Wie Whataboutismen die Welt zerstören

Keine Kritik an Nordkorea, solange Guantanamo nicht geschlossen ist!

Alles begann mit Jesus. Eines Tages brachten Pharisäer und Schriftgelehrte ihm eine Frau, die beim Ehebruch erwischt worden war. Sie sagten, Moses hätte für diese Sünde die Todesstrafe durch Steinigung vorgesehen, und sie fragten nun Jesus, was man mit der Frau tun sollte. Jesus bückte sich, schrieb etwas auf den Sand und sagte dann „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie“. Natürlich traute sich keiner, einen Stein zu werfen, und die Frau wurde verschont. Viele Menschen fasziniert dieser Abschnitt. Ja, es ist ein toller Dialog. Eignet sich gut für einen Krimifilm. Genauso wie Denzel Washingtons Spruch „Vergebung ist eine Sache zwischen ihnen und Gott. Mein Job ist es, das Treffen zu arrangieren“ im Film „Mann unter Feuer“.

Aber ist Jesus‘ Spruch eine gute Moralanleitung? Die Antwort darauf ist dieselbe wie bei Denzel Washingtons Spruch: Nein. Es ist natürlich falsch, Ehebrecher zu steinigen. Doch das Argument, mit dem Jesus dies begründete, war albern. Was Jesus machte, war der erste nachweisbare „Whataboutism“ der Geschichte. Was Whataboutism ist, habe ich hier erläutert. Es ist der rhetorische Trick, Kritik zu erwidern, indem man einfach Gegenkritik äußert. Diese Taktik war besonders in der Sowjetunion üblich, um jede Kritik am sowjetischen System abzuschmettern. Jeder kann ein Whataboutism anwenden, um sich oder andere Personen vor Kritik in Schutz zu nehmen. Diese Taktik ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.

Die Verunmöglichung von Kritik

Die Folgen des Whataboutism sieht man ständig in politischen Diskussionen. Als Oskar Lafontaine vor nicht allzu langer Zeit in einer Talkshow auf die Mauertoten angesprochen wurde, lautete seine Reaktion: Was ist mit den Drohnenmorden? Was ist mit den Toten im Mittelmeer? Er antwortete also gar nicht auf die gestellte Frage, sondern lenkte gleich vom Thema ab. Lafontaine steht damit ganz in der Tradition der DDR. Auf die Frage, was er über die Schüsse an der Mauer meinte, antwortete Honecker: „Wissen Sie, ich möchte nicht über die Schüsse sprechen, denn in der Bundesrepublik fallen soviel Schüsse täglich, wöchentlich, monatlich, die möchte ich nicht abzählen.“

Man mag nun einwenden, dass einige Verbrechen schlimmer sind als andere, so dass man sich nicht herausreden kann. Aber das stimmt nicht. Sogar die Nazis hätten Kritik an sich mit Whataboutismen abschmettern können: Hitler greift Polen an, die Welt ist empört. Aber warum? Polen war eine Diktatur, die Franzosen und Briten besaßen Kolonialreiche in Afrika und Asien, die Sowjetunion war 1939 eine noch schlimmere Diktatur als Nazi-Deutschland. Also, warum regt sich dann die Welt so sehr über die Nazi-Diktatur und den Angriff auf Polen auf? Warum!? Tatsächlich wendeten die Nazis Whataboutismen an. So titelte die Volkszeitung drei Tage nach der Reichskristallnacht: „Londoner Hetze wegen Glasscherben – aber kein Wort über zerstörte Araberdörfer in Palästina!“

Es gab wahrscheinlich niemanden in der Weltgeschichte, der sich sein ganzes Leben lang fehlerlos verhalten hat. Jeder hat irgendwann etwas getan, was moralisch falsch war, und ist sich dessen auch bewusst. Wenn es nur einem Menschen erlaubt sein soll, andere zu kritisieren, wenn er selbst immer fehlerlos gelebt hat, bedeutet das, dass Kritik für alle Menschen unmöglich wird. Nicht nur im politischen, sondern auch im privaten, persönlichen Bereich. Ein Vater will seinen Sohn zurechtstutzen, der sich in der Schule schlecht benommen hat. Der Sohn antwortet: „Warum kritisierst du mich? Du hast doch in deiner Kindheit auch Mist gebaut!“.

