Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 4

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Die vierte These von Todenhöfer.

These 1, These 2, These 3, These 5, These 6, These 7, These 8, These 9, These 10

These 4: Muslime waren und sind mindestens genauso tolerant wie Juden und Christen. Sie haben die westliche Kultur entscheidend mitgeprägt.

Es waren keine Muslime, die den „heiligen Krieg“ erfanden und auf Kreuzzügen unter dem Motto „Deus lo vult – Gott will es“ (Urban II.) über vier Millionen Muslime und Juden niedermetzelten. Es waren keine Muslime, die in Jerusalem „bis zu den Knöcheln im Blut“ wateten, bevor sie „glücklich und vor Freude weinend“ zum Grab des Erlösers gingen, wie ein Zeitzeuge berichtet. Der Islam kennt das Wort „heilig“ im Zusammenhang mit Krieg überhaupt nicht. Djihad heißt „Anstrengung, sich abmühen auf dem Weg zu Gott“ (Hans Küng), eine Anstrengung, die bis zum Verteidigungskrieg führen kann. Nirgendwo im Koran heißt Djihad „heiliger Krieg“. Kriege sind nie „heilig“, heilig ist nur der Frieden. Der „heilige Krieg“ ist ein Begriff des Alten Testaments (vgl. Jeremia 51,27).

Es waren auch keine Muslime, die im Namen der Kolonisierung Afrikas und Asiens bis zu 50 Millionen Menschen massakrierten. Es waren keine Muslime, die den Ersten und Zweiten Weltkrieg mit fast 70 Millionen Toten anzettelten. Und es waren keine Muslime, sondern wir Deutsche, die in einem industriemäßig organisierten Zivilisationsbruch sechs Millionen Juden – Mitbürger, Freunde und Nachbarn – schändlich ermordeten. Keine andere Kultur war in den vergangenen Jahrhunderten gewalttätiger und blutiger als die abendländische. Wann haben sogenannte „christliche“ Politiker dem Christentum, dieser wunderbaren Religion der Liebe, jemals Ehre gemacht?

Natürlich waren es keine Muslime, die die Kreuzzüge, die Weltkriege, den europäischen Kolonialismus, den Holocaust und die stalinistischen Massaker verbrochen haben. Nehmen wir an, Todenhöfer hätte mit seinen Zahlenspielchen Recht: Die Christen haben 100 Millionen getötet und die Muslime nur 10 Millionen. Was ändert das an der heutigen Situation? Dass die islamische Welt heute gewalttätiger ist als der Westen, ist eine Tatsache, man muss dafür nur die Nachrichten aus dieser Region anschauen. Müssen die Christen dann erst warten, bis es wieder 100 zu 100 steht, bevor sie die muslimischen Verbrechen der heutigen Zeit kritisieren zu dürfen, anstatt, wie Todenhöfer es ausdrückt, die „historischen Fakten völlig auf den Kopf zu stellen“?

Nun kommt aber noch hinzu: Todenhöfer hat mit seinen Zahlenspielchen absolut Unrecht! Die Geschichte des Islams war keineswegs weniger blutig als die des Christentums. Es waren nämlich keine Christen, die seit dem siebten Jahrhundert ohne Unterbrechung jahrhundertelang Krieg gegen Christen, Hindus, Buddhisten, Zoroastrier und animistische Völker in Afrika geführt haben. Man könnte dies auch „islamischen Kolonialismus“ nennen, offiziell sprechen Historiker jedoch von der „Islamischen Expansion„. In all den Kriegen in der islamischen Geschichte sind mehrere Millionen Menschen getötet worden. Man kann mit Sicherheit sagen, dass die islamische Geschichte mindestens genauso blutig war wie die christliche.

Es gibt Schätzungen von Historikern, dass während der muslimischen Eroberungen von 1000 bis 1525 zwischen 50 bis 80 Millionen Hindus getötet wurden. Die Sinti und Roma, die heute in Europa leben, sind Nachfahren von indischen Flüchtlingen, die vor muslimischen Eroberern geflohen waren. Der Historiker Will Durant sagte dazu:

The Mohammedan conquest of India is probably the bloodiest story in history. The Islamic historians and scholars have recorded with great glee and pride the slaughters of Hindus, forced conversions, abduction of Hindu women and children to slave markets and the destruction of temples carried out by the warriors of Islam during 800 AD to 1700 AD. Millions of Hindus were converted to Islam by sword during this period.

