Eine Erklärung für Amerikas hohe Amokdichte

Was stimmt nicht mit Amerika?

Ich finde es bemerkenswert, wie standhaft die amerikanische Waffenlobby ist. Ein Großteil der Medien und der öffentlichkeitswirksamen Personen hält Befürworter eines liberalen Waffenrechts für wahnsinnige Kindermörder, doch ihre Angriffe prallen auf sie ab, und sie stellen sich weiterhin gegen Waffenverbote. Den Gegnern eines liberalen Waffenrechts stören auch gewisse Fakten nicht, wie dass es viele Länder mit liberalem Waffenrecht gibt, die sehr geringe Raten von Schusswaffengewalt haben (z.B. Tschechien oder die Schweiz), dass strengere Waffengesetze die Kriminalität keineswegs immer fallen lassen (weder in Chicago noch in Brasilien), dass die Gewaltkriminalität in den USA seit rund 25 Jahren massiv abnimmt, darunter auch die Schusswaffengewalt (wobei zwei Drittel aller Toten durch Schusswaffen Selbstmorde sind, und der Rest zu zwei Dritteln mit illegal erworbenen Waffen geschieht) oder dass die Waffengesetze in den USA schon heute strenger sind als die meisten Gegner eines liberalen Waffenrechts glauben.

All das würde die Diskussion zu sehr versachlichen. Emotionalisierungen sind im politischen Geschäft besser, deswegen ignoriert man alles eben Genannte und sagt: Wer für freien Waffenbesitz ist, ist ein wahnsinniger Kindermörder! Das ist höchst unethisch und außerdem kontraproduktiv, um ein ernstes Problem zu lösen. Einen Punkt kann man den Gegnern eines liberalen Waffenrechts, sowohl denen in den USA als auch denen, die von Europa aus die Debatte in Amerika verfolgen, aber geben: Es stimmt, dass es in den USA deutlich häufiger zu Amokläufen mit Schusswaffen kommt als in Europa. Zwar sind solche Ereignisse trotz ihrer hohen Medienpräsenz nur ein kleiner Teil der Schusswaffengewalt (gerade im Vergleich zu Gang-Schießereien, die deutlich häufiger vorkommen), und die Gefahr, von einer Schusswaffe getötet zu werden, hat in den USA – wie oben ausgeführt – in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Aber die Häufigkeit an Amokläufen mit Schusswaffen hat, gegenläufig zum Gesamttrend, zugenommen.

Warum? Die „europäische“ bzw. „us-demokratische“ Erklärung „Weil die Waffengesetze so lasch sind, ihr Kindermörder!“ ist eindeutig falsch, andernfalls müsste es in Tschechien auch Amokläufe geben und Brasilien völlig sicher sein. Obwohl ich kein Anhänger der amerikanischen Waffenlobby bin, hoffe ich deswegen auch, dass sie es zumindest schaffen, „europäische“ Waffenverbote in den USA zu verhindern, die Millionen unbescholtene Bürger treffen würden. Aber welche andere Erklärung für die Häufigkeit an Amokläufen in den USA gibt es? Im Oktober 2015 veröffentlichte Malcolm Gladwell einen Artikel im „The New Yorker“, der eine interessante Erklärung gab. Es handelt sich dabei zum Großteil um Ausführungen des Stanford-Soziologen Mark Granovetter. Die zynische Erklärung lautet: Amokläufer sind eine Art „soziale Bewegung“, die Ende der 1990er Jahre ihren Anfang nahm.

Granovetter hatte in einem Essay von 1978 die Dynamik von Unruhen analysiert. Gladwell fasst Granovetters Gedanken so zusammen:

In his view, a riot was not a collection of individuals, each of whom arrived independently at the decision to break windows. A riot was a social process, in which people did things in reaction to and in combination with those around them. Social processes are driven by our thresholds – which he defined as the number of people who need to be doing some activity before we agree to join them. In the elegant theoretical model Granovetter proposed, riots were started by people with a threshold of zero – instigators willing to throw a rock through a window at the slightest provocation. Then comes the person who will throw a rock if someone else goes first. He has a threshold of one. Next in is the person with the threshold of two. His qualms are overcome when he sees the instigator and the instigator’s accomplice. Next to him is someone with a threshold of three, who would never break windows and loot stores unless there were three people right in front of him who were already doing that – and so on up to the hundredth person, a righteous upstanding citizen who nonetheless could set his beliefs aside and grab a camera from the broken window of the electronics store if everyone around him was grabbing cameras from the electronics store.

Anschließend „testet“ Gladwell Granovetters Analyse auf das Phänomen von Amokläufen, dass es in den 1970ern in den USA nicht gab. Dazu bezieht er sich auch auf die Ausführungen anderer Soziologen, die die Psyche von Amokläufern untersucht haben. Am Anfang waren die Taten sehr eigenwillig, doch nach dem Columbine-Massaker von Eric Harris und Dylan Klebold fingen die Amokläufe an, immer mehr einem gleichen Skript zu folgen. Die Täter schreiben meistens Manifeste, hinterlassen Videos, wo sie auf ähnliche Weise posieren, beziehen sich teilweise aufeinander und tragen sogar ähnliche Kleidung. Und ja, sie sind alle weiße Männer (selbst die Hispanics, die Amok laufen). Anders gesagt: Einer hatte den Anfang für die Bewegung gemacht, andere folgten. Allerdings gibt es keinen einheitlichen psychologischen Typ eines Amokläufers (z.B. „schüchtern, wurde gemobbt, spielte gewalttätige Videospiele“, wie oft in den Medien suggeriert wird). Genauso ist es bei Unruhen, hier haben die Täter nicht immer viel gemeinsam außer der Identifikation mit der Tat.

Diese Erklärung verstößt gegen die ethischen Standards der meisten Menschen, deshalb dürfte sie von der Mehrheit abgelehnt werden. Aber sie ist dennoch wahr. Wenn man es zugibt, beginnt fast jede soziale Bewegung auf diese Weise: Einer fängt an, andere folgen. So war es mit Stone Washed Jeans in den 1980ern, so war es mit Nintendo-Spielen in den 1990ern und so war es mit Amokläufen ab den 2000ern. Von den 23 schlimmsten Massakern mit Schusswaffen in der Geschichte der USA ereigneten sich 14 in den 2000ern, 3 der 5 schlimmsten ereigneten sich sogar 2016 und 2017. Die Bewegung scheint also noch nicht vorbei zu sein. Das stellt eindeutig ein gesellschaftliches Versagen dar. Hier kann sich sogar Europa auf die Schultern klopfen: Sie haben dieses Problem nicht, die Bewegung ist fast 100% amerikanisch geblieben. Beruhigend kann man nur sagen, dass Amerikas Amok-Bewegung ab den 2000ern weitgehend unpolitisch ist und damit im Vergleich zur islamistischen Bewegung „nur“ ein Sicherheitsproblem darstellt und nicht die politische Ordnung angreifen will.

Es handelt sich einfach um weiße Männer, die Eric Harris kopieren wollen. Wie Gladwell sagte:

Between Columbine and Aaron Ybarra, the riot changed: it became more and more self-referential, more ritualized, more and more about identification with the school-shooting tradition. Eric Harris wanted to start a revolution. Aguilar and Ybarra wanted to join one. Harris saw himself as a hero. Aguilar and Ybarra were hero-worshippers.

14 Antworten to “Eine Erklärung für Amerikas hohe Amokdichte”

  1. Dr. Caligari Says:

    Zitat:
    „Die zynische Erklärung lautet: Amokläufer sind eine Art „soziale Bewegung“, die Ende der 1990er Jahre ihren Anfang nahm.“

    Es ist klar, dass in diesem Fall die Gegner eines liberalen Waffenrechts mit Emotionen statt mit Argumenten arbeiten.

    Dennoch, irgendwie kann ich mich mit der Idee nicht anfreunden…

    • arprin Says:

      Meinst du die Erklärung, die Malcolm Gladwell für Amokläufe anbietet? Und wenn ja, was hältst du an der These für fragwürdig?

      • Dr. Caligari Says:

        Eine soziale Bewegung kann meines Erachtens nicht so aufgebaut sein, dass Person a stirbt und dann Person b sich mit a beschäftigt und dann anfängt ihn nachzueifern…

        Das ist irgendwie komisch. Entspriocht nicht meinen Bild.

      • arprin Says:

        Mit „sozialer Bewegung“ ist letztendlich nur das Nachahmen der Tat gemeint. Der Amoklauf von Columbine hat viele andere spätere Amokläufer inspiriert.

  2. Schweizer Investor Says:

    Und was könnten die USA dagegen machen? Die Populisten haben eine einfache Scheinlösung. In deinem Artikel sehe ich keine.

    • arprin Says:

      Ich sehe auch keine einfache Lösung. Waffenverbote treffen die Falschen und werden im Ernstfall nichts verhindern. Soweit ich mitbekommen habe, haben die Hintergrund-Checks in den meisten Amok-Fällen versagt, hier könnte man ansetzen.

  3. aron2201sperber Says:

    warum es in der USA mehr Amokläufe gibt, erklärt sich wohl auch, weil die USA viel mehr Einwohner hat.
    in Deutschland gab es ja auch einige größere:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_von_Erfurt

    https://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_von_Winnenden

    München und Breivik könnte man auch durchaus dazu rechnen.

    dann kommt man auch bald auf Ami-Zahlen

  4. aron2201sperber Says:

    in UK und F etwas länger her:

    https://www.welt.de/print-welt/article646823/Amoklauf-in-Schule-erschuettert-Grossbritannien.html

    https://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_von_Cuers

    • arprin Says:

      Ja, es stimmt, die Bevölkerungsgröße spielt eine Rolle. Aber auch im Durchschnitt kommt es in den USA häufiger vor, gerade in letzter Zeit: Seit Oktober gab es die Fälle in Las Vegas, Sutherland Springs und jetzt in Florida. Das ist eine größere Hausnummer. Selbst wenn man die USA mit ganz Europa vergleicht, liegen die USA in den letzten 10-20 Jahren vorne.

  5. Olaf Says:

    Eine Stone Washed Jeans hatte ich auch in den 80ern. Ich hatte mir zwar eine Magnum 44 gewünscht, aber meine Mutter hat bei Karstadt die Waffenabteilung nicht gefunden.

  6. Öko-Theosoph Says:

    Die USA sind auch als Staat krimineller als die europäischen Staaten. Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten kriegerisch oft interveniert. Die Europäer ließen sich leider oft in die Kriege mit hineinziehen.
    Es ist eigentlich sinnlos, nach Erklärungen für die Amokläufe zu suchen.
    Eine öko-konservative Politik kann zu einem friedlicheren Miteinander führen. Zudem muss das Christentum gemäß den Vorstellungen von C. G. Jung reformiert werden. Mystische Erfahrungen und Geistiges Heilen müssen aufgewertet werden. Wir brauchen Traumyoga (bitte googeln). Dieses ist allerdings gefährlich, wenn man die nötige Reife nicht hat.

    • Wolfgang Scharff Says:

      @Öko-Theosoph: „Es ist eigentlich sinnlos, nach Erklärungen für die Amokläufe zu suchen.“

      Völlig sinnlos, da die Lösung des Problems doch so einfach ist: „Wir brauchen Traumyoga“.

  7. Yadgar Says:

    @Öko-Theosoph:
    …und Bachblüten! Und Famiiiiiiiilienaufstellungen nach Adolf… äh, Bert Hellinger! Aber immer mit Helm!!!

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