Corona-Lektionen (4): Die Festspiele der Systemkritiker

kl

Es ist mal wieder Zeit, unsere gesamte Lebensweise zu verdammen

Ich bin nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Jede größere, kleinere oder auch gar keine Krise löst es aus: Die Kritik an „unserer Art zu leben.“ Zwar hat jede politische Ausrichtung ihre eigene ideologische Kritik an der Gesellschaft, aber in unserem polit-medialen Betrieb dominiert eindeutig die Systemkritik von Linken und Grünen. Von Bundestrainer Joachim Löw und Papst Franziskus bis zu herausragenden Intellektuellen wie Madonna und Robert DeNiro: Alle kritisieren unser System und fordern ein Umdenken.

Reine Profitgier und Hoffen auf ewiges Wachstum ohne Rücksicht auf Umweltzerstörung, wachsender Ungleichheit, schlechten Arbeitsbedingungen und Transgender-Rechten kann kein Modell für die Zukunft sein. Und aus irgendeinem Grund ist die Corona-Krise ein guter Moment, um noch offensiver mit dieser Kritik rauszurücken. Mir sind vor allem drei Kritikpunkte in Zeitungskommentaren, TV-Ausschnitten und Politiker-Reden aufgefallen:

– „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.
– „Die am schlechtesten vorbereiteten Länder haben alle eine neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik.
– „Die Schutzmaßnahmen wurden durch die Ignoranz von rechtspopulistische Regierungen erschwert.

An diesen Punkten ist nicht wenig richtig. Sondern gar nichts. Im Folgenden werde ich auf die drei Punkte eingehen und erklären, warum die aktuellen Festspiele der links-grünen Systemkritiker völlig unbegründet sind.

1. „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.“

Das Argument: „Der Mensch rodet Wälder, zerstört die Lebensgrundlagen von unzähligen Tierarten und lässt sich in den zerstörten Gegenden nieder, indem er dort Agrarflächen errichtet. Tödliche Viren gehen von der Natur auf die Tiere und von dort auf Bauernhöfe und von dort auf Schlachthöfe und von dort auf menschliche Körper über, die anschließend eine Pandemie auslösen. Wenn der Mensch die Natur in Ruhe lassen würde, würden die Viren den Menschen erst gar nicht erreichen können.“

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Tatsächlich hat der Mensch in den letzten Jahrzehnten dank moderner Technologie und den Fortschritten in der Medizin immer mehr Krankheiten ausrotten können. Die Pocken, die größte Geißel der Menschheit, sind nahezu komplett Geschichte, Polio (Kinderlähmung) ebenfalls, die Ansteckungs- und Todeszahlen von Aids und Malaria sind deutlich gesenkt worden, auch wenn es noch keine Impfstoffe gegen diese Krankheiten gibt. Weltweit fordern Infektionskrankheiten immer weniger Todesopfer.

Dass der Mensch näher an die Natur rückt, ändert daran nichts. Das neue Coronavirus SARS COV-2 entstand nicht durch einen neuartigen Kontakt von Mensch und Natur, Fledermäuse und andere exotische Tiere waren in China schon länger in (oft illegalen) Märkten zu finden. Diesmal ist es schiefgelaufen, und wir sollten daraus lernen. Aber dieser Fall steht keineswegs „exemplarisch“ für eine angebliche Zunahme an Infektionskrankheiten. Solche Behauptungen sind pure Fake News.

Möglicherweise ist die Hoffnung der Vater des Gedanken: Viele Menschen wünschen sich eine Zunahme an Infektionskrankheiten, um die „Überheblichkeit der Menschheit“ zu verdammen und der Natur zuzujubeln, die nun endlich zurückschlage. Niemand kann die Zukunft vorhersagen, aber Stand jetzt muss man diesen Menschheits-Kritikern sagen: Es sieht leider nicht danach aus. Möglicherweise wird unser Sieg gegen Aids, Malaria usw. sogar trotz unserer Rodung von Regenwäldern immer mehr bis zum Endsieg weitergehen – ganz furchtbar!

2. „Die am schlechtesten vorbereiteten Länder haben alle eine neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik.“

Das Argument: „Die neoliberale Ideologie besagt, dass der Staat schlecht und die Privaten gut sind. Deswegen wurden im Rahmen dieser Ideologie in den letzten Jahrzehnten massiv die Steuern gesenkt und staatliche Kapazitäten abgebaut und alles den Privaten überlassen, die aus reiner Profitgier überall die Ausgaben gesenkt haben. Im Gesundheitssystem hatte das zur Folge, dass die Krankenhäuser zu wenig Betten und Beatmungsgeräte haben und das Pflegepersonal unterbesetzt und unterbezahlt ist.“

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Der Stand der Vorbereitung auf diese Pandemie hatte nichts mit einer bestimmten Ideologie zu tun. Die am besten vorbereiteten Länder waren Taiwan, Südkorea und Japan. Taiwan ist sehr wirtschaftsliberal. Südkorea und Japan haben mehr Regulierung, sind aber noch immer wirtschaftsliberaler als die meisten europäischen Länder. Sind sie deshalb ein Beweis, dass Wirtschaftsliberalismus in Wirklichkeit positiv für die Bekämpfung einer Pandemie ist? Nein. Sie sind lediglich ein gutes Beispiel für eine gute Prävention gegen Pandemien.

