Corona-Lektionen (4): Die Festspiele der Systemkritiker

Mai 11, 2020
kl

Es ist mal wieder Zeit, unsere gesamte Lebensweise zu verdammen

Ich bin nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Jede größere, kleinere oder auch gar keine Krise löst es aus: Die Kritik an „unserer Art zu leben.“ Zwar hat jede politische Ausrichtung ihre eigene ideologische Kritik an der Gesellschaft, aber in unserem polit-medialen Betrieb dominiert eindeutig die Systemkritik von Linken und Grünen. Von Bundestrainer Joachim Löw und Papst Franziskus bis zu herausragenden Intellektuellen wie Madonna und Robert DeNiro: Alle kritisieren unser System und fordern ein Umdenken.

Reine Profitgier und Hoffen auf ewiges Wachstum ohne Rücksicht auf Umweltzerstörung, wachsender Ungleichheit, schlechten Arbeitsbedingungen und Transgender-Rechten kann kein Modell für die Zukunft sein. Und aus irgendeinem Grund ist die Corona-Krise ein guter Moment, um noch offensiver mit dieser Kritik rauszurücken. Mir sind vor allem drei Kritikpunkte in Zeitungskommentaren, TV-Ausschnitten und Politiker-Reden aufgefallen:

– „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.
– „Die am schlechtesten vorbereiteten Länder haben alle eine neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik.
– „Die Schutzmaßnahmen wurden durch die Ignoranz von rechtspopulistische Regierungen erschwert.

An diesen Punkten ist nicht wenig richtig. Sondern gar nichts. Im Folgenden werde ich auf die drei Punkte eingehen und erklären, warum die aktuellen Festspiele der links-grünen Systemkritiker völlig unbegründet sind.

1. „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.“

Das Argument: „Der Mensch rodet Wälder, zerstört die Lebensgrundlagen von unzähligen Tierarten und lässt sich in den zerstörten Gegenden nieder, indem er dort Agrarflächen errichtet. Tödliche Viren gehen von der Natur auf die Tiere und von dort auf Bauernhöfe und von dort auf Schlachthöfe und von dort auf menschliche Körper über, die anschließend eine Pandemie auslösen. Wenn der Mensch die Natur in Ruhe lassen würde, würden die Viren den Menschen erst gar nicht erreichen können.“

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Corona-Lektionen (3): Über Wucherpreise in Katastrophenzeiten

April 11, 2020

Die Glock unter den Schutzmasken: Die FFP3-Atemschutzmaske

Wie können sie es wagen? Haben sie gar kein Gewissen? Das ist die Reaktion der meisten Menschen auf jene, die in Zeiten der Corona-Krise mit dem Verkauf von überteuerter Schutzausrüstung, insbesondere Atemschutzmasken, Geld verdienen. Der irische Gesundheitsminister Simon Harris sagte, es gäbe einen „besonderen Platz in der Hölle für die, die mit dieser globalen Pandemie schnelles Geld verdienen wollen.“ Vielfach bleibt es nicht bei Empörung. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, wurde der Export von Atemschutzmasken komplett verboten, in Frankreich hat der Staat alle Atemschutzmasken beschlagnahmt (der Schwarzmarkt lacht natürlich darüber).

Ich weiß, was die Gedanken hinter solchen Maßnahmen sind: In Katastrophenzeiten sollte jeder das Recht auf Zugang zu lebensnotwendigen Gütern haben, egal welches Einkommen er hat. Und selbst wenn sich jeder Atemschutzmasken für 10 Euro statt 80 Cent leisten kann, wirkt so eine Preiserhöhung unethisch. Aus demselben Grund ist es in einigen Gegenden der USA verboten, nach einem Hurrikan Wasser oder Benzin zu überteuerten Preisen zu verkaufen. Ein Großteil der Bevölkerung denkt sicher: Am besten sollte der Staat während einer Katastrophe alle lebensnotwenigen Güter kostenlos bereitstellen, damit jeder versorgt wird. Aber das ist zu kurz gedacht – besser gesagt: falsch.

