Archive for the ‘Deutschland’ Category

Entgeltgleichheit: Ein Kampf gegen Windmühlen

Februar 27, 2015
Ja, sie können es

Der Kampf für Emanzipation wird oft von den falschen Stellen geführt

Der Mindestlohn ist gerade erst beschlossen und von SPD-Politikern hämisch bejubelt worden (“wer den Mindestlohn für zu bürokratisch hält, ist ein Gauner oder zu doof” – Yasmin Fahimi), da braut sich schon ein neues Bürokratiemonster zusammen. Offenbar von der Oscar-Rede von Patricia Arquette beeindruckt, die sich für gleiche Löhne für Frauen aussprach, will die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig nun ein “Entgeltgleichheitsgesetz” beschließen, um die Lohnlücke von 22% zwischen Männern und Frauen zu schließen. Sie verspricht jedoch, es werde nicht zu bürokratisch: Immerhin werde man ja nur im einzelnen Betrieb gesetzliche Regelungen zu Transparenz- und Auskunftspflichten einführen. Ist ja alles keine überflüssige Bürokratie.

Das Thema habe ich schon vor zwei Jahren angesprochen: Frauen verdienen tatsächlich 22% weniger als Männer. Aber nur, wenn man ihre Löhne einfach pauschal vergleicht. So könnte man auch sagen: Jugendliche verdienen weniger als 50-jährige. Oder: Ausländer verdienen weniger als Deutsche. Tatsächlich spielen auch andere Faktoren bei der Lohnhöhe eine Rolle, z.B. der Stundenumfang (Frauen arbeiten weniger Stunden), die Branche (frauendominierte Berufe werden geringer bezahlt), die Position (Frauen sind seltener in Führungspositionen), sowie die Qualifikation, das Alter und die Wohnregion. Auch die Babypause spielt eine wichtige Rolle. Berechnet man all diese Faktoren mit, schmilzt die Lohnlücke auf etwa 2%. Dasselbe gilt auch für die USA, Miss Arquette.

Die meisten Probleme, die Politiker lösen wollen, sind zumindest reale Probleme, auch wenn ihre Lösungen falsch sind. In diesem Fall will die Regierung nun aber Probleme lösen, die gar nicht da sind. Der Wunsch “gleicher Lohn für gleiche Arbeit” ist schon erfüllt. Möglicherweise wird jedoch das Entgeltgleichheitsgesetz, falls es wirklich beschlossen werden sollte, für reale Probleme sorgen. Immerhin wird man Betriebe mit neuen Vorschriften schikanieren und in die Lohnfindung eingreifen, das wird nicht schmerzfrei vonstattengehen. Diese Probleme werden dann auch der Politik auffallen. Und was wird die Lösung für diese Probleme sein? You already know. (more…)

Ayn Rand, Altruismus und Egoismus: Ein Missverständnis?

Februar 22, 2015
Der Grabstein von Ayn Rand

Ayn Rand ist tot, aber ihre Ideen werden auf ewig weiterleben

Ayn Rand ist eine der immer noch einflussreichsten Autorinnen in den USA. Sie vertrat politisch einen klassischen Liberalismus, basierend auf Individualrechten und der freien Marktwirtschaft. Dies begründete sie mit ihrer Philosophie, dem Objektivismus. Die Ethik des Objektivismus besagt, dass jeder Mensch sein Leben für sich selbst leben muss. Niemand sollte sich für andere aufopfern oder andere zwingen, sich für einen aufzuopfern. In ihren Schriften lobt sie den Egoismus und verdammt den Altruismus. Es gibt wohl nichts, was für Ayn Rand schlimmer ist als Altruismus. In ihrem Buch “Atlas Shrugged” (deutsch: “Der Streik”) sind die Helden Personen, die nur im Eigeninteresse handeln und dies auch gar nicht verschweigen, während die Bösewichte, die die Welt zerstören, alle vorgeben, völlig selbstlos im Namen der Allgemeinheit zu handeln.

Obwohl ich Ayn Rand meist zustimme und ich den Objektivismus zusammen mit dem Stoizismus für die faszinierendste Philosophie halte, denke ich, dass es bei der Betrachtung von Egoismus und Altruismus einige Missverständnisse gibt. Der Erste ist, dass die Gegner von Ayn Rand missverstehen, was sie mit Egoismus meinte. Heute steht Egoismus weitgehend für Rücksichtlosigkeit und Selbstsucht, für Ayn Rand bedeutete es dagegen einfach, die eigenen Interessen zu verfolgen. Gerade zu Ayn Rands Zeiten – Sowjetunion, Nazi-Deutschland, Zweiter Weltkrieg – war die Botschaft “Du gehörst dir selbst, niemand darf dich zum Sklaven machen” nicht selbstverständlich. Der Zweite ist Ayn Rands Verständnis von Altruismus. Für ihre Gegner bedeutet Altruismus, anderen Menschen zu helfen, sie verstand darunter, sich für niemanden aufzuopfern oder andere für sich zu opfern. Meiner Meinung nach liegen hier beide falsch.

Gibt es Altruismus?

Die Vorstellung, man könnte etwas tun, was völlig selbstlos ist, würden die wenigsten abstreiten. Menschen spenden für die Armen, sie helfen ihren Freunden und Familien beim Umzug, sie verzichten auf Reichtum, sie setzen als Feuerwehrmänner ihr Leben aufs Spiel, um völlig Fremden zu helfen. Selbstloses Verhalten schient umgibt uns überall. Wie kann man da abstreiten, dass es Altruismus gibt? Ganz einfach: Weil es absurd ist, zu glauben, man würde etwas tun, was nicht auch im eigenen Interesse ist. Wenn jemand Menschen hilft, die er mag, tut er das, weil er die Freundschaft erhalten will. Freundschaft ist meistens ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Würde man nur nehmen, ginge die Freundschaft wahrscheinlich kaputt, und man wäre traurig und hätte selbst niemanden, der einem später beim Umzug hilft.

Wer für Arme spendet oder Fremden das Leben rettet, macht das, weil ihn sein Gewissen dazu treibt. Daran ist nichts Schlechtes. Würden Menschen kein Mitleid empfinden, wenn sie Arme sehen oder keinen Wunsch, Fremden in Not zu helfen, wäre das katastrophal. Es ist also unser eigenes Interesse, unser Wunsch nach innerem Wohlbefinden, der uns dazu treibt, anderen zu helfen. Aber was ist mit Mönchen, die allem Besitz entsagen und nur für andere Menschen leben? Sind diese nicht zutiefst altruistisch? Im Gegenteil. Ein Mönch, der jede einzelne Handlung seines Lebens darauf prüft, ob sie mit Gottes Vorgaben zu vereinbaren sind, handelt zutiefst im eigenen Interesse. Er will in den Himmel kommen. Es gibt wohl kaum etwas Egoistischeres, als sein ganzes Leben ausschließlich dem Ziel zu dienen, sich für ein späteres Leben im ewigen Himmelsreich zu qualifizieren. (more…)

Gedenken als Routine

Januar 30, 2015

Das Gedenken an Auschwitz gehört zum festen Bestandteil der politischen Kultur

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gab es mal wieder kleinere und größere Skandale. Putin sagte ab oder wurde nicht eingeladen, was einige als Brüskierung ansahen (als ob es eine Beleidigung der KZ-Opfer oder der sowjetischen Soldaten ist, wenn man den Präsidenten des Rechtsnachfolgers der Sowjetunion 70 Jahre später nicht einlädt). Andere wiederum kritisierten, das im Bundestag kein Überlebender sprach, sondern Bundespräsident Gauck. Für mich sind solche Angelegenheiten nur kleine Aspekte eines größeren Problems, und zwar, wie wir mit dem Gedenken an die Verbrechen der Nazis umgehen. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten.

Zuerst einmal: Was genau ist der Sinn des Gedenkens an Auschwitz? Als Erstes ist da natürlich die Erinnerung an die Opfer. Das ist der unumstrittene Punkt, auf den sich restlos alle einigen können. Dieses Verbrechen war so monströs, dass es selbst nach so langer Zeit immer noch bei vielen Menschen Entsetzen auslöst. Aber es ist nicht zu leugnen, dass die Gedenkfeiern vorgeben, mehr zu sein als nur Erinnerung an die Opfer. Der gängigste Satz ist: “Wir müssen uns daran erinnern, damit sowas nie wieder passiert”. Nie wieder! Soll das der eigentliche Grund für das Gedenken sein? Unsere eigene Geschichte soll als Lektion dienen, damit sich diese Verbrechen nie mehr wiederholen?

Ich wage zu behaupten, dass man nicht die Nazis nicht gebraucht hätte, um zu wissen, dass es falsch ist, Menschen millionenfach zu vergasen. Viele Völker haben diese Erfahrung nicht gemacht, ohne deshalb “holocaust-gefährdet” zu sein. Wenn es also nicht bloß darum geht, Massenmord moralisch zu verurteilen, worum geht es dann? Der Massenmord in Auschwitz hatte ein klares Motiv: Den Hass auf Juden. Deswegen haben die Gedenkfeiern den Anspruch, Antisemitismus ganz besonders zu verurteilen. Aber so richtig hat das nicht funktioniert. Stattdessen scheinen nun viele zu glauben, Antisemitismus beginne erst mit 6 Millionen Toten (oder, um es weniger zynisch auszudrücken, mit dem Mord an einem Juden). (more…)

Die Mythen der Umverteiler

Januar 20, 2015
Eine arme Arbeiterfamilie in Hamburg, 1902

Deutschlands Zukunft?

Schon wieder hat eine Studie das bewiesen, was und die Umverteiler seit Jahren predigen: Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher. In Deutschland gehören diese Sätze zu den absoluten Grundzügen jeder politischen Diskussion: “Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander”. Und schuld daran ist der “entfesselte Neoliberalismus” von Thatcher, Reagan und Schröder mit ihren Steuersenkungen, Privatisierungen, Deregulierungen und Abbau von Arbeiterrechten. Was wir deshalb dringend brauchen, sind Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Steuererhöhungen, bessere öffentliche Dienstleistungen und Mindestlöhne.

Aber hat die Studie Recht? Zweifel sind angebracht. Und selbst wenn die Ungleichheit gestiegen wäre, ist es die Armut definitiv nicht: Der Anteil der Menschen, die in absoluter Armut leben, hat sich in den letzten 20 Jahren halbiert. Nicht nur am Einkommen gemessen, sondern auch am Lebensstandard. Aber schauen wir mal nicht auf die Dritte Welt, sondern auf Deutschland. Hier wird ja, weitgehend widerspruchslos, genau dasselbe behauptet. Die gute Lage Deutschlands in Europa sei eine Lüge, eigentlich hätte sich in den letzten Jahren nichts verbessert. Aber stimmt das? Nimmt die Armut zu? Nimmt die Ungleichheit zu? Nimmt der Staat immer weniger Steuern ein? Schauen wir es uns mal genauer an.

1. Die Armut nimmt immer weiter zu.

Nein. Die Armutsstatistiken messen erstens nicht wirkliche Armut, sondern nur relative Armut. Demnach gilt man als arm, wenn man weniger als 50% und als “armutsgefährdet”, wenn man weniger als 60% des Durchschnittseinkommens hat. Gemäß diesen Messungen leben in Deutschland mehr Arme als in Ungarn oder Griechenland. Zweitens besagen selbst diese Statistiken nicht, dass die Armut wächst. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) stieg die Armut zwischen 1999 und 2004, ab 2005 ist sie auf gleichbleibendem Niveau. Auch die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts besagen, der Anteil der Armen sei seit Einführung der EU-weiten Erhebung 2008 “relativ stabil”. (more…)

Besser Fahren

Januar 5, 2015
Wer soll die Straßen bauen, wenn nicht der Staat?

Sicherer und schneller – aber wie?

Normalerweise sollte jeder Eigentümer entscheiden, welche Regeln auf seinem Gebiet gelten. Wenn sich der Staat jedoch zum Eigentümer erklärt, wird aus den Regeln, die gelten sollen, eine gesellschaftliche Angelegenheit, über die in Parlamenten entschieden wird. Natürlich könnte der Staat auch in öffentlichen Plätzen bestimmen, dass die Leute vor Ort festlegen, welche Regeln gelten, aber das geschieht in den seltensten Fällen. Wenn über ein Burka-Verbot an Schulen diskutiert wird, kommt niemand auf die Idee, die Schulen selbst entscheiden zu lassen – entweder das Verbot gilt im ganzen Bundesland oder gar nicht. Somit ist auch die Regulierung von Straßen eine öffentliche Angelegenheit.

Immerhin hat das nicht nur Schlechtes zur Folge: Deutschland ist eines der wenigen Länder, die kein generelles Tempolimit auf Autobahnen haben. Das ist einer der bekannten Details über dieses Land, neben Bratwurst, Hitler und Fußball. Allerdings ist dennoch in keinem Land der Straßenverkehr so durchreguliert: Es gibt über 20 Millionen Schilder, das ist weltweit Spitze, und allein schon den Führerschein zu bekommen ist so schwer wie in kaum einem anderen Land. Nun werden Stimmen laut, noch mehr zu regulieren: Es soll ein Tempolimit auf den Autobahnen eingeführt werden, um damit mehr Sicherheit für die Fahrer zu schaffen und Tom Hanks einen Grund weniger zu geben, Deutschland zu besuchen.

Das Argument, ein Tempolimit würde zu mehr Sicherheit für die Fahrer führen, ist dabei empirisch widerlegbar. Länder mit Tempolimit haben nicht weniger Verkehrsopfer als Deutschland, das in der EU auf dem achten Platz liegt. Die Zahl der Verkehrsopfer ist auf Autobahnen sowieso niedriger als in anderen Straßen (und die Zahlen sind auf allen Straßen seit Jahren rückläufig). Die dumpfe Regulierungswut macht aber auf den Straßen keinen Halt, wie sich – trotz der Ausnahme auf den Autobahnen – im deutschen Schilderwald zeigt. Es geht aber auch anders, wie die Stadt Bohmte in Niedersachsen zeigt. Hier hat sich ein revolutionäres Konzept durchgesetzt: Shared Space. Alle Schilder sind weg, der Verkehr reguliert sich selbst. (more…)

Der Untergang der Rente

November 29, 2014
Löst der Neoliberalismus Schiffsunglücke aus?

Die Rente geht unter! Rette sich, wer kann

Wenn jemand in seinem Bekanntenkreis die Nachricht verbreitet, er werde Nachwuchs bekommen, hört er manchmal als Antwort: “Das ist super! Wir brauchen Kinder, damit sie unsere Rente erarbeiten”. Die armen Eltern müssen sich denken: Wenn alles richtig läuft, wird mein Kind nicht in diese kaputte Rentenkasse einzahlen. Wie jeder weiß, ist die Rente so sicher wie der Irak. Eine Studie vom Januar dieses Jahres stellte dar, dass ein heute 13-jähriger im Durchschnitt 77.000 Euro mehr einzahlen wird als er später ausgezahlt bekommt. Man hätte das vorhersehen können, da die Geburtenrate keine unveränderbare Konstante ist. Solche Einwände wurden damals von Adenauer mit dem Satz “Kinder gibt es immer” abgetan.

Anstatt das Problem zu erkennen und echte Lösungsansätze zu fordern, wird das Rentensystem weiter zerstört. Die Große Koalition erhöht die Rentenbeiträge und senkt das Rentenalter auf 63. Diese Klientelpolitik wird gelegentlich als “Diktatur der Rentner” bezeichnet. Das greift etwas zu kurz. Es stimmt zwar, dass Rentner höhere Renten fordern, was die Ausbeutung der jungen Generation bedeutet. Aber sie haben ja auch kaum eine andere Wahl. Während ihres Arbeitslebens konnte sie nicht selbst vorsorgen, und sie waren auch gezwungen, einzuzahlen. Außerdem ist ihre Rente vergleichsweise niedrig. Die große Ungerechtigkeit ist das vom Staat festgelegte, umlagefinanzierte Rentensystem.

Man stelle sich vor, ein privates Unternehmen oder eine Privatperson würde so etwas machen. Sie nehmen von ihren Anlegern Geld und versprechen ihnen, es zu späterer Zeit zurückzuzahlen. Aber statt das Geld zu sparen, geben sie es sofort aus – für den eigenen Zweck. Das geht dann über mehrere Jahrzehnte so weiter. Es häuft sich ein Milliardenvermögen an, das nicht gespart, sondern ausgegeben (bzw. an die Rentner ausgezahlt) wurde. Und irgendwann finden sich keine neuen Anleger mehr und das ganze System bricht zusammen. Wie würde man sowas nennen? Ein Schneeballsystem natürlich. Bernard Madoff musste dafür ins Gefängnis. Unser Staat dagegen nennt es “Solidarität” und zwingt alle, mitzumachen. (more…)

Selbstbestimmung bis zum Ende

November 14, 2014
Eine Euthanasie-Maschine in Australien

Eine Euthanasie-Maschine in Australien

Jakob Augstein – muss man eigentlich mehr sagen? Okay, ein bisschen schon, damit man weiß, worum es geht. In seinem letzten Text spricht er sich für ein Verbot von Sterbehilfe aus. Seiner Ansicht nach ist Sterbehilfe eine Idee, die auf “Optimierung und Effizienz” aus ist, und dies würde “dem Leben die Würde nehmen”. Außerdem meint er, Sterbehilfe sei eine Frage, über die die Gesellschaft zu entscheiden habe. Keinesfalls sollte ein Individuum alleine entscheiden dürfen, wann er sterben will. Aus seinem Text spricht die unverhohlene Verachtung der individuellen Entscheidungsfreiheit und die Anbetung des “natürlichen Lebens”. Hier einige Auszüge:

Das Leben ist nicht beherrschbar, der Tod sollte es auch nicht sein.

Ärzte und Konzerne helfen uns mit chirurgischen und kosmetischen Mitteln dabei, das Altern zu verlernen. Nun sollen wir uns von Schmerz und Leid abwenden.

Die Debatte über die Sterbehilfe zeigt: Es kann für die Gesellschaft falsch sein, was für den Einzelnen richtig sein mag.

Wir sollten nicht das Altern aufhalten, wir sollten uns nicht von Schmerzen abwenden, wir sollten unseren Tod nicht beherrschen – das alles ist Augsteins Meinung. Als positives Beispiel zieht Augstein den Tod von Johannes Paul II. heran. Er hat wochenlang gelitten und ließ allen Menschen an seiner Krankheit und seinen Verfall teilhaben, das habe dem Leben die Würde gegeben. Wenn er will, kann er danach leben. Aber das reicht ihm nicht. Er will diese Meinung allen aufzwingen. Wenn ich meinen Tod nicht beherrschen oder mich von Schmerzen abwenden will, soll es niemand tun, und wenn doch, sollen sie dafür strafrechtlich belangt werden.

Eine grauenhafte Vorstellung. Es ist schon absurd, Selbstmordversuche von gesunden Menschen unter Strafe zu stellen. Diese Probleme können nur durch persönliche Beratung gelöst werden (und mehr Menschen würden in Beratung gehen, wenn Selbstmord nicht unter Strafe stehen und gesellschaftlich tabuisiert wäre). Ein Verbot von Sterbehilfe bedeutet, dass auch jemand, der an Schmerzen leidet und psychisch am Ende ist, gegen seinen Willen gezwungen werden soll, am Leben zu bleiben. Und das nur, weil es andererseits “gegen die Natur” wäre. Im Grunde handelt es sich hier um Folter: Man setzt jemandem physischen oder psychischen Schmerzen aus. (more…)

Skandal: Journalisten für Arbeit bezahlt

November 7, 2014
kl

Feindbild aller Ideologen: Der Journalist

“Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast” – mit diesem Spruch werden sehr gerne unliebsame Ergebnisse von Statistiken diskreditiert. Man will damit jeder sachlichen Auseinandersetzung ausweichen, nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Zugegeben, manchmal sind Statistikergebnisse sofort als Lüge zu erkennen, z.B. wenn das nordkoreanische Fernsehen meldet: Nordkoreaner sind die zweitglücklichsten Menschen der Welt. Aber meistens sind es Statistiken, die einfach nicht ins Weltbild des Zweiflers passen und deshalb präventiv verworfen werden. Der Statistiker Dr. Thomas Petersen echauffierte sich jüngst in der Achse zurecht über dieses Vorgehen.

Ein ähnliches Argument hört man so gut wie immer, wenn es um die Medien geht. Wann immer irgendwo ein Artikel erscheint, der einem nicht passt, heißt es: Der Schreiber wurde bezahlt! Und das reicht dann aus, um ihn zu diskreditieren. Jemand schreibt, die Atomkraft sei gut? Er wird von der Atom-Lobby bezahlt. Jemand schreibt, die Atomkraft sei schlecht? Er wird von der grünen Lobby bezahlt. Jemand kritisiert Putin? Er wird von der CIA bezahlt. Jemand lobt Putin? Er wird von Putin bezahlt. Anstatt Argumente auszutauschen, begnügt man sich mit dem ad-hominem-Argument.

Ja, Journalisten werden bezahlt. Denn Journalismus ist ein Beruf, und viele Menschen wollen von ihrem Beruf leben können. Ich sehe nichts Schlechtes daran. Wenn ich mich über Journalismus ärgere, dann wegen dem Inhalt, nicht darüber, dass sie von jemandem bezahlt werden. Was ist von denen zu halten, die “den Journalismus retten” wollen? Die Krautreporter meinen, der deutsche Journalismus sei tot, und sie seien die letzte Hoffnung. Udo Ulfkotte meint, die Meinungsfreiheit werde nur noch simuliert. Und Russia Today warnt in seinen Werbeplakaten, dass 150.000 Tote dabei rauskommen, wenn es “keine zweite Meinung” gibt. Sind sie wirklich eine bessere Alternative? (more…)

Erfindungen, die in Deutschland verboten werden

November 2, 2014

Die Raumfahrt steht wieder vor aufregenden Zeiten

Es war eine schlimme Woche für die Raumfahrt. Zuerst explodierte die Rakete eines unbemannten Versorgungsfrachters beim Start zur ISS, zwei Tage später stürzte die Raumfähre SpaceShip Two des Privatunternehmens Virgin Galactic bei einem Testflug ab – ein Pilot starb. Richard Branson, der Chef von Virgin Galactic, hatte geplant, noch dieses Jahr erste Weltraumtouristen ins All zu befördern. Ein privater “Weltraumbahnhof” in New Mexico steht schon bereit. Diese Pläne werden erstmal verschoben, wir werden weiter auf unseren ersten Urlaub im Weltall warten müssen.

Nicht überraschend ist, dass die Katastrophen Freunde von Regulierungsmaßnahmen aufmerksam machte. Die private Raumfahrt ist derzeit noch frei von Regulierungswahn. Im Jahr 2004 beschloss die amerikanische Regierung ein achtjähriges Moratorium, in denen es keine Regulierungen für die privaten Weltraumunternehmen geben sollte. Die Begründung war, dass die Branche noch so wenig entwickelt sei, dass man keine “intelligenten Regulierungen” (ein Oxymoron) vornehmen könne. Dieses Moratorium wurde später für drei Jahre verlängert. Im Oktober 2015 läuft es ab.

Das Risiko gehört zu jeder Innovation dazu, oder, um genauer zu sein, zum Leben. Wenn schon immer alles, was gefährlich ist oder sein könnte, verboten gewesen wäre, hätten wir auf nahezu alle großen Erfindungen verzichten müssen. In den USA gibt es noch Hoffnung, dass der Unternehmergeist nicht gänzlich vom Regulierungswahn zerstört wird. In Deutschland, wo schon der Bau eines Bahnhofs zu hysterischen Protesten führt, sieht es düsterer aus. Hier besteht kaum Hoffnung, dass bahnbrechende Erfindungen wie Paket-Drohnen, fliegende Autos oder 3D-Drucker nicht kaputtreguliert oder komplett verboten werden. (more…)

Es war nicht alles schlecht!

Oktober 3, 2014

Frei, sozial, antifaschistisch: Wie die DDR den Mauerbau feierte

Am 3. Oktober feiert Deutschland mal wieder den Tag der Wiedervereinigung bzw. der Auflösung der sozialistischen Diktatur im Osten, und das politische Establishment hat dafür eine ordentliche Portion Ironie aufzubieten: Bernd Lucke lobt die innere Sicherheit in der DDR, die Bundesregierung führt die Mietpreisbremse ein und Gregor Gysi meint, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Leider kann man davon ausgehen, dass sowohl Lucke und Gysi damit im Osten Wähler gewinnen können, denn viele Ostdeutsche haben ein ziemlich lockeres Verhältnis zur DDR.

Umfragen, die DDR-Nostalgie im Osten belegen, kennt man ja schon. Aber es ist ein weitverbreitetes Phänomen, nach dem Ende einer Diktatur zu rufen “Es war nicht alles schlecht!” Eine Umfrage der amerikanischen Militärverwaltung ergab 1948, dass 55% der Deutschen den Nationalsozialismus für eine “gute Idee” hielten, die nur “schlecht ausgeführt” worden sei. In Moldawien bewerteten 2011 52% den Untergang der Sowjetunion negativ und nur 29% würden bei einem Referendum gegen eine Rückkehr in die UdSSR stimmen. In vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion herrschen ähnliche Ansichten, auch in Russland.

Nun kann man sagen, dass diese Menschen nur ihre persönliche Situation wiedergeben. 1948 herrschte in Deutschland Chaos, in Russland herrschten nach dem Ende der UdSSR geradezu Raubritterverhältnisse, und in Ostdeutschland verloren durch die Auflösung der Volkseigenen Betriebe 1 Million Menschen ihren Arbeitsplatz. Aber das ist nicht die einzige Erklärung. Denn erstens sind die Missstände nach dem Ende einer Diktatur nicht selten die Trümmer eben dieser Diktatur. Und zweitens ist die Lage dennoch meistens besser als zu Zeiten der Diktatur: Den Ostdeutschen geht es besser als zu DDR-Zeiten, den Russen geht es besser als zu Sowjetzeiten. (more…)


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