Wie gut ein Land auf eine Pandemie vorbereitet ist, hat nur mit einer Frage zu tun: Wie ernst die herrschenden Regierungen diese spezifische Gefahr nahmen. Theoretisch könnten islamistische Theokratien, Nazi-Diktaturen oder kommunistische Einparteienstaaten gut auf eine Pandemie vorbereitet sein, während eine liberale Demokratie schlecht vorbereitet ist. Ein solches Extrem-Ereignis wie eine Pandemie sollte man nicht zum Maßstab für das Funktionieren eines Systems erheben.

Außerdem ist das Narrativ „Die Gesundheitssysteme wurden kaputt gespart“ schlicht falsch. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht über die Vorteile oder Nachteile von Wirtschaftsliberalismus (bzw. „Neoliberalismus“) vs. Sozialdemokratie sprechen, nur Folgendes sei gesagt: Alle westlichen Länder hatten in den letzten Jahren steigende Gesundheitsausgaben, nicht sinkende. Falls Ressourcen fehlten, lag das nicht an einem Mangel an Geld, sondern an schlechter Zuteilung von Geld.

3. „Die Schutzmaßnahmen wurden durch die Ignoranz von rechtspopulistische Regierungen erschwert.“

Das Argument: „Die meisten vernünftigen Politiker haben die Warnungen der Epidemiologen ernst genommen und früh landesweite Quarantänen gefordert. Nur einige Rechtspopulisten nahmen die Pandemie nicht ernst und reagierten nicht, oder sie setzten anfänglich (oder bis heute) auf eine kontrollierte Herdenimmunität, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. In beiden Fällen war der Grund für die fehlende Quarantäne die Interessen der Wirtschaft, und in beiden Fällen führte das zu einer massiv erhöhten Todesrate.“

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Jeder hat anfänglich das Virus nicht so ernst genommen wie jetzt. Nur Chinas Nachbarn haben schnell und erfolgreich reagiert. Nachdem sich das Virus ausbreitete, wählte die Mehrheit aller Länder die Strategie „Quarantäne“. Das gilt sowohl für vermeintlich „vernünftige“ Regierungen wie die in Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland als auch für die von „rechtspopulistischen“ Regierungen in Großbritannien, Polen, Ungarn und auch in den USA, wo Trump das Virus nach anfänglicher Verharmlosung ebenfalls ernst nimmt.

Es gab Ausnahmen, aber sie laufen nicht nach ideologischen Linien und die genauen Umstände sind kompliziert. In Brasilien leugnet Bolsonaro die Gefahr des Virus, ebenso Lukashenko in Weißrussland. Bolsonaro gilt als „Rechtspopulist“, Lukashenko als Diktator. Für die Regierung in Schweden gilt beides definitiv nicht, und die Regierung leugnet nicht die Gefahr des Virus – aber sie hat keine Quarantäne angeordnet, weil sie auf kontrollierte Herdenimmunität setzt. Das zeigt: Die getroffenen Maßnahmen sind nicht nach Ideologie geordnet.

Viel wichtiger ist für mich die Frage: Welche Reaktion hat sich bewährt? Die Quarantäne hat Italiens Desaster nicht abgewendet, während Schweden ohne Quarantäne kein ähnliches Desaster erlebt. Niemand kann so recht erklären, warum es Frankreich soviel härter trifft als Deutschland, New York härter als Los Angeles, oder Ecuador härter als Kolumbien. Offenbar spielen andere Faktoren eine Rolle als „Ja“ oder „Nein“ zur Quarantäne. Ich habe keine Ahnung, welche (Bevölkerungsdichte? Großfamilienhäuser? Eigenarten des Virus?) …

——

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Corona-Krise neben vielen anderen Dingen auch das Scheitern der links-grünen Systemkritik deutlich gemacht hat. Ihre Interpretation der Krise ist genauso falsch wie ihre gesamte Ideologie. Das heißt aber nicht, dass es keinen Grund für Kritik an die Politik der Regierungen in der Corona-Krise gibt. Im Gegenteil. Ich glaube weder an einen teuflischen Plan von Bill Gates noch an ein laborgezüchtetes Virus in Wuhan, aber ich befürchte langsam, dass die Quarantänen falsch waren und ihre Folgen deshalb vermeidbar.

