Verräter im Namen der Menschlichkeit?

Julian Assange

Ist Julian Assange ein Held?

Es ist nicht verwunderlich, dass Julian Assange weltweit so viele Fans hat. Vielen Menschen gefällt es nun mal, wenn sich die USA blamieren. Dabei wird gerne übersehen, dass Assange eine Straftat begangen hat: Er hat hunderttausende von gestohlenen und streng geheimen Unterlagen der US-Botschaften veröffentlicht. In jedem Land der Welt würde jemand für so eine Tat bestraft werden. Die Assange-Fans sind aber offenbar der Ansicht, dass eine Straftat legitim ist, wenn sie eine schlimmere Straftat enthüllt. Man könnte von „humanitärem Verrat“ sprechen. Und in gewisser Weise haben sie damit sogar Recht.

Wenn ein Deutscher 1942 geheime Informationen öffentlich gemacht hätte, die den Alliierten genützt hätten, hätte dies im Westen wohl kaum jemand verurteilt. Als ein iranischer Überläufer im Mai 2012 die Computer-Zeichnung einer Kammer, in der man Nuklearexplosionen testet, veröffentlichte, wurde dies auch nicht verurteilt. Sollte dieser Verräter in seinem Heimatland angeklagt werden, würde er im Westen als politischer Gefangener gelten. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass dieser Verräter als Held gelten würde, denn er hat sein Gewissen über seine Pflicht gegenüber einem tyrannischen Regime gestellt. Gehört Assange in diese Kategorie?

Definitiv nicht. Denn Assange hat keine geheimen Verschwörungen oder Mordpläne enthüllt, sondern meistens nur peinliche Aussagen von Politikern ohne jegliche „humanitäre“ Bedeutung. Im schlimmsten Fall hat Assange Menschenleben gefährdet: Die WikiLeaks-Dokumente enthüllten die Identität von mindestens 100 Afghanen, die über die Taliban informierten. Diese Informanten bekamen Todesdrohungen, einige wurden exekutiert. Was hat Assange eigentlich Gutes bewirkt? Welche teuflische Verschwörung wurde durch ihn aufgedeckt? Seine Fans geben darauf nie wirklich eine Antwort. Assange ist sicher kein „Verräter im Namen der Menschlichkeit“.

Wie sollten sich die britischen Behörden nun verhalten? Wenn Assange in ein Land gehen will, in dem die Pressefreiheit stark eingeschränkt ist (Ecuador belegt im Index der Pressefreiheit Rang 104 von 179), ist dies sein Problem. Die ecuadorianische Botschaft zu stürmen wäre eine schwere Missachtung des Völkerrechts. Die Briten sollten mit rechtlichen Mitteln versuchen, Assange nach Schweden auszuliefern. Schweden ist ein Rechtsstaat und man sollte davon ausgehen, dass Assange ein gerechtes Verfahren bekommt, auch wenn die Anklage ziemlich merkwürdig klingt. Erstaunlich ist, dass es die USA bis jetzt nicht mal fertig gebracht haben, einen Auslieferungsantrag zu stellen.

Die Veröffentlichung der WikiLeaks-Dokumente hatte übrigens nicht nur negative Folgen für die USA, wie die Amerikahasser glauben. Die Depeschen haben so gut wie keine Skandale über die USA offengelegt, die meisten gefährlichen Enthüllungen betrafen stattdessen den Iran (Unterstützung von Todesschwadronen im Irak, Drogenhandel, die Angst der arabischen Nachbarländer vor der iranischen Bombe usw.). Kein Wunder, dass der Iran die Veröffentlichungen der WikiLeaks-Depeschen als eine US-Verschwörung bezeichnete. Also müssen die Veröffentlichungen auch etwas Gutes gehabt haben.

8 Antworten to “Verräter im Namen der Menschlichkeit?”

  1. Silem Says:

    Das „Gute“ in den Veröffentlichungen?

    http://www.collateralmurder.com/

    Den Rest interessiert doch kein Schwein. Die Medien, den „Mainstream“ oder der ganze normale „Antiimperialist“ interessiert sich doch nicht für Depeschen zwischen den USA oder Saudi Arabien. Oder über den Kaffee Klatsch in Berlin.

    Nur hat leider keiner der Idioten, sorry für den Ausdruck, den Soldaten die dort schießen zugehört: „He´s got a weapon.“ Ist ja wohl ziemlich eindeutig. Gut am Ende waren es eben keine Waffen. Aber mitten im Irak, Bürgerkrieg und überall sind Terroristen da schieße ich halt auf Leute die Waffen tragen und frage erst dann nach.

  2. besucher Says:

    Vielleicht sollten Assange und Elsässer mal zusammen eine Talkshow machen. Den gleichen narzisstischen Habitus haben sie jedenfalls.

  3. aron2201sperber Says:

    Toller Beitrag!

    Julien Assange, der sich gerne zum verfolgten Märtyrer des Journalismus stilisiert, hat kein Problem damit, für den Propaganda-Sender eines Regimes, das seine Journalisten-Kollegen tatsächlich ermorden lässt, zu arbeiten:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/04/17/assange-und-die-internationale-solidaritat/

    • arprin Says:

      Die Verfolgung im Westen beklagen und dafür mit der Hisbollah kuschen und sich nach Ecuador, dem Paradies der Pressefreiheit, absetzen wollen… Nun, kein Wunder, dass die Antiimperialisten ihn lieben.

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