Das Buch „Der verschleierte Völkermord“ zeigt das ganze Ausmaß des muslimischen Sklavenhandels in Afrika. Die Gesamtzahl der Toten wird auf 17 Millionen geschätzt. Der europäische Sklavenhandel dauerte etwa 300 Jahre, der muslimische dagegen geht nun schon seit mehr als 1300 Jahren voran und hat bis heute (!) nicht aufgehört. In einem Ausschnitt des Buches heißt es: „Erschüttert zitiert man in Frankreich Augenzeugenberichte, nach denen im 19. Jahrhundert ein arabischer Bewohner der Stadt Oujiji auf die Frage eines Europäers, warum in deren Nähe so viele verwesende Leichen herumlägen, seelenruhig geantwortet habe: Normalerweise werfe man seine toten Sklaven an den Stadtrand, wo sie über Nacht von den Hyänen gefressen würden. Doch in diesem Jahr habe es so viele Tote gegeben, dass die Aasfresser wohl etwas in Verzug gekommen seien.“

Es gab muslimischen Sklavenhandel auch im Mittelmeer, dabei wurden mehr als 1 Million Europäer von arabischen Banden entführt. Der Gründung der Republik Türkei gingen Völkermorde an Armeniern, Griechen, Assyrern, Aramäern und Chaldäern voraus, bei denen etwa 2 Millionen Menschen starben. In Afghanistan zeugen einige Statuen bis heute vom buddhistischen Erbe, doch Tatsache ist, dass es heute praktisch keinen einzigen Buddhisten mehr dort gibt. Auch in der aktuelleren Weltgeschichte ist die islamische Welt nicht unbedingt durch Friedfertigkeit und Toleranz aufgefallen: Im Südsudan sind beim Sezessionskrieg zwischen 1983 bis 2005 etwa 2 Millionen Christen und Animisten von Muslimen getötet worden, in Bangladesch sind durch Händen muslimischer Pakistaner 1971 zwischen 1 bis 3 Millionen Hindus getötet worden. Von Massakern, die Muslime untereinander begangen haben, brauchen wir wohl gar nicht anzufangen.

Ob die Muslime weniger Menschen getötet haben als die Christen, ist stark zu bezweifeln. Vielleicht können wir uns ja darauf einigen, dass die Chinesen (und vielleicht auch die Mongolen) sowohl die Christen als auch die Muslime übertrumpfen. Das von Todenhöfer angesprochene 10:1-Verhältnis ist auf jeden Fall falsch. Auch haben die Christen nicht den „Heiligen Krieg“ erfunden, das Konzept des eines gottgewollten Krieges gab es schon lange vor den Kreuzzügen, sonst wäre nicht schon der erste Kalif nach Mohameds Tod in den Krieg gezogen.

Was Todenhöfer mit seinen Zahlenspielen bezwecken will, ist mir schleierhaft. Er beweist nur eins: Seine durchgehende Ahnungslosigkeit vom Islam und seiner Geschichte. Dazu passt auch dieser Satz: „Der Islam kennt das Wort „heilig“ im Zusammenhang mit Krieg überhaupt nicht.“ Das Wort „Dschihad“ kann bedeuten, was es will, aber es steht außer Frage, dass ein großer Teil der Muslime darunter kriegerische Handlungen versteht, ob man es nun wahrhaben will oder nicht. Konnten die Kreuzritter ihre Taten auf die Bibel zurückführen? Oder die spanischen Conquistadoren und die kirchlichen Inquisitoren? Nein – dennoch waren es christliche Verbrechen, weil sie nun mal mit dem Christentum begründet wurden. Es spielt doch keine Rolle für die Opfer dieser Verbrechen, ob ihre Taten nun den „wahren“ Islam oder Christentum repräsentierten.

