Archive for the ‘Geschichte’ Category

Ein würdiger Nachruf

November 27, 2016
Das waren noch Zeiten: Che Guevara und Fidel Castro beim Revolutionieren

Jetzt sind sie beide tot

Jean-Claude Juncker zum Tod von Fidel Castro:

„Mit dem Tod von Fidel Castro verliert die Welt einen Staatsführer, der, wie viele andere, bei dem Versuch, seinem Volk mittels staatlicher Planwirtschaft zum Wohlstand zu führen, gescheitert ist. Kuba wird heute oft als gutes Beispiel für ein Land mit einem funktionierenden Sozialsystem genannt, weil es staatlich finanzierte, also „kostenlose“ Schulbildung und Gesundheitsversorgung für die ganze Bevölkerung hat. Diese Sicht auf Kuba unterschlägt aber die katastrophale Versorgung der Bevölkerung mit ihren Grundbedürfnissen, und dass diese Mängel längst auch das Schul- und Gesundheitssystem erfasst haben.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Kubaner ein Durchschnittseinkommen von umgerechnet 20 Euro im Monat haben. Es gibt keine Supermärkte im Land. Lebensmittel werden seit 1962 rationiert, obwohl die Rationierung ursprünglich als vorübergehende Notmaßnahme gedacht war. Die Nahrungsmittelproduktion ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen, Kuba muss heute 85% seiner Lebensmittel importieren, darunter auch Zucker, das einstige Exportgut Nummer eins. Ein großer Teil der Versorgung der Bevölkerung stammt aus dem Schwarzmarkt, ohne ihn wären wohl schon Hunderttausende Kubaner verhungert. Die Mehrheit der Kubaner kennt keine für uns selbstverständlichen Konsumgüter wie Waschmaschinen oder Kühlschränke, sogar Toilettenpapier und Handreiniger sind knapp, und auch Touristenhotels haben manchmal keine Toilettensitze. Luxusgüter wie Fernsehen, Computer und Smartphones sind für die meisten unbekannt (und wer ein Fernsehen hat, hat höchstens fünf Sender). Die Häuser sind hoffnungslos veraltet, die Infrastruktur spottet jeder Beschreibung, die Strom- und Wasserversorgung ist ebenso desaströs. Castros Kuba ist ein Dritte-Welt-Land. Vielen Touristen freut es, die alten Autos an den Straßen Havannas zu sehen, weil es für sie ein nostalgisches Flair hat. Aber können sie sich vorstellen, dass das für die Kubaner kein Museum, sondern die tägliche Realität ist? Würden sie ihr Auto gegen einen Oldtimer aus Kuba eintauschen?

Die großen „Leistungen“ der kubanischen Revolution, das Bildungs- und Gesundheitssystem, sind ebenso von den Mängeln betroffen. Kuba war, wie Statistiken aus dem UN-Jahrbuch zeigen, schon vor Castro in diesen Bereichen gut entwickelt: 1957 hatte es mehr Ärzte pro Einwohner als die USA und Großbritannien, die Kindersterblichkeit war niedriger als in Frankreich und Deutschland und die Alphabetisierungsrate war die vierthöchste in Lateinamerika. Unter Castro hat Kuba seine Spitzenpositionen behalten. Aber die Krankenhäuser verfallen, wie jeder Kubaner vor Ort bezeugen kann: Es fehlt an grundlegender Versorgung, auch an Medikamenten, und viele Ärzte versuchen, aus dem Land zu fliehen, weil sie durch ihr geringes Einkommen (rund 20 Euro im Monat – wie jeder andere Kubaner) ebenso von der massiven Armut im Land betroffen sind. Die Schulbildung nützt kaum jemandem was, weil es im Land kaum Möglichkeiten gibt, um damit später an Wohlstand zu kommen. In Nordkorea werden auch 99% der Kinder alphabetisiert – aber es nützt ihnen später nichts, denn sie leben in Nordkorea. (more…)

Der Mann, der Mr(s). Clump voraussah

November 6, 2016
Henry Louis Mencken

Henry Louis Mencken

Die Zivilisation wird mit der Zeit tatsächlich immer sentimentaler und hysterischer; besonders unter einer Demokratie tendiert sie, zu einem reinen Kampf der Verrücktheiten zu degenerieren. Der ganze Sinn von praktischer Politik ist es, die Bevölkerung alarmiert zu halten (und folglich nach Rettung schreiend), in denen man ihnen eine endlose Reihe an Schreckgespenstern androht, die meisten davon erfunden.