Der wahre Sinn des Whataboutism

Tatsächlich ist das aber gar nicht das, was die Whataboutisten im Sinn haben. Sie wollen nicht eine Welt ohne Kritik. In Wirklichkeit geht es um was ganz anderes. Ihnen geht es um eine Welt, in der nur sie von niemandem kritisiert werden. Ein Whataboutism ist folglich nur dann in Ordnung, wenn die eigenen Verbrechen relativiert werden sollen. Honecker hätte nie die Schüsse in der BRD mit den Mauertoten relativiert. Die Nazis hätten nie zerstörte Araberdörfer in Palästina mit der Reichskristallnacht relativiert. Für sie funktionierte es immer nur andersrum. Um die Logik dahinter zu verstehen, schauen wir uns mal die üblichen Reaktionen eines Putin-Fans an, wenn Russland und wenn die USA kritisiert werden:

– Regierungskritiker in Russland verhaftet. Reaktion: „Na und? Das passiert in den USA auch. Und dann meckern die über Russland, obwohl sie nicht besser sind. Was für Heuchler!“

– Regierungskritiker in den USA verhaftet. Reaktion: „Na, da sieht man es! Und dann meckern die über Russland, obwohl sie nicht besser sind. Was für Heuchler!“

In beiden Fällen ist die Reaktion dieselbe: Die USA sind böse. Der Whataboutism verhindert bei ihm nur Kritik an Russland, nicht an Amerika.

In einigen Fällen ist es durchaus angebracht, auf Kritik mit Gegenkritik zu reagieren. Wenn jemand in einer Position ist, in der er selbst für schlimmste Verbrechen verantwortlich ist, ist jede Kritik an den Verbrechen anderer völlig unglaubwürdig. Diese Kritik dient lediglich der Ablenkung von den eigenen Verbrechen, die Opfer der anderen Seite werden dafür missbraucht. Die Nazis schlachteten das Massaker von Katyn aus, obwohl sie den Sowjets bei Massakern mindestens ebenbürtig waren. Die Folter in Guantanamo ist ein Verbrechen und muss kritisiert und bestraft werden – wenn sich jedoch Iran, Syrien, Nordkorea oder China über Folter in Guantanamo echauffieren, kann man das getrost ignorieren.

Dasselbe gilt auch im persönlichen Bereich. Wenn ein Vater seinen Sohn kritisiert, obwohl er selbst ein schweres Alkoholproblem hat, hat der Sohn Recht, wenn er erwidert: „Vater, ich habe mich schlecht benommen, doch du hast leider ein noch viel größeres Problem. Anstatt mich zu kritisieren, solltest du dich lieber um dich selbst kümmern und professionelle Hilfe holen“. Solche Fälle sind jedoch meistens Ausnahmen. Meistens stammt die Kritik an Russland nicht von den Folterern in Guantanamo, und meistens stammt die Kritik an der Folter in Guantanamo nicht von Vladimir Putin. Deswegen sollte man aufhören, ständig jede Kritik mit einem Whataboutism abzuschmettern.

Damit kehren wir zurück zu Jesus. Seine Reaktion war aus mehreren Gründen falsch. Erstens hätte auch jemand, der, rein theoretisch, frei von Sünden ist, kein Recht dazu, eine Ehebrecherin zu steinigen. Zweitens ist sein Argument kein Argument gegen die Steinigung von Ehebrechern, sondern gegen jede Form von Bestrafung – da jeder Mensch schon mal gesündigt hat und deshalb kein Recht hätte, andere zu bestrafen. Die richtige Reaktion wäre gewesen: „Ehebruch ist unmoralisches Verhalten, aber es geht nur die Ehepartner was an, nicht die Kirche oder den Staat. Moses war ein tyrannischer Diktator, hört nicht auf ihn. Außerdem sollten Folter und die Todesstrafe grundsätzlich abgeschafft werden.“ Aber das fiel ihm nicht ein. Stattdessen erfand er den Whataboutism. Schade!

10 Antworten to “Wie Whataboutismen die Welt zerstören”

  1. Robin Says:

    „Damit kehren wir zurück zu Jesus. Seine Reaktion war aus mehreren Gründen falsch. Erstens hätte auch jemand, der, rein theoretisch, frei von Sünden ist, kein Recht dazu, eine Ehebrecherin zu steinigen. Zweitens ist sein Argument kein Argument gegen die Steinigung von Ehebrechern, sondern gegen jede Form von Bestrafung – da jeder Mensch schon mal gesündigt hat und deshalb kein Recht hätte, andere zu bestrafen.“

    So richtig die Kritik an der Gegenkritik ist, ist es verfehlt diese Jesu vorzuwerfen.
    Denn Jesus hat genau das ausgedrückt, was er wollte. Und das war sicherlich nicht die Praxis des Steinigens zu kritisieren oder den Ehebruch zu entschuldigen.
    Es ging ihm offenbar darum, dass Gericht und Strafe allein Sache Gottes sein sollten und das Jüngste Gericht die Gerechten von den Ungerechten trennen wird.
    Die Sünde – die Trennung von Gott -, die allen Menschen anhaftet, ist somit in dieser Weise der Grund, warum eine weltliche Vollstreckung der Strafe nicht in Frage kommt und die Menschen allein durch Gott Gnade und Vergebung erfahren können.

    • arprin Says:

      Aber es muss auch im Diesseits möglich sein, andere Menschen zu bestrafen. Sonst dürften ja alle Verbrecher frei rumlaufen, weil nur Gott das Recht hätte, sie zu bestrafen.

  2. Salamshalom Says:

    Mich stört in diesem Artikel grundlegendes:
    Wenn Gegenkritik verpönt ist, so muss doch auch Kritik verpönt sein, da es fortwährend Beispiele für frühere Verfehlungen gibt.
    Wenn ich also behaupte, dass die Russen nicht gegen Kritik damit reagieren dürfen, dass sie selbst mit Gegenkritik antworten, so darf die andere Seite auch nicht mit Kritik gegen Russland aufwarten, weil eben diese (die Russen) genau dieses Argument auch bringen dürfen.
    Beispiel: Die Amis prangern die Menschenrechtslage in Russland an, diese verweisen auf Guantanamo, diese verweisen wieder auf Russland und diese wieder auf die USA. Ein Circulus Vitiosus.
    Außerdem verstehe ich nicht, wieso es unlauter sein soll, in der gleichen zur kritisierenden Sache auch die Verfehlungen des Anklägers auf den Tisch zu bringen.
    Ich darf mich doch nicht darüber aufregen, wenn ich als Vergewaltiger einem anderen Vergewaltiger diese Tat vorwerfe und dieser mir meine eigene Tat dann unter die Nase reibt.
    Verbrechen sind stets zu kritisieren und zu sanktionieren. Immer und überall. Das ist das Entscheidende. Kritik und Gegenkritik von Verbrechern beider Seiten ist nicht mehr als ein minimalistischer Parameter.

    • arprin Says:

      Wenn Gegenkritik verpönt ist, so muss doch auch Kritik verpönt sein, da es fortwährend Beispiele für frühere Verfehlungen gibt.

      Genau. Die Folge wäre, dass niemand mehr Kritik üben könnte, da keiner frei von Verfehlungen ist. Niemand könnte je mehr irgendjemanden für irgendwas kritisieren.

      Wenn ich also behaupte, dass die Russen nicht gegen Kritik damit reagieren dürfen, dass sie selbst mit Gegenkritik antworten, so darf die andere Seite auch nicht mit Kritik gegen Russland aufwarten, weil eben diese (die Russen) genau dieses Argument auch bringen dürfen.
      Beispiel: Die Amis prangern die Menschenrechtslage in Russland an, diese verweisen auf Guantanamo, diese verweisen wieder auf Russland und diese wieder auf die USA. Ein Circulus Vitiosus.

      Das ist nicht logisch. Logisch wäre: Wenn ich behaupte, dass die Russen auf Kritik nicht damit reagieren dürfen, dass sie selbst mit Gegenkritik antworten, so darf die andere Seite auch nicht auf Kritik damit reagieren, dass sie selbst mit Gegenkritik antwortet.
      Beispiel: Die Amis prangern die Menschenrechtslage in Russland an, dann sollten die Russen nicht auf Guantanamo verweisen. Die Russen prangern die Menschenrechtslage in Amerika an, dann sollten die Amis nicht auf Tschetschenien verweisen. Also nicht vom Thema ablenken, sondern auf eine konkrete Kritik eine konkrete Antwort geben.

      Außerdem verstehe ich nicht, wieso es unlauter sein soll, in der gleichen zur kritisierenden Sache auch die Verfehlungen des Anklägers auf den Tisch zu bringen.
      Ich darf mich doch nicht darüber aufregen, wenn ich als Vergewaltiger einem anderen Vergewaltiger diese Tat vorwerfe und dieser mir meine eigene Tat dann unter die Nase reibt.

