Bye-bye, Gaddafi!

Gaddafis Zeit in Libyen läuft langsam aber sicher ab

Das neue Libyen

Heute ist der 2. Jahrestag der libyschen Revolution. Im „Daily Beast“ schrieb Fuoad Ajami, dass der Westen von einer perversen „Gaddafi-Nostalgie“ umgeben sei. Er nannte als Beispiele Artikel in der „Financial Times“ und der „New York Times“. Aber Gaddafi-Nostalgiker, die auch die Intervention in Libyen als dummen Fehler betrachten, findet man natürlich vor allem im Internet. In vielen Internetseiten verbreitete sich eine Liste von Propagandamythen, die die 42-jährige Herrschaft von Gaddafi glorifizierten. Staunen sie selbst über “Gaddafis politisches Testament“ – Die Mutter aller Propaganda.

Die 10 gängigsten Gaddafi-Mythen sind:

1. Gaddafi hat seinem Land Wohlstand und Bildung gegeben.
2. Gaddafi war ein säkularer Herrscher.
3. Gaddafi zeigte Toleranz gegenüber Schwarzafrikanern.
4. Die Mehrheit der Libyer stand hinter Gaddafi.
5. Gaddafi hat keine Verbrechen am eigenen Volk begangen.
6. Die NATO und die Rebellen haben Verbrechen am Volk begangen.
7. Libyen wird ein Failed State werden.
8. Dem Westen ging es nur um das libysche Öl.
9. Gaddafi hat für Stabilität in der Region gesorgt.
10. Der Krieg in Mali ist eine Folge der Intervention in Libyen.

Schauen wir uns mal einige dieser Mythen genau an und prüfen nach, ob die Gaddafi-Nostalgiker Recht haben.

1. Gaddafi hat seinem Land Wohlstand und Bildung gegeben.

Tatsächlich war Libyen das Land mit dem höchsten Entwicklungsstand in Afrika. Aber wer sowas behauptet, muss auch den Grund dafür nennen, wie dieser für afrikanische Verhältnisse große Wohlstand zustande kam: Libyen ist ein Land mit nur 6,5 Millionen Einwohnern und 45 Milliarden Barrel Öl. Von daher ist es nicht ökonomischen Wundertaten des Gaddafi-Clans zuzuschreiben, dass es den Libyern unter Gaddafi gelang, einen höheren Gesundheits- und Bildungsstandard zu erreichen als vor ihm.

Und dennoch sind viele Mythen über Gaddafis Herrschaft frei erfunden. Es gab keinen kostenlosen Strom, es gab keine 50.000 Dollar Heiratsgeld, keine 5.000 Dollar Kindergeld, ein Heim/Zuhause zu haben war kein Menschenrecht, es wurde nichts vom libyschen Ölverkauf direkt an die Konten der Bürger gutgeschrieben und das Bildungs- und Gesundheitssystem waren auch nicht herausragend. 40% der Libyer lebten unterhalb der Armutsgrenze, 30% waren arbeitslos. Die Analphabetenrate der Frauen lag bei 29% und die der Männer bei 8%, insgesamt 17%.

2. Gaddafi war ein säkularer Herrscher.

Stimmt nicht so ganz:

– Der Koran war laut Artikel 2 die Rechtsgrundlage der Verfassung.
– Im Personen-, Familien- Erb- und Strafrecht galt die Scharia.
– Polygamie war erlaubt- Homosexualität war strafbar.
– Zina (Ehebruch und Unzucht) wurden mit 100 Stockhieben bestraft, auch die Verleumdung wegen Zina war strafbar.
– Ein Christ musste konvertieren, wenn er einen Muslim heiraten wollte. Christliche Missionierung war verboten.
– Bei Apostasie folgte die Aberkennung der Staatsbürgerschaft.

