Über die Cancel Culture

Konformität als gesellschaftliches Ziel

Wer eine andere Meinung vertritt, wird gekündigt, boykottiert und beschämt. Es wird immer gefährlicher, eine nicht-konforme Meinung zu äußern, die Meinungsvielfalt stirbt langsam aus. Für die Zukunft droht eine Meinungsdiktatur, mit der Folge, dass die Freiheit des Gedankens in der Öffentlichkeit nicht mehr existiert und kein Querdenker mehr eine Karriere machen können wird. Solche Ängste hatten die Rechten schon in den 1970ern. Der heutige Name für dieses Phänomen ist „Cancel Culture.“ Viel anders als damals ist die Lage aber nicht. Ist die Gefahr eines neuen Totalitarismus heute wirklich größer als damals?

Einen Menschen (ohne Vertragsbruch) zu kündigen ist Teil der Vertragsfreiheit, einen Menschen zu boykottieren ist Teil der Vereinigungsfreiheit, einen Menschen (durch Meinungsäußerungen) zu beschämen ist Teil der Meinungsfreiheit. Nichts davon ist totalitär. Ich lehne die Cancel Culture ab, weil ich sie für unangemessen halte – man kann mit Menschen mit konträren Ansichten interagieren, ohne sie alle „bekehren“ zu wollen oder sie zu beschämen. Respektvoller Dissens ist möglich, falls politische Ansichten (in Beruf, Familie, Freunden, etc.) überhaupt zum Thema werden. Aber die Leute, die die Cancel Culture für einen neuen Totalitarismus halten, sind auf dem Irrweg.

Cancel Culture existiert mit anderen Namen bei allen Gruppen und in allen Ländern der Welt. In den westlichen Ländern dominieren die Linken den öffentlichen Diskurs, deshalb ist die Cancel Culture überwiegend links. Wenn die Rechten den öffentlichen Diskurs dominieren würden, gäbe es eine rechte Cancel Culture. „Unpatriotisch“ wäre das neue „rassistisch“, und jeder, der sich „unpatriotisch“ äußern würde, würde gecancelt. Wenn Liberale den öffentlichen Diskurs dominieren würden (unmöglich, ich weiß), würde jeder, der für höhere Steuern ist, gecancelt werden. Es gibt keinen Weg, die Cancel Culture zu umgehen.

Vielleicht hilft die Auswanderung ins Ausland? In China macht man sich zwar mit dem Wort „Baizuo“ über arrogante westliche Linke lustig, aber nichts ist einfacher, als in China gecancelt zu werden – jede Kritik an der Kommunistischen Partei reicht aus. Marokko mag schön für den Urlaub sein, aber Kritik am König, den Islam und der Besatzung Westsaharas ist Cancel-Grund. In Argentinien kann man Tango, Fußball und Mate-Tee erleben, aber wer die argentinische Souveränität über die Falklandinseln bestreitet, wird ebenfalls gecancelt. Die Auswanderung schützt einen höchstens vor der Cancel Culture in der alten Heimat, aber nicht vor der in der neuen.

Der größte Unterschied zwischen den Ländern ist: Im Westen ist die Cancel Culture friedlich (ich weiß, es gibt Ausnahmen, doch die Mehrheit erlebt keine physische Gewalt und landet nicht im Gefängnis). Das ist aber kein ein Grund, um den Westen für seine Cancel Culture zu loben. Jede Form von Cancel Culture ist überflüssig. Sämtliche Gruppen in der Menschheitsgeschichte haben aber leider gezeigt, dass es ohne sie nicht geht. Menschen zu exkommunizieren ist für alle Gruppen wichtig. Es ist am Ende nichts weiter als eine Strategie, um die Meinungshoheit zu behalten. Jeder würde sie nutzen, wenn er diese Hoheit hätte.

Sofern kein großer Mentalitätswandel einsetzt, müssen wir uns damit abfinden. Wir sollten die radikalsten Auswüchse der Cancel Culture verhindern (keine Einschränkungen von Freiheitsrechten, drakonische Bestrafung von Gewalt), wir sollten uns, gleich welche Ansichten wir haben, nicht an der Cancel Culture beteiligen (nicht jeder, der einmal mit den Grünen übereinstimmt, ist ein Gutmensch) und wir sollten alles richtig einschätzen und nicht in Hysterie verfallen (es droht kein neuer Totalitarismus). Und dann das tun, was Ziel einer rationalen Diskussionskultur ist: Sich mit Menschen, die für Argumente offen sind, auseinandersetzen und versuchen, sie zu überzeugen.

3 Antworten to “Über die Cancel Culture”

  1. besucher Says:

    Die aktuell am schlimmsten wütende Cancel Culture lautet Corona-Prävention, die wird unsere Kultur ärmer machen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zerstören.

    • arprin Says:

      Meinst du damit das Canceln von „Corona-Leugnern“? Wenn ja, dann stimme ich dir zwar zu, dass es übertrieben ist, aber der Einfluss auf Kultur und Gesellschaft wird überschaubar sein.

      Wenn du die fehlenden Subventionen für Künstler meinst – die hätte man früher streichen sollen. Kein Land braucht Staats-Künstler.

      • Olaf Says:

        Auf die Merkel-„Künstler“ kann man gerne verzichten, die sollen arbeiten gehen. Stasi in die Produktion, sagte man damals 1990.
        Kultur gibt es im Parallel-shit-Universum BRD sowieso nicht.

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