Dieses Zitat stammt von Henry Louis Mencken, einem herausragenden Autor und Journalisten aus den USA. Er beschreibt darin den derzeitigen Zustand der westlichen Demokratien. Linke, Rechte und die Mitte tragen immer sinnlosere Kulturkämpfe aus. Es geht um Chlorhühnchen und Unisex-Toiletten, ob man „Flüchtling“ oder „Geflüchteter“ sagen soll oder ob es in Ordnung ist, bei der Nationalhymne nicht aufzustehen. Hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe, so dass man gar nicht wer weiß, welche man ernst nehmen soll: Die Klimakatastrophe, die Schere zwischen Arm und Reich oder den Untergang des Abendlands. So oder so geht die Welt unter: Für Clinton-Anhänger geht die Welt unter, wenn Trump gewinnt, für Trump-Anhänger geht die Welt unter, wenn Clinton gewinnt.

Das stimmt nicht ganz. Mencken ist zwar immer noch ein herausragender Autor und Journalist, aber er ist seit 1956 nicht mehr unter uns, und das obere Zitat stammt von 1918. Wenn es Mencken zu dieser Zeit – wohl gemerkt einem Weltkriegsjahr – schaffte, zu erkennen, dass die amerikanische Demokratie zu einem Großteil aus dem Schüren von unberechtigten Ängsten bestand, kann man sich vorstellen, welche Meinung er heute zu Clinton und Trump hätte, deren ganzer Wahlkampf daraus besteht, den Wählern zu sagen: Wählt mich, oder es ist vorbei. Die Tatsache, dass sie damit Erfolg haben, hätte Mencken wohl mit einer grundsätzlichen Kritik an der Demokratie beantwortet, in etwa so wie in diesem Zitat von 1920:

Wenn ein Kandidat für ein öffentliches Amt den Wählern gegenübersteht, steht er nicht Menschen mit Verstand gegenüber. Er steht Menschen gegenüber, deren Hauptmerkmal die Tatsache ist, dass sie völlig unfähig sind, Ideen abzuwägen, oder auch nur ein paar zu verstehen, außer den elementarsten. Menschen, deren ganzes Denken auf Emotionen ausgerichtet ist, und dessen dominante Emotion die Furcht vor dem ist, was sie nicht verstehen können. Auf diese Weise konfrontiert, muss der Kandidat entweder mit dem Rudel bellen oder verloren sein …

Die größten Chancen hat der, der von seinem Wesen her der hinterhältigste und unfähigste von allen ist – der, der am geschicktesten die Auffassung zerstreuen kann, dass sein Verstand eigentlich ein Vakuum ist. Die Präsidentschaft tendiert dazu, jedes Jahr an so einen Menschen zu gehen. Da die Demokratie vervollkommnet wird, repräsentiert das Amt immer genauer und genauer die innere Seele des Volkes. Wir nähern uns einem vornehmen Ideal an. Letztlich werden an einem großen, ehrenvollen Tag die einfachen Leute des Landes ihren Herzenswunsch erfüllt sehen, und das Weiße Haus wird von einem kompletten Vollidioten geschmückt werden.

Amen. Vielleicht hätte er aber gar nicht so viel Mühe verschwendet, sondern es kurz und knapp zusammengefasst, wie mit diesem Schmankerl von 1915:

Demokratie ist die Theorie, dass das gemeine Volk weiß, was es möchte, und verdient es zu bekommen, und zwar von vorne und hinten.

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Die wahre Katastrophe des Malthus

September 25, 2016
Malthus löste viele Katastrophen aus

Malthus löste viele Katastrophen aus

Wie viele Menschen sollte es auf der Welt geben? Allein die Frage ist totalitär. Zumindest, wenn man sie so versteht, wie es Politiker tun: Als eine Sache, die durch Gesetze geregelt werden muss. Das bedeutet letztlich, dass der Staat bestimmt, wie viele Kinder die Menschen haben sollten. Leider ist in der Geschichte nicht selten versucht worden, die Kinderzahl einer Gesellschaft von staatlicher Seite bestimmen zu lassen. Es gab die Ein-Kind-Politik in China, erzwungene Maßnahmen zur Bevölkerungskontrolle in Indien und Peru, die darauf abzielten, die Bevölkerungszahl kleiner werden zu lassen, aber auch Maßnahmen zur Zunahme der Bevölkerung, z.B. im kommunistischen Rumänien und, in zugegeben deutlich weniger totalitärer Art, auch im heutigen Deutschland, wo der Staat versucht, die Geburtenrate steigen zu lassen, damit es mehr Rentenzahler gibt.

Meistens geht es bei Bevölkerungskontrolle aber darum, die Bevölkerung kleiner werden zu lassen. Die Befürchtung dahinter stammt vom britischen Ökonomen Thomas Robert Malthus, der im 18. Jahrhundert lebte. Er formulierte die These von der „Malthusianischen Katastrophe“. Diese wird von seinen Anhängern so wiedergegeben: Wenn die Bevölkerung steigt, müssen immer mehr Ressourcen verbraucht werden, deshalb werden die Ressourcen knapp, und als Folge sterben massenhaft Menschen. Heute sind viele Menschen Malthusianer, auch solche, die nie etwas von Malthus gehört haben. Als der „Club of Rome“ – bekannt dafür, mit jeder Prophezeiung verlässlich falsch zu liegen – jüngst einen Bericht vorlag, der vor zu hohem Bevölkerungswachstum und Umweltzerstörung warnte und Prämien für kinderlose Frauen forderte, meldeten sich wie erwartet viele, die ihnen begeistert zustimmten.

In der Zeit schrieb ein Kommentator:

Ich habe nie verstanden, warum in Deutschland immer 80 Mio. Menschen leben müssen. Vielleicht erklärt das noch wer. Ich denke, ein Deutschland mit auch nur 10 Mio. Menschen wäre ein toller Ort.

Ein anderer Kommentator bescheinigte dem Club of Rome, die Vernunft zu besitzen, die jeder haben müsste:

Beim „Club of Rome“ scheint es sich tatsächlich um die letzte Bastion menschlicher Vernunft zu handeln. Und wenn sie ehrlich sind, wissen auch die Manager, die Vermögenden, die Nutznießer der Konsumgesellschaft, dass es so nicht weiter gehen kann. Aber so lange der Kamin raucht…

Und in der FAZ forderte ein Kommentator sogar noch härtere Maßnahmen:

Weltweiter partieller Kinderverzicht wäre die einzig wahre, nachhaltige Form von Umweltschutz … aber der hört genau HIER auf, politisch korrekt zu sein. Deshalb trennen wir weiter den Müll und freuen uns auf demnächst weltweit 20 Milliarden – von denen wir dann 19 Milliarden das Mülltrennen beibringen können.

Somit stellt sich die Frage: Haben Malthus, der Club of Rome und die deutschen Kommentatoren Recht und brauchen wir ein massives, weltweites Menschenbegrenzungsprogramm? (more…)

Warum Instrumentalisierung kein Problem ist

September 5, 2016
Die richtige Lösung?

Ein Beispiel für eine vorschnelle und unzutreffende Analyse

Immer, wenn eine Tragödie geschieht, hört man von der politischen Klasse drei Reaktionen: Erstens werden offenbar im Vorfeld vorbereitete Kondolenzschreiben in sozialen Medien oder durch Pressesprecher verlautbart. Zweitens wird ein Übel genannt, der an der Tragödie verantwortlich sein soll. Ein Beispiel: Wenn ein Amoklauf passiert, sagen die Linken, dass zu lasche Waffengesetze die Schuld an der Tragödie tragen würden, während die Rechten sagen, dass zu strenge Waffengesetze und „Gun-Free Zones“ die Schuld hätten. Drittens wirft man dem politischen Gegner vor, eine Tragödie schamlos für die eigene politische Agenda zu instrumentalisieren.

Eigentlich sollte jedem klar sein, wie absurd dieser Vorwurf ist. „Instrumentalisierung“ ist es nämlich nur dann, wenn es der politische Gegner macht. Wenn man es selbst macht, ist es eine rationale Ursachenanalyse. Und das ist der Punkt. „Instrumentalisieren“ heißt benutzen. Wenn man vor einer Sache warnen will, muss man ein Beispiel benutzen – also „instrumentalisieren“ – der erklärt, warum diese Sache schlecht ist. Daran ist erstmal nichts verwerflich. Man kann z.B. den Holocaust instrumentalisieren, um vor Antisemitismus zu warnen. Das wäre nicht respektlos gegenüber den Opfern, denn es würde den Tatsachen entsprechen. Es ist also nicht grundsätzlich falsch, eine Tragödie zu benutzen, um eine politische Forderung zu stellen.

Instrumentalisierung hat nur dann schlechte Auswirkungen, wenn sie inhaltlich falsch ist. Aber das Problem dabei ist: Die meisten Instrumentalisierer wissen nicht, wann sie falsch liegen. Nehmen wir das Beispiel von Amokläufen: Die Linken sind sich sicher, dass Amokläufe durch zu lasche Waffengesetze verursacht werden, und die Rechten sind sich sicher, dass sie durch zu strenge Waffengesetze und „Gun-Free Zones“ verursacht werden. Wenn man als Person mit einer gegnerischen Ansicht Kritik üben will, sollte man nicht die bloße Instrumentalisierung kritisieren, sondern ihren falschen Inhalt. Leider wird das so gut wie nie getan. Stattdessen heißt es: „Wie könnt ihr Linken tote Kinder für eure Forderung für strengere Waffengesetze missbrauchen? Das ist respektlos. Und Schuld an den Amokläufen seid doch sowieso ihr Linken mit euren Gun-Free Zones!“. (more…)

Der Mythos von der islamischen Toleranz

Juni 28, 2016
Oriana Fallaci trifft Ayatollah Chomeini

Hat erst Khomeini die islamische Toleranz zerstört?

Das zentrale Thema linker Politik ist der Einsatz für unterdrückte Gruppen (bzw. den Gruppen, die in ihrem Narrativ die Unterdrückten sind). In der Geschichte waren das meistens „die Arbeiter“, später wurden daraus die Frauen, die Homosexuellen und in jüngerer Zeit die Muslime. Im linken Narrativ sind diese Gruppen nicht nur (immer noch) unterdrückt, sondern halten auch zusammen gegen ihre Unterdrücker. Da muss es ein heftiger Schock gewesen sein, als in Orlando Omar Mateen, ein Muslim, plötzlich 49 Homosexuelle tötete. Noch schlimmer für das eigene Weltbild wäre es wohl nur, wenn „die Arbeiter“ der AfD zur Machtergreifung verhelfen oder ein Transsexueller einen Gorilla tötet.

Allerdings finden sich schnell Erklärungen für Ereignisse, die das eigene Weltbild ins Wanken bringen könnten. Für den Aufschwung von Rechtspopulisten ist der Neoliberalismus schuld, für den islamistischen Terror ist die westliche Außenpolitik schuld, und die islamische Homophobie … existiert nicht. So zumindest die Erklärung für das Phänomen der islamischen Homophobie. Obwohl es in der islamischen Welt viel Anschauungsmaterial gibt, brachte das Massaker in Orlando das Thema „Islam und Homosexualität“ wieder in die Medien, und es schlug die Stunde derer, die schon seit Jahren die moderne linke Erklärung heranziehen. Diese lautet ungefähr so:

„Im Koran steht nichts zum Thema Homosexualität und in der islamischen Welt wurde Homosexualität mehr als 1000 Jahre lang gelebt und toleriert, die moderne Homophobie kam erst durch den Kolonialismus und den strengen Sittengesetzen im victorianischen Zeitalter in die islamische Welt und sie ist außerdem nur unter einer Minderheit vertreten, das zeigen die vielen schwulen Communities in den islamischen Ländern.“

Ähnliches wird oft über den Antisemitismus und sogar über die Frauenfeindlichkeit in der islamischen Welt (falls sie nicht geleugnet wird) gesagt. Und, um es mit den unsterblichen Worten von Senator McCarthy auszudrücken,

„Jedes Wort in diesem Satz ist eine Lüge, einschließlich „und“ und „das“.“ (more…)

Bitte kein Völkermord mehr

Juni 3, 2016
Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Armenier werden von osmanischen Soldaten deportiert, 1915

Immer, wenn sich ein bestimmte Person oder eine Regierung entschließt, die Massaker an den Armeniern als Völkermord zu bezeichnen, lautet die Reaktion der türkischen Regierung: Darüber sollen die Historiker urteilen. Eine Floskel, die wie eine Verbeugung vor der Meinungsfreiheit klingt, aber in Wahrheit alles andere als das ist. In der Türkei dürfen die Historiker nicht über die Massaker an den Armeniern urteilen, sondern werden, wenn sie das Wort „Völkermord“ benutzen, wegen „Beleidigung des Türkentums“ verfolgt. Außerdem ist die Anerkennung eines Völkermords, auch wenn sie von einer Regierung kommt, keine Einschränkung der Meinungsfreiheit (sofern keine Gesetze erlassen werden, die die Leugnung des Völkermords verbieten, wie das in Frankreich 2011 geschah). Auch Nicht-Historiker dürfen eine Meinung zu historischen Themen äußern.

Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, kann man eine Sache feststellen: Die Standpunkte der Türken und der Armenier liegen, auch wenn es anders erschienen mag, nicht so weit auseinander. Die Türken leugnen nicht, dass es Massaker an den Armeniern gab, sie streiten sich aber um die genauen Zahlen und sagen, dass die Massaker kein Völkermord waren. Das Wort „Völkermord“ ist das große Reizthema. Bei der Armenierfrage geht es letztlich um ein Wort. Ist das wirklich sinnvoll? Den Begriff „Völkermord“ gibt es seit 1948. Die Definition ist klar – die Absicht, eine ethnische, nationale oder religiöse Gruppe komplett zu vernichten. In unseren Zeiten ist der Vorwurf des Völkermords zum ultimativen Vorwurf geworden. Nichts ist schlimmer als Völkermord. Aber das stimmt nicht.

Massenmorde und Kriegsverbrechen sind oft genauso schlimm oder noch schlimmer, ohne den Tatbestand des Völkermords zu erfüllen. Die Verbrechen Stalins, Maos waren meist Massenmorde, keine Völkermorde. Die Bürgerkriege in Vietnam, Angola und Algerien erlebten viele Kriegsverbrechen, aber keine Völkermorde. Waren diese Massenmorde und Kriegsverbrechen weniger schlimm als Völkermorde? Für viele scheint das der Fall zu sein, deswegen gibt es heute eine Inflationierung des Gebrauchs dieses Wortes. Ironischerweise sind die, die bei den Armeniern die strengsten Maßstäbe anlegen, gerade die, die überall Völkermorde sehen. (more…)

Fakten zu Tschernobyl

April 27, 2016

Steht die Ära der Atomkraft vor dem Ende?

