Die Lüge vom post-faktischen Zeitalter

Dezember 4, 2016
Google soll vergessen

Macht das Internet rechtspopulistisch?

„Wenn das Netz lügt, ist mit der Freiheit Schluss“ – mit diesen klaren Worten warnte Volker Kauder in der „Welt“ die Internet-Nutzer davor, falsche Meinungen öffentlich kundzutun. Anlass war angeblich die zunehmende „Hassrede“ in den sozialen Medien, die nach einer Empörungswelle in der Politik bereits von Facebook zensiert wird. In Wahrheit dürfte Kauder damit das in letzter Zeit ständig vorkommende Gerede vom „postfaktischen Zeitalter“ im Kopf gehabt haben. Dieses Wort, dass es zum internationalen Wort des Jahres geschafft hat, dominiert die Medienlandschaft: Die Wahlsiege der Brexit-Befürworter, von Donald Trump und der Aufschwung anderer als rechtspopulistisch eingeschätzter Parteien hätte vor allem einen Grund: Ihre hemmungslosen Lügen, auf die alle reinfallen würden.

Einen Punkt muss man diesen Leuten zugestehen: Donald Trump hat in seinem Wahlkampf außerordentlich viel gelogen. Meine Nummer 1 seiner Lügen war seine Behauptung, dass Ted Cruz‘ Vater an der Ermordung von Kennedy beteiligt gewesen ist. Das war so verrückt, dass es schon wieder (tragi-)komisch war. Ted Cruz sagte zutreffend über Trump: „This man is a pathological liar. He doesn’t know the difference between truth and lies.“ (und ja, ich weiß, Cruz hat später Trump unterstützt). Aber erstens wurde Trump sowieso, wie es viele beschrieben, von seinen Anhängern „ernst, aber nicht wörtlich“ genommen, während ihn seine Gegner „wörtlich, aber nicht ernst“ nahmen. Und zweitens war Trump nicht allein repräsentativ für alle nicht-linken Wahlsieger der letzten Zeit.

Wenn man sieht, wie der Brexit-Wahlkampf geführt wurde, kann man nicht erkennen, dass auf Seiten der EU-Gegner im Trump-Stil systematisch gelogen wurde. Außer natürlich, man sieht eine Sache als gegeben an: Die EU hat für Frieden und Wohlstand gesorgt. Aber das tun eben nicht alle (ich z.B. auch nicht), deswegen kann man hier nicht von bewusster Irreführung sprechen. Lügen bedeutet, dass man die Wahrheit weiß und sie nicht erzählt – nicht, dass man eine andere Meinung hat. Das ist wohl der Punkt an der ganzen Debatte: „Postfaktisch“ ist ein neues, abwertend gemeintes Wort für „Alle Meinungen, die nicht links sind.“ Problematisch daran ist nicht nur die Abwertung, sondern die möglichen politischen Folgen, die sich ergeben, wenn man glaubt, dass eine Welle von vermeintlichen Lügen „die Demokratie gefährdet.“ Volker Kauder hat in seinem Welt-Artikel schon einiges durchsickern lassen.

Betreiber von Internet-Seiten sollen – per Gesetz – gezwungen werden, alle Inhalte zu löschen, die als Hassrede eingestuft werden, die Internet-Adressen der Hassenden den Behörden übermitteln und als letztes „diskutieren“, ob das Netz nicht nur von Hass, sondern „von Lügen generell“ freigehalten werden sollte. Laut Kauder ist es „völlig unverständlich“, dass es hier eine Gesetzeslücke gibt. Denn, und das dürfte klar sein: Nichts dürfte den Aufstieg der Rechtspopulisten besser verhindern als der Beginn von massenhafter Internet-Zensur, damit die Regierenden dem Volk zeigen können, dass sie keine abgehobene Elite sind, sondern sich um den einfachen Mann kümmern. In der realen Welt wie im Internet. Den Rest des Beitrags lesen »

Ein würdiger Nachruf

November 27, 2016
Das waren noch Zeiten: Che Guevara und Fidel Castro beim Revolutionieren

Jetzt sind sie beide tot

Jean-Claude Juncker zum Tod von Fidel Castro:

„Mit dem Tod von Fidel Castro verliert die Welt einen Staatsführer, der, wie viele andere, bei dem Versuch, seinem Volk mittels staatlicher Planwirtschaft zum Wohlstand zu führen, gescheitert ist. Kuba wird heute oft als gutes Beispiel für ein Land mit einem funktionierenden Sozialsystem genannt, weil es staatlich finanzierte, also „kostenlose“ Schulbildung und Gesundheitsversorgung für die ganze Bevölkerung hat. Diese Sicht auf Kuba unterschlägt aber die katastrophale Versorgung der Bevölkerung mit ihren Grundbedürfnissen, und dass diese Mängel längst auch das Schul- und Gesundheitssystem erfasst haben.

Schätzungen gehen davon aus, dass die Kubaner ein Durchschnittseinkommen von umgerechnet 20 Euro im Monat haben. Es gibt keine Supermärkte im Land. Lebensmittel werden seit 1962 rationiert, obwohl die Rationierung ursprünglich als vorübergehende Notmaßnahme gedacht war. Die Nahrungsmittelproduktion ist in den letzten Jahrzehnten immer weiter zurückgegangen, Kuba muss heute 85% seiner Lebensmittel importieren, darunter auch Zucker, das einstige Exportgut Nummer eins. Ein großer Teil der Versorgung der Bevölkerung stammt aus dem Schwarzmarkt, ohne ihn wären wohl schon Hunderttausende Kubaner verhungert. Die Mehrheit der Kubaner kennt keine für uns selbstverständlichen Konsumgüter wie Waschmaschinen oder Kühlschränke, sogar Toilettenpapier und Handreiniger sind knapp, und auch Touristenhotels haben manchmal keine Toilettensitze. Luxusgüter wie Fernsehen, Computer und Smartphones sind für die meisten unbekannt (und wer ein Fernsehen hat, hat höchstens fünf Sender). Die Häuser sind hoffnungslos veraltet, die Infrastruktur spottet jeder Beschreibung, die Strom- und Wasserversorgung ist ebenso desaströs. Castros Kuba ist ein Dritte-Welt-Land. Vielen Touristen freut es, die alten Autos an den Straßen Havannas zu sehen, weil es für sie ein nostalgisches Flair hat. Aber können sie sich vorstellen, dass das für die Kubaner kein Museum, sondern die tägliche Realität ist? Würden sie ihr Auto gegen einen Oldtimer aus Kuba eintauschen?

Die großen „Leistungen“ der kubanischen Revolution, das Bildungs- und Gesundheitssystem, sind ebenso von den Mängeln betroffen. Kuba war, wie Statistiken aus dem UN-Jahrbuch zeigen, schon vor Castro in diesen Bereichen gut entwickelt: 1957 hatte es mehr Ärzte pro Einwohner als die USA und Großbritannien, die Kindersterblichkeit war niedriger als in Frankreich und Deutschland und die Alphabetisierungsrate war die vierthöchste in Lateinamerika. Unter Castro hat Kuba seine Spitzenpositionen behalten. Aber die Krankenhäuser verfallen, wie jeder Kubaner vor Ort bezeugen kann: Es fehlt an grundlegender Versorgung, auch an Medikamenten, und viele Ärzte versuchen, aus dem Land zu fliehen, weil sie durch ihr geringes Einkommen (rund 20 Euro im Monat – wie jeder andere Kubaner) ebenso von der massiven Armut im Land betroffen sind. Die Schulbildung nützt kaum jemandem was, weil es im Land kaum Möglichkeiten gibt, um damit später an Wohlstand zu kommen. In Nordkorea werden auch 99% der Kinder alphabetisiert – aber es nützt ihnen später nichts, denn sie leben in Nordkorea. Den Rest des Beitrags lesen »

Das alte Deutschland wiederhaben

November 20, 2016
(Bild: Akif Pirincci bei Twitter)

(Bild: Akif Pirincci bei Twitter)

Markus steht fassungslos vor dem Fernsehen. Einen solchen Kanzlerwahlkampf hatte er nicht erwartet. Vielleicht war es falsch, dass Merkel ein viertes Mal antrat? Aber jetzt ist es zu spät, und die Realität ist da: Angela Merkel tritt im Kanzlerduell gegen Akif Pirincci an, den „deutschen Donald Trump“, wie die Medien ihn nennen. Und Pirinccis Chancen stehen gefährlich gut da: Die letzten Umfragen zeigten ihn bei 48%, während seine Partei, die AfD, bei 25% liegt und längst die SPD überholt hat. Draußen vor Markus‘ Haus schreien einige Pirincci-Fans seinen Wahlkampfslogan „Das alte Deutschland wiederhaben“ und dazu noch ein an Merkel gerichtetes „Sperrt Sie ein! Sperrt Sie ein!“ Bevor das Duell losgeht, erinnert sich Markus an einige Schlagzeilen aus den letzten Monaten.

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Der AfD-Kanzlerkandidat Akif Pirincci sorgte in einem Wahlkampfauftritt in Essen für einen Eklat. Er setzte in einer Rede Flüchtlinge mit Hunde gleich: „Sie kacken in der Öffentlichkeit, berappeln die Frauen ihrer Herrchen und lassen sich dann von ihnen für den Rest ihres Lebens versorgen, ohne dafür zu arbeiten.“ Führende Vertreter der SPD und Grünen forderten eine Anklage gegen Volksverhetzung. Auch AfD-Mitglieder forderten „Mäßigung“ von Pirincci, auch wenn man die Wut über Merkels Flüchtlingspolitik verstehen könne. Auf Facebook ruderte Pirincci bereits zurück und sagte: „Es war kein guter Vergleich, denn Wachhunde arbeiten ja.“

Bei seinem Auftritt in Essen bekräftigte Pirincci außerdem zum wiederholten Male seine Forderung, alle 500.000 abgelehnten Asylbewerber in einem Monat abzuschieben, den Islamischen Staat zum sicheren Herkunftsland zu erklären und den Familiennachzug komplett zu stoppen. Auf eine Publikumsfrage, ob das überhaupt möglich ist, antwortete er: „Gerade die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass es möglich ist, eine sehr große Zahl von Menschen ohne großen Widerstand aus dem Land zu schaffen.“ Und wenn man mit Erdogan einen Deal machen könne, könne man auch mit al-Baghdadi einen Deal machen, so Pirincci, „wer was anderes sagt, lügt.“

(Zeit, 17.02.2017)

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Auf die in einem offenen Brief geäußerte Ankündigung mehrerer Hundert Intellektueller, bei einem Wahlsieg Pirinccis das Land zu verlassen, reagierte Pirincci in einer Stellungnahme hocherfreut: Wenn das Arbeitsamt ihnen die Ausreise zahlt, würde der deutsche Staat am Ende dennoch Milliarden sparen. Außerdem bräuchte jedes Land irgendwann eine „Selbstbereinigung“, als Beispiel nannte Pirincci die Entnazifizierung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. „Man sollte all die linksgrün versifften Genderprofessoren mit einer Sackkarre entsorgen“, so Pirincci weiter, und zwar so schnell wie möglich, „sonst müssen wir irgendwann Breivik holen, damit er den Job erledigt.“

(FAZ, 23.03.2017)

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Pirincci hat kurzfristig einen Auftritt bei einer Universität in Stuttgart abgesagt, weil dort auch Mitglieder der Grünen eingeladen wurden. Er könne es nicht verantworten, Kinder in Gefahr zu bringen. Zu seinen Anhängern, die sich ersatzweise in einem Theatersaal versammelten, rief er: „Wenn es nach mir ginge, würden alle Pädo-Grünen im Gefängnis sitzen.“ In dem Auftritt sollte es u.a. um die Lehrpläne für Sexualkunde in Baden-Württemberg gehen, die Pirincci im Vorfeld mit Hitlers Nerobefehl verglichen hatte: Ein „Plan zum nationalen Selbstmord“. Ähnliche Parolen rief er auch bei der Ersatzveranstaltung in Stuttgart, so meinte er: „Wo Homosexualität zur Pflicht wird, wird Heterosexualität zum Widerstand!“

(Süddeutsche, 15.05.2017) Den Rest des Beitrags lesen »

Die Kandidaten des IS?

November 14, 2016
Ist Geert Wilders ein Rassist?

Ist Wilders ein IS-Rekrutierer?

Letzten Monat erschien in „Bento“ ein Quiz von Fabian Köhler, der zeigen sollte, wie sehr sich Islamisten und Rechtspopulisten oder Islamkritiker (gemeint waren u.a. Le Pen, Wilders, Henryk M. Broder und Ayaan Hirsi Ali) in ihrer Sicht auf den Islam gleichen. Beide glauben, dass der wahre Islam eine gewalttätige Ideologie ist, die zum Kampf gegen Ungläubige aufruft. Die Botschaft war klar: Beide Gruppen sind zwei Seiten derselben Medaille und wollen dasselbe: Alle Muslime sollen zu Islamisten erklärt werden. Nach Donald Trumps Wahlsieg wird nun dasselbe über ihn gesagt. „Der IS-Chef hätte Trump gewählt“, schreibt Die Presse, denn Trumps anti-muslimische Rhetorik führe dazu, dass Muslime nun pauschal zu Islamisten erklärt würden – genau das, was der IS will.

In gewisser Weise stimmt das. Rechtspopulisten und Islamisten haben eine ähnliche Sicht auf den Islam: Der Islam ist eine gewalttätige Ideologie, und jeder „echte“ Muslim muss ein Islamist sein. Das ist eine Sicht, die ich nicht teile, denn ich unterscheide zwischen dem Inhalt der heiligen Schriften, der nahezu grenzenlosen Interpretation und der Identität der Menschen, in der Religion oft nur als gemeinschaftsstiftendes Merkmal dient. Ist die Tatsache, dass sich Rechtspopulisten und Islamisten in diesem Punkt einig sind, ein Zeichen für ideologische Nähe, sowie es Köhler und viele andere sagen, die die AfD als „Werbung für den IS“ bezeichnen?

Wer sowas behauptet, hat einen ganz entscheidenden Punkt missverstanden: Es gibt einen Unterschied, ob man eine Sache beschreibt und ob man ihr zustimmt. Wenn ein Kapitalist und ein Kommunist den Kommunismus beschreiben, dürften sie sich auch einig sein: Der Kommunismus ist eine Ideologie, die fordert, alle Produktionsmittel zu verstaatlichen. Hier hören die Gemeinsamkeiten aber schon auf. Niemand würde auf die Idee kommen zu sagen, Kapitalisten und Kommunisten seien zwei Seiten derselben Medaille, weil ihre Definition von Kommunismus gleich ist, denn das Wichtige ist die Frage, ob sie Kommunismus für wünschenswert halten – und hier unterscheiden sich ihre Ansichten extrem. Den Rest des Beitrags lesen »

Der Mann, der Mr(s). Clump voraussah

November 6, 2016
Henry Louis Mencken

Henry Louis Mencken

Die Zivilisation wird mit der Zeit tatsächlich immer sentimentaler und hysterischer; besonders unter einer Demokratie tendiert sie, zu einem reinen Kampf der Verrücktheiten zu degenerieren. Der ganze Sinn von praktischer Politik ist es, die Bevölkerung alarmiert zu halten (und folglich nach Rettung schreiend), in denen man ihnen eine endlose Reihe an Schreckgespenstern androht, die meisten davon erfunden.

Dieses Zitat stammt von Henry Louis Mencken, einem herausragenden Autor und Journalisten aus den USA. Er beschreibt darin den derzeitigen Zustand der westlichen Demokratien. Linke, Rechte und die Mitte tragen immer sinnlosere Kulturkämpfe aus. Es geht um Chlorhühnchen und Unisex-Toiletten, ob man „Flüchtling“ oder „Geflüchteter“ sagen soll oder ob es in Ordnung ist, bei der Nationalhymne nicht aufzustehen. Hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe, so dass man gar nicht wer weiß, welche man ernst nehmen soll: Die Klimakatastrophe, die Schere zwischen Arm und Reich oder den Untergang des Abendlands. So oder so geht die Welt unter: Für Clinton-Anhänger geht die Welt unter, wenn Trump gewinnt, für Trump-Anhänger geht die Welt unter, wenn Clinton gewinnt.

Das stimmt nicht ganz. Mencken ist zwar immer noch ein herausragender Autor und Journalist, aber er ist seit 1956 nicht mehr unter uns, und das obere Zitat stammt von 1918. Wenn es Mencken zu dieser Zeit – wohl gemerkt einem Weltkriegsjahr – schaffte, zu erkennen, dass die amerikanische Demokratie zu einem Großteil aus dem Schüren von unberechtigten Ängsten bestand, kann man sich vorstellen, welche Meinung er heute zu Clinton und Trump hätte, deren ganzer Wahlkampf daraus besteht, den Wählern zu sagen: Wählt mich, oder es ist vorbei. Die Tatsache, dass sie damit Erfolg haben, hätte Mencken wohl mit einer grundsätzlichen Kritik an der Demokratie beantwortet, in etwa so wie in diesem Zitat von 1920:

Wenn ein Kandidat für ein öffentliches Amt den Wählern gegenübersteht, steht er nicht Menschen mit Verstand gegenüber. Er steht Menschen gegenüber, deren Hauptmerkmal die Tatsache ist, dass sie völlig unfähig sind, Ideen abzuwägen, oder auch nur ein paar zu verstehen, außer den elementarsten. Menschen, deren ganzes Denken auf Emotionen ausgerichtet ist, und dessen dominante Emotion die Furcht vor dem ist, was sie nicht verstehen können. Auf diese Weise konfrontiert, muss der Kandidat entweder mit dem Rudel bellen oder verloren sein …

Die größten Chancen hat der, der von seinem Wesen her der hinterhältigste und unfähigste von allen ist – der, der am geschicktesten die Auffassung zerstreuen kann, dass sein Verstand eigentlich ein Vakuum ist. Die Präsidentschaft tendiert dazu, jedes Jahr an so einen Menschen zu gehen. Da die Demokratie vervollkommnet wird, repräsentiert das Amt immer genauer und genauer die innere Seele des Volkes. Wir nähern uns einem vornehmen Ideal an. Letztlich werden an einem großen, ehrenvollen Tag die einfachen Leute des Landes ihren Herzenswunsch erfüllt sehen, und das Weiße Haus wird von einem kompletten Vollidioten geschmückt werden.

Amen. Vielleicht hätte er aber gar nicht so viel Mühe verschwendet, sondern es kurz und knapp zusammengefasst, wie mit diesem Schmankerl von 1915:

Demokratie ist die Theorie, dass das gemeine Volk weiß, was es möchte, und verdient es zu bekommen, und zwar von vorne und hinten.

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Die stille Hoffnung auf die Mistgabeln

Oktober 30, 2016
Die "Pyramide des kapitalistischen Systems"

Die Sehnsucht nach der Mistgabel ist nicht neu

Markus Lanz war in Amerika. Er hat dort, wie Jürgen Todenhöfer bei seinen Nahost-Reisen, mit eigenen Augen gesehen, was der Westen so alles anrichtet. Ungleichheit, Rassismus, Drogen, Trump. Ganz furchtbar: Eine Frau aus der ehemals superreichen Vanderbilt-Dynastie kann sich Schuhe für 900 Dollar leisten, während Schwarze in Baltimore 800 Dollar für Miete zahlen müssen. Der Untergang steht kurz bevor. Die Reichen wissen das, so Lanz. Sie bereiten ihren Abgang vor, um den Mistgabeln zu entgehen, wenn die Armen sich endlich erheben. Die Jets sind schon vollgetankt, um die Reichen nach Kanada oder Südamerika zu evakuieren, versichert uns Lanz.

So ganz geht die Rechnung aber nicht auf. Wenn Amerika heute kurz vor dem Bürgerkrieg steht, hätte es in den 1980ern kurz vor dem Völkermord stehen müssen. Damals war die Kriminalitätsrate fast doppelt so hoch wie heute. Seit 1992 ist die Mordrate in den USA um mehr als 40% gesunken, ebenso die Rate an anderen Gewaltverbrechen (schwere Körperverletzung, Raub). 1992 gab es Unruhen in Los Angeles, die in 6 Tagen 53 Tote forderten. Das waren Unruhen, Ferguson und Baltimore waren ein laues Lüftchen dagegen. Noch schlimmer: Auch nach dem Ausbruch der Finanzkrise ab 2008 ist die Kriminalitätsrate nicht massiv gestiegen, sondern weiter gesunken. Es gab nicht mal Lynchmorde an Reiche. Die Tatsache, dass sie Jets haben und sich nach Häusern in Kanada und Südamerika umsehen, hängt wohl eher damit zusammen, dass Reiche nun mal Jets haben und gerne ins Ausland gehen.

Trotzdem warnen uns Transproletarier wie Markus Lanz und Jakob Augstein in Deutschland oder Michael Moore und Paul Krugman in den USA, die den Schmerz der Arbeiterklasse so mitempfinden als wenn sie selbst 40 Stunden in der Woche am Fließband stehen würden, dass der Untergang kurz bevorsteht. Warum? Es ist ganz klar: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Sie haben sich nicht mit den Fakten beschäftigt und sind so zu dem Schluss gekommen, dass die USA vor dem Bürgerkrieg stehen, sie sehnen sich selbst die Mistgabeln herbei. Ihr Hass auf „die Reichen“ (zu denen sie sich natürlich nicht selber zählen) ist so groß, dass sie sich endlich ein schönes Blutbad der Armen an den Reichen wünschen.

Das ist nicht übertrieben dargestellt. Michael Moore hat z.B. in seinem Buch „Downsize this!“ für seine Leser einen Fahrplan für neue Unruhen in Los Angeles entworfen. Dafür hat er eine Stadtplan-Skizze mit den Viertel der Reichen gezeichnet und erklärt, wie man Brände legt. Nicht alle sind so ehrlich wie Moore. Meistens formulieren sie ihre Wünsche als eine angebliche Befürchtung. Statt „Gibt endlich euer Einkommen an die Armen ab!“ sagen sie „Habt ihr keine Angst, dass, wenn ihr euer Einkommen nicht an die Armen abgibt, die Armen euch umbringen werden?“ (was im Übrigen so ist, als würde man Frauen fragen, ob sie nicht Angst haben, vergewaltigt zu werden, wenn sie sich nicht häufiger Männern anbieten). Aber die Wahrheit ist: Ihr Wunsch wird nicht eintreten. Selbst wenn die Reichen nicht ihr Einkommen an die Armen abgeben, werden sie nicht von ihnen umgebracht werden. Den Rest des Beitrags lesen »

Wo die Feministen Recht haben

Oktober 23, 2016
Ja, sie können es

Feministen sind leider noch nicht ganz überflüssig

Wenn es um die Gleichberechtigung von Frauen geht, hat die westliche Welt das Prädikat „Ziel erreicht“ verdient. Nirgendwo gibt es noch eine systematische Diskriminierung von Frauen. Die angeblichen Überbleibsel des Patriarchats sind lächerliche Nullthemen wie der Mythos vom Gender Pay Gap, die Forderung nach Frauenquoten, das Gendern der Sprache oder der Kampf gegen jede ästhetische Darstellung von Frauen. Allerdings gibt es durchaus noch echte Bereiche, in denen in den westlichen Gesellschaften sexistische Einstellungen vorherrschen, auch wenn sie nicht vom Staat kommen. Wenn man sieht, was als „Frauendiskriminierung“ durchgeht, sind diese jedoch für manche offenbar schwer zu erkennen.

Einen solchen Test erlebten wir in den letzten Wochen. In Deutschland machte vor einem Monat die Geschichte von Jenna Behrends die Runde. Sie sprach von Sexismus in der CDU, weil sie nach einem Jahr in der Partei noch kein Bezirksamt bekommen hatte – und das, obwohl sie zuvor von einer Frauenquote profitiert hatte. Die Tatsache, dass sie überhaupt erst nominiert wurde, kommentierte ein Parteikollege mit der Frage: „Fickst du die?“ Später wurde ein Tonband von Donald Trump veröffentlicht, in der er damit angab, Frauen ohne ihre Zustimmung zu küssen und in die Muschis anzufassen. Beides wurde zum Skandal stilisiert. Aber war beides ein Skandal?

Um das zu wissen, sollte man sich zuerst eine Sache klarmachen, auch wenn sie den Feministen nicht gefällt: Männer und Frauen unterschieden sich voneinander, und zwar bisweilen sehr. Gérard Bökenkamp hat in seinem Buch „Ökonomie der Sexualität“ das Sexualverhalten von Männern und Frauen analysiert. Männer empfinden wesentlich häufiger Lust als Frauen. Deswegen gibt es viel mehr weibliche Prostituierte als männliche, mehr Pornos für Männer als für Frauen, und deswegen haben Frauen in der Geschichte immer wieder Sex als „Belohnung“ eingesetzt. Das alles ist kein Problem, solange alles freiwillig bleibt. Männer und Frauen sind eben anders, so ist das Leben.

Wenn man sich das vergegenwärtigt, weiß man: Wenn eine Frau nach nur einem Jahr Parteimitgliedschaft von einem Mann für hohe Ämter nominiert wird, ist es nicht unangemessen, den Verdacht zu haben, dass der Nominierende Verkehr mit ihr hat. Das wirkliche Problem im Fall Behrends war eher die Frauenquote. Ohne sie wäre Behrends gar nicht erst nach so kurzer Zeit (nur das war der Grund für den Verdacht) nominiert worden und es hätte die für sie verletzende Frage des Parteikollegen nicht gegeben. Der Fall Trump ist aber anders zu bewerten. Hier liegt in der Tat ein Problem mit Sexismus vor. Den Rest des Beitrags lesen »

Meine Meinung zu Lars Koch und Renegade

Oktober 18, 2016

Na, da hat es der öffentlich-rechtliche Rundfunk mal geschafft, einen unterhaltsamen Film auszustrahlen.

Im Fernsehfilm „Terror – Ihr Urteil“ geht es um den Fall eines entführten Flugzeugs, der von Terroristen entführt wird und dann auf ein Stadion mit 70.000 Zuschauern rast (diesen Fall nennt man in der Fachsprache „Renegade“). Der Kampfpilot Lars Koch schießt das Flugzeug ab – 164 Menschen sterben, und er wird angeklagt. Was ist die richtige Entscheidung? Zunächst einmal müssen die Bedingungen klar sein:

– Alle anderen Möglichkeiten sind ausgeschöpft. Es ist nicht mehr möglich, das Flugzeug abzuhalten, indem man Warnschüsse abgibt, es versucht, wegzudrängen und die Passagiere sind nicht mehr in der Lage, die Terroristen zu überwinden. Das Flugzeug rast direkt auf die Allianz Arena zu, in der gerade Deutschland gegen England vor 70.000 Zuschauern mit 3:0 führt. Ob dieser Fall so eintritt, ist nicht immer leicht festzustellen. Aber nehmen wir für den Fall an, das er zweifellos feststeht: Entweder werden alle 164 Menschen sterben, oder alle 164 Menschen und zusätzlich noch die möglichen Opfer, die der Angriff auf die Allianz Arena fordert. Lars Koch entschließt sich in dieser Situation, alle 164 Passagiere zu töten.

Ist das die richtige Entscheidung? Meine Meinung ist: Ja. Die Gegenargumente, die gebracht werden, lauten in etwa so:

– Man kann kein Leben gegen ein anderes ausspielen.
– Man würde auch nicht einen Menschen töten, um mit seinen Organen schwer kranke Menschen zu retten.
– Man würde sicher nicht seine eigene Frau und Kinder töten, wenn sie im Flugzeug gesessen hätten.

Keines davon überzeugt mich.

Erstens gilt das „Jedes Leben ist wertvoll“-Argument nur für unschuldige Menschen (nur als Klarstellung, die 164 Passagiere waren unschuldig). Zweitens wird nicht ein Leben gegen ein anderes ausgespielt, sondern der sichere Tod von 164 gegen den sicheren Tod von 164+. Nochmals: Im besagten Fall gab es keine anderen Alternativen. Wäre es anders, kann man Lars Koch sicher moralisch und gerade auch rechtlich verurteilen. Auf die Frage, ob, ich, wenn ich in Lars Kochs Haut gesteckt hätte, auch meine Frau und Kinder getötet hätte, sage ich: Erstens Ja, und zweitens spielt diese Frage keine Rolle. Denn man sollte eben nicht das Leben von Menschen gegen das von anderen ausspielen – die 70.000 Menschen im Stadion sind nicht weniger wert als meine hypothetische Familie. Den Rest des Beitrags lesen »

Stranger than fiction

Oktober 13, 2016
Das

Dummheit als Beweis für eine Verschwörung?

In den Nachrichten gibt es immer wieder Geschichten, die absurd klingen. Dieses Jahr fing mit einer unglaublichen Geschichte an: Der mexikanische Drogenboss „El Chapo“ Guzman soll u.a. deshalb verhaftet worden sein, weil er Sean Penn ein Interview gegeben hat und ein Film mit ihm plante. Da kann man sich nur denken: Walter White wäre das nicht passiert. Im Juli gab es dann den erbärmlich geplanten Putsch in der Türkei, der wieder viele Menschen fraglos zurückließ: Haben sich die Verschwörer nicht über das Vorgehen von lateinamerikanischen Generälen informiert? In Zeiten der Globalisierung sollte man sich doch die eine oder andere Methode abgeguckt haben.

Auch die Geschichte mit dem Terroristen Jaber Albakr stinkt für viele zum Himmel. Ein Syrer wird nicht von der Polizei gefangen, obwohl diese 50 Türen zerkloppt, sondern von anderen Syrern – die ihn dann bei der Polizei melden, die ihn einfach abholen? Sofort schlägt jedes Truther-Herz höher: Das stinkt zum Himmel. Jetzt, da Albakr trotz „ständiger Beobachtung“ Selbstmord begangen hat, nachdem er zuvor behauptete, dass die Syrer, die ihn geschnappt haben, Komplizen waren, ist für die Truther die Sache klar: Die ganze Geschichte ist inszeniert. Aber die sich nun anbahnenden Verschwörungstheorien kann man gleich wieder einpacken. Es ist absurd, eine Tat für „unter falscher Flagge“ zu halten, nur weil die Geschichte sich dumm anhört.

Es ist selbstwidersprüchlich, immer an eine Verschwörung zu glauben, wenn etwas auf dumme Weise durchgezogen wird, denn dann stellt sich nämlich gleich die Frage: Würden die Leute, die eine Tat inszenieren, sie so dumm inszenieren? Dann kommen wir in einen endlosen, nicht auflösbaren Kreislauf. Letztlich muss sich irgendjemand dumm angestellt haben, ob nun die, die gemäß der offiziellen Version die Täter waren, oder die Verschwörer, die die wahren Hintergründe auf dumme Weise vertuschen. Dummheit spricht also für Dummheit, nicht automatisch für eine Verschwörungstheorie. Ein anderer Grund ist, dass die Truther einen logischen Fehlschluss machen, der typisch für sie ist: Sie halten alle Menschen für rational denkende Menschen. Den Rest des Beitrags lesen »

Das richtige Leben im Falschen

Oktober 6, 2016
Die dritte Alternative

Kennt man ihn in Aleppo?

Wir nähern uns in die heiße Phase der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Über Gary Johnson muss ich nicht mehr viel sagen. Seine Umfragewerte begannen nach einem kurzen Hoch wieder zu sinken, so dass er keine Chance auf eine Teilnahme in den TV-Debatten bekam, dann hat er es mit seinen Aussetzern zu Aleppo und der Frage, welchen ausländischen Staatsoberhaupt er bewundert, die er nicht beantworten konnte (dabei wäre es so einfach gewesen: Hans-Adam II., Fürst von Liechtenstein), endgültig versaut. Dabei hätte er wissen müssen, dass er sich keinen Aussetzer leisten kann, wenn er gegen skandalfreie Kandidaten wie Hillary Clinton und Donald Trump antritt.

Letzterer Satz ist nicht mal ironisch gemeint, denn Clinton und Trump sind völlig skandalimmun. Johnson weiß nicht, was Aleppo ist, aber Clinton weiß, was Bengasi ist, doch es hat ihr nicht geschadet. Trump könnte man mit einem Strichjungen in einer Toilette finden, wie er Waffenlieferungen an den IS bespricht, und er würde das einfach weglächeln. Damit kommen wir zur wichtigen Frage: Wer von beiden ist schlimmer? Ich vertrat lange die These, dass Clinton weniger schlimm wäre, doch mittlerweile habe ich meine Meinung geändert. Nicht dahingehend, dass Trump weniger schlimm wäre, sondern dass keiner von beiden weniger schlimm wäre. Es gibt für mich kein kleineres Übel bei Clintrump.

Der Grund für meinen Meinungswechsel ist einerseits, dass Trump von seinen irrsten Punkten deutlich abgewichen ist. Er will nicht mehr alle 11 Millionen Illegale abschieben und eine Mauer um Mexiko bauen, beim Thema Einwanderung vertritt er mittlerweile ähnliche Positionen wie Clinton. Andererseits hat Clinton ihr Wirtschaftsprogramm angekündigt. Wenn nur ein bisschen davon umgesetzt wird, wäre es katastrophal. Sie will das „größte Investitionsprogramm seit dem Zweiten Weltkrieg“ starten, was nur durch massive staatliche Investitionen möglich ist. Trump hat in seinem Wirtschaftsprogramm immerhin einen guten Punkt – er will die Unternehmenssteuern senken – ansonsten ist er aber ähnlich wie Clinton und hat kein Problem mit hohen Steuern und Mindestlohn-Erhöhungen. Bezüglich der Handelspolitik punktet Clinton, da Trump außer bei seinen Ehefrauen überall für Protektionismus eintritt. Den Rest des Beitrags lesen »