Wag the Don

Was macht der Don?

Warum sollte der Iran einen Krieg mit den USA wollen? Das ergibt keinen Sinn, die amerikanische Militärmacht würde die Mullahs vernichten. So lautet der Gedankengang derer, die den Angriff auf die Öltanker im Persischen Golf entweder für ein (noch) ungeklärtes Mysterium oder eine Inszenierung der Amerikaner halten, um einen Krieg gegen den Iran zu provozieren. Der Krieg in Vietnam wurde schließlich ebenfalls mit einem inszenierten Angriff auf einen Tanker begründet (Tonkin-Zwischenfall) – warum sollte das nicht wieder passieren? Tatsächlich habe auch ich daran gezweifelt, ob der Iran hinter den Angriffen auf die Öltanker steckt. Aber die derzeit vorhandenen Indizien sprechen dafür. Falls sich nichts mehr daran ändern sollte, stellt sich die Frage: Wie wird Trump reagieren? Die Antwort auf diese Frage könnte auf ein mögliches Motiv der Täter hindeuten.

Trump hat die Verständigung mit Nordkorea gesucht. Die Nordkoreaner haben im Gegenzug ihr Atomprogramm nicht zurückgefahren und planen es derzeit nicht. Der klare Sieger aus der Verständigungspolitik ist Nordkorea – sie mussten nichts tun und bekamen im Gegenzug die Möglichkeit, ihre internationale Isolation zu verringern. Bezüglich Assad hat Trump es geschafft, ihn zu bombardieren und gleichzeitig zu stärken – denn mehr als einen begrenzten Präzisionsschlag gab es nicht. Assad sitzt heute fester im Sattel des syrischen Präsidenten denn je zuvor. Auch gegenüber Venezuela schlug Trump einen harten Ton an und tat am Ende nichts, um aus seinen Drohungen wahre Worte zu machen. Das ist erstmal eine neutrale Feststellung. Trotz seiner oft knallharten Rhetorik ist Trump ein nicht-interventionistischer Präsident.

Es ist stark davon auszugehen, dass Trump nicht darauf aus ist, das Mullah-Regime komplett zu stürzen. Dafür bräuchte es Hunderttausende Soldaten, Tausende eigene Opfer, einen monatelangen Krieg mit der Gefahr, in einen jahrelangen Guerillakrieg zu münden, sowie potenziell enorme wirtschaftliche Schäden. Verständlicherweise hält man nicht mal in israelischen Sicherheitskreisen einen Angriff auf den Iran für eine gute Idee. Diese Punkte waren bereits vor dem Angriff auf die Öltanker bekannt. Auch den Iranern. Eben dieses Wissen könnte den Angriff erklären. Theoretisch wäre es möglich, dass die Iraner komplett verrückt geworden sind, aber noch wahrscheinlicher ist, dass sie kühl berechnend agieren und wissen: Der Angriff auf die Öltanker wird ihre Herrschaft nicht gefährden und gleichzeitig das Signal senden, dass die Iraner sich nicht einschüchtern lassen. Es ist nicht so, dass solche Taten für die Iraner neu sind.

Das Mullah-Regime steckt hinter Bombenanschlägen in Argentinien, etlichen Morden an Oppositionellen in Europa sowie der Bewaffnung von Terrororganisationen im Nahen Osten, die westliche Soldaten getötet haben. Der Angriff auf die Öltanker wäre keine neue Eskalationsstufe. Welche Gründe die Mullahs für einen Angriff gehabt hätten, sind rein spekulativ. Aber man kann sicher sein, dass Trump keinen Regime Change machen wird, und dass die Mullahs das auch wissen. Vor diesem Hintergrund erscheint eine amerikanische Inszenierung unwahrscheinlich und eine kleine Machtdemonstration der Iraner am wahrscheinlichsten. Trump wird sich in den nächsten Tagen vermutlich mit seiner Kampagne zur Wiederwahl und anderen innenpolitischen Themen beschäftigen und wie gegen Assad höchstens einen kleinen, begrenzten Angriff auf den Iran durchführen – bis der Vorfall in einigen Wochen vergessen ist.

Falls es so kommt, wäre es aus politischer Sicht eine Win-Win-Situation: Das Mullah-Regime inszeniert sich als Spitze des anti-imperialistischen Widerstands und Trump inszeniert sich als harter Hund. Die anti-amerikanischen Verschwörungstheoretiker haben ein „neues Tonkin“ gefunden und die pro-amerikanischen Interventionisten zeigen sich begeistert über die amerikanische Militärmacht. Eine gute Nachricht gibt es aber doch: Die internationale politische Isolation, die geheimdienstliche Sabotage ihres Atomprogramms und die Reaktionen auf ihre Provokationen werden den Iran klar machen, dass sie sich nicht mehr leisten können. Es herrscht eine Patt-Situation, der einen großen Krieg unwahrscheinlich macht. Im Nahen Osten ist das bekanntlich das Beste, was man hoffen kann.

4 Antworten to “Wag the Don”

  1. Olaf Says:

    TV-Experte Lüders hat gesagt, der Iran ist ganz lieb und würde niemals Bomben an Schiffe kleben. Die USA sind böse, und sie haben 1953, also neulich, alles Unglück begründet als sie die Motte abgesetzt haben. Und dafür muß ich Zwangsgebühren bezahlen, pervers.

  2. Martin Says:

    Ich denke trotzdem, daß man diesen Konflikt in seinen regionalen Kontext einordnen muss. Es gibt nicht nur Iran gegen USA, sonder auch andere Akteure mit eigener politischer Agenda im mittleren Osten.
    Wer hat Interessen, wer hat die Möglichkeiten, wem nützt es?
    Ich habe keine Ahnung, wer wirklich verantwortlich ist…

  3. SuPaNoWa Says:

    Hallo Arprin,

    Guter Artikel. Mach doch mal einen neuen Beitrag zur Situation Afghanistans, würde mich freuen.

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