Auf seiner Website sagte Gaddafi u.a.:

„Die Türkei ist ein trojanisches Pferd auf dem Weg zur Islamisierung Europas“
„Europa bleibt ohnehin nichts anderes übrig, den Islam irgendwann zu akzeptieren oder Krieg gegen die Muslime zu führen“
„Der Islam ist das Schicksal der Welt“

3. Gaddafi zeigte Toleranz gegenüber Schwarzafrikanern.

Oliver Grote:

„Sicherlich haben die Mitglieder der Friedensbewegung nur übersehen, dass im Jahr 2000 bei Ausschreitungen in Libyen 50 afrikanische Migranten getötet wurden. Möglicherweise haben sie nicht Gaddafis „Grünes Buch“ gelesen, in dem es heißt: Schwarze seien von Natur aus „träge und schwerfällig“ und neigten dazu, sich grenzenlos fortzupflanzen. Die 2006 verteilte staatliche Broschüre „Efforts of the Great Jamahiriya in Dealing with Illegal Migration Problem [sic!]”, in der pauschal afrikanische Migranten für Probleme der libyschen Gesellschaft wie Prostitution und Drogenhandel verantwortlich gemacht werden, scheinen sie ebenfalls nicht zu kennen.

Wie es um den Rassismus unter Gaddafi tatsächlich bestellt war, fasst die Ethnologin Isabelle Werenfels in einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik von 2008 wie folgt zusammen: „Der Rassismus ist eklatant, in der Gesellschaft dominiert die Wahrnehmung, dass alle neueren Mißstände, wie Kriminalität, Drogenkonsum, Verfall der Sitten und Prostitution, von den Migranten verursacht wurden. Auch das offizielle Libyen bläst mehr und mehr in dieses Horn.“ Human Rights Watch und Amnesty International berichteten ebenfalls immer wieder von massiver staatlicher Willkür gegenüber Migranten, Minderheiten und politischen Gegnern.“

4. Die Mehrheit der Libyer stand hinter Gaddafi.

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, dass sich Diktatoren immer sicher sind, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu haben, aber dennoch niemals freie Wahlen zulassen. Vielleicht wissen sie, dass mit Hugo Banzer nur ein Diktator auf demokratischem Wege wiedergewählt wurde – und das 19 Jahre nach dem Ende seiner Diktatur. Die ganzen Massenkundgebungen, die alle Tyrannen, von Hitler bis Kim Jong-Il, für die Weltöffentlichkeit inszenieren, sind nicht repräsentativ, denn wenn es nicht erlaubt ist, gegen die Regierung zu demonstrieren, ist es unmöglich, die andere Seite zu sehen.

5. Gaddafi hat keine Verbrechen am eigenen Volk begangen.

Der Grund für die Intervention in Libyen war der Schutz der libyschen Zivilbevölkerung. Die Gaddafi-Nostalgiker meinen, dass die Verbrechen von Gaddafi nur Propagandamärchen waren. Tatsächlich haben die Rebellen Propaganda betrieben. Die Zahl von 6.000 durch Gaddafis Truppen getötete Libyer erwies sich nachher als weit übertrieben. Dennoch steht es außer Frage, dass Gaddafis Truppen mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten vorgingen und dass sie dabei Kriegsverbrechen verübten.

Vor einem Genozid werden die zukünftigen Opfer immer entmenschlicht. Gaddafi nannte die Aufständischen „Ratten“ und „Kakerlaken“ und drohte mit „Säuberungen von Haus zu Haus“ (!). Nach Angaben von Peter Scholl-Latour hätte Gaddafi den Aufstand innerhalb von 14 Tagen „weggefegt, wenn die französischen Bomber nicht noch vor dem Abschluss der politischen Beratungen in Paris die Panzerkolonnen Gaddafis zusammengeschossen hätten“. Als die Bomber zu ihrem Einsatz flogen, seien Gaddafis Panzer nur noch wenige Kilometer von Bengasi entfernt gewesen.

6. Die NATO und die Rebellen haben Verbrechen am Volk begangen.

Die höchste je genannte Zahl von Kriegstoten auf einer Gaddafi-Fanseite stammt von „Politaia.org“ und liegt bei 150.000 (diese Zahl wurde auch in der „Pravda“ genannt). In den meisten anderen Gaddafi-Fanseiten wurde die Zahl von 100.000 angegeben, ohne dabei Quellen anzugeben. In „Hinter der Fichte“ wurde mit Verweis auf einen Tagesschau-Bericht, in der 50.000 Tote und 40.000 Vermisste angegeben wurden, von „90.000 Kriegstoten“ gesprochen. Und immer, wirklich immer, wurden ausschließlich die NATO und die Rebellen für diese Toten verantwortlich gemacht.

Nicht mal die Gaddafis haben solche irren Zahlen angegeben. Ein libyscher Regierungssprecher sprach am 1. Juni von 718 Toten durch NATO-Luftangriffe, ein Generalstaatsanwalt am 13. Juli von 1.108 Toten. Das libysche Staatsfernsehen sprach im September von 2.000 Toten in Sirte. Wie glaubwürdig diese Zahlen sind, kann man daran erkennen, dass das libysche Staatsfernsehen nachweislich Beerdigungen mit Fake-Toten inszenierte und Gaddafi ein Kind, dass durch ein Verkehrsunfall umgekommen war, als „Bombenopfer“ präsentieren ließ. Und selbst wenn Gaddafis Zahlen wahr gewesen wären, sind sie noch deutlich unter 100.000.

Die von offizieller Seite höchste je genannte Zahl von Kriegstoten stammt von den Rebellen – ein Sprecher sagte Ende August „50.000 sind im Kampf gegen Gaddafi gefallen“. Bei dieser Aussage handelte es sich wohl um Propaganda, eine Woche später sprach man von „30.000 Toten und 4.000 Vermissten“. Bereits zu dieser Zeit wurden diese Zahlen angezweifelt. Man würde mehr Märtyrer als Leichen zählen, hieß es. Und in all diesen Zahlen wurden auch keine Angaben gemacht, wie viele von Gaddafis Truppen und wie viele von der NATO oder den Rebellen umgebracht wurden.

Wie viele Menschen hat die NATO in Libyen wirklich umgebracht? In einem Interview mit dem NDR äußerte sich der Human Rights-Watch-Mitarbeiter Peter Bouackert u.a. zu diesem Thema. Bouackert sagte, dass es nach seinen Informationen etwa 50-100 zivile Opfer durch NATO-Luftangriffe gegeben hat. Er zitierte auch einen detaillierten Bericht in der New York Times, in dem ähnliche Zahlen genannt wurden. Bouackert sagt weiterhin, dass diese Zahlen im Vergleich zu Kosovo, Afghanistan und Irak „auffallend niedrig“ waren, kritisiert aber die NATO dafür, dass sie so tut, als hätte es überhaupt keine zivilen Opfer gegeben. Er resümiert:

In den Kriegen im Irak oder in Serbien und dem Kosovo sind viele Hundert Menschen bei den Luftschlägen ums Leben gekommen. Die Fehler, die die NATO-Teams damals gemacht haben, waren viel größer. Oft hat sich die NATO damals auf altes Aufklärungsmaterial gestützt. Zum Beispiel wurde ein Haus identifiziert, in dem eine hochrangige Person wohnt, dieses Haus wurde Stunden später angegriffen, als die Person längst nicht mehr dort war. Also in diesen beiden Einsätzen haben wir Zwischenfälle gesehen, bei denen bei einem einzigen Angriff mehrere Dutzend Menschen getötet wurden. Diese Interventionen waren viel blutiger.

Die Zahl der Kriegstoten wurde vom libyschen „Ministerium für Märtyrer“ im Januar 2013 nach unten korrigiert. Es seien nachweislich 4.700 Rebellen getötet worden und 2.100 werden vermisst. Auf Seiten der Gaddafi-Kämpfer könnten die Zahlen ähnlich groß sein. Somit kommen wir auf etwa 10-15.000 Tote durch den Krieg (Wikipedia kommt 14.872 bis 18.873), darunter 50-100 (weniger als 1%) durch die NATO. Man vergleiche diese Zahlen mal mit der Aussage: „Die NATO hat 100.000 Libyer getötet!“

7. Libyen wird ein Failed State werden.

Um das zu beurteilen, müssen wir uns noch gedulden. Die staatliche Gewalt ist in vielen Teilen noch immer nicht wieder hergestellt, und es gibt noch immer Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen. Doch die Libyer haben gezeigt, dass sie bereit sind, es gegen diese Milizen aufzunehmen, als sie nach dem Mord an Christopher Stevens ein Islamistencamp anzündeten und die Milizionäre vertrieben. Es dauert außerdem nach einem Bürgerkrieg immer etwas, bis eine funktionierende Verwaltung und Armee wiederhergestellt ist.

Bei den Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung haben islamistische Parteien gerademal 14% der Stimmen bekommen, und kurz darauf kam es zum ersten Mal in der libyschen Geschichte zu einem friedlichen Machtwechsel, als der Nationale Übergangsrat seine Macht abgab. Es gibt heute auch mehr Meinungsfreiheit als früher und dank des Öls wird es in Zukunft wohl auch keine wirtschaftlichen Probleme in Libyen geben. Die Ölproduktion ist heute wieder so hoch wie zu Gaddafis Zeiten.

8. Dem Westen ging es nur um das libysche Öl.

Die These, dass es beim Krieg nur um Öl ging, ist ziemlich unschlüssig: Westliche Firmen haben vor dem Aufstand glänzende Geschäfte mit Gaddafi gemacht, eigentlich hätten sie dann auf Seiten Gaddafis in den Krieg ziehen müssen. Die Produktion kam durch den Krieg quasi zum Stillstand, so dass westliche Firmen während dieser Zeit keine Gewinne machen konnten. Es gab auch keine Gewissheit, dass die Rebellen genauso großzügig mit dem Öl umgehen würden als Gaddafi.

Warum sollte man auch einen Grund suchen, um dort einzumarschieren, um jemanden zu stürzen, mit dem man sich gut arrangiert hat, um dann Leute an die Macht zu bringen, die einen hassen? Um dann später einen Grund zu haben, wieder dort einzumarschieren? Aber wozu ein weiterer Krieg gegen Libyen? Man hat doch schon das Öl, da braucht man doch keinen weiteren, teuren Krieg mehr! Bei jeder Intervention des Westens heißt es sofort, es geht nur um Rohstoffe. Das ist wie ein Reflex.

9. Gaddafi hat für Stabilität in der Region gesorgt.

Gaddafi unterstütze zahlreiche mörderische Diktatoren und Terrororganisationen in Afrika und Lateinamerika. Gaddafis „Revolutionäres Weltzentrum“ in der Nähe von Bengasi wurde zum „Harvard und Yale einer ganzen Generation von afrikanischen Revolutionären“ wie z.B. den Massenmördern Charles Taylor aus Liberia, Foday Sankoh aus Sierra Leone, Laurent Kabila aus dem Kongo und Blaise Compaoré aus Burkina Faso. In Lateinamerika unterstützte er die Terroristen der FARC und die Sandinisten aus Nicaragua.

Friedensverhandlungen mit Israel bezeichnete Gaddafi als Verrat, im September 1995 ließ er aus Strafe für den Friedensprozess rund 30.000 Palästinenser aus Libyen vertreiben und riet anderen Ländern, es ihm gleichzutun. Er erkannte weder Israel noch die palästinensische Autonomiebehörde an, stattdessen strebte er eine Einstaatenlösung an. Im Jahr 2007 drohte er damit, Palästinenser nach Gaza zu deportieren. Darüber hinaus war er auch jahrelang im internationalen Terrorismus tätig:

– Der Lockerbie-Anschlag forderte 270 Opfer.
– Der Anschlag auf den UTA-Flug 772 tötete 170 Menschen.
– Der Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle kostete 3 Menschen das Leben.
– Er finanzierte die Geiselnahme beim OPEC-Treffen in Wien 1975.

10. Der Krieg in Mali ist eine Folge der Intervention in Libyen.

Der Krieg in Mali hat seine Wurzeln im Januar 2012, als eine neue Rebellion der Tuareg begann, die von der Rebellengruppe MNLA angeführt wurde. Im März putschte das Militär gegen den Präsidenten Traore, weil dieser zu lasch gegen die Rebellen vorging. Die MNLA nutzte das Chaos und übernahm die Kontrolle über den Norden, wo sie im April den Staat “Azawad” ausriefen. Ab dem April wurde die MNLA dann von islamistischen Rebellengruppen vertrieben, die sich überwiegend aus 3 Gruppen zusammensetzten: Die Ansar Dine, die MUJAO und der al-Qaida im Maghreb (AQIM).

Viele geben der NATO-Intervention in Libyen die Schuld für das Chaos in Mali, da die MNLA für Gaddafi gekämpft hatten, bevor sie nach Mali zurückkehrten. Doch diese Ansicht ist nicht gerechtfertigt. Nicht nur, dass es ohne den Militärputsch wohl nicht zu dem Chaos in Nordmali gekommen wäre, die islamistischen Rebellen – die ja das eigentliche Problem sind – wurden wahrscheinlich vom algerischen Geheimdienst DRS geschickt, dass gute Beziehungen zu Ansar Dine und AQIM haben soll.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, diesem Massenvergewaltiger, Terroristen, radikalen Antisemiten, Kleptokraten und blutigen Imperialisten auch nur eine Träne nachzuweinen. Der Krieg gegen Gaddafi war ein gerechter und die Libyer haben nun die Chance erhalten, ihr Land neu zu gründen und sich von 42 Jahren Gaddafi-Diktatur zu verabschieden. Hoffen wir, dass die Libyer diese Chance nutzen werden.

12 Antworten to “Bye-bye, Gaddafi!”

  1. aron2201sperber Says:

    Gaddafi fiel in den letzten Jahren nicht mehr als antiimperialistischer Held, sondern als Berlusconis Bunga Bunga-Kumpane auf.

    seit dem Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus hatten sich seine Möglichkeiten Terroristen zu födern, drastisch eingeschränkt, da ohne die Lgistik des KGB die meisten linken Terrororganisationen in sich zusammenfielen.

    sogar zur USA hatte er nach 9/11 wieder bessere Beziehungen.

    die Gaddafi-Nostalgiker haben allerdings keine Nostalgie nach dem Gaddafi der friedlichen letzten Jahre, sondern nach ihrem antiimperialistischen Helden, der wohl der größte Terrorpate des kalten Krieges war

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2011/03/25/vergangenheit-und-zukunft-des-terrorismus/

    für den Westen war ein Gaddafi mittlerweile nicht viel anders als die Sauds.

    der Westen hätte mit Gaddafi wie mit anderen arabischen Despoten weiterleben können und hätte es wohl auch getan, wenn nicht der arabische Frühling ausgebrochen wäre.

    nachdem was Gaddafi in seiner Vergangenheit getan hatte, gab es jedoch keinen Grund, Gaddafi gegenüber besonders loyal zu sein und einen Bürgerkrieg vor der Haustür in Kauf zu nehmen.

    • arprin Says:

      Ich stimme dir zu. Gaddafi war vor dem Beginn des Aufstands in den Augen der Linken eigentlich schon zum „pro-westlichen Tyrannen“ mutiert. Wenn Gaddafi den Aufstand mit Gewalt niedergeschlagen hätte, dann wäre der Westen dafür beschuldigt worden, da er mit ihm Geschäfte geschlossen hat und die Rebellen wären dann von den Linken als „Widerstandskämpfer“ gefeiert worden. Da sie aber mit der NATO kämpften, konnten sie nicht auf die Sympathien der Linken hoffen.

      • aron2201sperber Says:

        besonders bemerkenswert finde ich, wie es gewisse Leute schaffen den Kontext unter dem die Aufstände gegen Gaddafi und Assad begannen einfach völlig auszublenden.

        obwohl sie gerade noch das Ende von Mubarak bejubelt hatten.

  2. Thomas Holm Says:

    Gaddafi 2011 inspecting identities of some poor Libyans (with English subtitles) … weil sie betteln.

