Zustimmung als entscheidender Faktor

Die Traumfabrik produziert auch mal Blödsinn

Ist Hollywood noch zu retten?

Das Thema sexuelle Belästigung steht nach den Enthüllungen der Skandale um Harvey Weinstein, Kevin Spacey und einer immer größer werdenden Zahl von Hollywood-Lichtgestalten mal wieder ganz vorne auf der Agenda. In den Talkshows wird debattiert, wie sexistisch unsere Gesellschaft ist, in den sozialen Medien werden Hashtags entfacht, Feministen fordern strenge Maßnahmen für den Kampf gegen das Patriarchat. Dabei wird leider vieles fälschlicherweise in einen Topf geworfen. Für viele Feministen gilt: Sexuelle Belästigung ist alles, was das Opfer als Belästigung empfindet. Konservative Kritiker kontern: Viele vermeintliche Fälle von sexueller Belästigung sind normale, „klassische“ Annäherungsversuche zwischen Mann und Frau, während viele als „normal“ empfundene Darstellungen von Sexualität abartig sind und aus Jugendschutzgründen verboten werden sollten.

Eins wird dadurch klar: Es gibt keine allgemeingültige Definition von sexueller Belästigung. Die Feministen – oder besser gesagt: die modernen, 100% linken Feministen – sehen alles unter der Brille ihrer „Unterdrücker-Unterdrückte“-Weltsicht. Jemand, der irgendwie als „Unterdrückter“ bzw. „Opfer“ gilt, hat immer Recht. Wenn er sagt, er empfand es als Belästigung, war es Belästigung. Punkt. Die Konservativen sehen dagegen alles unter der Brille von moralischen Werten und Tradition. Deswegen gilt zu viel Freizügigkeit als unanständig, da es zu falschem Verhalten führen kann, hat aber nichts gegen traditionelle, „altbewährte“ Annäherungstaktiken. Diese beiden Standpunkte bringen keine gemeinsame Definition von sexueller Belästigung hervor. Zwar dürfte man sich in den extremsten Punkten einig sein, doch darunter herrscht viel Uneinigkeit.

In meinen Augen haben sowohl Linke als auch Konservative in der Debatte teilweise Recht, teilweise liegen sie total falsch. Es ist völlig absurd, zu glauben, etwas sei automatisch sexuelle Belästigung, wenn jemand es so empfindet. In dem Fall gäbe es keine objektive Definition, und alles wäre eine Glücksfrage. Eine Frau würde ein Lob von einem ihr als attraktiv empfundenen Mann durchgehen lassen, bei einem ihr als unattraktiv empfundenen Mann aber als Belästigung ausgeben können. Es ist aber auch absurd, zu glauben, Musikvideos von Lady Gaga seien „genauso schlimm“ wie einer Frau in die Geschlechtsteile zu fassen, sowie es viele Konservative sagten, als Trump mit seinen (vermeintlichen) Muschi-Erfahrungen prahlte. Es gibt eine viel bessere Definition davon, was Belästigung ist: Die Frage, ob es die freiwillige Zustimmung der Beteiligten gab. Das ist die liberale Definition.

Diese Definition ist auf alle möglichen Fälle anwendbar. Vom Zuzwinkern und Loben bis zum Grapschen und Küssen. Auf den ersten Blick erscheint sie aber nicht immer hilfreich. Die zwischenmenschlichen Kontakte laufen nicht so ab, dass man immer vorher fragt, ob man etwas Gewagtes tun darf. Wahrscheinlich fragen die meisten nicht vorher nach, ob sie jemanden wegen ihres Aussehens loben dürfen, oder ob ein Kuss erlaubt ist. Aber die liberale Definition kann auch hier benutzt werden, wenn zwei Dinge miteinbezogen werden: Kontext und Kommunikation. In einer gewohnten sozialen Begegnung wissen die Beteiligten in der Regel, wie man sich zu verhalten hat. Falls das in einer Begegnung nicht der Fall ist, kann es im Falle eines Missverständnisses einmalig kommuniziert werden.

Beispiele für zwei Begegnungen, in denen ein Verhalten von den Beteiligten in einem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit anders bewertet wird als im anderen Fall, wäre ein Spring-Break-Festival im Vergleich zu einem Vorstellungsgespräch. Den Menschen, die sich freiwillig zu einem Spring Break aufmachen, dürfte klar sein, dass es dort auch zu heftigen Anmachen kommen kann, so dass auch ein unaufgeforderter Grapscher hier anders zu bewerten ist als in einem Vorstellungsgespräch. Wer dennoch nicht darauf steht, kann das klar machen, indem er es den anderen Beteiligten kommuniziert. In einem Vorstellungsgespräch dagegen sollte die Kommunikation auf die umgekehrte Weise laufen: Hier müsste die Zustimmung zu einem Grapscher (oder auch mehr) erst eingeholt werden, zuvor dürfte den Beteiligten aufgrund des Kontexts klar sein, dass es sich um Belästigung handelt.

Auf gewisse Weise bleibt auch hier eine Willkür vorhanden. Denn welcher Kontext „legitim“ ist, bleibt leider in vielen Fällen immer noch subjektiv. Und es gibt Menschen, für die ein Lob bezüglich des Aussehens schon eine schlimme Belästigung ist, während andere einen Grapscher, selbst von einem ihnen als unattraktiv empfundene Person, bloß höflich abweisen. Deswegen denke ich, dass es Strafbarkeit nur dann geben kann, wenn Person A Person B eine klare Abweisung gegeben hat und Person B dennoch weitermacht (oder natürlich wenn vorher auf andere Weise kommuniziert wurde, dass Annäherungsversuche nicht erwünscht sind). Aber den meisten sollte klar sein, dass die Menschen es für gewöhnlich lieber haben, wenn man mit einem Schulterklopfer anfängt.

Wenn Zustimmung als entscheidender Faktor akzeptiert wird, kann man die verschiedenen Fälle, die in letzter Zeit Aufmerksamkeit bekamen, klar einordnen: Weinstein und Spacey stellen Fälle von Belästigung dar, da sie ohne Zustimmung vonstattengingen, sie haben ihre Opfer massiv bedrängt. Das Lob bezüglich des Aussehens, dass die Staatssekretärin Sawsan Chebli bekam, oder der schon länger zurückliegenden Dirndl-Spruch von Rainer Brüderle betrachtet, kann dagegen nicht als sexuelle Belästigung ansehen (das sagt zum Glück auch noch keiner) und in meinen Augen auch nicht als Sexismus. Man kann hier höchstens von unpassendem Verhalten sprechen (wenn überhaupt), aber es ist eine Schande, dass derartige „Fälle“ überhaupt in einem Satz mit den realen Fällen Weinstein und Spacey genannt werden.

Zuletzt hat der Fall Weinstein eine andere Sache ans Tageslicht gebracht: Es ist nicht nur wichtig, die Täter zu entmachten, sondern auch, die Opfer zum Reden zu bringen. Offenbar haben viele Opfer geschwiegen, um ihre Karriere nicht in Gefahr zu bringen oder weil sie Schweigegeld bekamen und nicht, weil sie kein Vertrauen an den amerikanischen Rechtsstaat hatten. So ein Verhalten ist in meinen Augen ein moralischer Bankrott. Wer über Weinstein schwieg (und das taten viele, wie sie jetzt freimütig bekennen), hätte eine Mitschuld getragen, wenn man sich eines Tages in Hollywood nur mit Mikro und Pfefferspray hätte bewegen können. Falls es nicht schon heute der Fall ist.

3 Antworten to “Zustimmung als entscheidender Faktor”

  1. Olaf Says:

    Ich als Frau, verzeihe auf jeden Fall Louis CK. Wer so witzig ist, der darf auch mal vor seinen Zimmergenossinen abjodeln, wenn es denn dem kreativen Prozess dient.

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