Archive for the ‘Geschichte’ Category

Der historische Relativismus

März 24, 2015

Die amerikanischen Gründungsväter stimmten für Freiheit und Sklaverei

Zu den schlimmsten Auswüchsen moderner Geistesgrößen gehört der Kulturrelativismus. Diese Geisteshaltung geht davon aus, dass es keine allgemeingültigen Werte gibt, die für alle Kulturkreise gelten sollen, stattdessen hat jede Kultur ihre eigenen Werte, die weder besser noch schlechter sind als die von anderen Kulturen. Es geht dabei nicht um eine Diskussion über Naturrecht und Rechtspositivismus, sondern um die Frage, ob es überhaupt Werturteile geben kann, die man nicht mit einer andersartigen Kultur entschuldigen kann. Vor allem in der Islamdebatte hört man gelegentlich kulturrelativistische Positionen, mit denen archaische Rituale und Wertvorstellungen in der islamischen Welt verharmlost werden.

Bei solchen Argumenten sträuben sich den Islamkritikern die Haare. Die Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Abschaffung der Folter sind zivilisatorische Werte, die nicht verhandelbar sein dürfen. Recht haben sie. In diesen Fragen kann es keine Kompromisse geben. Es gibt auch viele säkulare Muslime, die das so sehen, und diese Werte verteidigen. Gleichzeitig bewundern sie jedoch Mohamed, einen Kriegsherrn, der Ungläubige und Blasphemiker töten ließ und Frauen als dem Mann untergeordnete Wesen ansah. Für Islamkritiker ist das ein Widerspruch: Man kann nicht gleichzeitig für Meinungsfreiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Abschaffung der Folter einstehen und Mohamed bewundern.

Auch hier haben die Islamkritiker Recht. Mohamed hatte nichts mit den Werten der Aufklärung gemein. Islam und Aufklärung sind völlig unvereinbar. Insofern sind Leute, die sich gleichzeitig für aufgeklärt halten und Mohamed bewundern, Heuchler. Aber bei genauerer Betrachtung sind das auch viele Islamkritiker. Denn Mohamed ist nicht der einzige Mensch, der von Menschen im 21. Jahrhundert bewundert wird, die teilweise extrem verschiedene Ansichten haben. Im Westen genießen historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Friedrich der Große oder George Washington hohes Ansehen, in Russland wird Peter der Große verehrt. Würden diese Personen heute leben, würde man ihre Leistungen dagegen sicher anders bewerten.

Der Grund für diese Diskrepanz ist eine andere Form von Relativismus: Der historische Relativismus. Während Kulturrelativisten Verbrechen damit entschuldigen, dass die Täter nunmal aus einer anderen Kultur stammen, entschuldigen sie historische Relativisten damit, dass die Täter nunmal aus einer anderen Zeit stammten. Beides ist jedoch grundfalsch. Es spielt nämlich keine Rolle, wo oder wann Verbrechen begangen wurden, sondern nur, ob es Verbrechen sind. Besonders absurd ist es, Verbrechen mit historischem Relativismus zu entschuldigen und gleichzeitig Kulturrelativismus zu verurteilen. Denn wie kann es falsch sein, wenn Herrscher heute mit Gewalt und Terror herrschen, wenn es nicht falsch war, als es Könige vor Jahrhunderten taten? (more…)

Wie Whataboutismen die Welt zerstören

Februar 17, 2015

Keine Kritik an Nordkorea, solange Guantanamo nicht geschlossen ist!

Alles begann mit Jesus. Eines Tages brachten Pharisäer und Schriftgelehrte ihm eine Frau, die beim Ehebruch erwischt worden war. Sie sagten, Moses hätte für diese Sünde die Todesstrafe durch Steinigung vorgesehen, und sie fragten nun Jesus, was man mit der Frau tun sollte. Jesus bückte sich, schrieb etwas auf den Sand und sagte dann “Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie”. Natürlich traute sich keiner, einen Stein zu werfen, und die Frau wurde verschont. Viele Menschen fasziniert dieser Abschnitt. Ja, es ist ein toller Dialog. Eignet sich gut für einen Krimifilm. Genauso wie Denzel Washingtons Spruch “Vergebung ist eine Sache zwischen ihnen und Gott. Mein Job ist es, das Treffen zu arrangieren” im Film “Mann unter Feuer”.

