Todenhöfer und der Israelknacks

Jürgen Todenhöfer (Bild: Hydro)

Märchen aus Tausendundeiner Nacht mit Todenhöfer (Bild: Hydro)

Jürgen Todenhöfers neues Buch „Du sollst nicht töten“ ist bereits zum Bestseller geworden. Titeltechnisch begibt sich Todenhöfer damit auf neuen Wegen. Sein vorletztes Werk nannte er noch „Warum tötest du, Zaid?“. Dort erklärte er detailliert, warum Zaid und seine Freunde, die nach eigenen Auskünften al-Qaida bewunderten und für einen Staat mit der Scharia kämpften, amerikanische Soldaten im Irak töten. Nun geht es ihm also – wenn man dem Titel glauben darf – nicht mehr darum, Mörder und ihre Taten zu er- und verklären, sondern Mord grundsätzlich zu ächten.

In „Warum tötest du, Zaid?“ formulierte Todenhöfer „10 Thesen“, in denen er erschreckende Unkenntnis über die Geschichte des Islams, die Gründe für die Rückständigkeit der islamischen Welt und die vermeintliche Toleranz gegenüber Minderheiten in islamischen Ländern zeigte. Außerdem jonglierte er mit Zahlen herum, die schon längst diskreditiert sind und nur zur Propaganda genutzt werden. Aber zurück zu seinem neuen Buch. Vor zwei Wochen veröffentlichte Todenhöfer als Werbung für sein Buch einen kurzen Text mit einem Video, indem er eine Reise nach Gaza beschrieb.

Dieser Text ist ein wunderbares Beispiel für alle Mythen, die in der deutschen Debatte um das Thema Israel kursieren. In 19 Sätzen stellt Todenhöfer die Fakten auf den Kopf und offenbart am Ende seinen Israelknacks. Stellvertretend für alle „Israelkritiker“ sollen Todenhöfers Behauptungen in folgender Replik richtiggestellt werden.

Liebe Freunde,

wie einige von Euch wissen, war ich auch in Gaza. Dem Land der Verdammten dieser Erde.

Wenn man ein Land als das „Land der Verdammten dieser Erde“ bezeichnet, dann will man damit nicht bloß sagen, dass es den Menschen dort schlecht geht. Den Menschen, die in Deutschland von Hartz IV leben, geht es ja sicher auch schlecht, aber niemand würde sie als „die Verdammten dieser Erde“ bezeichnen. Diese Formulierung soll verdeutlichen: Diesen Menschen geht es nicht nur schlecht, sie befinden sich auf der niedrigsten Stufe, schlechter als ihnen kann es niemandem mehr gehen.

Allerdings lässt sich so ein Urteil über Gaza nicht aufrechterhalten, wenn man sich einige soziale Indikatoren ansieht. Die Säuglingssterblichkeitsrate in Gaza liegt 2013 bei 16,00 und damit niedriger als in Ägypten (23,30) oder der Türkei (22,23), die Lebenserwartung liegt bei 74,40, höher als in Brasilien (73,02) oder Russland (69,85). Eine WTO-Studie ergab, dass es in Gaza mehr Menschen von Übergewicht betroffen sind als von Untergewicht. Die Alphabetisierungsrate liegt bei 92% – weit höher als in Saudi-Arabien, Mexiko und Südafrika.

Es wäre sicher nicht gerecht, zu sagen, dass die Menschen in Gaza im Luxus leben. Aber sie sind definitiv nicht die Verdammten dieser Erde. Der Entwicklungsstand des Gazastreifens ist einer der höchsten im ganzen Nahen Osten. Dies festzustellen, ist nicht ohne Bedeutung, denn das ständige Beschwören einer humanitären Katastrophe („Hunger-KZ“, „Freiluft-Gefängnis“), gehört schon lange zu den Propagandamitteln, die in diesem Krieg eingesetzt werden.

Die Welt hat Gaza vergessen, sie lässt die Menschen dort allein. Gaza ist ein Schandfleck westlicher Politik. Ein Symbol der Missachtung der primitivsten Rechte der Palästinenser.

Zu behaupten, dass der Westen Gaza vergessen hat, ist etwas gewagt. Die UNRWA, das UN-Flüchtlingshilfswerk für die Palästinenser, kümmert sich für den Großteil der Einwohner in Gaza. Von wem wird die UNRWA finanziert? Überwiegend von den USA und der EU. Allein im Jahr 2013 schickten die USA 244,5 Millionen Dollar an diese Organisation, die EU spendet jedes Jahr etwa 500 Millionen Euro Hilfsgelder nach Gaza. Die Gazaner werden also vom Westen versorgt, während die Hamas-Führung praktisch nichts für ihre Bevölkerung tut und Terror gegen Israel predigt.

Diese Fakten kann man doch etwas anders interpretieren als „sie lässt die Menschen dort allein“. Die Gazaner bekommen vom Westen pro Kopf mehr Hilfsgelder als die Deutschen durch den Marshall-Plan. Es wäre eine gute Idee, wenn der Westen Gaza „vergessen“ würde und keine Gelder mehr nach Gaza schickt. Die UNRWA sollte aufgelöst werden. Entwicklungshilfe ist sowieso meistens sinnlos und schadet jenen, denen man helfen will.

Angeblich war meine „Einreise“ durch einen kleinen, dunklen Erdtunnel illegal. Darauf stehen mehrere Jahre Gefängnis. Aber wirklich illegal ist nur die Art und Weise, wie in Gaza zwei Millionen Menschen in einem großen Käfig eingesperrt sind.

Gefährlich war der Tunneltrip nach Gaza und zurück auch. Weil die Tunnels regelmäßig von Israel bombardiert oder von Ägyptern zugeschüttet oder gewässert werden. Über zweihundert Menschen sind hier seit 2007 ums Leben gekommen.

Trotzdem bin ich froh, dass wir wenigstens einen Tag mit den Menschen von Gaza verbringen konnten. Es sind tapfere, liebenswerte Menschen. Sie waren so dankbar, dass wir sie besucht haben.

Die Kritik an der Blockade kann man in einigen Fällen nachvollziehen. So gibt es auf der Liste der Einfuhrbeschränkungen viele Waren, die keinen militärischen Nutzen haben, und mit Blockadebrechern kann man sicher besser umgehen als mit der Gaza-Flotilla. Aber es gehört zu einer objektiven Darstellung der Situation, dass man erwähnt, wie es zur Blockade kam. Die Hamas errichtete nach ihrem Wahlsieg eine islamistische Diktatur und feuerte Tausende Raketen auf Israel ab. Israel und die Hamas befinden sich im Kriegszustand, Israel hat das Recht, den Import von Waffen nach Gaza zu verhindern.

Es sollte auch zur Kenntnis genommen werden, dass jede Woche Tausende Tonnen humanitärer Güter von Israel die Grenze zum Gazastreifen überschreiten. Daran sieht man, dass es Israel nicht darum geht, die Bevölkerung in Gaza „auszuhungern“, wie oft behauptet wird. Trotz der Blockade kam die Hamas in den Besitz von iranischen Fajr-5-Raketen, die Tel Aviv erreichen können. Wer die Blockade kritisiert, sollte sich im Klaren sein, dass die Hamas die Blockade schnell beenden könnte, wenn sie sich glaubwürdig vom Terror distanziert.

Wir Deutsche haben unsere Vergangenheit gegenüber den Juden so gut es ging bewältigt. Aber vor dem Unrecht der Gegenwart versagen wir kläglich. Wir lassen zu, dass die Bevölkerung von Gaza wie Untermenschen behandelt wird. Wir sollten das nicht hinnehmen. Der jüdische Politologe Alfred Grosser hat Recht, wenn er sagt: „Wer Hitler abschütteln will, muss heute die Palästinenser verteidigen.“

Da ist er dann endgültig, der Israelknacks: Laut Todenhöfer hat man als Deutscher mehr Verantwortung für Israel und Palästina als Angehörige anderer Länder. Und diese Verantwortung gilt nur für Israel und Palästina, was in Syrien, Sudan, Kongo, Somalia oder Burma passiert, zählt dagegen nicht zur von ihm gefühlten „besonderen Verantwortung“ Deutschlands. Tja, es ist eben nicht klug, politisches Handeln von dem zu bestimmen, was vor 70 Jahren geschah. Stattdessen sollte sich politisches Handeln an den aktuellen Begebenheiten orientieren.

Derzeit stehen bekanntlich mal wieder neue Verhandlungen an. Die Palästinenser haben nicht mal eine gemeinsame Regierung. Die Hamas erkennt nicht das Existenzrecht Israels an, Abbas fordert weiterhin das „Rückkehrrecht“ für alle „Flüchtlinge“ und ist nicht bereit, einen neuen Grenzverlauf auszuhandeln. Das sind die größten Hindernisse für einen Frieden, noch weit hinderlicher als der israelische Siedlungsbau, den man nicht gutheißen muss, aber der durch einen kleinen land swap leicht geregelt werden könnte. Nur ist Abbas eben nicht an Frieden interessiert.

16 Antworten to “Todenhöfer und der Israelknacks”

  1. aron2201sperber Says:

    Karl May bereiste die Welten seiner edlen Wilden nur in seiner eigenen Phantasie.

    Todenhöfer war zwar real in Afghanistan – und doch sind seine Geschichten von tiefer Irrealität geprägt.

    Er ist begeistert vom Kampf der “edlen Wilden”, solange dieser “rein” und nicht von “westlicher Einmischung” befleckt ist.

    Was seine edlen Wilden so treiben, wenn sie die Macht übernommen haben, blendet er aus, da es seine Karl May-Idylle zerstören würde.

  2. Adam Poznanski Says:

    Todenhöfer lügt genausowenig aus Überzeugung wie Grass, Polenz, Augstein oder Herrenreiter Scholl-Latour es tun, sondern für Geld aus Teheran, Moskau und Peking.
    Den Judenknacks mögen seine Leser haben, aber er den Reibach, denn so antisemitisch kann ein Antisemite gar nicht sein, drum ist Todenhöfer auch keiner.

    • arprin Says:

      Ich denke nicht, dass er seine Bücher für Geld aus Teheran, Moskau und Peking schreibt. So wie ich ihn einschätze, macht er das wirklich aus Überzeugung.

      • Martin Says:

        Dachte ich auch mal. Ich glaube inzwischen aber auch eher, das der Mann bezahlt ist.

      • besucher Says:

        Was macht der dann mit dem ganzen Geld? Ne Yacht kaufen? So etwas kann man doch rauskriegen. Auf die hohe Kante legen wird er es wohl kaum, der Mann ist glaub ich Mitte 70.

  3. besucher Says:

    Ich glaube Herbert Wehner hat es damals schon durchschaut dass der Hodentöter irgendwie nicht ganz zurechnungsfähig ist.

    • Thomas Holm Says:

      Zuzustimmen fällt mir nicht leicht, aber ich komme nicht umhin. Ich habe mir „Jürgen Todenhöfer – Du sollst nicht töten! (Interview)“ angetan und kann nur von einem niederschmetternden Befund sprechen:

      Wobei ich für den Interviewer auch noch keine Kategorie habe.

  4. Nahostpolitik ist Solidarität mit Israel Says:

    […] müssen gegen Angriffe von Terrorgruppen “palästinensischer” Araber aus dem Gaza-Streifen, wo eliminatorischer Hass auf den jüdischen Staat das Fundament des Gemeinwesens und offizielles […]

  5. Ayor Says:

    Wer Herrn Todenhöfer nicht versteht, der sollte vielleicht selbst mal in diese Kriegsgebiete reisen. Die Medien verblöden uns inzwischen dermaßen, dass es nicht schadet, sich selbst ein Bild davon zu machen.

    • arprin Says:

      Es gibt sehr viele Menschen, die in die Kriegsgebiete gereist sind und ein anderes Bild haben als Todenhöfer. Seine Berichte sind in den meisten Fällen als Propagandamärchen zu erkennen.

  6. marco Says:

    Hodentöter lebt auf FB mal wieder seinen Israel-Knacks aus.. Diesmal beklagt er sich über die Lieferung von Kriegsschiffen nach Israel. Dabei prangert er selbstredend die „Unverhältnismäßigkeit“ der israelischen Angriffe an, ebenso den den fortgesetzten „Landraub“- alles natürlich, ohne den Hamasterror zu erwähnen. Vor allem aber bejammert er die 4 toten Kinder von Gaza-Strand als Opfer der IDF, was nach meinem Wissensstand schon länger angezweifelt wird bzw sogar widerlegt ist. Indirekt „Kindermörder Israel“ zu propagieren, ist ja schon ekelhaft genug, noch schlimmer aber, das ein/zwei Tage nach dem Mord an einem israelischen Baby ( in Ostjerusalem, verübt von einem vorbestraften Hamas-Mitglied) zu tun. Kurzum: ich würde mich über einen gründlichen Verriss freuen;) Achja: toller Blog:)!

    • marco Says:

      Muss mich bzgl. der Toten von Gaza-Strand korrigieren; Ich hatte den Fall des vermeintlichen „Gaza-Strand-Massakers“ im Kopf, das sich als „Pallywood“ rausgestellt hat, sich aber nicht in diesem Sommer ereignete. Den traurigen Vorfall in diesem Jahr hat die IDF als „traurigen Zwischenfall“ bezeichnet und eine Untersuchung dazu angekündigt. Mein Fehler! Über Todenhöfers Text ärgere ich mich aber nach wie vor;) Beste Grüße und nochmals ein dickes Lob für diesen Blog.

      • arprin Says:

        Danke für das Lob.

        Ich habe den Text gelesen, der übliche Schmarrn von Todenhöfer. Wenn ich mal wieder was zu Israel schreibe, werde ich das vielleicht miteinbeziehen.

  7. Kabarett & Stahlhelm | Says:

    […] [2] http://www.amazon.de/review/R27OFWGZVPPXX/ref=cm_cr_rdp_perm [3] https://arprin.wordpress.com/…/todenhofer-und-der-israelkn…/ [4] https://youtu.be/rKaJI6XF0gk?t=646 [5] […]

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