Der historische Relativismus

März 24, 2015

Die amerikanischen Gründungsväter stimmten für Freiheit und Sklaverei

Zu den schlimmsten Auswüchsen moderner Geistesgrößen gehört der Kulturrelativismus. Diese Geisteshaltung geht davon aus, dass es keine allgemeingültigen Werte gibt, die für alle Kulturkreise gelten sollen, stattdessen hat jede Kultur ihre eigenen Werte, die weder besser noch schlechter sind als die von anderen Kulturen. Es geht dabei nicht um eine Diskussion über Naturrecht und Rechtspositivismus, sondern um die Frage, ob es überhaupt Werturteile geben kann, die man nicht mit einer andersartigen Kultur entschuldigen kann. Vor allem in der Islamdebatte hört man gelegentlich kulturrelativistische Positionen, mit denen archaische Rituale und Wertvorstellungen in der islamischen Welt verharmlost werden.

Bei solchen Argumenten sträuben sich den Islamkritikern die Haare. Die Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Abschaffung der Folter sind zivilisatorische Werte, die nicht verhandelbar sein dürfen. Recht haben sie. In diesen Fragen kann es keine Kompromisse geben. Es gibt auch viele säkulare Muslime, die das so sehen, und diese Werte verteidigen. Gleichzeitig bewundern sie jedoch Mohamed, einen Kriegsherrn, der Ungläubige und Blasphemiker töten ließ und Frauen als dem Mann untergeordnete Wesen ansah. Für Islamkritiker ist das ein Widerspruch: Man kann nicht gleichzeitig für Meinungsfreiheit, der Gleichberechtigung von Mann und Frau oder der Abschaffung der Folter einstehen und Mohamed bewundern.

Auch hier haben die Islamkritiker Recht. Mohamed hatte nichts mit den Werten der Aufklärung gemein. Islam und Aufklärung sind völlig unvereinbar. Insofern sind Leute, die sich gleichzeitig für aufgeklärt halten und Mohamed bewundern, Heuchler. Aber bei genauerer Betrachtung sind das auch viele Islamkritiker. Denn Mohamed ist nicht der einzige Mensch, der von Menschen im 21. Jahrhundert bewundert wird, die teilweise extrem verschiedene Ansichten haben. Im Westen genießen historische Persönlichkeiten wie Martin Luther, Friedrich der Große oder George Washington hohes Ansehen, in Russland wird Peter der Große verehrt. Würden diese Personen heute leben, würde man ihre Leistungen dagegen sicher anders bewerten.

Der Grund für diese Diskrepanz ist eine andere Form von Relativismus: Der historische Relativismus. Während Kulturrelativisten Verbrechen damit entschuldigen, dass die Täter nunmal aus einer anderen Kultur stammen, entschuldigen sie historische Relativisten damit, dass die Täter nunmal aus einer anderen Zeit stammten. Beides ist jedoch grundfalsch. Es spielt nämlich keine Rolle, wo oder wann Verbrechen begangen wurden, sondern nur, ob es Verbrechen sind. Besonders absurd ist es, Verbrechen mit historischem Relativismus zu entschuldigen und gleichzeitig Kulturrelativismus zu verurteilen. Denn wie kann es falsch sein, wenn Herrscher heute mit Gewalt und Terror herrschen, wenn es nicht falsch war, als es Könige vor Jahrhunderten taten? Den Rest des Beitrags lesen »

Die Massaker des Irrationalismus

März 19, 2015
Das

Kontrollieren auch die Pharma-Industire: Die Illuminaten

Oft hört man Geschichten von Menschen in Afrika oder Asien, die aufgrund ihres Aberglaubens moderne Medizin ablehnen und lieber auf Elfenbeine, Tigerhoden oder Albinoknochen (nachdem sie vorher Albinos umgebracht haben) setzen, womit sie ihr Leben und das ihrer Mitmenschen gefährden. Wenn das passiert, schütteln wir den Kopf. Wie können Menschen im 21. Jahrhundert nur an so etwas glauben? Diese Frage können wir uns aber auch in unserer Nachbarschaft stellen. In Berlin kam es jüngst zu einem Masern-Ausbruch, weil Kinder ihre Eltern nicht impfen wollten. Auch im reichen Kalifornien meldete sich die längst besiegte Krankheit zurück, weil Eltern nichts für die moderne Medizin übrig haben.

Selbst in unseren Zeiten des Teilchenbeschleunigers am CERN, der Entsendung von Raumsondern in 500 Millionen Kilometern entfernte Kometen und der Transplantation von toten Herzen in lebendige Körper lebt der Glaube an allerlei mystischen, nicht naturwissenschaftlich belegbaren Phänomenen fort: Geisterjäger, Hellseher, Parapsychologen, Bigfoot, Ufologen, Prä-Astronautiker und natürlich die Mutter aller Irrationalismen, Religion. Die meisten dieser Phänomene sind heute zum Glück nur noch ärgerlich, wie z.B. die Behauptung, die Nazca-Linien seien Landebahnen für Außerirdische gewesen, Nostradamus hätte die Zukunft vorhergesehen oder Uri Geller könne Löffel biegen. Einige jedoch sind sehr gefährlich. Sie kosten jedes Jahr Millionen Menschen das Leben.

Die sogenannte “Alternativmedizin” hat nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch im Westen sehr viele Anhänger, wie die Masern-Ausbrüche in Kalifornien und Berlin zeigen. Es macht keinen Sinn, solche Menschen einfach als Spinner zu bezeichnen. Deswegen bin ich auch gegen eine allgemeine Impfpflicht. Auch Ärzte sind meist dagegen, da somit das Misstrauen der Eltern gestärkt wird (Schulen sollten jedoch entscheiden dürfen, ob sie ungeimpfte Kinder aufnehmen). Wichtig ist eine bessere Aufklärung, auch wenn bei manchen Menschen praktisch keine Hoffnung besteht, sie zu überzeugen. Obwohl man sich also im direkten Gespräch zurückhalten sollte, um die irrationalen Eltern nicht gänzlich zu verlieren, sollte man sich auch mal vergegenwärtigen, was ihre Ansichten anrichten. Den Rest des Beitrags lesen »

Pech beim Nachdenken

März 14, 2015

Das Gesicht der Bürokraten

“If socialists understood economics, they wouldn’t be socialists”, soll Hayek einmal gesagt haben. Tatsächlich scheint diese Bemerkung äußerst treffend zu sein, wenn man sieht, mit welchen Vorschlägen Politiker aus dem linken und grünen Spektrum die Wirtschaft retten wollen. Aber in manchen Fällen erkennt man, dass sie durchaus Ahnung haben, wie die Wirtschaft funktioniert. Donald Boudreaux brachte dazu in einem Brief an einem Kollegen eine nette Analogie. Viele Linke befürworten sogenannte CO2-Zertifikate, mit denen man “Verschmutzungsrechte” gewinnen kann, oder gleich die Einführung einer CO2-Steuer, um den CO2-Ausstoß zu verringern. Es wird zwar über den Preis solcher Zertifikate oder die Höhe einer solchen Steuer gestritten, aber über den Sinn solcher Maßnahmen ist man sich einig.

Warum ist das so? Es ist wirklich sehr einfach: Wenn der Staat etwas künstlich verteuert (also ohne dass es eine höhere Nachfrage oder ein niedrigeres Angebot dafür gibt), werden die Unternehmer versuchen, dieses etwas während der Produktion gering zu halten. Eine hohe CO2-Steuer würde dazu führen, dass Unternehmer weniger CO2 ausstoßen, weil sie die höheren Kosten nicht tragen wollen. Soweit, so gut. Jetzt kommen wir zu Boudreauxs Analogie: Der Kollege, dem er den Brief geschrieben hatte, befürwortet gleichzeitig eine CO2-Steuer und den Mindestlohn. Seiner Meinung nach könnte der Mindestlohn leicht bezahlt werden, da die Unternehmen durch ihre hohen Gewinne genug übrig hätten, um diese zu bezahlen.

Beides kann offensichtlich nicht stimmen. Die CO2-Steuer verteuert den CO2-Ausstoß und führt dadurch zu weniger CO2-Ausstoß. Der Mindestlohn verteuert die Arbeit und führt dadurch zu … mehr Arbeit? Wenn Unternehmer den Mindestlohn einfach durch ihre hohen Gewinne bezahlen könnten, könnten sie auch die CO2-Steuer durch ihre hohen Gewinne bezahlen, und somit wäre die Maßnahme sinnlos. Nun könnte man sagen, dass der Mindestlohn billiger ist als eine CO2-Steuer. Allerdings ist nicht jeder Bäcker, Friseur oder jede Reinigungsfirma ein multinationaler Großkonzern mit Milliardengewinnen in Luxemburger Banken, so dass der Mindestlohn vielen Unternehmen die Arbeit sehr wohl erheblich verteuern kann. Den Rest des Beitrags lesen »

American Sniper

März 9, 2015

Der Film “American Sniper” ist seit zwei Wochen in Deutschland im Kino. In Amerika ist er schon nach kurzer Zeit zum erfolgreichsten Kriegsfilm aller Zeiten avanciert. Dabei löste er eine hitzige Debatte aus, den es geht um die Geschichte des Scharfschützen Chris Kyle, der im Irak angeblich 160 Menschen getötet hat.

Ich habe mir den Film angesehen und bin etwas überrascht über einige Kritikpunkte, die es an dem Film gab. Die Behauptung, der Film wäre Propaganda für den Irakkrieg, ist absurd. Das hätte man schon daran erkennen können, dass Clint Eastwood, der sich selbst als “libertarian” bezeichnet, immer ein Gegner des Irakkriegs gewesen ist. Er äußerte dies auch nach Erscheinen des Films, in einem Interview mit dem Focus kritisierte er das gesamte amerikanische Engagement im Nahen Osten. Eastwood ist also frei von jedem Vorwurf, Propaganda für Bushs Außenpolitik machen zu wollen. Der Film ist kein Meisterwerk, aber schon ganz gut. Clint Eastwood ist ein guter Regisseur, das hat man schon bei “Gran Torino” gesehen, sicher einer der besten Filme aller Zeiten.

Wenn man über American Sniper reden will, sollte man sich klarmachen: Chris Kyle war eine echte Person. Er war jemand, der wirklich glaubte, im Namen seines Landes in einen gerechten Krieg zu ziehen. Den Film zu kritisieren, weil der Hauptcharakter den Sinn des Krieges nicht anzweifelt, macht also wenig Sinn, denn: Ein Film über ihn muss seine Beweggründe richtig darstellen, selbst wenn er sie nicht teilt. Dennoch macht sich der Film nicht mit Kyles Anliegen gemein. Er zeigt wie Kyle, trotz seines Heldenstatus, durch den Krieg traumatisiert wird. Das ist die wahre Essenz des Films. Er ist keine Kriegspropaganda, ganz im Gegenteil: Er ist mehr ein Anti-Kriegsfilm.

Nachdem er von seinen Einsätzen zurückkehrt, ist Kyle stark traumatisiert. Er kommt im Alltag nicht mehr zurecht, eine Ehe bröckelt, seine Frau hält Kyles Mission, “seinem Land zu dienen”, für Schwachsinn, auch sein Bruder hält nichts vom Krieg. In der Front erlebt er den Tod von Kollegen und ist nach einigen Einsätzen emotional mitgenommen. Über den Kriegsalltag gibt der Film eine klare Botschaft: Krieg ist schrecklich. Wer Kriegsdienst für etwas Tolles hält, wird durch diesen Film eher abgeschreckt werden statt sich begeistert für die US Army zu melden. Dass Krieg schrecklich ist, ist jedoch eine Binsenweisheit. Kritisiert der Film auch den “Sinn” des Krieges? Zu diesem Thema sagt der Film wenig aus – Kyle glaubt an den Sinn, seine Frau und viele andere nicht. Den Rest des Beitrags lesen »

Denkt denn niemand an die Kinder!?

März 4, 2015

Einer der Kultsprüche aus den Simpsons stammt von der Frau von Reverend (Pastor) Lovejoy. Immer, wenn eine Krise heraufzieht, sagt sie, wie im Chor, “Würde denn irgendeiner bitte mal an die Kinder denken?”

Besonders emotional wird es, wenn es um das Thema Kindesmissbrauch geht. Ich möchte gar nicht auf den aktuellen Fall mit Sebastian Edathy eingehen, dazu schweige ich mal. Aber es gibt einige Punkte zu dem Thema, die ich ansprechen will.

Es gibt kaum eine andere Sorte von Menschen, die ich weniger leiden kann als Menschen, die dazu aufrufen, Pädophilen “den Schwanz abzuschneiden”:
1. Sie kennen nicht mal den Unterschied zwischen Pädophilen und Kinderschändern. In den meisten Fällen werden Pädophile nicht zu Kinderschändern.
2. Sie haben nichts übrig für Dinge wie den Rechtsstaat oder dem Recht auf körperliche Unversehrtheit.
3. Sie tarnen ihre Folterphantasien als mitfühlenden Humanismus. “Wie kannst du nur so unmenschlich sein und Pädophilen nicht den Schwanz abschneiden wollen?”

Wenn man Kinder vor Missbrauch schützen will, sollte man wissen, wovon man redet. Dazu gehört das Wissen, dass die große Mehrheit der Pädophilen sich nicht an Kindern vergreift. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen eine pädophile Neigung haben. Einige gehen davon aus, dass 1% der erwachsenen Männer pädophil ist, andere Studien gehen von höheren Zahlen aus (zu Frauen gibt es kaum Daten). Wenn man sich die Zahlen über den vermuteten Anteil von Pädophilen in der Bevölkerung und den dokumentierten Missbrauchsfällen ansieht, dürfte der Anteil der Pädophilen, die zu Kinderschändern werden, im unteren einstelligen Prozent liegen (es sind auch nicht alle Kinderschänder pädophil veranlagt, viele Täter wollen einfach nur Gewalt ausüben).

Für Menschen, die mit einer pädophilen Neigung geboren werden, ist es unmöglich, sie auszuleben, ohne Kinder zu missbrauchen, also müssen sie lernen, sie in den Griff zu bekommen. Der beste Weg dazu ist, mit anderen Menschen darüber zu sprechen, Therapien und Präventivprogramme zu besuchen. Wenn sich jedoch durch die völlige Tabuisierung niemand traut, seine Neigung zuzugeben und Hilfe zu holen, weil er Angst hat, öffentlich verbrannt zu werden, ist niemandem geholfen, am wenigsten den Kindern. Mit Therapien kann man Pädophilen, die nicht zu Kinderschändern werden wollen, wirklich helfen, mit Kastrationsforderungen treibt man Pädophile in den Untergrund, wo sie eine viel größere Gefahr darstellen. Den Rest des Beitrags lesen »

Entgeltgleichheit: Ein Kampf gegen Windmühlen

Februar 27, 2015
Ja, sie können es

Der Kampf für Emanzipation wird oft von den falschen Stellen geführt

Der Mindestlohn ist gerade erst beschlossen und von SPD-Politikern hämisch bejubelt worden (“wer den Mindestlohn für zu bürokratisch hält, ist ein Gauner oder zu doof” – Yasmin Fahimi), da braut sich schon ein neues Bürokratiemonster zusammen. Offenbar von der Oscar-Rede von Patricia Arquette beeindruckt, die sich für gleiche Löhne für Frauen aussprach, will die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig nun ein “Entgeltgleichheitsgesetz” beschließen, um die Lohnlücke von 22% zwischen Männern und Frauen zu schließen. Sie verspricht jedoch, es werde nicht zu bürokratisch: Immerhin werde man ja nur im einzelnen Betrieb gesetzliche Regelungen zu Transparenz- und Auskunftspflichten einführen. Ist ja alles keine überflüssige Bürokratie.

Das Thema habe ich schon vor zwei Jahren angesprochen: Frauen verdienen tatsächlich 22% weniger als Männer. Aber nur, wenn man ihre Löhne einfach pauschal vergleicht. So könnte man auch sagen: Jugendliche verdienen weniger als 50-jährige. Oder: Ausländer verdienen weniger als Deutsche. Tatsächlich spielen auch andere Faktoren bei der Lohnhöhe eine Rolle, z.B. der Stundenumfang (Frauen arbeiten weniger Stunden), die Branche (frauendominierte Berufe werden geringer bezahlt), die Position (Frauen sind seltener in Führungspositionen), sowie die Qualifikation, das Alter und die Wohnregion. Auch die Babypause spielt eine wichtige Rolle. Berechnet man all diese Faktoren mit, schmilzt die Lohnlücke auf etwa 2%. Dasselbe gilt auch für die USA, Miss Arquette.

Die meisten Probleme, die Politiker lösen wollen, sind zumindest reale Probleme, auch wenn ihre Lösungen falsch sind. In diesem Fall will die Regierung nun aber Probleme lösen, die gar nicht da sind. Der Wunsch “gleicher Lohn für gleiche Arbeit” ist schon erfüllt. Möglicherweise wird jedoch das Entgeltgleichheitsgesetz, falls es wirklich beschlossen werden sollte, für reale Probleme sorgen. Immerhin wird man Betriebe mit neuen Vorschriften schikanieren und in die Lohnfindung eingreifen, das wird nicht schmerzfrei vonstattengehen. Diese Probleme werden dann auch der Politik auffallen. Und was wird die Lösung für diese Probleme sein? You already know. Den Rest des Beitrags lesen »

Ayn Rand, Altruismus und Egoismus: Ein Missverständnis?

Februar 22, 2015
Der Grabstein von Ayn Rand

Ayn Rand ist tot, aber ihre Ideen werden auf ewig weiterleben

Ayn Rand ist eine der immer noch einflussreichsten Autorinnen in den USA. Sie vertrat politisch einen klassischen Liberalismus, basierend auf Individualrechten und der freien Marktwirtschaft. Dies begründete sie mit ihrer Philosophie, dem Objektivismus. Die Ethik des Objektivismus besagt, dass jeder Mensch sein Leben für sich selbst leben muss. Niemand sollte sich für andere aufopfern oder andere zwingen, sich für einen aufzuopfern. In ihren Schriften lobt sie den Egoismus und verdammt den Altruismus. Es gibt wohl nichts, was für Ayn Rand schlimmer ist als Altruismus. In ihrem Buch “Atlas Shrugged” (deutsch: “Der Streik”) sind die Helden Personen, die nur im Eigeninteresse handeln und dies auch gar nicht verschweigen, während die Bösewichte, die die Welt zerstören, alle vorgeben, völlig selbstlos im Namen der Allgemeinheit zu handeln.

Obwohl ich Ayn Rand meist zustimme und ich den Objektivismus zusammen mit dem Stoizismus für die faszinierendste Philosophie halte, denke ich, dass es bei der Betrachtung von Egoismus und Altruismus einige Missverständnisse gibt. Der Erste ist, dass die Gegner von Ayn Rand missverstehen, was sie mit Egoismus meinte. Heute steht Egoismus weitgehend für Rücksichtlosigkeit und Selbstsucht, für Ayn Rand bedeutete es dagegen einfach, die eigenen Interessen zu verfolgen. Gerade zu Ayn Rands Zeiten – Sowjetunion, Nazi-Deutschland, Zweiter Weltkrieg – war die Botschaft “Du gehörst dir selbst, niemand darf dich zum Sklaven machen” nicht selbstverständlich. Der Zweite ist Ayn Rands Verständnis von Altruismus. Für ihre Gegner bedeutet Altruismus, anderen Menschen zu helfen, sie verstand darunter, sich für niemanden aufzuopfern oder andere für sich zu opfern. Meiner Meinung nach liegen hier beide falsch.

Gibt es Altruismus?

Die Vorstellung, man könnte etwas tun, was völlig selbstlos ist, würden die wenigsten abstreiten. Menschen spenden für die Armen, sie helfen ihren Freunden und Familien beim Umzug, sie verzichten auf Reichtum, sie setzen als Feuerwehrmänner ihr Leben aufs Spiel, um völlig Fremden zu helfen. Selbstloses Verhalten schient umgibt uns überall. Wie kann man da abstreiten, dass es Altruismus gibt? Ganz einfach: Weil es absurd ist, zu glauben, man würde etwas tun, was nicht auch im eigenen Interesse ist. Wenn jemand Menschen hilft, die er mag, tut er das, weil er die Freundschaft erhalten will. Freundschaft ist meistens ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Würde man nur nehmen, ginge die Freundschaft wahrscheinlich kaputt, und man wäre traurig und hätte selbst niemanden, der einem später beim Umzug hilft.

Wer für Arme spendet oder Fremden das Leben rettet, macht das, weil ihn sein Gewissen dazu treibt. Daran ist nichts Schlechtes. Würden Menschen kein Mitleid empfinden, wenn sie Arme sehen oder keinen Wunsch, Fremden in Not zu helfen, wäre das katastrophal. Es ist also unser eigenes Interesse, unser Wunsch nach innerem Wohlbefinden, der uns dazu treibt, anderen zu helfen. Aber was ist mit Mönchen, die allem Besitz entsagen und nur für andere Menschen leben? Sind diese nicht zutiefst altruistisch? Im Gegenteil. Ein Mönch, der jede einzelne Handlung seines Lebens darauf prüft, ob sie mit Gottes Vorgaben zu vereinbaren sind, handelt zutiefst im eigenen Interesse. Er will in den Himmel kommen. Es gibt wohl kaum etwas Egoistischeres, als sein ganzes Leben ausschließlich dem Ziel zu dienen, sich für ein späteres Leben im ewigen Himmelsreich zu qualifizieren. Den Rest des Beitrags lesen »

Wie Whataboutismen die Welt zerstören

Februar 17, 2015

Keine Kritik an Nordkorea, solange Guantanamo nicht geschlossen ist!

Alles begann mit Jesus. Eines Tages brachten Pharisäer und Schriftgelehrte ihm eine Frau, die beim Ehebruch erwischt worden war. Sie sagten, Moses hätte für diese Sünde die Todesstrafe durch Steinigung vorgesehen, und sie fragten nun Jesus, was man mit der Frau tun sollte. Jesus bückte sich, schrieb etwas auf den Sand und sagte dann “Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie”. Natürlich traute sich keiner, einen Stein zu werfen, und die Frau wurde verschont. Viele Menschen fasziniert dieser Abschnitt. Ja, es ist ein toller Dialog. Eignet sich gut für einen Krimifilm. Genauso wie Denzel Washingtons Spruch “Vergebung ist eine Sache zwischen ihnen und Gott. Mein Job ist es, das Treffen zu arrangieren” im Film “Mann unter Feuer”.

Aber ist Jesus’ Spruch eine gute Moralanleitung? Die Antwort darauf ist dieselbe wie bei Denzel Washingtons Spruch: Nein. Es ist natürlich falsch, Ehebrecher zu steinigen. Doch das Argument, mit dem Jesus dies begründete, war albern. Was Jesus machte, war der erste nachweisbare “Whataboutism” der Geschichte. Was Whataboutism ist, habe ich hier erläutert. Es ist der rhetorische Trick, Kritik zu erwidern, indem man einfach Gegenkritik äußert. Diese Taktik war besonders in der Sowjetunion üblich, um jede Kritik am sowjetischen System abzuschmettern. Jeder kann ein Whataboutism anwenden, um sich oder andere Personen vor Kritik in Schutz zu nehmen. Diese Taktik ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.

Die Verunmöglichung von Kritik

Die Folgen des Whataboutism sieht man ständig in politischen Diskussionen. Als Oskar Lafontaine vor nicht allzu langer Zeit in einer Talkshow auf die Mauertoten angesprochen wurde, lautete seine Reaktion: Was ist mit den Drohnenmorden? Was ist mit den Toten im Mittelmeer? Er antwortete also gar nicht auf die gestellte Frage, sondern lenkte gleich vom Thema ab. Lafontaine steht damit ganz in der Tradition der DDR. Auf die Frage, was er über die Schüsse an der Mauer meinte, antwortete Honecker: „Wissen Sie, ich möchte nicht über die Schüsse sprechen, denn in der Bundesrepublik fallen soviel Schüsse täglich, wöchentlich, monatlich, die möchte ich nicht abzählen.“

Man mag nun einwenden, dass einige Verbrechen schlimmer sind als andere, so dass man sich nicht herausreden kann. Aber das stimmt nicht. Sogar die Nazis hätten Kritik an sich mit Whataboutismen abschmettern können: Hitler greift Polen an, die Welt ist empört. Aber warum? Polen war eine Diktatur, die Franzosen und Briten besaßen Kolonialreiche in Afrika und Asien, die Sowjetunion war 1939 eine noch schlimmere Diktatur als Nazi-Deutschland. Also, warum regt sich dann die Welt so sehr über die Nazi-Diktatur und den Angriff auf Polen auf? Warum!? Tatsächlich wendeten die Nazis Whataboutismen an. So titelte die Volkszeitung drei Tage nach der Reichskristallnacht: “Londoner Hetze wegen Glasscherben – aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer in Palästina!” Den Rest des Beitrags lesen »

Der neue Paul

Februar 12, 2015
Rand Paul

Rand Paul

Seit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf ist Ron Paul Geschichte. In den Jahrzehnten zuvor war er der wohl bekannteste Außenseiter im Kongress. Trotz seiner vernünftigen Positionen in wirtschaftlichen und sozialen Fragen machte er sich durch seine Kumpanei mit 9/11 Truthern und Rechtsextremen für viele liberal gesinnte Personen unwählbar. Noch bevor er sich vom Kongress verabschiedete, betrat bereits sein Sohn Rand Paul dieselbe Bühne. Er unterscheidet sich in vielen Positionen von seinem Vater, hat aber mehr Gemeinsamkeiten mit ihm als mit den anderen Kongressmitgliedern. Obwohl er erst seit 2011 im Kongress ist, hat er einen steilen Aufstieg hinter sich. Viele zählen ihn bereits zu einem ernsthaften Präsidentschaftskandidaten der Republikaner für 2016.

Der amerikanische Politikbetrieb wird nun schon seit Menschengedenken von den rechts-konservativen Republikanern und den links-sozialdemokratischen Demokraten beherrscht. Die größten Favoriten für die Republikaner dürften Leute wie Marco Rubio, Jeb Bush oder Ted Cruz sein. Auf Seiten der Demokraten gibt es eine große Favoritin: Hillary Clinton. Sie wäre eine Art Obama 2.0. Falls es Rand Paul gelingen sollte, Präsident zu werden, wäre er der erste liberale (im US-Sprachgebrauch “libertarian”) Präsident der USA. Rand Paul bezeichnete sich selbst als “libertarian”, lehnte jedoch später diesen Begriff ab. Man kann aber anhand seiner Positionen sehen, dass er sich vom Mainstream abhebt und einen neuen Schwung ins Weiße Haus bringen könnte.

Schauen wir uns Rands Ansichten mal genauer an. Der größte Unterschied zwischen Rand und seinem Vater ist wohl die Außenpolitik. Ron wollte alle ausländischen Militärbasen schließen, aus der NATO und UNO austreten und fiel oft mit anti-israelischen Kommentaren (“KZ Gaza”) auf. Rand dagegen will zwar die Ausgaben für das Militär reduzieren, was angesichts des Schuldenstands mehr als verständlich ist, aber einige ausländische Militärbasen beibehalten. Auch ist er eher pro-israelisch eingestellt und kritisierte Putins Ukraine-Politik. Das macht ihn jedoch nicht zu einem Neocon: Er lehnte den Irakkrieg ab, ist ein strikter Gegner von Folter, gegen die Drohnenpolitik und lehnte auch einen Einsatz in Syrien und die Sanktionen gegen Russland ab. Den Rest des Beitrags lesen »

Das wahre Interview

Februar 7, 2015
Die Flagge des kommunistischen Korea

Das tollste Land der Welt

Seit zwei Tagen ist es soweit: Am 5. Februar kam “The Interview” in die deutschen Kinos. Das tollste Land der Welt wird im Kino verarscht. In Sachen Sony-Hack gehörte ich von Anfang an zu den Verschwörungstheoretikern, die die Drohung an Sony für einen Inside-Job hielten. Auch wenn es keine eindeutigen Beweise gibt, scheine ich Recht gehabt zu haben. Aber die False Flag-Operation hat letztlich niemanden geschadet, von daher ziehe ich meinen Hut und sage: Es war ein toller PR-Coup. Ich habe mir den Film schon angesehen und kann sagen: Der Film ist so, wie man ihn erwartet. Kein großes Oscar-Kino, aber viele Lacher, die bei den Freunden des Vulgär-Humors von James Franco und Seth Rogen für viele Schenkelklopfer sorgen werden.

Ohne viel spoilern zu wollen: Dem TV-Moderator Dave Skylark (gespielt von James Franco) gelingt es tatsächlich, Kim Jong-Un vor aller Welt bloßzustellen. Dabei hatte Kim zuerst alles unter Kontrolle und konnte sogar die Sympathie von Skylark gewinnen (u.a. mit einem Fake-Lebensmittelladen und der gemeinsamen Vorliebe für Katy Perry-Lieder), der sogar anfängt zu zweifeln, ob die ganzen Berichte über die Todeslager echt sind (“Ich hab’ keine gesehen, seitdem wir hier sind”). Die Geschichte ist natürlich unrealistisch. Diktatoren haben meist eine hohe Medienkompetenz, was sich bei ihren Auftritten zeigt: Vladimir Putin beim NDR, Mahmud Achmedinedschad beim ZDF oder Bashar al-Assad mit Jürgen Todenhöfer.

Das heißt jedoch nicht, dass Diktaturen mit Interviews nicht dennoch oft schwer auf die Nase gefallen sind. Ein legendäres Beispiel dafür war ein Interview, das von nordkoreanischen Reportern im Jahr 1990 geführt wurde. Dieses Interview hatte eine Vorgeschichte: Im Jahr 1989 fanden die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Pjöngjang statt, ein Jahr nachdem Seoul die Olympischen Spiele ausgetragen hatte. Damals versuchte der Norden noch mit dem Süden mitzuhalten. Eine mit Nordkorea sympathisierende südkoreanische Studentin, Lim Su-Kyung, wollte ein Zeichen für den Frieden setzen und reiste illegal nach Pjöngjang. Für das nordkoreanische Regime war dies ein spektakulärer Propagandaerfolg, den man ausschlachten wollte. Den Rest des Beitrags lesen »


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