Aber ist Jesus’ Spruch eine gute Moralanleitung? Die Antwort darauf ist dieselbe wie bei Denzel Washingtons Spruch: Nein. Es ist natürlich falsch, Ehebrecher zu steinigen. Doch das Argument, mit dem Jesus dies begründete, war albern. Was Jesus machte, war der erste nachweisbare “Whataboutism” der Geschichte. Was Whataboutism ist, habe ich hier erläutert. Es ist der rhetorische Trick, Kritik zu erwidern, indem man einfach Gegenkritik äußert. Diese Taktik war besonders in der Sowjetunion üblich, um jede Kritik am sowjetischen System abzuschmettern. Jeder kann ein Whataboutism anwenden, um sich oder andere Personen vor Kritik in Schutz zu nehmen. Diese Taktik ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.

Die Verunmöglichung von Kritik

Die Folgen des Whataboutism sieht man ständig in politischen Diskussionen. Als Oskar Lafontaine vor nicht allzu langer Zeit in einer Talkshow auf die Mauertoten angesprochen wurde, lautete seine Reaktion: Was ist mit den Drohnenmorden? Was ist mit den Toten im Mittelmeer? Er antwortete also gar nicht auf die gestellte Frage, sondern lenkte gleich vom Thema ab. Lafontaine steht damit ganz in der Tradition der DDR. Auf die Frage, was er über die Schüsse an der Mauer meinte, antwortete Honecker: „Wissen Sie, ich möchte nicht über die Schüsse sprechen, denn in der Bundesrepublik fallen soviel Schüsse täglich, wöchentlich, monatlich, die möchte ich nicht abzählen.“

Man mag nun einwenden, dass einige Verbrechen schlimmer sind als andere, so dass man sich nicht herausreden kann. Aber das stimmt nicht. Sogar die Nazis hätten Kritik an sich mit Whataboutismen abschmettern können: Hitler greift Polen an, die Welt ist empört. Aber warum? Polen war eine Diktatur, die Franzosen und Briten besaßen Kolonialreiche in Afrika und Asien, die Sowjetunion war 1939 eine noch schlimmere Diktatur als Nazi-Deutschland. Also, warum regt sich dann die Welt so sehr über die Nazi-Diktatur und den Angriff auf Polen auf? Warum!? Tatsächlich wendeten die Nazis Whataboutismen an. So titelte die Volkszeitung drei Tage nach der Reichskristallnacht: “Londoner Hetze wegen Glasscherben – aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer in Palästina!” (more…)

Das wahre Interview

Februar 7, 2015
Die Flagge des kommunistischen Korea

Das tollste Land der Welt

Seit zwei Tagen ist es soweit: Am 5. Februar kam “The Interview” in die deutschen Kinos. Das tollste Land der Welt wird im Kino verarscht. In Sachen Sony-Hack gehörte ich von Anfang an zu den Verschwörungstheoretikern, die die Drohung an Sony für einen Inside-Job hielten. Auch wenn es keine eindeutigen Beweise gibt, scheine ich Recht gehabt zu haben. Aber die False Flag-Operation hat letztlich niemanden geschadet, von daher ziehe ich meinen Hut und sage: Es war ein toller PR-Coup. Ich habe mir den Film schon angesehen und kann sagen: Der Film ist so, wie man ihn erwartet. Kein großes Oscar-Kino, aber viele Lacher, die bei den Freunden des Vulgär-Humors von James Franco und Seth Rogen für viele Schenkelklopfer sorgen werden.

Ohne viel spoilern zu wollen: Dem TV-Moderator Dave Skylark (gespielt von James Franco) gelingt es tatsächlich, Kim Jong-Un vor aller Welt bloßzustellen. Dabei hatte Kim zuerst alles unter Kontrolle und konnte sogar die Sympathie von Skylark gewinnen (u.a. mit einem Fake-Lebensmittelladen und der gemeinsamen Vorliebe für Katy Perry-Lieder), der sogar anfängt zu zweifeln, ob die ganzen Berichte über die Todeslager echt sind (“Ich hab’ keine gesehen, seitdem wir hier sind”). Die Geschichte ist natürlich unrealistisch. Diktatoren haben meist eine hohe Medienkompetenz, was sich bei ihren Auftritten zeigt: Vladimir Putin beim NDR, Mahmud Achmedinedschad beim ZDF oder Bashar al-Assad mit Jürgen Todenhöfer.

Das heißt jedoch nicht, dass Diktaturen mit Interviews nicht dennoch oft schwer auf die Nase gefallen sind. Ein legendäres Beispiel dafür war ein Interview, das von nordkoreanischen Reportern im Jahr 1990 geführt wurde. Dieses Interview hatte eine Vorgeschichte: Im Jahr 1989 fanden die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Pjöngjang statt, ein Jahr nachdem Seoul die Olympischen Spiele ausgetragen hatte. Damals versuchte der Norden noch mit dem Süden mitzuhalten. Eine mit Nordkorea sympathisierende südkoreanische Studentin, Lim Su-Kyung, wollte ein Zeichen für den Frieden setzen und reiste illegal nach Pjöngjang. Für das nordkoreanische Regime war dies ein spektakulärer Propagandaerfolg, den man ausschlachten wollte. (more…)

Gedenken als Routine

Januar 30, 2015

Das Gedenken an Auschwitz gehört zum festen Bestandteil der politischen Kultur

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gab es mal wieder kleinere und größere Skandale. Putin sagte ab oder wurde nicht eingeladen, was einige als Brüskierung ansahen (als ob es eine Beleidigung der KZ-Opfer oder der sowjetischen Soldaten ist, wenn man den Präsidenten des Rechtsnachfolgers der Sowjetunion 70 Jahre später nicht einlädt). Andere wiederum kritisierten, das im Bundestag kein Überlebender sprach, sondern Bundespräsident Gauck. Für mich sind solche Angelegenheiten nur kleine Aspekte eines größeren Problems, und zwar, wie wir mit dem Gedenken an die Verbrechen der Nazis umgehen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten.

Zuerst einmal: Was genau ist der Sinn des Gedenkens an Auschwitz? Als Erstes ist da natürlich die Erinnerung an die Opfer. Das ist der unumstrittene Punkt, auf den sich restlos alle einigen können. Dieses Verbrechen war so monströs, dass es selbst nach so langer Zeit immer noch bei vielen Menschen Entsetzen auslöst. Aber es ist nicht zu leugnen, dass die Gedenkfeiern vorgeben, mehr zu sein als nur Erinnerung an die Opfer. Der gängigste Satz ist: “Wir müssen uns daran erinnern, damit sowas nie wieder passiert”. Nie wieder! Soll das der eigentliche Grund für das Gedenken sein? Unsere eigene Geschichte soll als Lektion dienen, damit sich diese Verbrechen nie mehr wiederholen?

Ich wage zu behaupten, dass man nicht die Nazis nicht gebraucht hätte, um zu wissen, dass es falsch ist, Menschen millionenfach zu vergasen. Viele Völker haben diese Erfahrung nicht gemacht, ohne deshalb “holocaust-gefährdet” zu sein. Wenn es also nicht bloß darum geht, Massenmord moralisch zu verurteilen, worum geht es dann? Der Massenmord in Auschwitz hatte ein klares Motiv: Den Hass auf Juden. Deswegen haben die Gedenkfeiern den Anspruch, Antisemitismus ganz besonders zu verurteilen. Aber so richtig hat das nicht funktioniert. Stattdessen scheinen nun viele zu glauben, Antisemitismus beginne erst mit 6 Millionen Toten (oder, um es weniger zynisch auszudrücken, mit dem Mord an einem Juden). (more…)

Entschädigung für die Kolonialzeit?

Dezember 21, 2014

Wie viel schulden die Europäer den Indianern?

Im Jahr 1999 bezifferte eine ghanaische Organisation, die “African World Reparations and Repatriations Truth Commission”, die materiellen Schäden, die die Europäer und Amerikaner durch die Sklaverei und den Kolonialismus den Afrikanern verursacht haben, auf die Summe von 777 Billionen Dollar. Diese Summe sollte von den Schuldigen als Wiedergutmachung gezahlt werden. Diese Summe ist deutlich höher als das weltweite Bruttoinlandsprodukt, und zwar um das Zehnfache: Das weltweite BIP lag im Jahr 2014 bei 77 Billionen Dollar (1999 waren es noch etwa 30 Billionen), und dabei entfällt natürlich nicht alles auf Europa und Amerika, sondern “nur” etwa 35 Billionen. Folglich müssten Europa und Amerika mehr als das Zwanzigfache ihres BIP als Reparationen zahlen.

