Second Amendment als Schutz vor Tyrannei?

Endet ohne das Second Amendment die Demokratie in den USA?

Immer, wenn das Thema Waffenrecht in den USA aufkommt, haben die Deutschen eine klare Meinung: Die Amerikaner sind komplett verrückte Vollidioten, denen aufgrund ihres kranken Freiheitsverständnisses Amokläufe wichtiger sind als der Schutz der Bevölkerung. So ähnlich ist auch die Meinung der Deutschen über das Thema Krankenversicherung in den USA. In keinen anderen Themen dürften die Deutschen Ansichten haben, die verschiedener sind als die der Amerikaner. Ich persönlich bin, obwohl ich einige Argumente der Befürworter eines liberalen Waffenrechts nicht teile, für das Recht auf Waffenbesitz.

Jeder Nicht-Kriminelle sollte das Recht haben, eine Waffe zu besitzen. Das ist schon Grund genug, um dieses Recht zu unterstützen. Ein weiteres von den Waffenbefürwortern benutztes Argument lautet: Das Recht auf Waffenbesitz – in den USA also das Second Amendment – sei dazu da, um die Macht des Staates zu zähmen. Dieses Argument wird so oft wiederholt, dass es mehr oder weniger das Hauptargument der Waffenbefürworter ist. Ohne das Second Amendment droht eine Diktatur, wird mehr oder weniger offen verlautbart. Ich würde es zwar gut finden, wenn das Argument stimmt, aber leider ist es vollkommen falsch. Das Second Amendment schützt überhaupt nicht vor Tyrannei.

Die Wahrheit ist: Mit einem Gewaltmonopolisten ist jedes Recht eine Gnade vom Gewaltmonopolisten. Wenn der Staat seine Macht missbrauchen will, hindert ihn das Second Amendment auch nicht. Der Staat hat noch immer die stärkeren Waffen, Polizei und Armee, und damit potenziell grenzenlose Macht. Die amerikanische Geschichte zeigt das wunderbar. Ich rede nicht mal von den offensichtlichsten Beispielen (Indianer, Sklaven), die schon genug wären, um die Unwirksamkeit des „Tyranneischutzes“ des Second Amendments zu belegen, sondern z.B. auch von der Zeit der Segregation, der Einsperrung der japanischstämmigen Amerikaner unter Roosevelt oder heute dem Krieg gegen die Drogen. Das Second Amendment konnte all dieses Unrecht nicht verhindern.

Was hätten die japanischstämmigen Amerikaner tun können, als der Staat sie enteignete, entführte und einsperrte? Nichts. Hätten sie sich gewehrt, wären sie wahrscheinlich massakriert worden. Also ist das Second Amendment ein wichtiges Recht, aber überhaupt nicht ausreichend, um Tyrannei zu verhindern. Man kann auch in andere Länder schauen, oder in Beispiele der Geschichte. Oft behaupten Waffenbefürworter, in Diktaturen hätte es strenge Waffenverbote gegeben, und führen als Beispiel Nazi-Deutschland, die Sowjetunion oder Maos China an. Einige der genannten Beispiele stimmen, andere sind erstaunlich falsch. Tatsächlich gab es viele brutale Diktaturen, die liberale Waffengesetze hatten.

Ein Beispiel dafür war Saddams Irak. Unter seiner Herrschaft konnte man relativ frei Waffen erwerben. Nach seinem Sturz wurden diese Gesetze beibehalten:

L. Paul Bremer, the former top U.S. administrator in Iraq, did not try to step between Iraqis and their weaponry. He issued an order in 2003 that essentially upheld Iraqi law: Every man and woman 25 and older with a „good reputation and character“ was entitled to own one firearm, including a fully automatic AK-47 assault rifle, the world’s most popular killing machine.