      Da hast du völlig Recht. Wenn jemand in einer Position ist, in der er selbst für schlimmste Verbrechen verantwortlich ist, ist jede Kritik an den Verbrechen anderer völlig unglaubwürdig (z.B. wenn ein Vergewaltiger einen anderen Vergewaltiger kritisiert). Diese Kritik dient lediglich der Ablenkung von den eigenen Verbrechen. Das habe ich auch so im Artikel geschrieben.
      Nur ist es so: Meistens stammt die Kritik an Putin nicht von Folteren in Guantanamo, und die Kritik an Guantanamo stammt meistens nicht von Putin. Ich habe z.B. niemanden gefoltert und nie Folter unterstützt. Warum sollte ich dann nicht jeden kritisieren dürfen, der foltert, ob in Russland, Amerika oder sonstwo?

      Verbrechen sind stets zu kritisieren und zu sanktionieren. Immer und überall. Das ist das Entscheidende.

      Genauso ist es. Man sollte Putin ganz normal kritisieren dürfen, ohne dass jemand mit „Was ist mit Guantanamo?“ kommt, und man sollte Amerika kritisieren dürfen, ohne dass jemand mit „Was ist mit Tschetschenien?“ kommt. Sind wir und da einig?

      Kritik und Gegenkritik von Verbrechern beider Seiten ist nicht mehr als ein minimalistischer Parameter.

      Leider ist die Gegenkritik von Verbrechern doch mehr als ein minimalistischer Parameter. Es ist nämlich meistens der Versuch, sich von jeglicher Schuld freizusprechen, indem man seine Verbrechen verharmlost.

  3. Jesus und "Whataboutism" | PTB - PAPSTTREUERBLOG Says:

    […] In einem aktuellen Beitrag schreibt arprin über den Effekt des “Whataboutism” – das muss man erst mal erklären. Es geht einfach gesprochen darum, dass gerade im politischen Umfeld die Neigung vorherrscht, berechtigte Vorwürfe mit Gegenvorwürfen zu beantworten. “What about …” heißt frei übersetzt “Und was ist mit …”. Der Trick, wie er auf dem Blog wiedergegeben wird, geht so: […]

  4. Papsttreuer Says:

    Verehrter arprin,
    zu dem an sich feinen Beitrag habe ich mir erlaubt, eine Gegenrede zu verfassen: http://papsttreuerblog.de/?p=479
    Herzlichst, Ihr Felix Honekamp )regelmäßiger Leser und auch „Verbreiter“ Ihres Blogs)

    • arprin Says:

      Ich denke, da spielt Interpretation eine große Rolle. Man kann Jesus‘ Satz so interpretieren, als dürfe niemand ein moralisches Urteil über andere fällen, solange er nicht frei von Sünden ist. Das wäre ein Whataboutism. Wenn man es jedoch so sieht, als würde Jesus sich lediglich gegen die weltliche Bestrafung von moralischem Fehlverhalten stellen, ohne die Notwendigkeit von weltlichen Strafen für gesetzliches Fehlverhalten in Frage zu stellen, wäre es kein Whataboutism. Für mich ist diese zweite Interpretation jedoch nicht klar.

      Und es wäre auch schön gewesen, wenn Jesus noch hinzugefügt hätte “… ich aber sage Euch, steinigt nicht mehr!”.

  5. Jesus und “Whataboutism” | FreieWelt.net Says:

    […] In einem aktuellen Beitrag schreibt arprin über den Effekt des “Whataboutism” – das muss man erst mal erklären. Es geht einfach gesprochen darum, dass gerade im politischen Umfeld die Neigung vorherrscht, berechtigte Vorwürfe mit Gegenvorwürfen zu beantworten. “What about …” heißt frei übersetzt “Und was ist mit …”. Der Trick, wie er auf dem Blog wiedergegeben wird, geht so: […]

  6. Links der Woche | Freisinnige Zeitung Says:

    […] Arprin bei arprin: Wie Whataboutismen die Welt zerstören — BESTER ARTIKEL DER […]

  7. Aschersleben Says:

    Jesu Reaktion war richtig, weil er damit auf eine der zahlreichen Fangfragen reagierte, die ihm gestellt wurden. Hätte er das System offen in Frage gestellt, hätte ihm das sofort zum Verhängnis werden können. Genau so ist etwa seine Äußerung zur Steuer zu werten: Gebt Cäsar, was des Cäsaren ist.

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