Über die Cancel Culture

Oktober 9, 2020

Konformität als gesellschaftliches Ziel

Wer eine andere Meinung vertritt, wird gekündigt, boykottiert und beschämt. Es wird immer gefährlicher, eine nicht-konforme Meinung zu äußern, die Meinungsvielfalt stirbt langsam aus. Für die Zukunft droht eine Meinungsdiktatur, mit der Folge, dass die Freiheit des Gedankens in der Öffentlichkeit nicht mehr existiert und kein Querdenker mehr eine Karriere machen können wird. Solche Ängste hatten die Rechten schon in den 1970ern. Der heutige Name für dieses Phänomen ist „Cancel Culture.“ Viel anders als damals ist die Lage aber nicht. Ist die Gefahr eines neuen Totalitarismus heute wirklich größer als damals?

Einen Menschen (ohne Vertragsbruch) zu kündigen ist Teil der Vertragsfreiheit, einen Menschen zu boykottieren ist Teil der Vereinigungsfreiheit, einen Menschen (durch Meinungsäußerungen) zu beschämen ist Teil der Meinungsfreiheit. Nichts davon ist totalitär. Ich lehne die Cancel Culture ab, weil ich sie für unangemessen halte – man kann mit Menschen mit konträren Ansichten interagieren, ohne sie alle „bekehren“ zu wollen oder sie zu beschämen. Respektvoller Dissens ist möglich, falls politische Ansichten (in Beruf, Familie, Freunden, etc.) überhaupt zum Thema werden. Aber die Leute, die die Cancel Culture für einen neuen Totalitarismus halten, sind auf dem Irrweg.

Cancel Culture existiert mit anderen Namen bei allen Gruppen und in allen Ländern der Welt. In den westlichen Ländern dominieren die Linken den öffentlichen Diskurs, deshalb ist die Cancel Culture überwiegend links. Wenn die Rechten den öffentlichen Diskurs dominieren würden, gäbe es eine rechte Cancel Culture. „Unpatriotisch“ wäre das neue „rassistisch“, und jeder, der sich „unpatriotisch“ äußern würde, würde gecancelt. Wenn Liberale den öffentlichen Diskurs dominieren würden (unmöglich, ich weiß), würde jeder, der für höhere Steuern ist, gecancelt werden. Es gibt keinen Weg, die Cancel Culture zu umgehen. Den Rest des Beitrags lesen »

Der Frieden bricht aus!

September 20, 2020

Here to stay

Es sind historische Zeiten im Nahen Osten. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain haben die Existenz Israels anerkannt, und andere Staaten am Persischen Golf (Kuwait, Oman, Saudi-Arabien) könnten bald folgen. Während man dies in Israel und den USA als historisch feiert, hält sich die EU mit Gratulationen zurück, da man offenbar nicht an der Einigung beteiligt war, deshalb überrascht ist und man sich generell schwertut, Israel zu loben. Aber damit macht die EU letztlich ihre Irrelevanz deutlich – niemand mit Verstand zweifelt an der historischen Dimension dieser Einigung und ihrer positiven Auswirkungen für die Region.

Verantwortlich für diesen Erfolg ist nicht Donald Trump, der folglich auch nicht den Friedensnobelpreis verdient, und auch nicht Jared Kushner, der mitgeholfen hat, den Deal einzufädeln. Verantwortlich für den historischen Schritt sind die Vertreter der beteiligten Länder: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Außenminister der VAE, Abdullah bin Zayid Al Nahyan, und Bahrains Außenminister Abdullatif bin Raschid al-Sajani. Sie sind es, die den Friedensnobelpreis verdient hätten (falls man noch etwas auf diesen Preis gibt, nach all den fragwürdigen Entscheidungen der Vergangenheit).

Aber die Einigung erfolgte nicht nur aus der Einsicht der VAE und Bahrain, dass Israel ein Existenzrecht hat, sondern auch aus reinen machtpolitischen Gründen. Die Staaten am Persischen Golf fühlen sich durch den Iran bedroht und sehen Israel mit all seiner technologischen und wirtschaftlichen Stärke als einen potenziell wertvollen Verbündeten. Insofern hat der Iran mit seiner aggressiven Politik die arabischen Staaten näher an Israel herangerückt und sich selbst weiter isoliert. Auch das letztlich wertlose Abkommen zwischen dem Iran und der USA hat sicher dazu beigetragen, dass die Golfstaaten sich näher an Israel wandten. Eine realpolitische Ironie. Den Rest des Beitrags lesen »

Schock für Republikaner: Wahlprognosen für Trump so schlimm wie 2016

Juli 16, 2020

Es sieht für ihn so düster aus wie … 2016

Der schlimmste Präsident aller Zeiten – das ist in der Regel der letzte amtierende Präsident der Partei, der man nicht zugehört. Für Republikaner ist es Obama, für Demokraten war es früher George W. Bush und ab 2017 Trump. Da spielt es auch keine Rolle, dass es vor der Corona-Krise Vollbeschäftigung gab und Trump keine endlosen Kriege gestartet hat. Es reichte es, dass er sich bei Twitter abfällig über seine Gegner äußerte. Nun sind die USA vom Coronavirus erfasst worden und erlebten die schwersten Unruhen seit den 1990ern. Für seine Gegner steht damit klar: Nicht nur ist er der schlimmste Präsident aller Zeiten, er hat auch keine Chance mehr auf eine Wiederwahl.

In den Umfragen wird dieses Gefühl bestätigt: Biden steht überall klar vor Trump. Der Don ist am Ende, und er kann nur mit teuflischen Tricks noch nach 2021 an der Macht bleiben. Nicht nur in den USA, auch im Ausland sieht man das so. In der Talkshow „Markus Lanz“ behauptete die offenbar als Amerika-Expertin eingeladene Sandra Navidi, dass Trump die Strategie fahren könnte, möglichst viele Wahlauftritte vor großen Massen abzuhalten, um die Corona-Infiziertenzahlen zu erhöhen und damit einen Grund zu haben, die Wahlen zu verschieben. Andere befürchten gar, er könnte sich nach seiner Niederlage einfach weigern, das Amt zu verlassen (bzw. eine Diktatur ausrufen).

Wie peinlich wäre es für sie, wenn Trump am Ende einfach wieder durch den Electoral Vote an der Macht bleibt … und doch könnte es so kommen. Trump ist nicht am Ende. Es gibt gute Gründe, ihn nicht abzuschreiben. Was seine Gegner nicht bemerken: Die Wirtschaft beginnt sich langsam zu erholen, und zwar Richtung Vorkrisen-Niveau; die Black Lives Matter-Proteste und Plünderungen sind abgeflacht und bleiben in Erinnerung als größtes Virtue Signaling-Event der Geschichte und mehr nicht; und Joe Biden könnte bis November vergessen haben, dass er als Präsident kandidiert. So gesehen spricht derzeit noch vieles für den Don. Den Rest des Beitrags lesen »

Corona-Lektionen (4): Die Festspiele der Systemkritiker

Mai 11, 2020
kl

Es ist mal wieder Zeit, unsere gesamte Lebensweise zu verdammen

Ich bin nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Jede größere, kleinere oder auch gar keine Krise löst es aus: Die Kritik an „unserer Art zu leben.“ Zwar hat jede politische Ausrichtung ihre eigene ideologische Kritik an der Gesellschaft, aber in unserem polit-medialen Betrieb dominiert eindeutig die Systemkritik von Linken und Grünen. Von Bundestrainer Joachim Löw und Papst Franziskus bis zu herausragenden Intellektuellen wie Madonna und Robert DeNiro: Alle kritisieren unser System und fordern ein Umdenken.

Reine Profitgier und Hoffen auf ewiges Wachstum ohne Rücksicht auf Umweltzerstörung, wachsender Ungleichheit, schlechten Arbeitsbedingungen und Transgender-Rechten kann kein Modell für die Zukunft sein. Und aus irgendeinem Grund ist die Corona-Krise ein guter Moment, um noch offensiver mit dieser Kritik rauszurücken. Mir sind vor allem drei Kritikpunkte in Zeitungskommentaren, TV-Ausschnitten und Politiker-Reden aufgefallen:

– „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.
– „Die am schlechtesten vorbereiteten Länder haben alle eine neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik.
– „Die Schutzmaßnahmen wurden durch die Ignoranz von rechtspopulistische Regierungen erschwert.

An diesen Punkten ist nicht wenig richtig. Sondern gar nichts. Im Folgenden werde ich auf die drei Punkte eingehen und erklären, warum die aktuellen Festspiele der links-grünen Systemkritiker völlig unbegründet sind.

1. „Der Virus wurde nur möglich, weil der Mensch sich immer weiter in der Natur ausbreitet.“

Das Argument: „Der Mensch rodet Wälder, zerstört die Lebensgrundlagen von unzähligen Tierarten und lässt sich in den zerstörten Gegenden nieder, indem er dort Agrarflächen errichtet. Tödliche Viren gehen von der Natur auf die Tiere und von dort auf Bauernhöfe und von dort auf Schlachthöfe und von dort auf menschliche Körper über, die anschließend eine Pandemie auslösen. Wenn der Mensch die Natur in Ruhe lassen würde, würden die Viren den Menschen erst gar nicht erreichen können.“

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Corona-Lektionen (3): Über Wucherpreise in Katastrophenzeiten

April 11, 2020

Die Glock unter den Schutzmasken: Die FFP3-Atemschutzmaske

Wie können sie es wagen? Haben sie gar kein Gewissen? Das ist die Reaktion der meisten Menschen auf jene, die in Zeiten der Corona-Krise mit dem Verkauf von überteuerter Schutzausrüstung, insbesondere Atemschutzmasken, Geld verdienen. Der irische Gesundheitsminister Simon Harris sagte, es gäbe einen „besonderen Platz in der Hölle für die, die mit dieser globalen Pandemie schnelles Geld verdienen wollen.“ Vielfach bleibt es nicht bei Empörung. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, wurde der Export von Atemschutzmasken komplett verboten, in Frankreich hat der Staat alle Atemschutzmasken beschlagnahmt (der Schwarzmarkt lacht natürlich darüber).

Ich weiß, was die Gedanken hinter solchen Maßnahmen sind: In Katastrophenzeiten sollte jeder das Recht auf Zugang zu lebensnotwendigen Gütern haben, egal welches Einkommen er hat. Und selbst wenn sich jeder Atemschutzmasken für 10 Euro statt 80 Cent leisten kann, wirkt so eine Preiserhöhung unethisch. Aus demselben Grund ist es in einigen Gegenden der USA verboten, nach einem Hurrikan Wasser oder Benzin zu überteuerten Preisen zu verkaufen. Ein Großteil der Bevölkerung denkt sicher: Am besten sollte der Staat während einer Katastrophe alle lebensnotwenigen Güter kostenlos bereitstellen, damit jeder versorgt wird. Aber das ist zu kurz gedacht – besser gesagt: falsch.

Zuerst sollten wir uns klarmachen, warum Schutzausrüstung momentan so teuer ist. Das ist ganz einfach: Es gibt derzeit eine Knappheit an diesen Gütern. Das bedeutet logischerweise, dass der Preis für diese Güter um das Vielfache steigt (Angebot und Nachfrage). Soweit, so verständlich. Die Menschen, die Wucherpreise für Schutzausrüstung dennoch verbieten wollen, werden jetzt einwenden: Der Preis mag durch die Knappheit erklärbar sein, aber diese Güter sind momentan so wichtig, dass es nicht wichtig ist, mit ihrem Verkauf Gewinne zu erwirtschaften, sowie private Produzenten es wollen, sondern sie ohne Gedanken an Kosten und Gewinn so schnell wie möglich für die ganze Bevölkerung bereitzustellen – und das kann nur der Staat. Den Rest des Beitrags lesen »

Corona-Lektionen (2): Wahrscheinlichkeitstheorie und das Dilemma von Black Swan Events

März 25, 2020

Aus den Zeiten der Spanischen Grippe

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Eine Gruppe von Astronomen aus den USA behauptet, einen Asteroiden entdeckt zu haben, der in drei Monaten mit 99%-iger Wahrscheinlichkeit auf die Erde einschlagen wird. An dessen Folgen (Flutwellen, jahrelange Dürren mit Ernteausfällen) könnten Millionen Menschen sterben. Die Mehrheit der Astronomen stimmt den amerikanischen Astronomen zu, während einige wenige den Asteroiden als „nicht gefährlicher als andere“ abstempeln. Um den Einschlag zu verhindern, hilft nur der Bau von Raumsonden, die mit bestimmten Manövern den Asteroiden auf eine andere Bahn lenken, damit er die Erde verfehlt. Die Kosten für den Bau dieser Raumsonden liegen bei etwa 20 Billionen Dollar.

In diesem Fall wäre es anscheinend sehr vernünftig, die Welt auf Pause zu setzen und alle möglichen Ressourcen – inklusive der menschlichen Arbeitskräfte – zum Bau der Raumsonden zu verwenden, die den Asteroiden aus seiner Bahn lenken. Aber es gäbe trotzdem massive Kritik daran, denn innerhalb von drei Monaten müsste man einen Großteil der Ressourcen von vielen Volkswirtschaften radikal umstellen. Viele Branchen müssten ihr ganzes Material abgeben, damit es zum Bau der Raumsonden verwendet wird, und würden damit in den Bankrott getrieben. Zusätzlich dazu müsste eine saftige Asteroiden-Abgabe eingeführt werden. Menschen, die sich den Maßnahmen widersetzen, müsste man mit der Staatsgewalt begegnen.

Wären die Anstrengungen es dennoch wert? Nun … „das hängt davon ab“, um es ökonomisch auszudrücken. Viele Variablen müssten zutreffen. Die amerikanischen Astronomen müssten mit ihrer 99%-igen Wahrscheinlichkeit Recht haben. Die Forscher, die die dramatischen Folgen prophezeien, müssten Recht haben. Vor allem aber: Die Forscher, die nach Abwehrmöglichkeiten gegen den Asteroiden suchen, müssten Recht haben, dass der Bau der Raumsonden der einzige Weg wäre, den Asteroiden von der Erde zu lenken und dass diese Maßnahme nicht mehr negative Folgen (Weltwirtschaftskrise, Versorgungsengpässe, Millionen Tote) hat als den Asteroiden einschlagen zu lassen und sich bestmöglich auf die Folgen einzustellen. Den Rest des Beitrags lesen »

Corona-Lektionen: Freiheit und Despotie vs. Good Governance und Bad Governance

März 19, 2020

Braucht es eine Diktatur gegen die Ausbreitung des Coronavirus?

Noch immer gibt es Leute, die das Coronavirus als „nicht schlimmer als eine Grippe“ bezeichnen, doch ihre Zahl wird immer kleiner. Unabhängig davon hat COVID-19, so die formaljuristische Bezeichnung, innerhalb kürzester Zeit alle wichtigen Themen – Greta, Flüchtlinge, Trump, Fußball – aus den Medien verdrängt (letzteres hat bei mit zu leichten Entzugserscheinungen geführt). Geschlossene Grenzen, Wirtschaft heruntergefahren, Ausgangssperren – die Welt ist nicht mehr dieselbe wie vor einigen Monaten. Die Folgen dieser Entscheidungen werden uns noch Jahre begleiten. Aber einige Lektionen können wir schon heute aus ihnen schließen.

Das Land, das den Ausbruch des Coronavirus anscheinend am besten gemeistert hat, ist China. Die Zahl der offiziell gemeldeten Neuinfektionen und der Todesfälle ist mittlerweile kaum noch relevant. Auch wenn die echten Zahlen größer sein mögen, ist China heute näher an der Rückkehr zur Normalität als am Ausnahmezustand. In Europa dagegen ist man derzeit von einem Rückgang der Neuinfektionen und Todesfälle sowie der Aufhebung der radikalen Maßnahmen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus weit entfernt. Daran wird sich in den nächsten Wochen kaum etwas ändern: Den Höhepunkt der Krise haben wir gemäß der Mehrheit der Virologen noch vor uns.

Eine Frage tut sich da auf: Kann es sein, dass China aufgrund seines autoritären Systems erfolgreicher bei der Bekämpfung des Coronavirus war als Europa mit seinen Bürgerrechten und der Demokratie? Ist das westliche Modell bei der Bekämpfung von Pandemien im Nachteil gegenüber dem chinesischen Modell? Diese Lesart hat sich bei vielen klammheimlich durchgesetzt. Vor allem bei denen in Europa, die noch härtere Maßnahmen beim Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus fordern. Momentan geht es in Europa schon so totalitär zu wie noch nie seit 1945. Können wir noch mehr ertragen? Bevor man sich eine vorübergehende Diktatur wünscht, sollte man die wahren Ergebnisse sehen, die die Diktaturen in der Corona-Pandemie liefern. Den Rest des Beitrags lesen »

Gegen Kollektivstrafen

Februar 29, 2020
Die DFB-Elf- auf dem Weg zum Titel 2012?

Hate Zeiten für den deutschen Fußball

In einer Gesellschaft, in der Rassismus, Sexismus und Homophobie konsequent verurteilt werden, kann es zum Paradoxon kommen, dass immer mehr Rassismus, Sexismus und Homophobie gesehen wird. Der Grund dafür ist, dass diese Fälle nun stärker beachtet werden. Trotzdem entsteht bei vielen der Eindruck, dass der Hass in der Gesellschaft außer Kontrolle ist. Wir erleben das gerade in den Fußballstadien. Immer mehr Spiele sind von Spielabbruch bedroht, weil die Fans hetzerische Botschaften ausrufen. Zuletzt handelte es sich überwiegend um rassistische Parolen gegen schwarze Spieler, an diesem Wochenende waren es Hassbotschaften auf Plakaten von linksextremen Fans gegen den Milliardär und Fußball-Mäzen Dietmar Hopp.

Hassbotschaften in Fußballstadien gibt es seit es Fußballstadien gibt. Man rief homophobe Parolen („Schiri, du schwule Sau!“), rassistische Parolen (Affenlaute, Bananenwürfe), Hassbotschaften gegen Mannschaften („Scheiß Bayern!“) oder Personen („Hurensohn!“). Neben den Parolen, die gerufen oder in Plakaten geschrieben wurden, waren auch das Werfen von Gegenständen beliebt, nicht nur Bananen (und hier nicht nur gegen schwarze Spieler, sondern z.B. auch gegen Oliver Kahn), so bekam Luis Figo von Barcelona-Fans einen Schweinekopf als Gast-Geschenk. All diese Dinge führten nicht zu Diskussionen über Spielabbrüchen. Erst jetzt, nach über 120 Jahren Fußball, beginnt man, den Hass in Fußballstadien zu bekämpfen.

Das ist grundsätzlich gut. Aber die Art und Weise hat einen hysterischen Charakter. Spielabbrüche gab es früher nur, wenn das Wetter das Weiterspielen unmöglich machte, die Spieler sich gegenseitig verprügelten oder das Stadion plötzlich von einem Terroranschlag bedroht war. Nun reichen Affenlaute oder ein Plakat. Ich verurteile diese Dinge aufs Schärfste, denn ich bin zu 100% für schwarze Fußballer und Milliardäre als Fußball-Investoren. Nur mit Weißen und „Traditionsvereinen“ wäre der Fußball für mich viel langweiliger. Dennoch sehe ich keinen Grund, deswegen ein laufendes Spiel abzubrechen. Den Rest des Beitrags lesen »

Brexit, actually

Dezember 14, 2019

Freiheit für die Briten!

Es ist soweit. Im britischen Parlament gibt es eine Mehrheit für einen Premierminister, der den Brexit durchziehen will. Theresa Mays Parlament, der den Brexit zu einer Parodieveranstaltung machte, ist Geschichte. Der Brexit wird voraussichtlich zum 31. Januar 2020 durchgezogen werden. Die Tränen der EU-Nationalisten haben ein solches Volumen erreicht, dass man damit die Wasserknappheit in Chiles Atacama-Wüste beenden könnte. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn es eine fünfte Verschiebung gibt. Die Deutlichkeit der Ergebnisse birgt einige wichtige Lektionen für Großbritannien und ganz Europa.

1. Die Mehrheit der Briten will den Brexit.

Es hieß immer, die Briten hätten keine Ahnung, wofür sie gestimmt hätten, sie wären auf Lügen reingefallen, ein neues Referendum würde ganz anders aussehen, und da viele ältere Wähler nach 2016 abgestorben sind, würde die Mehrheit heute schon aus diesen Gründen für Remain sein. Jetzt kann man sagen: Nö. Die Mehrheit hat ganz eindeutig Boris Johnson mit dem Auftrag ausgestattet, den Brexit endlich durchzuziehen. Wenn die Mehrheit wirklich unbedingt in der EU hätte bleiben wollen, hätten sie eine parlamentarische Mehrheit gebildet, die einen Deal (oder einen Austritt ohne Deal) unmöglich macht und damit ein zweites Referendum den Weg ebnet. Aber das komplette Gegenteil ist geschehen!

2. Jeremy Corbyns politische Karriere ist tot.

Es ist das schlechteste Ergebnis für Labour seit 1935. Nur damit ihr es wisst: Das war eine Zeit, in der in Deutschland Angela Merkel noch nicht an der Macht war. Verantwortlich dafür ist Jeremy Corbyn, ein alter, weißer Mann aus einem vergangenen Jahrhundert, der nicht nur von der Mehrheit der Briten, sondern selbst von der Mehrheit der Arbeiter, der traditionellen Labour-Wählerschicht, abgelehnt wird. Die Botschaft ist klar: Corbyns Zeit ist vorbei. Das heißt auch, dass Corbyns widerlicher Antisemitismus, der seine politische Karriere begleitete wie Alkoholismus die Karriere von Boris Jelzin, keinen Platz mehr finden wird. Hoffentlich kann sich Labour von diesem Gift lösen und ohne den Judenknacks einen Neustart wagen. Den Rest des Beitrags lesen »

Dreißig Jahre Jammern

November 11, 2019

Waren das bessere Zeiten?

Der Zustand der DDR 1989: Die Verschuldung des Landes ist höher als die gesamte eigene Wirtschaftsleistung. Der durchschnittliche Lohn ist niedriger als der Sozialhilfesatz in der BRD. Die Wohnungen verfallen, die Umweltverschmutzung erfordert viele gesundheitliche Opfer. Dann kommt der Mauerfall und 1990 die Auflösung der DDR und die Wiedervereinigung. Es folgt die Katastrophe: Die Treuhand kommt und zerstört die Wirtschaft Ostdeutschlands. So lautet jedenfalls die Version der DDR-Nostalgiker. Das Desaster Ostdeutschlands beginnt für sie erst 1990 mit der Treuhand. Ostdeutschland wurde nicht durch den Kommunismus in der DDR versenkt – sondern durch die Treuhand.

In regelmäßigen Umfragen wünscht sich ein Viertel der Ostdeutschen die DDR zurück. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen meint, die DDR sei „kein Unrechtsstaat“ gewesen. Diesem Phänomen kann man nicht mit Hinweisen wie den fehlenden freien Wahlen, der fehlenden Reisefreiheit und der fehlenden Meinungsfreiheit entgegentreten, die von den DDR-Nostalgikern mit Leichtigkeit gekontert werden (Was nützen freie Wahlen, wenn die Parteien alle Scheiße sind? Was nützt Reisefreiheit, wenn man als Hartz IV-Empfänger kein Geld für Urlaub hat? Was nützt Meinungsfreiheit, wenn die Meinung nicht gehört wird?). Der Grund für die DDR-Nostalgie ist die Verbitterung darüber, dass es Ostdeutschland nach 1990 nicht sofort wirtschaftlich genauso gut ging wie Westdeutschland. Dem kann man nichts entgegentreten.

Außer natürlich: Es ist völliger Wahnsinn, zu fordern, dass ein über 40 Jahre kommunistisch zerstörtes Land in Windeseile mit einer der stärksten Wirtschaftsnationen gleichzieht. Wenn man bedenkt, wo man angefangen hat, ist die Wiedervereinigung alles in allem eine Erfolgsgeschichte gewesen: Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands lag 1990 bei nur 43% der Wirtschaftskraft Westdeutschlands – mittlerweile hat sie 75% erreicht. Die Arbeitslosenrate von 6,4% würden die meisten europäischen Länder gerne haben. Aber die Verbitterung hält das nicht auf: Denn der Westen liegt noch immer vor dem Osten! Und schuld daran ist … die Treuhand und alles, was danach passiert ist. So die DDR-Nostalgiker. Den Rest des Beitrags lesen »