Der 11. März ist der Tag, der in Deutschland seit 2012 mit den Fukushima-Lügen zusammenfällt. An diesem Tag wird immer an die vermeintliche „Atomkatastrophe“ erinnert, die sich 2011 in Japan zugetragen haben soll. In Wirklichkeit waren es ein Erdbeben und ein Tsunami, und die „Atomkatastrophe“, die vor allem in deutschen Redaktionen stattfand, forderte kein einziges Todesopfer. Trotzdem war Fukushima das Ende der Atomkraft in Deutschland, und an jedem 11. März im Jahr wird uns erklärt, warum. Nun jährte sich gestern auch die echte Atomkatastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal, und wieder war das Thema „Schäden durch die Atomkraft“ in den Medien.

Wie gesagt, war Tschernobyl im Gegensatz zu Fukushima eine echte Katastrophe, und eine Debatte über die Gefahren der Atomkraft ist natürlich angebracht, aber dennoch ist es erstaunlich, wie viele Fehlinformationen auch bezüglich Tschernobyl in der Öffentlichkeit vorherrschen. Dirk Maxeiner und Michael Miersch haben sich schon 2000 in ihrem „Lexikon der Öko-Irrtümer“ u.a. mit diesem Thema auseinandergesetzt. In den Medien werden immer wieder Zahlen von Tausenden Todesopfern durch Tschernobyl genannt, grüne Organisationen sprechen von Hunderttausenden oder über 1 Million Opfern. Die tatsächlich bestätigten Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Glücklicherweise hat die Zeit schon vor fünf Jahren in einem seltenen Moment des Zweifels an der grünen Hysterie die Zahlen des „Wissenschaftlichen Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen der atomaren Strahlung“ (UNSCEAR) vorgebracht, die folgendes ergeben:

– 134 Arbeiter wurden akut verstrahlt, 28 starben kurz darauf an der Strahlenkrankheit. Bis 2006 starben 19 weitere Techniker (deren Todesursache konnte aber meist nicht mit Radioaktivität in Verbindung gebracht werden).
– In der Umgebung des Atomkraftwerks traten zwischen 1991 und 2005 bei Personen, die 1986 unter 18 Jahre alt waren, 6848 Fälle von Schilddrüsenkrebs auf, 15 Personen starben daran (nach 1986 geborene Kinder sind nicht betroffen).
– Menschen, die außerhalb der Ukraine, Russland und Weißrussland leben, haben keinerlei Konsequenzen zu befürchten, weder durch Todesfälle noch durch höhere Krebsraten. Kein Mensch in Deutschland hat durch Tschernobyl gesundheitliche Schäden erlitten.

Macht insgesamt 50-62 Tote. Das ist eine große Zahl, und die psychischen Folgen sind da nicht mitberechnet (Hunderttausende mussten umgesiedelt werden), sie ist jedoch keineswegs auf einer Stufe mit den Zahlen von Greenpeace, Ärzten gegen den Atomkrieg (IPPNW) oder der Gesellschaft für Strahlenschutz, die von 1,4 Millionen Todesopfern ausgeht. (more…)

Das Geschäft mit dem Reinwaschen

Februar 9, 2016

Betreibt Israel Pinkwashing?

Letzten Monat veranstaltete eine israelische Lesben- und Schwulenorganisation eine Konferenz im Hilton-Hotel in Chicago. Die Konferenz wurde massiv gestört und musste abgebrochen werden. Etwas überraschend könnte kommen, wer für die Störungen verantwortlich war: Es waren keine Islamisten oder amerikanische Rechtsextreme, sondern andere LGBT-Aktivisten. Was steckt dahinter? Ein „Bruderkrieg“ zwischen der LGBT-Community war es nicht, es hatte etwas mit der Nationalität der Veranstalter zu tun. Israel ist, so lautete der Vorwurf der Randalierer, ein Apartheidstaat, der Zionismus eine rassistische Ideologie und – jetzt kommt’s – Israel betreibe „Pinkwashing“.

