürlich die Lockerung von Visa-Bestimmungen. Wenn die EU die Visa-Bestimmungen für Chinesen lockert, könnte sich die Zahl der chinesischen Touristen vermutlich schnell verzehnfachen. Aber auch ein Land wie Indien mit all seiner Geschichte und Kultur könnte deutlich mehr Touristen haben, wenn z.B. EU-Bürger unbürokratisch einreisen könnten.

Anstatt sich über solche Entwicklungen zu ärgern, sollte man sie begrüßen. Zugegeben: Einige Orte haben mit der Zeit an Charme verloren. Aber so gut wie nie hatte es was mit Tourismus zu tun (und Touristen, die sich schlecht verhalten, kann man natürlich trotzdem zurechtweisen). Wäre es so, würde die Zahl der Touristen nicht immer weiter zunehmen. Manchmal steigen Gegenden auf und andere ab. Das Ruhrgebiet wurde auf jeden Fall nicht von Touristen zerstört, sondern von der SPD. Andere Gegenden sollten die Chance bekommen, ihren wirtschaftlichen Wohlstand zu vergrößern, ob nun mit Fracking oder Massentourismus – und der chauvinistische Tourist ist der letzte, an den sie denken sollten. „Dort sind Menschen … mit Schlitzaugen … und die machen Fotos! Furchtbar!“ Ganz im Ernst, chinesische Touristen habe ich in Europa lieber als abgehobene Erstweltler, die offenbar die ganze Welt als ihr Museum sehen.

Eine Antwort to “Gegen den touristischen Chauvinismus”

  1. Yadgar Says:

    Ja, es wird wirklich Zeit für den Ballermann am Hindukusch, Hippie Trail reloaded, Kifferpartymeilen in Kabul, Ski- und Snowboardzirkus in Bamiyan, Riverrafting in Badachschan, Mountainbiker erobern die Ziegenpfade in Nuristan, in der baktrischen Ebene reiht sich Golfplatz an Golfplatz, und wo es sonst nichts zu sehen gibt außer Gegend kann man Astro-Touristen hinkarren, der Sternenhimmel in Afghanistan soll einfach nur fantastisch sein (jedenfalls hinreichend weit entfernt von den Ballermann-Remmidemmi-Spots)… und wem das alles viel zu tourimäßig ist, der loggt sich in den Khyberspace ein, 1973-Modus…

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