Zuerst sollten wir uns klarmachen, warum Schutzausrüstung momentan so teuer ist. Das ist ganz einfach: Es gibt derzeit eine Knappheit an diesen Gütern. Das bedeutet logischerweise, dass der Preis für diese Güter um das Vielfache steigt (Angebot und Nachfrage). Soweit, so verständlich. Die Menschen, die Wucherpreise für Schutzausrüstung dennoch verbieten wollen, werden jetzt einwenden: Der Preis mag durch die Knappheit erklärbar sein, aber diese Güter sind momentan so wichtig, dass es nicht wichtig ist, mit ihrem Verkauf Gewinne zu erwirtschaften, sowie private Produzenten es wollen, sondern sie ohne Gedanken an Kosten und Gewinn so schnell wie möglich für die ganze Bevölkerung bereitzustellen – und das kann nur der Staat. Den Rest des Beitrags lesen »

Corona-Lektionen (2): Wahrscheinlichkeitstheorie und das Dilemma von Black Swan Events

März 25, 2020

Aus den Zeiten der Spanischen Grippe

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Eine Gruppe von Astronomen aus den USA behauptet, einen Asteroiden entdeckt zu haben, der in drei Monaten mit 99%-iger Wahrscheinlichkeit auf die Erde einschlagen wird. An dessen Folgen (Flutwellen, jahrelange Dürren mit Ernteausfällen) könnten Millionen Menschen sterben. Die Mehrheit der Astronomen stimmt den amerikanischen Astronomen zu, während einige wenige den Asteroiden als „nicht gefährlicher als andere“ abstempeln. Um den Einschlag zu verhindern, hilft nur der Bau von Raumsonden, die mit bestimmten Manövern den Asteroiden auf eine andere Bahn lenken, damit er die Erde verfehlt. Die Kosten für den Bau dieser Raumsonden liegen bei etwa 20 Billionen Dollar.

In diesem Fall wäre es anscheinend sehr vernünftig, die Welt auf Pause zu setzen und alle möglichen Ressourcen – inklusive der menschlichen Arbeitskräfte – zum Bau der Raumsonden zu verwenden, die den Asteroiden aus seiner Bahn lenken. Aber es gäbe trotzdem massive Kritik daran, denn innerhalb von drei Monaten müsste man einen Großteil der Ressourcen von vielen Volkswirtschaften radikal umstellen. Viele Branchen müssten ihr ganzes Material abgeben, damit es zum Bau der Raumsonden verwendet wird, und würden damit in den Bankrott getrieben. Zusätzlich dazu müsste eine saftige Asteroiden-Abgabe eingeführt werden. Menschen, die sich den Maßnahmen widersetzen, müsste man mit der Staatsgewalt begegnen.

Wären die Anstrengungen es dennoch wert? Nun … „das hängt davon ab“, um es ökonomisch auszudrücken. Viele Variablen müssten zutreffen. Die amerikanischen Astronomen müssten mit ihrer 99%-igen Wahrscheinlichkeit Recht haben. Die Forscher, die die dramatischen Folgen prophezeien, müssten Recht haben. Vor allem aber: Die Forscher, die nach Abwehrmöglichkeiten gegen den Asteroiden suchen, müssten Recht haben, dass der Bau der Raumsonden der einzige Weg wäre, den Asteroiden von der Erde zu lenken und dass diese Maßnahme nicht mehr negative Folgen (Weltwirtschaftskrise, Versorgungsengpässe, Millionen Tote) hat als den Asteroiden einschlagen zu lassen und sich bestmöglich auf die Folgen einzustellen. Den Rest des Beitrags lesen »

Corona-Lektionen: Freiheit und Despotie vs. Good Governance und Bad Governance

März 19, 2020

Braucht es eine Diktatur gegen die Ausbreitung des Coronavirus?