Das größte Versagen der westlichen Regierungen ist für mich die Tatsache, dass so vieles bezüglich des Virus noch unklar ist. Keine Regierung hat massenhaft Kapazitäten für flächendeckende Tests benutzt, um eine verlässliche Ansteckungsrate zu ermitteln. Alles, was wir jetzt machen, ist, unvollständige Daten als Rechtfertigung für die Fortsetzung der Quarantäne oder für die Öffnung der Wirtschaft zu benutzen. Immerhin steht eines fest: Die kommende Weltwirtschaftskrise. Es bleibt unklar, ob sie vermeidbar war oder nicht – aber sie wird kommen …

Eine Antwort to “Corona-Lektionen (4): Die Festspiele der Systemkritiker”

  1. Dr. Caligari Says:

    Zitat arprin aus dem Artikel
    „Jede größere, kleinere oder auch gar keine Krise löst es aus: Die Kritik an ‚unserer Art zu leben.'“

    Leider Gottes kan ich dem nicht eine gewisse Legitimtität absprechen. Der Gedankengang ist korrekt, dass solche Krisen und nur solche Krisen sich eignen, um etwas zu ändern.
    Hier also kräftig zu trommeln macht sinn.

    Zitat arprin aus dem Artikel
    „Aber dieser Fall steht keineswegs ‚exemplarisch‘ für eine angebliche Zunahme an Infektionskrankheiten. Solche Behauptungen sind pure Fake News.“

    Das ist auch wieder so eine Strategie: Das Problem wird im ersten Schritt herbeigeredet, um dann im zweiten Schritt eine Lösung anzubieten. Das sieht man sowohl bei links (soziale Schere, viele sog. „Folgen der Umweltzerstörung“), rechten (Horrormeldungen) – und auch von religiöser Seite, wenn sich über die Sinnlosigkeit der gottlosen Welt beschwert wird.
    Wobei viele dieser Probleme sogar eine berechtigten sachlichen Kern haben. Dazu vielleicht irgendwann mal was von mir…

    Zitat arprin aus dem Artikel
    „Südkorea und Japan haben mehr Regulierung, sind aber noch immer wirtschaftsliberaler als die meisten europäischen Länder.“

    Kannst du eventuell mal einen kleinen Vergleich schreiben?
    Vielleicht Teil 1 „Europa und Amerika“, Teil 2 „Ostasien“ und dann kurz den dritten Teil bemerkenswerte Beispiele aus dem Rest der Welt?
    Wo wird mehr reguliert, wo herrscht welches System? Welche Systemen funktionieren?

    Zitat arprin aus dem Artikel
    „Das zeigt: Die getroffenen Maßnahmen sind nicht nach Ideologie geordnet.“

    Trotzdem bin ich davon überzeigt, dass sich das Narrativ durchsetzen wird. Die bösen Rechtspopulisten haben nicht auf das Virus reagiert. Als Beweis werden dann ein paar streitbare Aussagen von Trump präsentiert oder so. Das Beispiel Schweden wird einfach nicht mehr besprochen werden und Großbritannien wird so umgeschrieben, dass Johnson erst durch die unmittelbare Gefahr des eigenen Todes den Kurs gewechselt hat.
    Es passt alles so schön zusammen wie ein Puzzel. Das musst auch du als Kritiker anmerken. Eine fast schlüssige Geschichte. Bis jemand nach China und nach Schweden fragt, natürlich.

    Zitat arprin aus dem Artikel
    “ Niemand kann so recht erklären, warum es Frankreich soviel härter trifft als Deutschland, New York härter als Los Angeles, oder Ecuador härter als Kolumbien.“

    Auch wenn es zynisch klingt, aber: Was ist mit dem Faktor Zufall?
    Vielleicht war das das entscheidende Niesen in die falsche Richtung, der falsche Virenstamm (die Dinger mutieren ja auch munter) und die richtige Dosierung bei der Ankunft?
    Schweden hat vielleicht das Glück, gleichzeitig mehrere positive Zufälle auf seiner Seite zu haben, während Italien maximales Pech hatte.

    Zitat arprin aus dem Artikel
    „Keine Regierung hat massenhaft Kapazitäten für flächendeckende Tests benutzt, um eine verlässliche Ansteckungsrate zu ermitteln.“

    Lange Zeit habe ich auch darauf gewartet, aber… Ich denke inzwischen, DAS war falsch.

    Die Regierungen haben eine Entscheidung auf Basis einer unklaren (und nebenbei bis heute nicht vollständig aufgeklärten) Sachlage getroffen. Sowohl über Spätfolgen als auch den Grad der Tödlichkeit ist nicht viel bekannt.
    Unter diesen Voraussetzungen waren die Entscheidungen absolut richtig.

    Hier hatten wir ein aktutes Problem, dessen Risiken uns unbekannt waren. Andere Beispiele sind entweder nicht akut (Klimawandel zieht sich über Jahre) oder die Risiken sind nicht unbekannt (Wirtschaftspolitik ist jetzt auch nichts völlig neues).

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