Niemand kann bestreiten, dass die territoriale Expansion der muslimischen Dynastien zwischen dem 7. und dem 17. Jahrhundert – wie die der europäischen Mächte jener Zeit – meist mit dem Schwert geführt wurde. Auch von muslimischer Seite gab es unentschuldbare Massaker. Muslimische Eroberer haben in der Regel jedoch nicht versucht, Christen und Juden den Islam aufzuzwingen, sie zu vertreiben oder auszurotten. Als Saladin 1187 nach hartem Kampf Jerusalem zurückeroberte, verzichtete er demonstrativ auf Rache und schenkte der christlichen Bevölkerung gegen ein Kopfgeld die Freiheit. Armen Christen erließ er das Kopfgeld. Toleranz gegenüber Christen und Juden war Gesetz und Stolz der muslimischen Zivilisation. Unter muslimischer Herrschaft blieben ganze Völker christlich oder jüdisch, während die „christliche“ Inquisition Andersgläubige auf Scheiterhaufen verbrannte.

Als der muslimische Feldherr Tariq ibn-Ziyad 711 auf der Iberischen Halbinsel landete, begannen über siebenhundert Jahre kultureller und wissenschaftlicher Blüte, von deren Ausstrahlung die westliche Zivilisation bis heute profitiert. Im damals modernsten Staat Europas entwickelte sich ein beispiellos erfolgreiches Miteinander von Muslimen, Juden und Christen. Den Juden ging es unter muslimischer Herrschaft viel besser als unter „christlicher“. Erst als der „christliche“ König Ferdinand von Aragon 1492 im Rahmen der Reconquista Granada, die letzte muslimische Bastion in Spanien, eroberte, begann eine erbarmungslose Judenvertreibung. Hunderttausende Juden, die, jahrhundertelang angesehen und mit höchsten Ämtern ausgezeichnet, mit ihren muslimischen Mitbürgern harmonisch zusammengelebt hatten, wurden aus dem Land gejagt. Die meisten flohen in muslimische Länder rund um das Mittelmeer. Risse bekam das Miteinander von Christen, Juden und Muslimen in den muslimischen Ländern erst durch den Kolonialismus und den Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Die armenische Tragödie ist ein Ergebnis nationalistischer, nicht religiöser Intoleranz.

Der gesamte erste Absatz ist, wie ich zuvor gezeigt habe, totaler Unsinn. Selbstverständlich haben die muslimischen Eroberer auch ihren Opfern den Islam aufgezwungen und natürlich gab es auch Vertreibungen und Völkermorde. Die Sinti und Roma, die heute in Europa leben, sind Nachfahren von indischen Flüchtlingen, die vor muslimischen Eroberern geflohen waren. Jeder Nicht-Muslim, der im islamischen Herrschaftsbereich lebte, führte ein Leben als Mensch zweiter Klasse („Dhimmi“) – solange er nicht zum Islam konvertierte. Diese Regelung wurde noch bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts beibehalten und noch heute sind Nicht-Muslime im Nahen Osten vielfältigen Diskriminierungen ausgesetzt.

Die Legende von einem toleranten Zusammenleben zwischen Muslimen, Christen und Juden im mittelalterlichen Spanien ist ein Mythos. Es gab hier auch Massaker wie in Europa, so wurden in Granada im Jahr 1066 4.000 Juden von Muslimen ermordet. Man kann nicht leugnen, dass die islamische Zivilisation damals der christlichen überlegen war und das es im islamischen Spanien damals wirklich toleranter zuging als im christlichen Herrschaftsbereich, aber von Toleranz im heutigen Verständnis kann keine Rede sein.

Todenhöfers Behauptung, dass die armenische Tragödie ein Ergebnis nationalistischer, nicht religiöser Intoleranz war, ist zutreffend, zeugt aber erneut von seiner Doppelmoral. Für ihn war es kein Problem, den Holocaust oder die Verbrechen der Stalinisten in Russland und der Ukraine „den Christen“ anzulasten, aber „den Muslimen“ vorzuwerfen, dass sie für den Armeniergenozid verantwortlich sind, geht überhaupt nicht, weil es ein nationalistisches und kein religiöses Verbrechen war. Ein bisschen merkwürdig, oder?

Muslime überlieferten uns im aufgeklärten andalusischen Zeitalter nicht nur die versunkenen Schätze griechisch-römischer Kultur und Philosophie. Sie schufen auch neue Wissenschaften. Ihnen sind die Anfänge der experimentellen Optik, der Kompass, die Kenntnis der Planetenlaufbahnen und wesentliche Teile der modernen Medizin und Pharmazie zu verdanken. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Wir leben heute in einer jüdisch, christlich und islamisch geprägten Kultur.

Da hat Todenhöfer zweifelsohne Recht. Die Muslime überlieferten uns viele Kenntnisse über die Welt und wie sie funktioniert. So gut wie jede Kultur hat einen Beitrag zu den modernen Wissenschaften gegeben. Die Mayas, die Azteken, die Inder, die Perser und vor allem die Chinesen. Mit heutigen Verhältnissen hat das jedoch genauso wenig zu tun wie die Hexenverbrennungen und die Inquisition mit der modernen europäischen Gesellschaft. Das „Goldene Zeitalter des Islams“ ist vorbei, deswegen nennt man die Zeit der islamischen Herrschaft in Spanien oder die der Abbasidendynastie im heutigen Irak ja auch so. Warum sollte die kulturelle Vergangenheit des Islams etwas zur Beurteilung der heutigen islamischen Kultur beitragen?

Außerdem: Hat der Westen denn in den letzen 200 Jahren nicht auch vieles im Bereich von Physik, Medizin oder Biologie geleistet? Wie viele Nobelpreise haben die Muslime in dieser Zeit abgeräumt? Wurden Eisenbahn, Auto, Flugzeug, Telefon oder Handy nicht von Menschen aus dem westlichen Kulturkreis erfunden? Wo bleibt Todenhöfers Bewunderung darüber, anstatt die westliche Kultur ständig als die blutigste und intoleranteste von allen darzustellen?

Teil 5 folgt bald …

2 Antworten to “Der mit den Arabern leidet – Jürgen Todenhöfer und der Nahe Osten, Teil 4”

  1. muselmänneken Says:

    Todenhöfers Anbiederungen an den Islam sind peinlich und dienen in keiner Weise einem toleranteren Miteinander.
    Im Gegenteil. Indem er die faschistische Ideologie des Islam beschönigt, verniedlicht und als kulturelle Errungenschaft darstellt, verhöhnt er ( sicher ungewollt, bösartig ist er nicht, nur naiv) die Opfer derselben und stärkt die Koran – SS.

    • Faro66 Says:

      Haben Sie schon mal den Koran gelesen oder nur davon gehört. In der Bibel steht mehr Gewaltaufrufe als im Koran aber das wollen Sie natürlich nicht gesehen haben.
      „So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.“
      (4. Mose 31,17-18)

      „Wenn eine Jungfrau verlobt ist und ein Mann trifft sie innerhalb der Stadt und wohnt ihr bei, so sollt ihr sie alle beide zum Stadttor hinausführen und sollt sie beide steinigen, dass sie sterben, die Jungfrau, weil sie nicht geschrien hat, obwohl sie doch in der Stadt war, den Mann, weil er seines Nächsten Braut geschändet hat; …“

      (5. Mose 22,23-24)

      „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; …“
      (3.Mose 20,13)

      „Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!“

      (Psalm 137,9)

      „Es sollen auch ihre Kinder vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Frauen geschändet werden.“

      (Jesaja 13,16)

      „Und ich hörte wie er (Gott) zu den anderen sagte: (…) Schlagt zu! Euer Auge soll kein Mitleid zeigen, gewährt keine Schonung! Alt und Jung, Mädchen, Kinder und Frauen sollt ihr erschlagen und umbringen. (…) Er (Gott) sagte zu ihnen: Macht meinen Tempel unrein, füllt seine Höfe mit Erschlagenen! Dann geht hinaus, und schlagt in der Stadt zu.“

      Ez 9:5-7

      Und noch mehr. Informieren Sie sich lieber über Ihre eigene Religion 😉

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