Pinkwashing heißt der Vorwurf, Israel würde versuchen, seine Verbrechen „reinzuwaschen“, indem es auf die gute Behandlung der Lesben und Schwulen in Israel hinweist. Um nicht für das „Reinwaschen“ von Israels Schuld benutzt zu werden, stören einige LGBT-Aktivisten regelmäßig israelische Veranstaltungen und tragen manchmal bei Gay-Pride-Paraden Palästina-Flaggen, was, wenn man sich die Lage der Lesben und Schwulen in Palästina vergegenwärtigt, nur geringfügig absurder ist, als wenn ein Jude eine Nazi-Flagge tragen würde. Natürlich ist der Pinkwashing-Vorwurf Unsinn. Allerdings nicht, weil die gute Behandlungen der Lesben und Schwule in Israel ein Selbstzweck ist und nicht der „Reinwaschung“ dient, sondern weil es nichts reinzuwaschen gibt.

Der Pinkwashing-Vorwurf wäre legitim, *wenn* die anderen Vorwürfe gegen Israel wahr wären. Wenn Israel ein Apartheid-Staat wäre, Gaza ein Hunger-KZ und die Westbank kolonisiert würde, wäre der Verweis auf die gute Behandlung der Lesben und Schwulen wirklich Relativierung, denn eine vermeintliche Wohltat macht anderweitig begangene Verbrechen keinen Deut besser. Aber die Vorwürfe gegen Israel sind nicht wahr, sondern totaler Unfug, also ist der Pinkwashing-Vorwurf auch Unsinn. Die Taktik des Reinwaschens ist aber durchaus real, sie ist bei vielen modernen und historischen Regimes weitverbreitet. Der Klassiker ist noch immer die Anmerkung, das Nazi-Regime hätte zwar viele üble Taten vollbracht, aber auch für eine signifikante Verbesserung der Transportmöglichkeiten im Reich gesorgt. (more…)

Die Aufmerksamkeitsökonomie

November 19, 2015
Löst der Neoliberalismus Schiffsunglücke aus?

Ist die höhere Bekanntschaft der Titanic heuchlerisch gegenüber der Lusitania?

Nach den Terroranschlägen in Paris setzte eine gigantische Welle der Empathie ein. Menschen überall auf der Welt taten das, was man in unseren Zeiten tut, wenn man seine Betroffenheit ausdrücken will: Sie änderten ihr Facebook-Profilbild. Sofort witterten andere Facebook-Nutzer und mediale Persönlichkeiten Heuchelei: War nicht vor wenigen Tagen eine etwa gleich große Zahl an Menschen bei einem Terroranschlag der gleichen Organisation in Beirut gestorben? Warum hat Facebook da nicht angeboten, Profilbilder mit libanesischer Flagge zu verzieren? Sind Libanesen weniger wert als Franzosen? Ist die libanesische Flagge nicht schön genug?

Ähnliche Reaktionen gab es nach der weltweiten Anteilnahme nach dem Tod von Michael Jackson und gibt es ständig bei der medialen Aufmerksamkeit des israelisch-palästinensischen Konflikts. Ist Michael Jackson mehr wert als die Kinder in Afrika? Ist Gaza mehr wert als Südsudan? Es ist leicht, den betroffenen Menschen bösartige Motive zu unterstellen und sich für moralisch besser zu halten, wenn man diese Diskrepanz bei der Anteilnahme bemerkt. Doch diese Unterstellung kommt, wie so oft, wenn man anderen Bösartigkeit unterstellt und sich für besser hält, nur zustande, weil man wenig Ahnung von Ökonomie hat. In diesem Fall von der Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Die Aufmerksamkeitsökonomie besagt, kurz gesagt, dass die Aufmerksamkeit ein knappes Gut ist, sowie alle anderen Dinge, die es auf dem Universum gibt. Es ist nicht möglich, allen Tragödien dieselbe Aufmerksamkeit zu bieten, wir können nicht gleichzeitig Trauer für die Opfer von Terror, Hunger, Autounfällen und Krebskrankheiten empfinden und nebenbei noch essen, arbeiten und ins Kino gehen. Unsere Aufmerksamkeit konkurriert sekündlich mit Ereignissen in unserer Umgebung und der ganzen Welt. Wohin unsere Aufmerksamkeit geht, bestimmen wir nicht immer aus rationalen Gründen, doch die Gründe sind in der Regel nicht Bösartigkeit. (more…)

Das große Übel vom kleineren Übel

November 9, 2015
Amerikanische Realpolitik während des Zweiten Weltkriegs

Gab es keine Alternative zur Kooperation mit dem Gulag-Regime?

Manchmal stehen wir in der Politik und im Alltag vor Situationen, die sich ähneln. Das ist besonders dann der Fall, wenn es so aussieht, als müssten wir uns zwischen zwei Dingen entscheiden, die uns nicht gefallen. In dem Fall tendieren die meisten Menschen dazu, sich für das zu entscheiden, was sie für das „kleinere Übel“ halten. Die Folgen dieses Denkens sind, dass in der Politik brutale Herrscher, die wir hassen, von uns unterstützt werden, weil wir Angst vor einer noch schlechteren Alternative haben, und dass wir uns im Alltag mit vollkommen unzufriedenen Situationen abfinden und sie sogar verteidigen, um bloß nicht unsere Lage zu verschlimmern.

Im Zweiten Weltkrieg schien die Sowjetunion das kleinere Übel zu sein als Nazi-Deutschland, also entschieden sich die Westmächte, mit der Sowjetunion zu kooperieren. Irgendwie musste man ja die Nazis in Schach halten. Eine solche tragische und weitreichende Entscheidung müssen wir im Alltag nicht ständig treffen, aber es gibt viele schwere Entscheidungen, die sich auf unser Wohlbefinden auswirken. Wenn eine Person in einem Job gefangen ist, den er hasst, oder in einer unglücklichen Ehe, scheint es meistens das kleinere Übel zu sein, einfach weiterzumachen und nichts zu ändern. Irgendwie muss man ja Geld verdienen oder man will den Kontakt zu seinen Kindern nicht verlieren.

Es mag Fälle geben, indem man sich wirklich zwischen zwei Übeln entscheiden muss, da jede andere Alternative verunmöglicht wurde. Befinden wir uns in so einer Lage, müssen wir sie leider notgedrungen akzeptieren, anstatt eine Möglichkeit ins Spiel zu bringen, die längst vergangen ist. Doch viel zu oft bilden wir uns so eine Situation nur ein und entscheiden uns für ein Übel, ohne dass das notwendig wäre. In diesen Fällen handeln wir im Grunde gegen unser Interesse und verhindern unser Glück, weil wir zu denkfaul sind. Besonders zwei Gründe sprechen dafür, sich genau zu überlegen, ob man sich für ein vermeintlich kleineres Übel entscheidet.

1. Es ist unmöglich, in die Zukunft zu sehen

Stellen wir uns gleich die Frage: War die Sowjetunion wirklich das kleinere Übel zu Nazi-Deutschland? Eigentlich kann darüber kein Zweifel bestehen, wenn man sich den Verlauf der Geschichte ansieht. Hitler wollte ganz Europa versklaven und danach wohl auch im Rest der Welt weitermachen. Stalin hat zwar Osteuropa kommunistisch gemacht, aber unter den kommunistischen Regimes gab es keine Völkermorde in Osteuropa, und schon gar nicht solche wie Hitler sie plante. Das Problem bei dieser Betrachtung ist: Die Menschen im Jahr 1941 konnten nicht in die Zukunft sehen, sie hatten nicht das Wissen, das wir heute haben. Was wäre passiert, wenn nach Stalin nicht Chruschtschow gekommen wäre, sondern jemand, der genauso schlimm gewesen wäre wie Stalin? (more…)