Die kranke Zahl von 777 Billionen wird zwar sonst von niemandem genannt. Allerdings fordern Vertreter von afrikanischen Ländern, amerikanische Ureinwohner und europäische Ethnologen immer mal wieder Reparationszahlungen für die Verbrechen der europäischen Kolonialmächte. Sie berufen sich dabei z.B. auf Reparationszahlungen, die Deutschland an Juden und andere Zwangsarbeiter oder die USA an Indianer gezahlt haben (und immer noch zahlen). Im Jahr 2008 gab es eine Debatte im Bundestag, ob Deutschland Reparationen für den Völkermord an die Herero und Nama in Namibia von 1904 bis 1908 zahlen sollte. Gaddafi forderte im Jahr 2009 bei einer Rede in der UNO Reparationen von 7,77 Billionen Dollar für Afrika.

Ich bin nicht grundsätzlich gegen Reparationen. Manchmal ist es völlig richtig, die Opfer zu entschädigen. So war es Gaddafi, der den Hinterbliebenen der 270 Opfer des von ihm geplanten Lockerbie-Attentats 1988 insgesamt 2,7 Milliarden Dollar als Wiedergutmachung zahlte. Und es wäre völlig in Ordnung, wenn man mit dem Vermögen der SED, sofern man es je findet, die Opfer der Verbrechen in der DDR entschädigen würde. Auch Amerika könnte für begangene Verbrechen (z.B. My Lai, Haditha, unschuldige Opfer von CIA-Folter) Reparationen zahlen. Aber es gibt viele gute Gründe, die meisten Forderungen nach Reparationen kritisch zu sehen. (more…)

Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

Dezember 17, 2014

Freiheit für alle Völker!

Viel ist in letzter Zeit vom Selbstbestimmungsrecht der Völker die Rede. Alan Posener kritisierte während der Krim-Krise den Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung. Seine Argumente lauten: Dieses Recht gibt es gar nicht, der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung hat im 20. Jahrhundert nur zu Katastrophen geführt, und es besser ist, wenn es kein Kurdistan und Tibet gibt, da der Nahe Osten dadurch destabilisiert und keine VWs mehr in China verkauft werden. Ralf Dahrendorf kritisierte schon 1989 in der ZEIT das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Seiner Ansicht nach haben nur Individuen Rechte, keine Kollektive.

Es gibt kein Recht der Armenier, unter Armeniern zu leben. Es gibt aber ein Recht für armenische Bürger ihres Gemeinwesens, Gleiche unter Gleichen zu sein, nicht benachteiligt zu werden, ja auch ihre eigene Sprache und Kultur zu pflegen. Das sind Bürgerrechte, Rechte der Einzelnen gegen jede Vormacht.

Damit hat Dahrendorf Recht. Es gibt keine Kollektivrechte, nur Individuen haben Rechte. Kein Stamm, keine Nation, keine Ethnie kann sich auf ein Recht berufen. Dennoch ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker damit nicht unbedingt vom Tisch. Unter diesem Konzept versteht man heute überwiegend das Sezessionsrecht einer Provinz oder Region. Die Frage, welchem Staat man zugehören will, ist auch eine individuelle. Ein Armenier hat kein Recht, unter Armeniern zu leben. Aber er hat ein Recht, einen armenischen Staat zu propagieren. Und wenn genug Menschen bereit sind, einen armenischen Staat zu unterstützen, hat niemand das Recht, die Gründung eines armenischen Staates gewaltsam zu verhindern.

Es spielt für die Berechtigung einer Sezession keine Rolle, ob die Einwohner einer Provinz oder Region sie nun mit ethnischen Unterschieden begründen oder nicht. Das beste Beispiel ist die Sezession der USA, die nichts mit ethnischen Konflikten zu tun hatte. Die Behauptung, dass der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung zu Katastrophen geführt hat, mag zwar stimmen, aber viele Katastrophen entstanden auch dadurch, dass der Wunsch nach nationaler Selbstbestimmung von Staaten gewaltsam unterdrückt wurde. Der Nahe Osten wird eben nicht nur durch kurdische Terrororganisationen destabilisiert, sondern auch von autoritären Regierungen, die jeden friedlichen Versuch, einen kurdischen Staat zu errichten, gewaltsam unterdrücken. (more…)

Freiheit für West-Papua!

Dezember 2, 2014
Die Flagge West-Papuas, genannt "Morgenstern"

Die Flagge West-Papuas, genannt “Morgenstern”

Der 1. Dezember ist der Tag der Hoffnung für die Menschen in West-Papua. Dieses Gebiet gehört zur Insel Neuguinea, nach Grönland die zweitgrößte Insel der Welt. Die meisten Einwohner der Insel waren bis vor der europäischen Kolonisierung Angehörige der Papua-Völker, die eine eigene Sprachfamilie bilden. Der östliche Teil der Insel wurde von den Briten kolonisiert und ist heute als Papua-Neuguinea ein unabhängiger Staat. Der westliche Teil wurde von den Niederländern kolonisiert, diese schlossen das Gebiet, das sie “West-Neuguinea” nannten, zu der größeren Kolonie Niederländisch-Ostindien an, das heutige Indonesien. Diese Entscheidung ist der Kern des bis heute andauernden Konflikts über die Zugehörigkeit dieses Gebiets.

In Indonesien entwickelte sich in der Zeit vor der Unabhängigkeit ein starker Nationalismus. Dieser stütze sich nicht auf die ethnische Zusammensetzung des Landes. Indonesien ist ein Vielvölkerstaat, in dem die Javaner (42%) und Sundanesen (15%) die größten Ethnien darstellen, und 88% muslimisch sind. Der Gründer des Landes, Sukarno, schuf ein eigenes ideologisches System, genannt “Pancasila“, der Indonesier aller Ethnien und Religionen einen sollte. Während der japanischen Besatzung riefen die Nationalisten die Unabhängigkeit aus, mussten aber später gegen die Japaner und die rückkehrenden Niederländer jahrelang um die Unabhängigkeit kämpfen. Im Jahr 1949 akzeptierten die Niederländer schließlich die Unabhängigkeit an, behielten aber West-Neuguinea.

Der junge Staat war damit aber nicht zufrieden. Sukarno beanspruchte in imperialistischer Manier auch West-Neuguinea sowie Portugiesisch-Timor (das heutige Osttimor) und bis 1966 die Föderation Malaya (heute Malaysia und Singapur). Die Niederländer jedoch wollten West-Neuguinea in die Unabhängigkeit entlassen. Im Jahr 1961 wurde in einem Kongress die Unabhängigkeit von “West-Papua” beschlossen. Um dies zu verhindern, besetzte Indonesien ein Jahr später West-Papua. Der Konflikt wurde 1963 durch das “New Yorker Abkommen” beigelegt: Indonesien übernahm die Kontrolle über West-Papua, sollte aber 1969 ein Referendum über die Zugehörigkeit des Gebiets abhalten. Dieser wurde zu einer Farce und entfachte eine Welle blutiger Gewalt. (more…)

Es war nicht alles schlecht!

Oktober 3, 2014

Frei, sozial, antifaschistisch: Wie die DDR den Mauerbau feierte

Am 3. Oktober feiert Deutschland mal wieder den Tag der Wiedervereinigung bzw. der Auflösung der sozialistischen Diktatur im Osten, und das politische Establishment hat dafür eine ordentliche Portion Ironie aufzubieten: Bernd Lucke lobt die innere Sicherheit in der DDR, die Bundesregierung führt die Mietpreisbremse ein und Gregor Gysi meint, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Leider kann man davon ausgehen, dass sowohl Lucke und Gysi damit im Osten Wähler gewinnen können, denn viele Ostdeutsche haben ein ziemlich lockeres Verhältnis zur DDR.

Umfragen, die DDR-Nostalgie im Osten belegen, kennt man ja schon. Aber es ist ein weitverbreitetes Phänomen, nach dem Ende einer Diktatur zu rufen “Es war nicht alles schlecht!” Eine Umfrage der amerikanischen Militärverwaltung ergab 1948, dass 55% der Deutschen den Nationalsozialismus für eine “gute Idee” hielten, die nur “schlecht ausgeführt” worden sei. In Moldawien bewerteten 2011 52% den Untergang der Sowjetunion negativ und nur 29% würden bei einem Referendum gegen eine Rückkehr in die UdSSR stimmen. In vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion herrschen ähnliche Ansichten, auch in Russland.

Nun kann man sagen, dass diese Menschen nur ihre persönliche Situation wiedergeben. 1948 herrschte in Deutschland Chaos, in Russland herrschten nach dem Ende der UdSSR geradezu Raubritterverhältnisse, und in Ostdeutschland verloren durch die Auflösung der Volkseigenen Betriebe 1 Million Menschen ihren Arbeitsplatz. Aber das ist nicht die einzige Erklärung. Denn erstens sind die Missstände nach dem Ende einer Diktatur nicht selten die Trümmer eben dieser Diktatur. Und zweitens ist die Lage dennoch meistens besser als zu Zeiten der Diktatur: Den Ostdeutschen geht es besser als zu DDR-Zeiten, den Russen geht es besser als zu Sowjetzeiten. (more…)

Kein Optimismus mehr?

September 12, 2014

Das Jahr 2014 brachte eine ganze Reihe an Katastrophen. Krieg im Irak, Krieg in der Ukraine, Ebola-Epidemie in Westafrika – es gab keinen Mangel an schlechten Nachrichten. Aber die gute Nachricht ist: Der langfristige Trend ist immer noch positiv.

Hans Rosling zeigt in vier Minuten auf, wie sehr die Lebenserwartung und das Einkommen in der Welt in den letzten 200 Jahren zugenommen haben. Der Zustand der Menschheit war in 99% der Zeit Elend und Tyrannei (“The normal state of man is misery and tyranny”, wie Milton Friedman es ausdrückte), erst in den letzten zwei Jahrhunderten hat sich das Blatt gewendet. Rosling gehört zur Kategorie der Optimisten. Zu dieser Sorte gehören auch Steven Pinker oder Bryan Caplan, die nicht müde werden zu betonen, wie sehr die Gewalt in der Welt abgenommen und der Wohlstand zugenommen hat.

Und trotzdem gibt es viel berechtigte Skepsis für die Zukunft. Erstens sind nicht alle Regionen in gleicher Weise vom Fortschritt erfasst worden. Zwischen Luxemburg und der DR Kongo klaffen Welten, und für viele Gebiete ist auch keine Besserung in Sicht. Und zweitens kann der Fortschritt schnell rückgängig gemacht werden, dazu bedarf es nur ein paar schlechter Entscheidungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging es der Menschheit ebenfalls so gut wie nie zuvor. Es hätte ein Jahrhundert des Friedens werden können – aber es folgten die Weltkriege. Die aktuelle politische und ökonomische Situation der Welt ähnelt der zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Werden wir es diesmal besser machen? (more…)

Best of Juan Carlos

Juni 2, 2014

Der spanische König Juan Carlos tritt zurück. Eine Ära geht zu Ende, mit Juan Carlos begann 1975 Spaniens Übergang zur Demokratie, das Ende der Isolation des Landes und eine lange Periode wirtschaftlichen Aufschwungs. Klar, es gibt auch Negatives. So ist er Fan von Real Madrid. Aber am Ende bleibt eine gute Bilanz.

Die Freisinnige Zeitung machte mich auf zwei große Momente seiner Regentschaft aufmerksam:

Am 23. Februar 1981 beendete Juan Carlos den Putschversuch von Oberstleutnant Antonio Tejero, indem er den Putschisten seine Unterstützung verweigerte und den Streitkräften des Landes in einer Fernsehansprache die Anweisung gab, die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen.

Am 10. November 2007 ermahnte er beim Iberoamerika-Gipfel den schon vor einem Jahr zurückgetretenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, seine ständigen Unterbrechungen und Beleidigungsorgien einzustellen, und zwar mit dem legendär gewordenen Satz “¿Por qué no te callas?”, übersetzt “Warum hältst du nicht die Klappe?”.

Seine direkte Art machte ihn bei vielen beliebt. Über die ETA, die das Land mit Terror überzog und auch seine Ermordung plante, sagte er “Man muss denen eins auf den Deckel geben und solange weitermachen, bis man mit ihnen fertig ist”. Das gelang dem spanischen Staat tatsächlich, im Jahr 2011 beendete die ETA ihre bewaffneten Aktivitäten.

Nicht zu vergessen, dass er mit seiner Elefantenjagd in Botswana auch zur Rettung von Wildbeständen beitrug. Denn wenn Elefanten für Geld gejagt werden, haben sie für die Einheimischen einen Wert und werden besser gehegt. In diesem Sinne: Danke, Juan Carlos, für deine Verdienste für Spanien und den Umweltschutz!


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