In Nazi-Deutschland waren Waffen für die Bürger auch alles andere als streng verboten. Die einzigen, die keine Waffen besitzen durften, waren, wie zu erwarten, die von den Nazis entrechteten Gruppen. Der Großteil der deutschen Bevölkerung konnte unter Hitler Waffen frei erwerben:

Während Juden, Zigeuner, vorbestrafte Homosexuelle und andere als Staatsfeinde bezeichnete gesellschaftliche Gruppen komplett entwaffnet wurden, rüstete der Staat das Volk und seine angeschlossenen Organisationen umfangreich mit Waffen aus. … Eine Erwerbsscheinpflicht war nur noch für Faustfeuerwaffen vorgeschrieben, während Langwaffen und Munition grundsätzlich frei erworben werden konnten.

Es gibt eine ganze Reihe an Fake-Zitaten und Fake-Geschichten, aber die Wahrheit ist: Es gab kein strenges Waffenverbot unter Hitler, und auch nicht in der Sowjetunion, Maos China, oder unter Mussolini, Fidel Castro oder Pol Pot. In der Sowjetunion gab es Hunderttausende Jäger, in abgelegenen Gegenden ging fast jeder jagen. In China wurde 1951 ein Gesetz erlassen, der Waffen besser registrieren sollte, aber kaum streng war. Erst 1981 und 1996, lange nach Maos Massenmorden, wurden strengere Gesetze erlassen. Nicht nur diese Fakten sprechen gegen das Argument, wonach ein liberales Waffenrecht vor Tyrannei schützt, sondern auch die Logik: Keiner der Opfer der Nazis, der sowjetischen Kommunisten oder der Maoisten hätte ihr Schicksal abwenden können, wenn sie Waffen gehabt hätten. Sie wären trotzdem massakriert worden.

Warum ist das wichtig? Ich bin für ein liberales Waffenrecht, aber nicht für die Verbreitung von Fake News. Wer behauptet, nach der Einführung von strengen Waffenverboten würden KZ’s errichtet werden, ist entweder ahnungslos oder lügt bewusst. Es gibt heute in Deutschland strengere Waffenverbote als unter Hitler. Anstatt das Recht auf Waffenbesitz zum notwendigen Schutz vor Tyrannei zu erklären, sollte man bei der Wahrheit bleiben und vernünftige Argumente benutzen: Jeder Nicht-Kriminelle sollte das Recht haben, eine Waffe zu besitzen. Mehr Argumente sind nicht notwendig. Außer vielleicht, dass es weder innerhalb der USA noch international einen direkten Zusammenhang zwischen strengen Waffenverboten und niedriger Kriminalitätsrate gibt.

11 Antworten to “Second Amendment als Schutz vor Tyrannei?”

  1. Caligari Says:

    Immer, wenn das Thema Waffenrecht in den USA aufkommt, haben die Deutschen eine klare Meinung: Die Amerikaner sind komplett verrückte Vollidioten, denen aufgrund ihres kranken Freiheitsverständnisses Amokläufe wichtiger sind als der Schutz der Bevölkerung.

    Die Deutschen können eben nicht nachvollziehen, dass es auch andere, weniger staatstragende Ideen geben kann.
    Deshalb gilt der Deutsche – sogar unter Deutschen wohlgemerkt – als obrigkeitshöriger Untertan, während der Ami eher als kleiner Exzentriker gilt.

    Jeder Nicht-Kriminelle sollte das Recht haben, eine Waffe zu besitzen. Das ist schon Grund genug, um dieses Recht zu unterstützen.

    Nein, Entschuldige, nein.

    Das ist nichts anderes als ein Zirkelschluss. Du gehst davon aus, dass ein Recht auf Waffenbesitz existiert und leitest daraus das Recht ab, Waffen zu tragen, woraus du ableitest, dass jeder Waffen tragen darf usw.
    Grade dir als Atheisten sollten solche Fehler doch nicht passieren, in der Bibel steht drin, dass die Bibel war ist und deshalb ist sie richtig.

    Das Recht auf Waffenbesitz – in den USA also das Second Amendment – sei dazu da, um die Macht des Staates zu zähmen. Dieses Argument wird so oft wiederholt, dass es mehr oder weniger das Hauptargument der Waffenbefürworter ist.

    Meine Meinugn dazu:
    1. Das ist das beste Argument, dass die Waffenbefürworter haben. Alle anderen Argumente setzen das Recht entweder bereits voraus oder aber basieren auf sehr dubiosen Annahmen. Etwa, ein einfacher Bürger hätte an sich das Recht, Tiere zu jagen. Ich bin absolut nicht dieser Meinung.
    2. Das Argument gilt heute nicht mehr. Jede Regierung heute kann es locker mit einem bewaffneten Volk aufnehmen. Milizen sind praktisch irrelevant, abgesehen von Partisanen-Kämpfen gegen Besatzer.
    Die brauchen aber keine legalen Waffen, die besorgen sich dann hinterher schon welche.
    3. Umgekehrt ist es leider genauso. Es gibt genug Länder mit sehr liberalen Waffenrecht, die aber keine erhöhte Kriminalität aufweisen.
    In den USA hat es meines Wissens bisher noch nie einen bewaffneten Aufstand mit Ziel der Absetzung der Regierung gegeben.

    Es bleibt festzustellen: Sowohl Anhänger eines strengen als auch eines liberalen Waffenrechts nutzen falscher oder unzulässige Argumente.
    Das letzte Wort – aus Sicht eines politischen Rationalisten – ist also insofern noch nicht gesprochen.

    Meines Erachtens gibt es nur zwei Wege, um dennoch eine fundierte Meinung jenseits des Bauchgefühls zum Thema „SChußwaffen“ zu haben:
    1. Man geht mit der gesamten Argumentation eine Stufe tiefer. Also auf der Ebene der Moral, der Staatsphilosophie usw.
    Für einen Anhänger Hobbes etwa ist es gleichzeitig irrational, dass alle Menschen ihre Waffen abgeben und sich so wehrlos machen, als auch geboten, weil eine Gesellschaft, die so aufgebaut ist, sicherer ist.
    Für jemanden, der Gewalt aus prinzipiellen Gründen ablehnt oder so ist ebenfalls klar, dass Waffen möglichst eingeschränkt werden müssen.
    Natürlich muss man hier ins Detail gehen, denn ein Hammer etwa kann sowohl eine tödliche Waffe als auch ein nützliches Werkzeug sein, ebenso ist ein Auto eine Waffe usw.
    2. Man kann historisch-traditionalistisch, rechtspositivistisch argumentieren. In den USA gibt es den 2. Zusatzartikel, das ist Teil deren politischer KUltur und gültig. In Deutschland dagegen gibt es eine solche starke Tradition nicht, wir setzen eher auf die Vorherrschaft des Staates.

    das Problem ist, dass (1) bedeutet, dass man bei elementaren ethischen Fragen anfangen muss und die wird jeder anders sehen; (2) dagegen bringt überhaupt keine allgemeingültigen Ergebnisse zu stande.

    • arprin Says:

      Das ist nichts anderes als ein Zirkelschluss. Du gehst davon aus, dass ein Recht auf Waffenbesitz existiert und leitest daraus das Recht ab, Waffen zu tragen, woraus du ableitest, dass jeder Waffen tragen darf usw.
      Grade dir als Atheisten sollten solche Fehler doch nicht passieren, in der Bibel steht drin, dass die Bibel war ist und deshalb ist sie richtig.

      Ich habe das Argument genannt und dann gesagt, dass dieses Argument überzeugend genug ist, um das Recht auf Waffenbesitz zu unterstützen. Nirgendwo behaupte ich, dass „das Recht existiert und es deshalb existiert“. Das wäre in der Tat ein Zirkelschluss.

      Es gibt genug Länder mit sehr liberalen Waffenrecht, die aber keine erhöhte Kriminalität aufweisen.

      Das wäre ein weiterer, „pragmatischer“ Grund, den ich auch nennen würde.

      Die anderen Argumente überzeugen mich eher nicht.

      • Dr. Caligari Says:

        Ich habe das Argument genannt und dann gesagt, dass dieses Argument überzeugend genug ist, um das Recht auf Waffenbesitz zu unterstützen.

        Offensichtlich versteeh ich dein Argument nicht.
        Du meisnt offenbar, dass jeder jede Freiheit haben sollte, solange es keine guten Gründe dagegen gibt?

        Damit könnte ich leben.

  2. Gerd Heiner Says:

    Wohl und wahr gesprochen, danke.

    Ein deutscher Waidmann

  3. Olaf Says:

    In Deutschland haben viele Einwohner Waffen, halt nur die naiven Biodeutschen nicht. „Spontan zog der Türke/Albaner etc. seine Pistole und schoß“ – diese Zeile las man oft in der teutschen Presse. Und nie wurde hinterfragt, wie das sein kann!? Da stellt sich der Herr Dschurnalist noch dümmer als er ist, der Polütüker sowieso.

  4. max Says:

    Wie das Bürger der USA sehen, wollen wir doch ihnen überlassen, lieber arprin. Es steht Dir schlicht nicht zu, die Beweggründe von US Bürgern notabene aus der üblichen Deutschen Warte zu bewerten. Zumindest nicht ohne eine respektvolle Geste davor. Du findest es unnütz und nicht zielführend was die US Verfassung garantiert. Das sehen genügend US-Bürger, die Deine Expertise nicht im Geringsten brauchen, anders. Weshalb kannst Du es dabei nicht belassen? Oder Dich genau so aufpudeln beim Waffenrecht in Südossetien, dem Abtreibungsrecht im Tschad; oder Dublin, das gewisse Hosenanzüge rechtswidrig ausser Kraft gesetzt haben.
    Was reizt Deutsche so am Recht der US Bürger, sich selber zu verteidigen, oder sich mit Waffen gegen eine diktatorische Regierung zu erheben? Gut, Deutsche würden eine diktatorische Regierung nicht mal erkennen, wenn wieder Juden abtransportiert würden, aber es gibt ja Intelligentere. Wie Dich. Wieso also diese Gewichtung bei Dir?
    Deine historisische Betrachtung des freien Waffenbesitzes in den linken Diktaturen ist übrigens absolut falsch, aber das weisst Du ja selbst.

    • arprin Says:

      Ich finde es nicht arrogant, eine Meinung zu haben und diese auszusprechen. Das tue ich nicht nur bezüglich den USA, das mache ich bezüglich jedem Land.

      Ich habe die Meinung, dass das oft genannte Argument „Second Amendment schützt vor Tyrannei der Regierung“, spektakulär falsch ist, und habe dafür eigene Argumente gebracht. Um mehr ging es mir nicht, ich bin auch nicht gegen das Recht auf Waffenbesitz. Nur finde ich, dass bessere Argumente gebracht werden sollten.

      Was reizt Deutsche so am Recht der US Bürger, sich selber zu verteidigen, oder sich mit Waffen gegen eine diktatorische Regierung zu erheben?

      Ich bin für das Recht auf Waffenbesitz. Das habe ich in dem Artikel auch gesagt.

      Deine historisische Betrachtung des freien Waffenbesitzes in den linken Diktaturen ist übrigens absolut falsch, aber das weisst Du ja selbst.

      Inwiefern? Hast du Quellen, wonach es ein strenges Waffenverbot unter Mao gab? Und bezüglich der Sowjetunion ist mir die genaue Rechtslage nicht bekannt, aber es gab wohl gerade im Land Hunderttausende Jäger, die Waffen hatten.

  5. Gerd Heiner Says:

    Ei was reitet ihn denn, den max?

    Lasse er mich ihm zu seiner Beruhigung versichern, dass ich mich als US Buerger durch arpins Artikel keinesfalls gegaengelt fuehle, sondern im Gegenteil diesem inhaltlich weitgehend zustimme.

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