Fundamentalisten der Meinungsfreiheit

Bekam eine Todes-Fatwa: Salman Rushdie

Einer der Pioniere des Meinungsfreiheits-Fundamentalismus: Salman Rushdie

Es gab viele schlechte Reaktionen nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo. Da gab es die Leute, die sich als Erstes Sorgen um den Ruf des Islams und der Muslime machten, was in etwa so wäre, als würde man sich nach einem Neonazi-Anschlag als Erstes Sorgen um den Ruf Deutschlands machen. Die französischen Rechten um Le Pen instrumentalisierten den Anschlag für ihre Agenda. Es gab die Verschwörungstheoretiker, die sofort „Cui bono?“ fragten. Schließlich meinten einige, der Anschlag würde zeigen, dass wir strengere Waffengesetze (das sagte z.B. Liam Neeson – als ob sich Kriminelle um Waffengesetze kümmern) oder ein liberales Waffenrecht (das sagte z.B. Donald Trump – als ob es dann in jeder Redaktion Waffen gäbe) benötigen.

Die schlechteste Reaktion war für mich die „Aber“-Fraktion. Man hörte es immer wieder: Die Morde seien schlimm, keine Frage, doch dann folgte ein „Aber“: Aber die Zeitschrift sei zu weit gegangen, man solle Meinungsfreiheit nicht zu weit auslegen, auch Worte können verletzen, usw. Der Papst meinte heute, Meinungsfreiheit ende dort, wo religiöse Gefühle verletzt werden. Ein typischer Kommentar kam von Mehdi Hasan, der in der britischen Huffington Post zu einem Rundumschlag ausholte. Seiner Meinung nach ging es beim Anschlag gar nicht um Meinungsfreiheit, es war lediglich ein „Verbrechen von unzufriedenen Jugendlichen“. Der Westen sei heuchlerisch, wenn es um Meinungsfreiheit geht, und „als Muslim“ würde er von diesen Heuchlern „die Nase voll haben“.

Die vermeintlichen Heuchler nennt er „Fundamentalisten der Meinungsfreiheit“. Witze über den Islam seien in Ordnung, während Witze über den Holocaust und 9/11 als geschmacklos gelten. Er bemängelt, dass – aufgepasst, das ist ernst gemeint – die Muslime „mehr ertragen müssten als Christen und Juden“. Charlie Hebdo sei eine rassistische Zeitschrift, mit der man sich nicht solidarisieren sollte. Außerdem würden die selbsterklärten „Kämpfer für die Meinungsfreiheit“ wie Obama, Merkel und Cameron die Meinungsfreiheit in ihren Ländern einschränken. Der ganze Artikel ist eine Anklage an den Westen und eine Forderung nach mehr Rücksicht für die Gefühle der Muslime – als wäre das die Lektion aus dem Terroranschlag.

Ist der Westen heuchlerisch, wenn es um Meinungsfreiheit geht, weil Witze über den Islam unter Meinungsfreiheit durchgehen, während Witze über den Holocaust und 9/11 als tabu gelten? Der Holocaust und 9/11 waren echte, historische Ereignisse mit Todesopfern. Religionen sind nichts weiter als Glaubenssätze. Wenn sich jemand über Massenmord an Muslimen lustig macht, wäre das in der Tat geschmacklos. Aber Religion an sich kann man, und gerade da sollte Hasan zustimmen, nicht mit Völkermord gleichsetzen – und insofern ist ein Witz über eine Religion (bzw. deren Glaubensinhalt) nicht dasselbe wie ein Witz über Völkermord.

Ein passender Vergleich zu Witzen über den Islam wären Witze über das Christentum und Judentum. Und die sind nun wirklich totaler Mainstream im Westen. Monty Python, Bill Maher, Dieter Nuhr, niemand spart mit Witzen über die christliche und jüdische Religion. Und selbstverständlich hat auch Charlie Hebdo kein christliches Heiligtum von Spott erspart. Hasan erwähnt, dass bei Jyllands Posten angeblich eine Jesus-Karikatur nicht gezeigt wurde, weil man den Aufschrei der Christen fürchtete. Ein Wahnsinn. Bei Jyllands Posten sind etliche Karikaturen über Jesus erschienen (darunter auch von Kurt Westergaard), ohne dass es je einen Aufschrei mit 150 Toten gab, wie nach den Mohamed-Karikaturen.

Hasan stellt nicht nur absurde Vergleiche an, sondern gibt auch die Ansichten von Charlie Hebdo falsch wieder (in derselben Zeitung erschien übrigens ein Artikel, der viele Argumente von Hasan konterte). So brachte Hasan eine Karikatur, die die schwarze französische Justizministerin Christiane Taubira als Affe zeigte, als Beweis für den Rassismus der Zeitschrift hervor. Dazu muss man wissen: Charlie Hebdo gehört dem linken Milieu an. Stéphane Charbonnier, der Herausgeber der Zeitschrift, war Kommunist. In den Karikaturen macht man sich ständig über die Rechten und ihren Rassismus lustig. Die Affen-Karikatur stellte eine Verballhornung dieses Rassismus dar: Durch die Übertreibung machte man sich über die Zerrbilder lustig, die Rassisten über Schwarze haben.

Eine andere Karikatur zeigt die in Nigeria von Boko Haram entführten Frauen, wie sie Sozialhilfe fordern. Als linke Zeitschrift unterstützt Charlie Hebdo den Wohlfahrtsstaat, während die Rechten ihn zumindest für Nicht-Franzosen ablehnen. Die Karikatur sollte aussagen: Sogar von Terroristen entführte Frauen würden von den Rechten des Sozialmissbrauchs bezichtigt, wenn sie in Frankreich Asyl suchen würden. Wenn diese Karikatur nun als „Beweis“ für den Rassismus von Charlie Hebdo angeführt wird, entbehrt dies nicht einer gewissen Ironie. Einen ähnlichen Fall gab es jüngst in England, als der Fußballer Mario Balotelli nach einem Tweet des Rassismus bezichtigt wurde und ein Bußgeld zahlen musste, obwohl er in Wirklichkeit rassistische Vorurteile aufs Korn nahm.

Kommen wir noch zur Frage: Ging es beim Anschlag gar nicht um Meinungsfreiheit? Doch, natürlich. Die Terroristen haben Menschen ermordet, weil sie eine andere Meinung vertraten als sie. Sie zeigten damit auf die schlimmste Weise ihre Ablehnung von Meinungsfreiheit. Falsch finde ich lediglich, die Opfer als „Märtyrer der Meinungsfreiheit“ zu bezeichnen. Wenn jemand als Märtyrer bezeichnet wird, wird so getan, als hätte sein Tod einen Sinn gehabt, er wird für eine Sache instrumentalisiert. Die Charlie Hebdo-Zeichner waren keine Märtyrer, sondern Opfer – und zwar ohne es sich ausgesucht zu haben (über die angebliche Ehre des Märtyrertodes meinte Woody Allen: „Ich möchte nicht in den Herzen meiner Landsleute weiterleben. Ich möchte in meiner Wohnung weiterleben“).

Dass die Welle der Solidarität mit Charlie Hebdo nicht immer was mit Meinungsfreiheit zu tun hatte, zeigte sich auch an gewissen Teilnehmern der Demonstrationen in Frankreich: Die Millionen Menschen, die für Meinungsfreiheit auf die Straße gingen, wurden u.a. von Vertretern der Türkei (Davutoglu), Russlands (Lavrov), Palästinas (Abbas) und Ägyptens (Shoukry) begleitet – alles Länder, in denen Meinungsfreiheit nichts gilt. Und der Hashtag „Je suis Charlie“ als Symbol für die Meinungsfreiheit war zwar gut gemeint. Allerdings habe ich auch Verständnis für Leute, die aufgrund ihrer Ansichten den Hashtag verweigerten. Wenn ein paar Nazis einige Journalisten der jungen Welt ermorden würden, würde ich auch nicht „Ich bin die junge Welt“ sagen.

Eine Frage bleibt noch offen. Auch wenn man Witze über eine Religion nicht mit Witzen über Völkermord gleichsetzen kann, auch wenn Charlie Hebdo nicht rassistisch war, und auch wenn es den Terroristen tatsächlich um die Meinungsfreiheit ging: Ist der Westen nicht heuchlerisch, wenn es um Meinungsfreiheit geht? In Frankreich kann man wegen rassistischer Aussagen angeklagt werden, auch wenn man nicht zu Gewalt aufruft. Der antisemitische Komiker Dieudonné wurde eine Woche nach dem Anschlag in Paris wegen „Verherrlichung des Terrorismus“ festgenommen. Auch in Deutschland stehen z.B. Volksverhetzung, Blasphemie und sogar bestimmte Symbole wie das Hakenkreuz und der Hitlergruß unter Strafe. Hier hat Hasan Recht: Der Westen ist nicht konsequent.

Aber er will Konsequenz in die falsche Richtung. Der Westen sollte nach dem Verbot rassistischer Meinungen nicht auch noch Witze über den Islam unter Strafe stellen (eine Forderung, die man aus Hasans Artikel ableiten könnte, er spricht sie jedoch nicht aus), so dumm der Vergleich Holocaust und Witze über den Islam auch ist. Der Westen sollte stattdessen alle Meinungsverbote abschaffen. Meinungsfreiheit gilt für alle, auch für die Dummen. Ayn Rand sagte: „Meinungsfreiheit gilt nicht für gute Meinungen, sondern für alle Meinungen. Wer sollte sonst entscheiden, was gut ist und was nicht?“ Dem stimme ich absolut zu. In diesem Sinne bin ich ein Fundamentalist der Meinungsfreiheit. Und stolz darauf.

8 Antworten to “Fundamentalisten der Meinungsfreiheit”

  1. Eloman Says:

    Hasan ist halt (noch) einer von diesen dauerbeleidigten Muselmanen. Da unterscheidet er sich in nichts von der Mehrzahl seiner Glaubensgenossen. Kritikunfähig, verschwörungsgläubig und sein manichäisches Weltbild wie eine Monstranz vor sich hertragend.

  2. bevanite Says:

    Ah ja, Ayn Rand. Wenn man Murray Rothbards Schilderungen glauben darf, wie es in ihren Seminaren so abging, dann schien sie mit anderen Meinungen ziemlich große Probleme zu haben…

    Zwei Sachen:

    „Die Terroristen haben Menschen ermordet, weil sie eine andere Meinung vertraten als sie. Sie zeigten damit auf die schlimmste Weise ihre Ablehnung von Meinungsfreiheit.“

    Nein, das war sicher nicht so. Eine solche Denkweise wäre für einen religiösen Fundamentalisten schon viel zu subtil. So sehr um die Ecke wird da gar nicht gedacht – wer so stark in seinem Glauben aufgeht, dass es dafür Menschen umbringt, unterscheidet nicht mehr zwischen echten oder gefühlten Bedrohungen.

    „Der Westen sollte nach dem Verbot rassistischer Meinungen nicht auch noch Witze über den Islam unter Strafe stellen (eine Forderung, die man aus Hasans Artikel ableiten könnte, er spricht sie jedoch nicht aus)“

    EIn gutes Beispiel, wie schnell man Dinge unterstellen kann, die Leute so gar nicht behauptet haben. Man sollte nicht so voreilig Schlussfolgerungen hineinlesen, die man den Leuten gerne unterstellen würde – nur weil man selbst vielleicht anderer Auffassung ist.

    • arprin Says:

      “Der Westen sollte nach dem Verbot rassistischer Meinungen nicht auch noch Witze über den Islam unter Strafe stellen (eine Forderung, die man aus Hasans Artikel ableiten könnte, er spricht sie jedoch nicht aus)”

      EIn gutes Beispiel, wie schnell man Dinge unterstellen kann, die Leute so gar nicht behauptet haben.

      Hasan hat nicht direkt gesagt, dass man Witze über den Islam unter Strafe stellen soll. Aber er beklagt die vermeintliche Heuchelei des Westens, da Holocaustleugnung unter Strafe steht, aber Witze über den Islam nicht. Wenn man davon ausgeht, dass er diese Heuchelei weghaben will, kann man daraus logischerweise nur schlussfolgern: Entweder er will auch Holocaustleugnung legalisieren (was wohl kaum der Fall ist) oder er will Witze über den Islam unter Strafe stellen. Da er dies aber nicht klar gesagt hat, werfe ich ihm das auch nicht vor. Vielleicht will er ja auch nur, dass man „freiwillig“ auf Witze über den Islam verzichtet (also Selbstzensur).

  3. aron2201sperber Says:

    Die Meinungsfreiheit gilt zu Recht als eines der höchsten Güter unseres politischen Systems.

    Selbst die Holocaustleugung (die wohl widerlichste Art der Geschichtsverfälschung) wird in den USA und GB daher vom Recht auf Meinungsfreiheit umfasst.

    Auch wer den Genozid an den Armeniern leugnet, sollte als Ignorant geächtet, aber nicht für seine falsche Ansicht bestraft werden.

    Dabei steht es jedoch Erdogan & Co wohl am wenigsten zu, das Recht auf Meinungsfreiheit einzufordern.

    Während man in den USA der eigenen Regierung ungestraft vorwerfen darf, für das schlimmste Verbrechen der amerikanischen Geschichte verantwortlich zu sein, werden türkische Journalisten, welche die offizielle Version der “Ergenekon-Verschwörung” in Zweifel ziehen, vom AKP-Regime gerichtlich verfolgt.

    Indem man – wenn auch aus noch so hehren Motiven – das Recht auf Meinungsfreiheit einschränkt, stellt man sich auf dieselbe Stufe eines Erdogans.

    Die in Deutschland strafbare Holocaustleugnung bietet Ahmadinejad die Möglichkeit “den Westen” als “doppelmoralisch” darzustellen

  4. Martin Says:

    Das Problem ist hier auch schön illustriert und m.E. liegt der ganze Kern des Problems in einem einfachen Satz, den der sich beschwerende Moslem schrieb:

    https://brainfuckerde.wordpress.com/2015/01/16/das-tagliche-einknicken-vor-dem-islam-oder-warum-aldi-sud-eine-flussigseife-aus-dem-sortiment-nahm/

    Derr Kernsatz ist: „… aber jeder Mensch hat das Recht für seine Wertvorstellungen und Heiligtümer Respekt zu erwarten, was ich hiermit tue.“

    Die Idee, das jeder Mensch das Recht auf Respekt vor SEINEN Wertvorstellungen und Heiligtümer erwarten könne, ist natürlich grundfalsch.
    Jeder Mensch hat das Recht, das seine Wertvorstellungen und Heiligtümer *geduldet* werden. Aber das heißt eben grade NICHT, das anderer diese respektieren müssten.

    Wer aber so denkt,wie’s wohl die meisten Muslime tun, der MUSS ja in jeder auch nur halbwegs freien Gesellschaft dauerbeleidigt sein.

    Statt immer weiter mit dem Respektsgehubere zu kommen, wäre das genaue Gegenteil zu tun.

    • arprin Says:

      Die Idee, das jeder Mensch das Recht auf Respekt vor SEINEN Wertvorstellungen und Heiligtümer erwarten könne, ist natürlich grundfalsch.
      Jeder Mensch hat das Recht, das seine Wertvorstellungen und Heiligtümer *geduldet* werden. Aber das heißt eben grade NICHT, das anderer diese respektieren müssten.

      Gut gesagt. Das bringt die ganze Thematik auf den Punkt.

  5. aron2201sperber Says:

    besonders lächerlich ist es, wenn Länder wie Russland in ihren westlichen Staatssendern mit der Meinungsfreiheit hausieren gehen:

    http://www.rtdeutsch.com/9576/international/hexenjagd-in-frankreich-ueber-50-festnahmen-wegen-terrorfreundlicher-aussagen/

  6. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Jorge Arprin bei arprin: Fundamentalisten der Meinungsfreiheit […]

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