Asyl für afghanische Ortshelfer

Ein afghanischer Übersetzer bei der Arbeit

Ein afghanischer Übersetzer bei der Arbeit

In kaum einem anderen Land dürfte die Zukunft so ungewiss sein wie in Afghanistan. Die westlichen Truppen wollen das Land bis Ende 2014 verlassen, danach soll die afghanische Regierung und das Militär die volle Kontrolle über das Land übernehmen. Die Taliban können bis dahin die Uhr stellen. Angesichts der Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Afghanen die Ideologie der Taliban ablehnt, kann man nur hoffen, dass es der afghanischen Regierung gelingt, die Taliban zu bekämpfen und das Land nicht wieder in ein totales Chaos zerfällt.

Bei ihrem Einsatz im Hindukusch wurden die westlichen Truppen in den letzten Jahren von vielen Einheimischen direkt unterstützt. Sie arbeiteten als Dolmetscher, Fahrer oder Reinigungskräfte, organisierten Workshops und stellten den Kontakt zu Einheimischen her. Ohne ihre Hilfe wäre der Wiederaufbau nach dem Sturz der Taliban unmöglich gewesen. Laut dem deutschen Innenministerium arbeiteten 1.600 Afghanen für die vier am Einsatz beteiligten Bundesministerien, viele weitere arbeiteten für deutsche Stiftungen und NGOs.

Diese Ortshelfer werden von den Taliban als Verräter angesehen und sind damit ein legitimes Ziel für die Zeit nach dem Abzug der westlichen Truppen. Schon heute befinden sich viele in Gefahr, sie erhalten Todesdrohungen oder sind bereits Angriffen zum Opfer gefallen. Deswegen sehen viele ihre Zukunft nicht mehr in Afghanistan, sondern in Deutschland. Doch die Bundesregierung verhält sich zögerlich. Ortshelfer sollen nur im äußersten Notfall aufgenommen werden. Offenbar zählen tägliche Todesdrohungen nicht dazu.

Ende März demonstrierten etwa 35 ehemalige Ortshelfer der Bundeswehr vor dem Feldlager in Kundus für Asyl. Ihre Forderungen stoßen jedoch vielfach auf taube Ohren. Die deutsche Politik verharrt weiter bei ihrem Standpunkt, viele Asylgesuche sind bereits abgelehnt worden und ihre Situation steht nicht oben auf der Agenda. Im Gegensatz dazu haben andere westliche Staaten wie die USA, Großbritannien, Frankreich, Schweden oder Dänemark in letzter Zeit Aufnahmeprogramme für ihre Helfer beschlossen.

Was muss man eigentlich noch tun, um sich Asyl in Deutschland zu verdienen als beim Kampf gegen den Steinzeit-Fundamentalismus der Taliban geholfen und damit bewiesen zu haben, dass man beim Kampf gegen den Islamismus auf der richtigen Seite steht, einem extrem hohen Risiko ausgesetzt zu sein, von Islamisten verfolgt und auf grausame Weise getötet zu werden und durch die lange Zusammenarbeit mit den Bundesministerien die deutsche Sprache wahrscheinlich gut beherrschen zu können?

Keiner der Vorbehalte, die gegen Asylbewerber angeführt werden, und die ja teilweise berechtigt sind, trifft auf die afghanischen Ortshelfer zu. Es geht ihnen nicht um Sozialmissbrauch, sie sind auch keine Islamisten. Die afghanische Gemeinschaft in Deutschland hat nebenbei bemerkt eine höhere Abiturientenquote als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Jeder, der als Ortshelfer gearbeitet hat, sollte gemeinsam mit seiner Familie nach Deutschland kommen dürfen, wenn er möchte.

14 Antworten to “Asyl für afghanische Ortshelfer”

  1. Thomas Holm Says:

    Als Feind ein Witz, als Verbündeter eine Katastrophe; man muss die übrige Welt vor dem Westen warnen und kann allen nur noch viel Glück mit BRICS & Co. wünschen.

