Spektakel in Barcelona

Die katalanische Flagge (Bild: Martorell)

Oft passiert es, dass man sich nicht vorstellen kann, dass etwas wahr wird, bevor es tatsächlich vor den eigenen Augen geschieht. Niemand hätte gedacht, dass die Berliner Mauer fällt, bevor es wahr wurde. Niemand hätte gedacht, dass der Aufstand in Tunesien die ganze arabische Welt anstecken würde, bevor es wahr wurde. Niemand hätte gedacht, dass Donald Trump US-Präsident wird, bevor es wahr wurde. Nun stehen wir vor einem anderen Ereignis dieser Sorte. Seit Jahrzehnten träumen die Katalanen von der Unabhängigkeit, und seit Jahrzehnten verläuft das Vorhaben negativ. Aber in drei Wochen kann es wahr werden: Katalonien wird unabhängig.

Die katalonische Regionalregierung ist so entschlossen wie nie, und die spanische Zentralregierung ist so besorgt wie nie. Für den 1. Oktober ist ein Referendum angekündigt, falls die Mehrheit sich für die Unabhängigkeit ausspricht, soll am 3. Oktober die Unabhängigkeit Kataloniens ausgerufen werden. Alle Versuche der Madrider Regierung, das Vorhaben zu stoppen, sind – bis jetzt – gescheitert, so dass die Verteidigungsministerin sogar angedeutet hat, notfalls das Militär nach Katalonien zu schicken. Welche Folgen könnte ein „Ja“ der Katalanen haben? Wie wird sich Katalonien entwickeln? Wie wird die EU reagieren? Wie werden andere mit Sezession sympathisierende Völker das Referendum aufnehmen? Und was passiert mit dem FC Barcelona? Alles der Reihe nach.

Wäre ein unabhängiges Katalonien ein Plus für die Freiheit?

Möglich, aber nicht gewiss. Die erst vor zwei Jahren gegründete politische Bewegung für die Unabhängigkeit, Junts pel Si, hat als Programm wenig mehr als die Unabhängigkeit. Die zweitpopulärste Partei, CPU, ist sozialistisch und grün und fordert u.a. kostenloses Wohnen, Strom und Wasser sowie ein garantiertes Mindesteinkommen für alle und die Verstaatlichung der Banken. Ob die praktische Politik des spanischen Zentralstaates aber das kleinere Übel wäre als das eines unabhängigen Kataloniens, darf bezweifelt werden (vor allem, wenn die linksextreme Podemos in Madrid an Einfluss gewinnen sollte). Immerhin: Katalonien ist die wohlhabendste Region Spaniens, ist also nicht von Subventionen abhängig, und Dezentralisierung bietet immer eine große Chance für mehr Freiheiten für die Bürger.

Werden Spanien und die EU ein unabhängiges Katalonien zulassen?

Spanien ist ein demokratisches Land, es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass es wirklich zum Bürgerkrieg kommt. Wahrscheinlicher ist, dass sie Katalonien in einen langen, juristischen Kampf verwickeln, in der Hoffnung, dass sie irgendwann entnervt aufgeben. Die EU dürfte sich auf die Seite Spaniens stellen und die Katalanen mit derselben Abstrafung drohen wie den Briten. Für die EU wäre ein „Ja“ der Katalanen vor allem symbolisch ein schwerer Rückschlag: Brüssel wünscht sich immer mehr Zentralisierung, das Auseinanderdriften eines Mitgliedslandes wäre ein großes „Fuck you“ für diese Ambitionen, sowie der Brexit oder die Haltung der Visegrad-Staaten zur Flüchtlingsumverteilung. Letztlich müssten sie aber die Unabhängigkeit Kataloniens akzeptieren, wenn diese bis zum bitteren Schluss dafür kämpfen.

Wie reagieren die Schotten, Flamen, Kurden, Somaliländer?

Die schottische Regionalregierung hat das geplante neue Referendum zur Unabhängigkeit verschoben, bis mehr Details zum Brexit bekannt sind, die Vorgänge in Katalonien werden sie nicht sehr berühren. Aber andere Regionen in Europa dürfte sich ermutigt fühlen, stärker für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen, vor allem die Flamen in Belgien. Eventuell könnten auch separatistische Regionen in Osteuropa (die Serben in Bosnien-Herzegowina, die ostukrainischen Volksrepubliken) Katalonien trotz ihrer verschiedenen Umstände benutzen, um für sich zu werben: Warum dürfen die das, aber wir nicht? Die Kurden im Nordirak planen übrigens schon am 25. September ihr Unabhängigkeitsreferendum. Es ist davon auszugehen, dass sie genauso wie die Katalanen erstmal von niemandem anerkannt werden. Das Dogma der territorialen Integrität wird weiterhin jede Sezessionsbewegung, gleich welcher Art, behindern.

Was passiert mit dem FC Barcelona?

Wenn Katalonien unabhängig wird, wir der FC Barcelona sicher aus der spanischen Liga fliegen. Aber, wie ein ehemaliger Präsident des Klubs sagte: Die Unabhängigkeit Kataloniens ist eine wichtigere Frage als die, wo dann der FC Barcelona spielen wird. Entweder wird eine katalanische Liga gegründet, oder der FC Barcelona wechselt in eine andere Liga (warum kein Asyl in der Bundesliga? Dann hätte der FC Bayern endlich Konkurrenz). Die UEFA müsste aber die neue Liga oder den Umzug des FC Barcelona absegnen, mitsamt der Gründung eines katalanischen Fußballverbands und Nationalmannschaft. Irgendwie wird sich alles regeln, denn ein so großer und prestigeträchtiger Klub wird nicht einfach vom internationalen Fußball gesperrt werden. Ich denke, der Klub macht sich auch kaum Sorgen über so ein Szenario. Wichtiger wird sein, ob Ousmane Dembele die Neymar-Lücke schließen kann.

10 Antworten to “Spektakel in Barcelona”

  1. CK Says:

    Du meinst wohl die Flandern, nicht die Wallonen. Oder? Ansonsten guter Artikel. Aber glaub mir, das Referendum wird wieder mal scheitern. Nicht nur wegen den Barcafans.

    • Olaf Says:

      Die Flandern kann man auch Flundern nennen, aber eigentlich heißen sie Flamen.

    • arprin Says:

      Ja, es ging mir um den flämisch-wallonischen Konflikt. Ich hab’s jetzt geändert.

      Ich hoffe auf ein unabhängiges Katalonien, Barca hin oder her. Guradiola kann dann gerne bei City aufhören und katalanischer Nationaltrainer werden.

  2. Eloman Says:

    Katalonien, das europäische Dschihadistenmekka? Haben die Separatisten nicht tausende von Arabern ins Land geholt als Gegengewicht gegen die Spanier. Na herzlichen Glückwunsch.

    • arprin Says:

      Haben die Separatisten nicht tausende von Arabern ins Land geholt als Gegengewicht gegen die Spanier.

      Nein, es gab in ganz Spanien muslimische Einwanderung, und in Madrid gab es 2004 schon eine dschihadistische Präsentation. Und welche Separatistenbewegung würde Menschen, die nicht aus dem eigenen Volk kommen, mit Absicht massenhaft ins Land holen wollen?

  3. Dr. Caligari Says:

    Ich verstehe bis heute nicht, wie ein aufgeklärter oder halbwegs intelligenter Mensch aus Prinzip an der Inetgrität der Nationalstaaten festhalten kann und gleichzeitig KEIN Nationalist ist.

    „for the quality of the argument“: Du setzt einige ziemlich unsichere Prämissen voraus. Die EU unterstützt die Separatisten nicht, das impliziert jedoch nicht, dass die Separatisten den Interessen der Union entgegenstehen. Eher im Gegenteil!
    Ein Geschichtslehrer hat mal gesagt: Es gab keinen loyaleren Untertan des Kaisers als den reichsunmittelbaren Ritter auf seinem Gut.
    Mit anderen Worten: Die kleinen Staaten profitieren einerseits von einem Dachverband und unterstützen ihn andererseits auch. Sonst weden sie von den größeren Nachbarn geschluckt.

    Die Frage lautet: Hilft oder stört die EU das Zerfallen der Nationalstaaten?
    DIe Frage ist nicht klar zu beantworten. Separatisten fördern einen Regionalismus der einer EU entgegensteht, gleichzeitig sind sie oft die willigsten Mitglieder, die keinen großen Widerstand entgegen zu setzen haben.

    • arprin Says:

      Ich bin kein Nationalist, das Selbstbestimmungsrecht der Völker steht für mich nicht über der individuellen Freiheit. Deshalb unterstütze ich alles, was zu mehr Freiheit führt. Falls ein unabhängiges Katalonien das erreicht, finde ich das gut.

      Die EU wird es sicher nicht erfreuen, wenn ein Mitgliedsland einen Teil seines Staatsgebiets verliert. Man ist für mehr Zentralisierung und wird den Katalanen denke ich eher mit Strafen drohen anstatt sie gegen Spanien zu unterstützen.

    • Topfen Says:

      Ich verstehe bis heute nicht, wie ein aufgeklärter oder halbwegs intelligenter Mensch aus Prinzip an der Inetgrität der Nationalstaaten festhalten kann und gleichzeitig KEIN Nationalist ist.

      so lange es einvernehmlich ist (also quasi im Konsenz aller Betroffenen), ist es ja auch kein Problem. Bei der Auflösung der CSSR oder der Wiedervereinigung gab es wohl auch nicht viel die aus Prinzip dagegen waren, da Staatsgrenzen erhalten werden müssen.

      Falls es keine Einvernehmlichkeit gibt, gibt es weder ein universell akzeptiertes Verfahren noch einen rechtlichen Konfliktlösungsmechanismus. Die möglichen Konsequenzen kann man sich ausmalen oder auch in Osteuropa teilweise direkt sehen.
      Auch aus individualrechtlicher Sicht scheint mir ein Recht auf individuelle territoriale Selbstbestimmung eher absurd zu sein. Der umgekehrte Fall scheint mir schon plausibler: Ein Recht darauf nicht gegen seinen Willen samt Wohnort in einen anderen Staat verpflanzt zu werden.

  4. Olaf Says:

    Was für ein unwichtiges Thema, hab ich noch gedacht. Aber jetzt werden die Katalanen verhaftet, wie zu Francos Zeiten, das wird noch richtig brenzlig dort im kühlen Spanien.

    • arprin Says:

      Ja, es wird sehr spannend. Momentan schätze ich ein Einlenken der Katalanen als wahrscheinlichstes Szenario ein, aber wenn die Katalenen dranbleiben, haben wir wohl eine große Krise vor uns. Der FC Barcelona sollte schon mal eine katalanische Liga vorbereiten. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: