Dreißig Jahre Jammern

Waren das bessere Zeiten?

Der Zustand der DDR 1989: Die Verschuldung des Landes ist höher als die gesamte eigene Wirtschaftsleistung. Der durchschnittliche Lohn ist niedriger als der Sozialhilfesatz in der BRD. Die Wohnungen verfallen, die Umweltverschmutzung erfordert viele gesundheitliche Opfer. Dann kommt der Mauerfall und 1990 die Auflösung der DDR und die Wiedervereinigung. Es folgt die Katastrophe: Die Treuhand kommt und zerstört die Wirtschaft Ostdeutschlands. So lautet jedenfalls die Version der DDR-Nostalgiker. Das Desaster Ostdeutschlands beginnt für sie erst 1990 mit der Treuhand. Ostdeutschland wurde nicht durch den Kommunismus in der DDR versenkt – sondern durch die Treuhand.

In regelmäßigen Umfragen wünscht sich ein Viertel der Ostdeutschen die DDR zurück. Mehr als die Hälfte der Ostdeutschen meint, die DDR sei „kein Unrechtsstaat“ gewesen. Diesem Phänomen kann man nicht mit Hinweisen wie den fehlenden freien Wahlen, der fehlenden Reisefreiheit und der fehlenden Meinungsfreiheit entgegentreten, die von den DDR-Nostalgikern mit Leichtigkeit gekontert werden (Was nützen freie Wahlen, wenn die Parteien alle Scheiße sind? Was nützt Reisefreiheit, wenn man als Hartz IV-Empfänger kein Geld für Urlaub hat? Was nützt Meinungsfreiheit, wenn die Meinung nicht gehört wird?). Der Grund für die DDR-Nostalgie ist die Verbitterung darüber, dass es Ostdeutschland nach 1990 nicht sofort wirtschaftlich genauso gut ging wie Westdeutschland. Dem kann man nichts entgegentreten.

Außer natürlich: Es ist völliger Wahnsinn, zu fordern, dass ein über 40 Jahre kommunistisch zerstörtes Land in Windeseile mit einer der stärksten Wirtschaftsnationen gleichzieht. Wenn man bedenkt, wo man angefangen hat, ist die Wiedervereinigung alles in allem eine Erfolgsgeschichte gewesen: Die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands lag 1990 bei nur 43% der Wirtschaftskraft Westdeutschlands – mittlerweile hat sie 75% erreicht. Die Arbeitslosenrate von 6,4% würden die meisten europäischen Länder gerne haben. Aber die Verbitterung hält das nicht auf: Denn der Westen liegt noch immer vor dem Osten! Und schuld daran ist … die Treuhand und alles, was danach passiert ist. So die DDR-Nostalgiker.

Nun will ich nicht sagen, dass nach der Wiedervereinigung alles perfekt gelaufen ist. Ein Jahr nach der Wiedervereinigung gab es 1 Million Arbeitslose in Ostdeutschland. Die DDR-Nostalgiker geben der Treuhand die Schuld dafür. Aber einerseits war es so, dass es in der DDR per Definition keine Arbeitslosigkeit gab. Jeder bekam irgendeine Tätigkeit zugeteilt, egal wie sinnlos diese war, damit es immer Vollbeschäftigung gab. Das Land war 1990 wirtschaftlich zerstört, aber es gab keine Arbeitslosen. Dass es dann 1991 offiziell 1 Million Arbeitslose gab, war schlicht eine Offenlegung des wahren Zustands der ostdeutschen Wirtschaft im Vergleich zur westdeutschen.

Andererseits wurden tatsächlich Fehler begangen, die aber bis heute kaum einer für Fehler hält. So hat man nach 1990 z.B. alle westdeutschen Tarifregelungen auf Ostdeutschland übertragen, anstatt für die Region erstmal niedrigere Standards zu setzen – was angesichts der verschiedenen Wirtschaftskraft so war, als würde man heute den deutschen Mindestlohn in Bulgarien einführen. Die westdeutschen Gewerkschaften wollten keine billige Konkurrenz aus Ostdeutschland. Allerdings: Die Ostdeutschen haben diese Entscheidung kaum kritisiert. Sie wollten keine billigen Arbeiter sein, sondern sofort dieselben Löhne wie im Westen. Man könnte es so ausdrücken: Die Massenarbeitslosigkeit nach 1990 war für sie weniger schlimm als für eine kurze Übergangszeit die „Chinesen der Westdeutschen“ zu sein.

Aber die Zeit nach 1990 ist längst vorbei, Ostdeutschland geht es heute wirtschaftlich besser als je zuvor, einige Gegenden im Osten überstrahlen so manche Gegenden im Westen, und nicht zuletzt hat man in der Zwischenzeit massive Geldtransfers aus dem Westen erhalten (viel mehr, als vermeintlich „vom Osten abgezogen wurde“). Warum noch immer die Verbitterung über die Wiedervereinigung? Ach ja: Den Westdeutschen geht es immer noch besser. Und man hat die Massenarbeitslosigkeit nach 1990 nicht vergessen. An der die Treuhand Schuld war. Nicht 40 Jahre Kommunismus in der DDR.

In vielen osteuropäischen Ländern gibt es Nostalgie für die kommunistische Zeit. Allerdings liegt es meistens daran, dass der wirtschaftliche Übergang nicht so gut funktioniert hat und man sich noch immer über frühere Übel wie Korruption beschwert, wie z.B. in Rumänien, einigen Ländern des ehemaligen Jugoslawien oder natürlich Russland. Es gibt aber keine Nostalgie für die kommunistische Zeit in Ländern wie Polen, Tschechien oder den baltischen Ländern, weil diese Länder den wirtschaftlichen und politischen Übergang gemeistert haben. Ostdeutschland kann dasselbe über sich sagen. Aber es vermisst trotzdem den Kommunismus.

Zu was diese Nostalgie führt, sieht man dann an den Wahlergebnissen. Die Neu-SED ist noch immer eine Volkspartei, die AfD tritt im Osten viel radikaler auf als im Westen (man denke an den Höcke-Flügel in Thüringen) und ist damit erfolgreicher. Viele Menschen im Westen romantisieren heute die Ostdeutschen, weil sie sie als Sperrspitze im Kampf gegen Merkel und der eindeutig vorhandenen politischen und medialen Dominanz der Linken sehen. Die Tatsache, dass die Linkspartei in Ostdeutschland am stärksten ist, wird dabei wohl übersehen. Ebenso wie das ein Erstarken des Höcke-Flügels in der AfD nicht die liberale Demokratie stärkt, sondern einen neuen Autoritarismus, diesmal von rechts statt von links.

Womit kann man das Phänomen der DDR-Nostalgiker in Ostdeutschland am besten vergleichen? Der passendste Vergleich sind die Erdogan-Türken in Deutschland. Sie kamen aus einem anderen Land und haben sich hier ein besseres Leben aufgebaut. Aber sie fühlen sich noch immer verbittert, zu wenig respektiert, wie Bürger zweiter Klasse. Sie sagen ständig, wie toll das Leben in ihrer früheren Heimat war und übergießen sich regelmäßig mit Selbstmitleid. Sie verachten das politische System, indem sie leben, wie ihre Wahlergebnisse zeigen. Der einzige Unterschied ist: Die Erdogan-Türken könnten zurück in die Erdogan-Türkei, die DDR-Nostalgiker können nicht mehr zurück in die DDR. Wie schade. Wobei ich das Gefühl habe, dass sie, wenn es die DDR heute wirklich noch immer gäbe, trotzdem lieber in der BRD bleiben würden. Wie die Erdogan-Türken eben.

3 Antworten to “Dreißig Jahre Jammern”

  1. Dr. Caligari Says:

    Es gibt Statistiken, welche zeigen wollen, dass es vielen Menschen in Osteuropa NACH der „Wende“ sogar zunöchst etwas schlechter ging als in der kommunistischen Zeit.
    Viele Glücksritter aus dem Westen kamen in der Zeit in die DDR. Die waren im Westen teils selbst versager oder zumindest keinen Deut besser als die durchschnittlichen „Ossis“, aber durch die historischen Umstände konnten die sich dort einiges rausnehmen.
    Ich kann mir schon vorstellen, dass das für die ein oder anderen Menschen eine kollektive Demütigung und Streß war. Da kommt ein Investment-Schnösel aus dem Westen und spielt den großen Mann, während man selbst diese Möglichkeiten nicht hatte.

    Inzwischen hat sich das an vielen Ort etwas gebessert aber der Unterschied zwischen den Lebensstandard z. B. in Polen oder Rumänien und Deutschland bleibt und zieht viele Leute hierher. Es ist auch nicht begründbar, wieso Osteuropäische Migraten teils hart arbeiten müssen, während das bei anderen nicht zutrifft.

    • arprin Says:

      Es gibt Statistiken, welche zeigen wollen, dass es vielen Menschen in Osteuropa NACH der „Wende“ sogar zunöchst etwas schlechter ging als in der kommunistischen Zeit.

      Grund dafür war das Erbe das Kommunismus.

      Viele Glücksritter aus dem Westen kamen in der Zeit in die DDR. Die waren im Westen teils selbst versager oder zumindest keinen Deut besser als die durchschnittlichen „Ossis“, aber durch die historischen Umstände konnten die sich dort einiges rausnehmen.
      Ich kann mir schon vorstellen, dass das für die ein oder anderen Menschen eine kollektive Demütigung und Streß war. Da kommt ein Investment-Schnösel aus dem Westen und spielt den großen Mann, während man selbst diese Möglichkeiten nicht hatte.

      Das war nicht der Hauptgrund für die Schwierigkeiten beim Transformationsprozess. Und es hat auch keinen bedeutenden Anteil der ostdeutschen Wirtschaft betroffen, es wurde doch nicht jeder Ossi 1990 von westdeutschen Investmentbankern reingelegt.

      Es ist auch nicht begründbar, wieso Osteuropäische Migraten teils hart arbeiten müssen, während das bei anderen nicht zutrifft.

      Das hat mit den Qualifizierungen zu tun. Wer mehr arbeitsmarktrelevante Qualifikationen vorweisen kann, verdient mehr. Hochqualifizierte Migranten verdienen ebenso mehr wie geringqualifizierte Migranten.

  2. Olaf Says:

    Die sog. Ostdeutschen sind keine Erdogan-Türken, das wäre ja schlimm. Ich vermisse die Begriffe Preußen, Sachsen, Mitteldeutsche.
    Über Kohls Dummheit in Wirtschaftsfragen könnte man viel schreiben, aber spätestens seit den Griechenland-Milliarden sieht jeder, wie antideutsch die CDU agierte und agiert. Die AfD ist die einzige vernünftige Kraft, und die sog. Ossis haben den größeren Durchblick. Die SED-Linke gehört ja zum Block, und der ist im Osten kleiner als im Westen, auch wenn man die SED natürlich hätte verbieten sollen.
    Stattdessen wurde die DM abgeschafft, pervers, und jetzt noch die Grenzöffnung für die islamischen Massen, schlimmer gehts nimmer.
    Da lob ich mir den mutigen Protest-Ossi.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.


%d Bloggern gefällt das: