Failed State

Herrschte lange Zeit über blutig über den Südsudan: Sudans Präsident Omar al-Bashir

3.000 Tote. So könnte die Bilanz lauten. Genauso viele wie beim 11. September. In der ersten Woche des Jahres kam es in der Stadt Pibor in Südsudan zu ethnisch motivierten Massakern, die schon seit Jahrzehnten das Land plagen. Angehörige der Lou Nuer wollten sich für ein Massaker der Murle im vergangenen August rächen, bei der 600 Lou Nuer von den Murle getötet worden waren. Bei der blutigen Vergeltungsaktion, die von 6.000 bewaffneten Jugendlichen ausgeführt wurde, sollen nach Angaben des Verwaltungschefs, der von einem „Genozid“ sprach, 2182 Frauen und Kinder und mehr als 950 Männer umgebracht worden sein.

Die Zahlen wurden aber von der UNO als nicht glaubwürdig eingestuft, sie sprachen lediglich von mindestens 150 Toten. Sicher ist: Hütten wurden verbrannt, Hunderte Murle starben, weitere Zehntausende sind geflohen. Außerdem wurden Hunderte Kinder entführt. Eine Orgie der Gewalt. In der Stadt befanden sich 400 UN-Soldaten der UNMISS, die nicht eingriffen. Sie hätten gegen die hasserfüllten Jugendlichen in Pogromstimmung auch nichts ausrichten können.

Am 17. Januar kam es erneut zu einem Massaker, bei der 51 Einwohner des hauptsächlich von den Dinka bewohnten Dorf Duk Padiet starben. Die Angreifer gehörten zu den Murle. Die Opfer waren überwiegend Frauen, Kinder und Alte. Das Dorf Duk Padiet befindet sich genauso wie Pibor in der Provinz Jonglei. Um weitere Gewalt zu verhindern, sind 3.000 einheimische Soldaten und 1.000 UNO-Soldaten an Ort und Stelle.

Schon im vergangenen Jahr waren bei in westlichen Medien als „Stammeskonflikte“ verniedlichten Kämpfen im Südsudan etwa 1.100 Menschen getötet worden. Diese Vorfälle zeigen: Das größte Problem für die Stabilität des Südsudans ist nicht der Sudan, sondern die inneren ethnischen Konflikte, die es schon zu Zeiten des Sezessionskriegs gegen den Norden gab. Die Hintergründe der ethnischen Gewalt liegen in wirtschaftlicher Unsicherheit, den kulturellen Traditionen und der Militarisierung in den letzten Jahrzehnten.

Die meisten Einwohner des Südsudans leben von der Viehzucht. Rinder sind ein Statussymbol, dienen als Zahlungsmittel und bisweilen sogar als Brautpreis. Nur wer genügend Rinder aufbringt, kann eine Familie gründen. Es gibt den Brauch, dass ein Junge, um ein Mann zu werden, Rinder eines anderen Stammes stehlen muss. Diese Diebstähle haben seit Jahrhunderten blutige Racheaktionen zur Folge. Durch den Bürgerkrieg werden diese zunehmend nicht mehr mit Messern oder Speeren ausgeführt, sondern mit Kalaschnikows. Die Lou Nuer rechtfertigen ihr Massaker in einem langen Beitrag im Internet (!) als „präventive Selbstverteidigung“ und Vergeltung.

Zudem sind noch längst nicht alle Konflikte mit dem Sudan gelöst. Ein kalter Krieg um den Ölexport könnte das Land teuer zu stehen kommen. Die UNO warnt vor einer Hungersnot, die 2,7 Millionen Menschen treffen könnte. Der Südsudan befindet sich leider auf dem Weg zum gescheiterten Staat.

Die ungelösten Probleme des Südsudans

Die ethnischen Probleme des Landes gab es bereits zu Zeiten der Sezessionskriege. Die SPLA, die den zweiten Krieg gegen den Sudan (1983-2005) führte, war nie eine Armee, die alle Volksgruppen des Südsudans einte. Die Dinka und die Nuer, die zusammen rund ein Viertel der 9 Millionen Südsudanesen ausmachen, stellten die Mehrheit der Soldaten, bei anderen Volksgruppen galten sie teilweise als Besatzungsmacht. Die Folge: Anfang der 1990er Jahre starben mehr Menschen infolge der inneren Kämpfe als beim Kampf gegen den Sudan. Einige Gruppen der Murle kämpften sogar auf der Seite des Sudans. Aktuell besteht die Gefahr, dass die SPLA einen Einparteienstaat errichtet.

Der SPLA-Führer John Garang strebte keine Unabhängigkeit, sondern einen reformierten Gesamtsudan an. Dennoch stimmten vor einem Jahr im entscheidenden Referendum wohl 95% (offiziell 99%) der Bevölkerung für einen unabhängigen Staat. Der Sudan um seinen vom Internationalen Strafgerichtshof gesuchten Präsidenten und Völkermörder Omar al-Bashir akzeptierte dies, obwohl er damit drei Viertel seiner Ölvorkommen abtreten musste und andere separatistische Gruppen Aufwind hätten bekommen können.

Doch mit der Unabhängigkeit begannen auch die neuen Probleme. Kaum ein Land auf der Welt hat eine schlimmere wirtschaftliche und humanitäre Situation als der Südsudan. Das Land hat die weltweit höchste Müttersterblichkeitsrate, jedes neunte Kind stirbt noch bevor es fünf Jahre alt ist, jedes fünfte bekommt zu wenig zu essen. Die Hälfte der Bevölkerung hat kein sauberes Trinkwasser und lebt von weniger als 70 Cent pro Tag, mehr als 70% der Erwachsenen haben noch nie eine Schule besucht.

Aufgrund schlechter Ernteausfälle sind Nahrungsmittel im ganzen Land knapp und teuer geworden. Selbst im besten Fall wird es in diesem Jahr ein Drittel weniger Getreide geben als noch vor zwei Jahren. Jetzt warnt die UNO: 2012 könnte es im Südsudan zu einer Hungersnot kommen. Dabei hat das Land eigentlich genug Rohstoffe, um seine Bevölkerung zu versorgen und das Land aufzubauen. Ein Grund für die Nahrungsknappheit ist die Blockade, die der Sudan über den Südsudan verhängt hat.

Da die Infrastruktur im Südsudan kaum vorhanden ist, wurde der Norden des Südsudan vom Sudan aus versorgt. Nach der Unabhängigkeit hat der Sudan die Grenze einfach dicht gemacht, auch für Hilfsorganisationen und Kleinhändler. Außerdem hat der Südsudan keinen eigenen Meereszugang hat, so dass das Öl, dass vor der Unabhängigkeit drei Viertel des gesamten sudanesischen Öls ausmachte, von einer Pipeline im Sudan aus an den Weltmarkt gelangte. Nun verlangt der Sudan, der übrigens zu den Gewinnern des Arabischen Frühlings gehört, für die Benutzung der Pipeline 36 US-Dollar pro Fass, der Südsudan bietet aber nur 0,70. Zum Vergleich: Tschad zahlt Kamerun für den Transit seines Öls an die Atlantikküste pro Barrel 0,30 bis 0,40 US-Dollar.

Südsudanesisches Öl im Wert von 350 Millionen Dollar wurde vom Sudan konfisziert, als Reaktion droht der Südsudan, seinen Ölstrom in den Sudan zu stoppen. Damit nicht genug, führen beide Parteien noch immer militärische Angriffe gegeneinander durch, die Anfang 2011 durch eine Provokation der SPLA neu entflammten. Im Dezember hat der Norden die im Südsudan gelegene Ortschaft Jau eingenommen, womit sich die Kriegsgefahr erhöht hat. Noch immer ist der genaue Grenzverlauf umstritten. Genozide haben im Sudan eine lange Tradition. Fragt sich nur: Wird die internationale Gemeinschaft diesmal wieder zusehen oder aus den Fehlern der Vergangenheit lernen?

2 Antworten to “Failed State”

  1. aron2201sperber Says:

    ein hervorragender, aber leider sehr deprimierender Beitrag

  2. foundnoreligion Says:

    Die meisten Völker wollen die Unabhängigkeit und sind dafür bereit jeden Preis zu zahlen. Besser ein absolutes Krisengebiet zu sein als unter einer Fremdherrschaft zu existieren.
    Der Gruppenegoismus ist einfach manchmal viel zu stark. Und am Südsudan kann man eben die negativen Auswirkungen sehen.

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