    Wir werden verraten …

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/toter-ksk-soldat-bundeswehr-zweifelt-an-kooperation-mit-den-afghanen-a-902297.html

    … und wir applaudieren dem Verrat an Hunderten von denen, die auf uns vertraut haben:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/prozessauftakt-gegen-wikileaks-informant-bradley-manning-a-903583.html

  2. Thomas Holm Says:

    „arbeiteten 1.600 Afghanen für die vier am Einsatz beteiligten Bundesministerien“

    O.k. von wie vielen von denen halten Jihadisten Verwandte als Geiseln, bzw. haben sie die Möglichkeit, auf Verwandte „einzuwirken“ ?

    Andere können das besser schätzen als ich.

    Von wie vielen von denen: schämen sich Verwandte für deren Haltung (selbst erlebt das Phänomen) und suchen diesem Gefühl durch „direkte Aktion“ (streng technisch-begrifflich: kein korrekter Terrorismus) Ausdruck zu verleihen ?

    Welcher Politiker stellt sich hin und sagt, dass es fünf bis zehn Anschläge geben könnte, wenn wir die 1.600 aufnehmen ?

    Jetzt habe ich doch geschätzt …

    Warum stellt sich kein Politiker dementsprechend hin ?

    Ich sage: Weil dann eine tabuisierte Asymmetrie offenbar würde:

    Die andre Seite hat Möglichkeiten, derer sich der Westen historisch entschlagen hat: Stichwort „Repressalien“.

    Ich will es nicht bewerten, ich weigere mich, es zu bewerten.

    Nur ist der Zusammenhang eindeutig: Wegen der westlich zivilisierten asymmetrischen Achillesfersen, welche die offene Gesellschaft zu einer einzigen verwundbaren Stelle machen, wird wohl der Westen Tausende draußen halten.

    Und Putin signalisiert aus dem Hintergrund, dass er nicht so behindert ist.

    U.S. congressional delegation meets with Russian officials over intelligence regarding the Boston Marathon bombing.

  3. aron2201sperber Says:

    grundsätzlich wäre es natürlich besser, auf so eine Art und Weise Asylwerber selbst auszuwählen, statt sie wie jetzt als Glücksritter, die es irgendwie illegal über die Grenze schaffen, kommen zu lassen und sie erst nach langen Asylverfahren unter Umständen wieder zu legalisieren.

    allerdings wäre gerade in Afghanistan ein automatisches Asyl für Mitarbeiter westlicher Truppen ein schlechtes Signal, weil es einerseits Resignation vor den Taliban signalisieren würde, und außerdem diejenigen, die das Land dringend brauchen würde, dazu motivieren würde, das Land prophylaktisch zu verlassen.

    besser wäre es die Leute für ein Visum vorzumerken, aber es erst auszustellen, wenn eine Machtergreifung der Taliban tatsächlich droht.

    • arprin Says:

      Es geht hier um Leute, die in akuter Gefahr sind. Sie erhalten teilweise täglich Todesdrohungen, einige wurden schon umgebracht: http://www.zeit.de/2013/07/Kabul/komplettansicht
      „Erst Mitte November erschossen Rebellen in der Nähe von Kabul wieder zwei Dolmetscher der US-Armee auf dem Weg zur Kaserne. Die Leichen ließen sie am Tatort liegen.“

      Diese Gefahr wird es für die Ortshelfer auch dann geben, wenn die Taliban nicht wieder die Macht übernehmen (ich glaube auch nicht, dass die Taliban das Land komplett erobern werden). Tot würden sie ihrem Land auch nicht weiterhelfen, wenn sie nach Deutschland wollen, sollte man ihnen keine Steine in den Weg legen.

      • aron2201sperber Says:

        das Problem ist, dass solche Maßnahmen zur self-fulfillig prophecy werden können:

        http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/12/15/self-fulfilling-prophecies/

        wenn die Besatzungsmacht signalisiert, dass die afghanische Regierung ihre Leute nicht schützen wird können, werden auch die anderen das Vertrauen in die Regierung verlieren und entweder das Land ebenfalls verlassen oder zu den Taliban überlaufen.

      • arprin Says:

        Ich gebe dir insofern Recht, als dass man selbsterfüllende Prophezeiungen vermeiden sollte. Aber ich bin der Überzeugung, dass die Gefahr, in der sich die Ortshelfer befinden, ihre Aufnahme, sofern von ihnen gewünscht, rechtfertigt. Ihre Gefahrenlage ist größer als bei der durchschnittlichen Bevölkerung, die Regierung wird sie nicht beschützen können.

  4. Thomas Holm Says:

    Selbsterfüllende Prophezeiungen …

    http://english.alarabiya.net/en/News/asia/2013/06/03/Afghan-Taliban-send-delegation-to-Iran-.html

    Sobald der Westen da als Angriffsfläche und Abzock-Quelle weg ist: kommt natürlich nicht sofort ein totalitär-steinzeitliches Dystopie-Emirat der Taliban; sondern …

    ein Machtkampf, welcher nicht mehr auf Versteck-Spiele Rücksicht nehmen muss.

    Was machen die Jihadisten im Irak ? Sie legen die Sons of Iraq Scheichs in Anbar um. Die Kurden kassieren Kirkuk, Maliki wetzt die Messer, aber anstatt Sunnitische Bataillone zu sammeln, murxen sie erstmal diejenigen ab, mit denen sich sich eigentlich gemeinsam gegen andere behaupten müssten.

    Der Westen sollte mal lernen, diejenigen heraus zu akquirieren, die echt den Kanal voll haben von ihrem Ethno-Tam-tam und die in die Moderne wollen.

    • arprin Says:

      Der Westen sollte mal lernen, diejenigen heraus zu akquirieren, die echt den Kanal voll haben von ihrem Ethno-Tam-tam und die in die Moderne wollen.

      Das könnte noch lange dauern, bis die politische Macht im Nahen Osten bekommen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

      • Thomas Holm Says:

        heraus zu akquirieren … hatte ich gemeint für Migration, Asyl, etc.

        Der Nahe Osten geht rund um Israel herum den Bach runter.

  5. Asyl für afghanische Ortshelfer | Freisinnige Zeitung Says:

    […] freuen uns, den folgenden Artikel von Jorge Arprin übernehmen zu dürfen. Erschienen ist er zuerst auf seinem Blog arprin, den wir für seine immer wieder hervorragend recherchierten und […]

  6. Wieviele Anschläge von Afghanen gab es denn in Deutschland? | Freisinnige Zeitung Says:

    […] gewisser Thomas Holm antwortet auf den Artikel von Jorge Arprin “Asyl für afghanische Ortshelfer”, den wir auch übernehmen durften, und meint, eine Gefahr heraufbeschwören zu können. Er sinniert […]

  7. Thomas Holm Says:

    „Viele der bis zu 1500 afghanischen Angestellten der Bundeswehr, allen voran die auch bei Kampfmissionen außerhalb der Lager eingesetzten Dolmetscher, fürchten die Rache der Taliban: Die Radikalislamisten würden sie und ihre Familien nach dem Abzug als Verräter angreifen oder töten. Deswegen fordern sie, dass gefährdete Helfer und ihre Angehörigen in Deutschland Asyl erhalten.“

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-bundeswehr-helfer-wollen-camp-blockieren-a-904466.html

  8. Thomas Holm Says:

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/insider-angriff-in-afghanistan-toetet-drei-us-soldaten-a-904542.html

    „Im Westen des Landes soll ein elfjähriger Junge einen italienischen Soldaten getötet haben.“

    Auch das belastet das Klima zum Thema Ortskräfte; auf der einen Seite unterstreicht es die Bedrohungslage für die (ehemaligen) Mitarbeitern von NATO-Einrichtungen. Auf der anderen Seite wächst sicherlich auch das Misstrauen mit Blick auf mögliche Infiltration, bzw. Erpressung zu solchen Akten. Niemand weiß, wohin der lange Arm der Gegenseite reichen mag.

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