    Und dabei muss er feststellen, dass seine Funktionäre so manche Wohltat, die er den Libyern zugedacht hatte, weggestohlen haben.

    Kostenlose Medikamente kommen natürlich nicht bei den Bedürftigen an; Min. 2.26.

    Ganz schön ernüchternd für einen Diktator zu merken, dass seine Claqueure großteils aus Dieben und Betrügern bestehen. Wegen dieser nicht untypisch orientalischen Umgebung hätten auch etwaige Liberalisierungen – wenn es anders gekommen wäre – keine Chance gehabt.

  3. Thomas Holm Says:

    Zur Libyschen Vorgeschichte gehört auch, dass ein; bzw. das: „Schwert des Islam“; Italienisch:

    http://it.wikipedia.org/wiki/Spada_dell'Islam

    „La Spada dell’Islam (in arabo: سيف الإسلا , Sayf al-Islām) era una spada onorifica che venne consegnata da un capo berbero a Benito Mussolini il 20 marzo 1937 nell’oasi di Burgara, nei pressi di Tripoli.“

    Ein Berber-Boss vermachte dem Duce das Teil in einer Oase bei Tripoli.

    Nach dem Gerät benannte Gaddafi immerhin seinen ambitioniertesten Sohn und die Aktion war dem ‚Messagero‘ eine Titelseite wert.

  4. dieter Says:

    @arprin: An deiner Totalumkehr der Gaddafi-Verklärung habe ich einiges aususetzen.

    40% der Libyer lebten unterhalb der Armutsgrenze“

    Die üblicherweise relativ definierte „Armutsgrenze“ ist tendenziös linkslastig und unsinnig.

    30% waren arbeitslos

    Das gibt es in OECD-Ländern auch. In solchen Ländern gibt es außerdem einen ausgedehnten Schwarzmarkt. Nur weil jemand stempeln geht und Arbeitslose kassiert heißt das noch lange nicht, dass derjenige nicht arbeitet.

    .) Heutige Ethnologen diagnostizieren immer und überall Rassismus. Den Rassismus in der Bevölkerung kann man Gaddafi nicht anlasten. Er selbst hat die Schwarzafrikanischen Fremdarbeiter und Söldner freilich für seinen Machterhalt genutzt. Seine Schwarzafrika-Politik lässt sich damit aber nur zum Teil erklären. Das war einer seiner häufig wechselnden Anliegen und Weltverbesserungsideen.
    Er hatte jedenfalls ein faible für schwarze Frauen.

    .) Ein Diktator lässt auch dann keine Wahlen zu, wenn er die Mehrheit hinter sich weiß. Ein Diktator hat kein Interesse an Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit und Opposition, weil ihm das langfristig auch abseits von Wahlen gefährlich werden kann.

    Ein libysches Volk gibt es ohnehin nicht. Dass seine Stammesgenossen hinter ihm standen ist plausibel.

    .) Gaddafi musste wie viele andere säkulare arabische Diktatoren dem zunehmenden Islamismus sukkzessive Zugeständnisse machen um seine Macht zu sichern.

    Die schlechten Wahlergebnisse formell islamistischer Parteien sind genausowenig aussagekräftig über Islamisierungstendenzen im Lande, wie der private Säkularismus Gaddafis es vorher war.

    Ansar al-Sharia ist in Bengazi mächtiger denn je:
    Libya militia linked to U.S. attack returns to Benghazi

    Die Gruppe wurde auch nie wirklich vertrieben, sondern sie traten nur eine Zeit lang nicht bewaffnet auf. Die Anführer hielten sich arglos in der Stadt auf und gaben selbstgefällige Interviews.

    Breaking News: Five Months After Benghazi Murders: Killers Frolic Untouched There

    Gaddafi selbst ließ die Terroristen eine Zeit lang gewähren, bis sie ihm in seiner politischen Kalkulation (Zuwendung zum Westen) nicht mehr passten.

    Diktatoren sind primär am Machterhalt interessiert und sekundär an ihreren ideologischen Anliegen. Letztere wechselte Gaddafi genauso häufig wie seine absurden Kleider. Man kann einzelne Episoden in Gaddafis Lebenswandel daher nicht einfach herauspicken um ihn zu charakterisieren.