Noch immer gibt es Leute, die das Coronavirus als „nicht schlimmer als eine Grippe“ bezeichnen, doch ihre Zahl wird immer kleiner. Unabhängig davon hat COVID-19, so die formaljuristische Bezeichnung, innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Themen – Greta, Flüchtlinge, Trump, Fußball – aus den Medien verdrängt (letzteres hat bei mit zu leichten Entzugserscheinungen geführt). Geschlossene Grenzen, Wirtschaft heruntergefahren, Ausgangssperren – die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor einigen Monaten. Die Folgen dieser Entscheidungen werden uns noch Jahre begleiten. Aber einige Lektionen können wir schon heute aus ihnen schließen.

Das Land, das den Ausbruch des Coronavirus anscheinend am besten gemeistert hat, ist China. Die Zahl der offiziell gemeldeten Neuinfektionen und der Todesfälle ist mittlerweile kaum noch relevant. Auch wenn die echten Zahlen größer sein mögen, ist China heute näher an der Rückkehr zur Normalität als am Ausnahmezustand. In Europa dagegen ist man derzeit von einem Rückgang der Neuinfektionen und Todesfälle sowie der Aufhebung der radikalen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus weit entfernt. Daran wird sich in den nächsten Wochen kaum etwas ändern: Den Höhepunkt der Krise haben wir gemäß der Mehrheit der Virologen noch vor uns.

Eine Frage tut sich da auf: Kann es sein, dass China aufgrund seines autoritären Systems erfolgreicher bei der Bekämpfung des Coronavirus war als Europa mit seinen Bürgerrechten und der Demokratie? Ist das westliche Modell bei der Bekämpfung von Pandemien im Nachteil gegenüber dem chinesischen Modell? Diese Lesart hat sich bei vielen klammheimlich durchgesetzt. Vor allem bei denen in Europa, die noch härtere Maßnahmen beim Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus fordern. Momentan geht es in Europa schon so totalitär zu wie noch nie seit 1945. Können wir noch mehr ertragen? Bevor man sich eine vorübergehende Diktatur wünscht, sollte man die wahren Ergebnisse sehen, die die Diktaturen in der Corona-Pandemie liefern. Den Rest des Beitrags lesen »

Gegen Kollektivstrafen

Februar 29, 2020
Die DFB-Elf- auf dem Weg zum Titel 2012?

Hate Zeiten für den deutschen Fußball

In einer Gesellschaft, in der Rassismus, Sexismus und Homophobie konsequent verurteilt werden, kann es zum Paradoxon kommen, dass immer mehr Rassismus, Sexismus und Homophobie gesehen wird. Der Grund dafür ist, dass diese Fälle nun stärker beachtet werden. Trotzdem entsteht bei vielen der Eindruck, dass der Hass in der Gesellschaft außer Kontrolle ist. Wir erleben das gerade in den Fußballstadien. Immer mehr Spiele sind von Spielabbruch bedroht, weil die Fans hetzerische Botschaften ausrufen. Zuletzt handelte es sich überwiegend um rassistische Parolen gegen schwarze Spieler, an diesem Wochenende waren es Hassbotschaften auf Plakaten von linksextremen Fans gegen den Milliardär und Fußball-Mäzen Dietmar Hopp.

Hassbotschaften in Fußballstadien gibt es seit es Fußballstadien gibt. Man rief homophobe Parolen („Schiri, du schwule Sau!“), rassistische Parolen (Affenlaute, Bananenwürfe), Hassbotschaften gegen Mannschaften („Scheiß Bayern!“) oder Personen („Hurensohn!“). Neben den Parolen, die gerufen oder in Plakaten geschrieben wurden, waren auch das Werfen von Gegenständen beliebt, nicht nur Bananen (und hier nicht nur gegen schwarze Spieler, sondern z.B. auch gegen Oliver Kahn), so bekam Luis Figo von Barcelona-Fans einen Schweinekopf als Gast-Geschenk. All diese Dinge führten nicht zu Diskussionen über Spielabbrüchen. Erst jetzt, nach über 120 Jahren Fußball, beginnt man, den Hass in Fußballstadien zu bekämpfen.

Das ist grundsätzlich gut. Aber die Art und Weise hat einen hysterischen Charakter. Spielabbrüche gab es früher nur, wenn das Wetter das Weiterspielen unmöglich machte, die Spieler sich gegenseitig verprügelten oder das Stadion plötzlich von einem Terroranschlag bedroht war. Nun reichen Affenlaute oder ein Plakat. Ich verurteile diese Dinge aufs Schärfste, denn ich bin zu 100% für schwarze Fußballer und Milliardäre als Fußball-Investoren. Nur mit Weißen und „Traditionsvereinen“ wäre der Fußball für mich viel langweiliger. Dennoch sehe ich keinen Grund, deswegen ein laufendes Spiel abzubrechen. Den Rest des Beitrags lesen »

Brexit, actually

Dezember 14, 2019

Freiheit für die Briten!

Es ist soweit. Im britischen Parlament gibt es eine Mehrheit für einen Premierminister, der den Brexit durchziehen will. Theresa Mays Parlament, der den Brexit zu einer Parodieveranstaltung machte, ist Geschichte. Der Brexit wird voraussichtlich zum 31. Januar 2020 durchgezogen werden. Die Tränen der EU-Nationalisten haben ein solches Volumen erreicht, dass man damit die Wasserknappheit in Chiles Atacama-Wüste beenden könnte. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn es eine fünfte Verschiebung gibt. Die Deutlichkeit der Ergebnisse birgt einige wichtige Lektionen für Großbritannien und ganz Europa.

1. Die Mehrheit der Briten will den Brexit.

Es hieß immer, die Briten hätten keine Ahnung, wofür sie gestimmt hätten, sie wären auf Lügen reingefallen, ein neues Referendum würde ganz anders aussehen, und da viele ältere Wähler nach 2016 abgestorben sind, würde die Mehrheit heute schon aus diesen Gründen für Remain sein. Jetzt kann man sagen: Nö. Die Mehrheit hat ganz eindeutig Boris Johnson mit dem Auftrag ausgestattet, den Brexit endlich durchzuziehen. Wenn die Mehrheit wirklich unbedingt in der EU hätte bleiben wollen, hätten sie eine parlamentarische Mehrheit gebildet, die einen Deal (oder einen Austritt ohne Deal) unmöglich macht und damit ein zweites Referendum den Weg ebnet. Aber das komplette Gegenteil ist geschehen!

2. Jeremy Corbyns politische Karriere ist tot.

Es ist das schlechteste Ergebnis für Labour seit 1935. Nur damit ihr es wisst: Das war eine Zeit, in der in Deutschland Angela Merkel noch nicht an der Macht war. Verantwortlich dafür ist Jeremy Corbyn, ein alter, weißer Mann aus einem vergangenen Jahrhundert, der nicht nur von der Mehrheit der Briten, sondern selbst von der Mehrheit der Arbeiter, der traditionellen Labour-Wählerschicht, abgelehnt wird. Die Botschaft ist klar: Corbyns Zeit ist vorbei. Das heißt auch, dass Corbyns widerlicher Antisemitismus, der seine politische Karriere begleitete wie Alkoholismus die Karriere von Boris Jelzin, keinen Platz mehr finden wird. Hoffentlich kann sich Labour von diesem Gift lösen und ohne den Judenknacks einen Neustart wagen. Den Rest des Beitrags lesen »

Dreißig Jahre Jammern

November 11, 2019

Waren das bessere Zeiten?

Der Zustand der DDR 1989: Die Verschuldung des Landes ist höher als die gesamte eigene Wirtschaftsleistung. Der durchschnittliche Lohn ist niedriger als der Sozialhilfesatz in der BRD. Die Wohnungen verfallen, die Umweltverschmutzung erfordert viele gesundheitliche Opfer. Dann kommt der Mauerfall und 1990 die Auflösung der DDR und die Wiedervereinigung. Es folgt die Katastrophe: Die Treuhand kommt und zerstört die Wirtschaft Ostdeutschlands. So lautet jedenfalls die Version der DDR-Nostalgiker. Das Desaster Ostdeutschlands beginnt für sie erst 1990 mit der Treuhand. Ostdeutschland wurde nicht durch den Kommunismus in der DDR versenkt – sondern durch die Treuhand.

In regelmäßigen Umfragen wünscht sich ein Viertel der Ostdeutschen die DDR zurück. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen meint, die DDR sei „kein Unrechtsstaat“ gewesen. Diesem Phänomen kann man nicht mit Hinweisen wie den fehlenden freien Wahlen, der fehlenden Reisefreiheit und der fehlenden Meinungsfreiheit entgegentreten, die von den DDR-Nostalgikern mit Leichtigkeit gekontert werden (Was nützen freie Wahlen, wenn die Parteien alle Scheiße sind? Was nützt Reisefreiheit, wenn man als Hartz IV-Empfänger kein Geld für Urlaub hat? Was nützt Meinungsfreiheit, wenn die Meinung nicht gehört wird?). Der Grund für die DDR-Nostalgie ist die Verbitterung darüber, dass es Ostdeutschland nach 1990 nicht sofort wirtschaftlich genauso gut ging wie Westdeutschland. Dem kann man nichts entgegentreten.

Außer natürlich: Es ist völliger Wahnsinn, zu fordern, dass ein über 40 Jahre kommunistisch zerstörtes Land in Windeseile mit einer der stärksten Wirtschaftsnationen gleichzieht. Wenn man bedenkt, wo man angefangen hat, ist die Wiedervereinigung alles in allem eine Erfolgsgeschichte gewesen: Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands lag 1990 bei nur 43% der Wirtschaftskraft Westdeutschlands – mittlerweile hat sie 75% erreicht. Die Arbeitslosenrate von 6,4% würden die meisten europäischen Länder gerne haben. Aber die Verbitterung hält das nicht auf: Denn der Westen liegt noch immer vor dem Osten! Und schuld daran ist … die Treuhand und alles, was danach passiert ist. So die DDR-Nostalgiker. Den Rest des Beitrags lesen »

Wie man Talkshows retten kann

September 5, 2019
63 Jahre Ausbeutung: Die ARD

Die selbsternannten Hüter der Demokratie

Immer wieder werden Talkshows dafür kritisiert, dass sie kaum echte Diskussionen zulassen. In der Tat enden Talkshows oft in emotionalem Geschrei, und selbst wenn nicht geschrien wird, sind falsche Anschuldigungen, die oft nicht mal was mit dem diskutierten Thema zu tun haben, an der Tagesordnung. Auch wenn viele das bestreiten, leiden Talkshows vor allem an einer Sache: Einer heftigen linksgrünen Voreingenommenheit („bias“ würde man in den USA sagen). Es werden sicher auch linke Gäste gelegentlich unfair behandelt, aber wenn ein AfD-Mann eingeladen ist, kann man meistens sicher sein, dass es unfair wird.

Der Grund dafür ist für mich klar: In den Talkshows werden Gäste, die nicht dem linksgrünen Mainstream entsprechen, entweder nicht eingeladen, oder nur mit dem Ziel, sie bloßzustellen. Das führt dazu, dass man in den Talkshows eine wichtige Sache vermisst, die dort selbstverständlich sein sollte: Meinungsvielfalt. Talkshows dienen dazu, die eigenen Ansichten über politische Andersdenkende zu verfestigen und nicht, die Meinungen von politisch Andersdenkenden aus ihrer Sicht zu hören. Man könnte das mit zwei kleinen Regeln ändern und damit echte Meinungsvielfalt in den Talkshows retten.

1. Keine Suggestiv-Fragen

Wenn ein AfD-Kandidat eingeladen wird, stellt man ihm Fragen, die nicht bereits ein Urteil beinhalten. Ein Beispiel dafür wäre: Anstatt zu fragen „Warum grenzen sie sich nicht genug von Rechtsextremen ab?“ fragt man „Finden sie, dass sie sich genug von Rechtsextremen abgrenzen?“ Der Gast erhält damit die Chance, seine eigene Sicht der Dinge zu zeigen, was normalerweise der Sinn einer politischen Diskussion sein sollte. Leider findet das derzeit kaum statt. Momentan fragt man AfD-Leute überspitzt gesagt „Lieber AfD-ler, warum sind sie ein so schlechter Mensch?“ anstatt „Lieber AfD-ler, wie ist ihre Sicht auf diesen Sachverhalt?“

Hier Beispiele für Fragen, bei denen man von suggestiv auf normal wechseln kann:

suggestiv: „Wenn sie für Europa sind, warum lehnen sie dann jeden pro-europäischen Vorschlag ab?“
normal: „Warum lehnen sie eine engere politische Union der EU-Länder ab?“

suggestiv: „Wenn sie die Rettungsmissionen im Mittelmeer ablehnen, sollen die Flüchtlinge dann einfach alle ertrinken?“
normal: „Wenn sie die Rettungsmissionen im Mittelmeer ablehnen, wie wollen sie dann mit den Booten im Mittelmeer umgehen?“ Den Rest des Beitrags lesen »

Wag the Don

Juni 20, 2019

Was macht der Don?

Warum sollte der Iran einen Krieg mit den USA wollen? Das ergibt keinen Sinn, die amerikanische Militärmacht würde die Mullahs vernichten. So lautet der Gedankengang derer, die den Angriff auf die Öltanker im Persischen Golf entweder für ein (noch) ungeklärtes Mysterium oder eine Inszenierung der Amerikaner halten, um einen Krieg gegen den Iran zu provozieren. Der Krieg in Vietnam wurde schließlich ebenfalls mit einem inszenierten Angriff auf einen Tanker begründet (Tonkin-Zwischenfall) – warum sollte das nicht wieder passieren? Tatsächlich habe auch ich daran gezweifelt, ob der Iran hinter den Angriffen auf die Öltanker steckt. Aber die derzeit vorhandenen Indizien sprechen dafür. Falls sich nichts mehr daran ändern sollte, stellt sich die Frage: Wie wird Trump reagieren? Die Antwort auf diese Frage könnte auf ein mögliches Motiv der Täter hindeuten.

Trump hat die Verständigung mit Nordkorea gesucht. Die Nordkoreaner haben im Gegenzug ihr Atomprogramm nicht zurückgefahren und planen es derzeit nicht. Der klare Sieger aus der Verständigungspolitik ist Nordkorea – sie mussten nichts tun und bekamen im Gegenzug die Möglichkeit, ihre internationale Isolation zu verringern. Bezüglich Assad hat Trump es geschafft, ihn zu bombardieren und gleichzeitig zu stärken – denn mehr als einen begrenzten Präzisionsschlag gab es nicht. Assad sitzt heute fester im Sattel des syrischen Präsidenten denn je zuvor. Auch gegenüber Venezuela schlug Trump einen harten Ton an und tat am Ende nichts, um aus seinen Drohungen wahre Worte zu machen. Das ist erstmal eine neutrale Feststellung. Trotz seiner oft knallharten Rhetorik ist Trump ein nicht-interventionistischer Präsident.

Es ist stark davon auszugehen, dass Trump nicht darauf aus ist, das Mullah-Regime komplett zu stürzen. Dafür bräuchte es Hunderttausende Soldaten, Tausende eigene Opfer, einen monatelangen Krieg mit der Gefahr, in einen jahrelangen Guerillakrieg zu münden, sowie potenziell enorme wirtschaftliche Schäden. Verständlicherweise hält man nicht mal in israelischen Sicherheitskreisen einen Angriff auf den Iran für eine gute Idee. Diese Punkte waren bereits vor dem Angriff auf die Öltanker bekannt. Auch den Iranern. Eben dieses Wissen könnte den Angriff erklären. Theoretisch wäre es möglich, dass die Iraner komplett verrückt geworden sind, aber noch wahrscheinlicher ist, dass sie kühl berechnend agieren und wissen: Der Angriff auf die Öltanker wird ihre Herrschaft nicht gefährden und gleichzeitig das Signal senden, dass die Iraner sich nicht einschüchtern lassen. Es ist nicht so, dass solche Taten für die Iraner neu sind. Den Rest des Beitrags lesen »

Gegen den modernen Ablasshandel

April 22, 2019
Die Zukunft der Dritten Welt? (Bild: Base64)

Müssen wir unseren Wohlstand aufgeben, um zu überleben? (Bild: Base64)

Tagein, tagaus wird uns eingetrichtert, dass wir unter allen Umständen verhindern müssen, auf die Tricks der Rechtspopulisten hereinzufallen: Sie schüren Ängste und spalten die Gesellschaft, in dem sie die Menschheit in ein „WIR“ und „DIE“ einteilen und den Letztgenannten die Schuld für alle Probleme geben. Nun betet die ganze Gesellschaft Greta Thunberg an, weil sie die simple Botschaft verbreitet: Die ganze Welt steht vor dem Untergang, alle müssen in Panik geraten, und es gibt nur eine Lösung: WIR müssen gegen DIE Konzerne vorgehen, die mit ihren Abgasen den Planeten zerstören und damit die alleinige Schuld für alle Probleme bezüglich der Globalen Erwärmung tragen. So weit, so abartig. Aber welche Lösung schwebt den freitäglichen Schulschwänzern tatsächlich vor?

Nach mehreren Wochen Schwänzen stellten Fridays for Future-Kids unlängst einen Forderungskatalog vor. Kohleausstieg bis 2030, 100% Erneuerbare Energien bis 2035, und eine Steuer auf Treibhausgasemissionen. Die ersten beiden Forderungen sprechen für sich – wenn wir weiter Strom haben wollen, werden wir weiterhin Kohle brauchen – aber die dritte Forderung ist sehr realistisch. Eine CO2-Steuer wird seit Jahren von Politikern gefordert. Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze befürwortet sie, positive Signale gab es auch parteiübergreifend von der CDU bis zur FDP. Das Traurige: Nicht nur die sozialdemokratisierte FDP, sondern auch viele echte Liberale haben sich ebenfalls für eine CO2-Steuer ausgesprochen.

Es klingt logisch: Eine CO2-Steuer als ein marktwirtschaftlicher Weg, um mit der Umweltverschmutzung fertig zu werden. Man bezahlt einfach einen Preis dafür. Doch das ist ein Irrtum. Eine CO2-Steuer hat nichts mit Markwirtschaft zu tun und würde der Umwelt nicht helfen. Hier sind die Gründe, warum ich diesen modernen Ablasshandel ablehne:

1. Es gibt schon genug Steuern auf CO2.

Mag sein, dass eine CO2-Steuer einen Preis für Umweltverschmutzung festsetzt. Aber wir zahlen schon heute viele Steuern für Aktivitäten mit CO2-Ausstoß. Flugreisen werden besteuert, Autofahren wird besteuert, Strom wird massiv besteuert – im Gegenzug werden Erneuerbare Energien nicht besteuert, sondern mit Steuermitteln subventioniert. Ist das nicht schon genug? Jetzt kommen bestimmt Menschen und sagen, dass die Steuern auf CO2-Aktivitäten zu niedrig für ihren mathematisch berechneten Schaden für den Rest der Menschheit sind. Das bringt uns direkt zu Punkt 2. Den Rest des Beitrags lesen »