    .) Das Öl ist kein Segen, sondern ein Fluch.

    Gaddafi ist keine Träne nachzuweinen. Dafür aber jedem Steuercent, der für die Intervention ausgegeben wurde.

    • arprin Says:

      – Ja, ich weiß, dass diese Armuts- und Arbeitslosigkeitsdefinitionen sehr tendenziös und unsinnig sein können. Gaddafis großzügiges Sozialsystem war aber dennoch ein Mythos.

      – Unter Gaddafi wurden die Schwarzen behandelt wie Menschen zweiter Klasse, und Gaddafi äußerte sich in seinem Grünen Buch abfällig über Schwarze. Die Behauptung in antiimperialistischen Plattformen, „Rassismus wurde konsequent bekämpft“, ist grotesk.

      – Es gibt weder ein Beweis dafür, dass Gaddafi die Mehrheit des Volkes hinter sich hatte, noch, dass die Rebellen sie hatten. Es lässt sich darüber nichts mit 100%iger Sicherheit sagen.

      – Zum Thema Islamisierung hat Oliver Grote folgendes geschrieben:

      „Am 15. 4. 1973, dem Geburtstag Mohammeds, hielt Gaddafi die sog. 5-Punkte-Rede, um seine politische Agenda zu erläutern. Breits die Aufteilung seiner Ausführungen ist als bewusste Anspielung auf die berühmten fünf Säulen des Islam zu verstehen. Doch nicht nur vordergründig bezog sich diese Rede auf den Islam: Der erste Punkt umfasste die Abschaffung aller bestehenden Gesetze, an deren Stelle dann die Scharia treten sollte. Tatsächlich ist bis heute das islamische Recht neben einigen italienischen Einflüssen Grundlage des libyschen Rechtswesens. Weitere Maßnahmen des Diktators bewirkten eine radikale Islamisierung der Gesellschaft; dies bezeugen u. a. das Verbot des Alkoholausschanks, die Umwandlung der katholischen Kathedrale von Tripolis in eine Moschee und die Gründung der World Islamic Call Society (mit dem Ziel der verstärkten Missionierung in Afrika). In Libyen ansässige Italiener wurden gar gezwungen, ihre Angehörigen zu exhumieren und nach Italien bringen zu lassen.

      Auch im innerislamischen Diskurs bezog Gaddafi eine klare Position: Die islamische Strömung des Sufismus – hinsichtlich der Auslegung des islamischen Rechts recht moderat – war in Gaddafis Augen wohl zu lasch und wurde daher bekämpft, ihre Moscheen und Bildungseinrichtungen wurden geschlossen. Gaddafi verstand sich selbst sogar als geistlicher Führer, ließ sich zuweilen mit „Imam“ anreden und gab eine Briefmarke heraus, auf der er – wie einst Mohammed – mit einem weißen Flugwesen gen Himmel auffahrend dargestellt ist.

      Man könnte nun einwenden, dass die Islamisierung des Landes für den Diktator nur Mittel zum Zweck der Herrschaftssicherung war und nicht seiner inneren Überzeugung entstammte. Selbst wenn dies zuträfe – die Prominenz des Islam innerhalb seiner Agenda spricht jedoch eher dagegen –, ändert dies nichts am geistigen Klima, das der Diktator schuf, und vor allem nichts an den handfesten Resultaten seines Wirkens: Unterdrückung der Bevölkerung, Förderung des Terrorismus und Repressionen gegen Andersgläubige.“

      – Das Öl muss kein Fluch sein, wenn sich die Libyer klug anstellen.

      • dieter Says:

        Das grüne Buch schrieb Gaddafi vor seiner Hinwendung zu Schwarzafrika.

        Der persönliche Lebenswandel Gaddafis sieht nicht nach dem eines frommen Moslems aus. Von Verschleierung und Treue hielt er nicht viel. Er verteilte den Koran gemeinsam mit seinem grünen Buch und seiner Sprüchesammlung.

        Öl muss kein Fluch sein, wenn es schon vorher eine breit aufgestellte Wirtschaft gibt, wie in Norwegen, Kanada, USA, etc. Aber am Beispiel Venezuelas sieht man, dass auch das von einem Machthaber, der am Ölhahn sitzt, nachträglich demontiert werden kann.

    • Thomas Holm Says:

      „Gaddafi ist keine Träne nachzuweinen. Dafür aber jedem Steuercent, der für die Intervention ausgegeben wurde.“

      Man kriegt so gar nicht vorgerechnet, dass, bzw. ob sich das nun eigentlich gelohnt hat. Ab und zu eine Andeutung, dass man seit dem Irak nur ‚draufgezahlt habe (die Amis) und auch von den Kritikern: eher Häme, dass das mit den Extrem-Muslimen aber ein ganz schlechter Imperialismus sei.

      Nix mehr von der „Kein Blut für Öl“ Stimmung aus dem Kuwait-Krieg.

  5. kein freund der nato Says:

    was für ein erbärmlicher müll den du da von dir gibst..
    vor der Intervention, also mitte märz, gab es ca. 1000 tote. danach 10-15.000. wäre die intervention nicht erfolgt, wäre die zahl irgendwo bei 1.100-1.500 stehen geblieben – die Rebellen wären nach ägypten geflüchtet wie es ihnen G. nahegelegt hat, der krieg wäre binnen einer woche aus gewesen. natürlich hätte es repression gegen die zurückgebliebenen rebellen gegeben – so wie jetzt ehemalige RegimeanhängerInnen terrorisiert und gefoltert werden. aber ohne 6 monate krieg dazwischen inc. verwüstung des landes
    es wären bestimmt nicht knapp eine million flüchtlinge nach ägypten und tunesien gegangen – die zahlen stiegen erst mit der Intervention so stark an. dazu kommen 500.000 binnenflüchtlinge – alle daten hierzu stammen von UNHCR.
    von wegen libyen ist kein failed state… genau das hat der libysche min.präs vor 2 monaten selbst von sich gegeben – ebenso wie die NATO die situation mittlerweile als hoffnungslos beschreibt.
    gewöhn dich an den gedanken, dass mit libyen ein neuer irak direkt gegenüber von italien sitzt.
    libysche waffen (inclusive 5.000-15.000 MANPADs – raketenwerfer mit wärmesuchvorrichtung) finden sich mittlerweile in ganz afrika, ebenso wie im arabischen raum. hinzu kommen die waffen der amis u franzosen, die teilweise einfach abgeworfen wurden über libyen.

    ich bin kein freund gaddafis. er war ein diktator und hat menschen foltern lassen etc.. aber nur weil er schlecht war, muss es jetzt nicht besser sein und müssen seine feinde noch lange nicht aufrechte demokraten sein und die Intervention gerecht(fertigt).
    die intervention in libyen diente ganz sicher nicht dem libyschen volk. es ging vermutlich nicht um öl da gebe ich dir recht. um menschenrechte aber auch nicht

    • arprin Says:

      vor der Intervention, also mitte märz, gab es ca. 1000 tote. danach 10-15.000. wäre die intervention nicht erfolgt, wäre die zahl irgendwo bei 1.100-1.500 stehen geblieben – die Rebellen wären nach ägypten geflüchtet wie es ihnen G. nahegelegt hat, der krieg wäre binnen einer woche aus gewesen.

      Es hätte wohl ein Massaker in Bengasi gegeben oder ein langer Bürgerkrieg.

      von wegen libyen ist kein failed state… genau das hat der libysche min.präs vor 2 monaten selbst von sich gegeben – ebenso wie die NATO die situation mittlerweile als hoffnungslos beschreibt.
      gewöhn dich an den gedanken, dass mit libyen ein neuer irak direkt gegenüber von italien sitzt.

      Ich habe gar nicht gesagt, dass Libyen zurzeit kein Failed State ist, sondern dass es noch ein paar Jahre dauern wird, bis man das abschließend beurteilen werden kann.

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